Popstars: Das fränkische Goldkehlchen
30. September 2009 von vanessa
Es gibt gewisse Dinge, bei denen sich meine Leidensfähigkeit hinters Sofa flüchtet. Popstars ist so ein Fall. Trotzdem gucke ich rein. Ein Phänomen wie bei einem Autounfall: da schaut man besser nicht hin und dennoch glotzen alle. Und je brenzliger es aussieht, desto größer der Voyeurismus.
Noch lieber gafft man, wenn jemand aus der eigenen Region dabei ist. Wie Vanessa aus Lauf. Sie ist die Einzige, die genug Talent oder Aussehen hatte, um aus 131 Nürnberger und 70 Laufer Bewerbern über den Recall hinauszukommen. Das Goldkehlchen hat sich bereits in das Trainingslager, gesungen – und letzte Woche die erste Zeit in Las Vegas – der „Stadt der Stars“ – überstanden.
Jeden Donnerstag wird für die 18-Jährige und die anderen 22 Möchtegern-Popsternchen die Luft dünner und dünner. Jetzt werden nämlich richtig harte Anforderungen an die Anwärter auf das gesuchte Duo gestellt.
„Ich weiß, dass Popstars Du&Ich nicht schwerer ist, sondern professioneller“, diagnostiziert Alex Christensen, Jurymitglied und Hitproduzent, in mein Wohnzimmer. Und ich verstehe: Langfristig helfen da keine lustigen Pantomime-Tänze wie der einer Jungs-Gruppe. Oder grelle Clown-Karo-Kostüme und pfundweise Make-Up. So hat eine Gruppe Mädchen letzte Woche Pop-Krächze Pink in fünffacher Ausführung gemimt.
Dagegen hat Vanessas Kombo bei ihrem Auftritt in einem Einkaufszentrum alles richtig gemacht. Von XXL-Engelskostümen und kryptischen Armbewegungen abgelenkt, staunt die Jury in die süßen Gesichter der Schülerinnen. Und überhört in meinen Ohren eindeutig schief ankommende Töne. Ich stelle fest: Popstars ist soviel mehr als eine Casting-Show. Die Sendung hat die Dramaturgie einer griechischen Tragödie. Die Helden müssen schwere Hürden nehmen, scheitern und am Wendepunkt noch einmal richtig Fahrt aufnehmen. Am Ende werden sie siegen oder versagen.
Bei Letzterem ist die Tragödie erst richtig entfesselt. Tränenkullern und Gruppenkuscheln, hart gesottene Jungs werden zu heulenden Schlosshunden. Dramen fand die Menschheit ja schon immer gut – hier wären wir wieder beim Bild des Unfalls. Sonst würde Popstars nicht zum achten Mal nach massenindustriellen Gesangstalenten suchen. Das Publikum will sich Helden aus den eigenen Reihen schaffen und sehen, wie sie auf eine Odyssee gejagt werden.
Beispiel Vanessa: Was hat sie vorher gebibbert – nach ihrem Auftritt schluchzt Jury-Mitglied und Songtexterin Michelle Leonard: „Ich danke Euch für die schöne Performance!“ und Popstars-Altgebäck D! säuselt: „Ganz ganz toll. Einfach super!“ Vanessa und ihre beiden Kolleginnen sind „komplett gesaved“, wie sie es bei Popstars nennen. In unseren Breitengraden: Sie kommen weiter. Des Dramas nächster Akt folgt heute Abend. In der Show müssen die Kandidaten einen Flashmob bilden. Heißt: Singen und Tanzen in den Straßen von Las Vegas – und möglichst viele Passanten mitreißen. Ob Vanessa mit der Goldmähne wieder ein „Go!“ bekommt, dem Popstars-Olymp näherrückt oder gar Kurzzeit-Kinderzim-merheldin wird? Ich frage mich eher, wie lange meine Leidensfähigkeit noch gegen meinen Voyeurismus standhält.
