Stromberg: Kafka goes Comedy
11. November 2009 von vanessa
Die Humorwarte des Satiremagazins „Titanic“ werden nicht müde, der Serie „Stromberg“ zu bescheinigen, dass sie nur ein lascher Abklatsch des englischen Originals „The Office“ sei. Und dem Schauspieler Christoph Maria Herbst attestieren sie, er könne immer nur den Clown spielen. Das ist Quatsch. Herbst ist kein Grimassenschneider wie Jack Nicholson oder Jim Carrey. Ihm steht viel mehr an Mimik zu Gebote, er beherrscht die feinen Nuancen. Schließlich ist der Bürohengst Stromberg nicht einfach nur ein Ekel wie einst Alfred Tetzlaff.
Er ist ein Geworfener, ein im Grunde Verzweifelter, er gleicht den Romanfiguren Kafkas. Wie diese sieht er sich der blinden Willkür eines undurchschaubaren Systems ausgesetzt. Doch während Kafkas Antihelden unschuldig in das zermalmende Räderwerk einer bürokratischen Maschinerie geraten, ahnt Stromberg, dass er selber die Ursache seines Unglücks ist. Er mobbt und er wird gemobbt. Letzteres aber immer hintenherum, während ihm nur der direkte Weg der plumpen Beleidigung offensteht. Er teilt aus und muss einstecken. Sein schlechtes Karma sammelt er nicht fürs nächste Leben an, es wird ihm sofort ausgezahlt.
Stromberg ist bildungsfern: Er hat von nichts eine Ahnung. Das aber ahnt er. Und das zwingt ihn zur Flucht nach vorn. Wenn Gott die Welt gerecht eingerichtet hat, dann hat er nahezu jedem Menschen eine besondere Begabung geschenkt. Diese Begabung zu erkennen und zu entwickeln, auf dass er seine materielle Existenz mit ihr bestreiten könne, wäre somit die Lebensaufgabe jedes Menschen. Auch Stromberg hat eine Begabung: Er kann krasse Sprüche klopfen. Dummerweise ist die Schadensabteilung einer Versicherung der am wenigsten geeignete Ort, diese Begabung zur Entfaltung zu bringen. Sie bringt ihm nichts als Ärger ein. Trotzdem lässt er nicht locker – weil er ja schließlich nichts anderes gelernt hat.
Den Sinn seines Lebens sieht Stromberg darin, endlich befördert zu werden, und nicht schon wieder strafversetzt. Und wer kennt sie nicht, die Kollegen, welche glauben, sie könnten ihre innere Leere mit Karriere auffüllen? Diese innere Leere zu spüren, kein Selbst zu haben, sondern nur ein übergroßes Ego – das muss furchtbar sein. Wehe dem, der so empfindet! Er muss Chef werden, koste es, was es wolle. Hat er die Position aber erreicht, ist er sich ihrer alles andere als sicher. Jetzt muss er erst recht mobben. Büropsychologisch gesehen muss das auch der Weg sein, den Stromberg in den weiteren Folgen gehen wird.
Er will doch nur ein bisschen Anerkennung. Die er aber nicht bekommt, weil er mitmenschlich gesehen ein Totalversager ist, ein Soziopath, der andere Menschen gar nicht sehen kann, weil ihm das eigene aufgeblähte Ich die Sicht versperrt. Beförderung hält er für die einzige Möglichkeit, endlich ein echtes Selbstwertgefühl zu bekommen. In dieser Situation mag sich jeder, der die Kraft dazu hat, selbst erkennen. Diese traurige Wahrheit ist der Kern der Komödie. Sind wir nicht alle ein bisschen Stromberg?
Christoph Maria Herbst gelingt es glänzend, Strombergs innere Leere nach außen zu bringen. Am besten dann, wenn er nicht einmal mehr seine Sprüche klopfen kann, sondern verunsichert mitten im Satz mit einem „ja, äh, hier so“ abbricht. Dass in der wirklichen Welt ein ähnlich bildungsferner Mensch, Dieter Bohlen nämlich, Strombergs Sprüche („Das Leben ist kein Ponyhof“) stiehlt und für seine eigenen Einfälle ausgibt, das ist die Satire, die das Leben schreibt.
