Tödliche Fotografien
2. Dezember 2009 von vanessa
„Gorleben soll leben! Ja, ja, es soll leben. Der Rest der Welt soll’s auch“, sang Wolf Biermann vor fast 30 Jahren mit bekanntem Pathos. Gorleben liegt im äußersten nordöstlichen Zipfel von Niedersachsen. Die Region wird auch als Wendland bezeichnet. Dort, vor den Toren des Atommüll Endlagers, gab es einst kurzfristig die „Republik Freies Wendland“. Doch im Juni 1980 wurde die symbolträchtige Anti-AKW-Siedlung vom Bundesgrenzschutz geräumt. Denn außer Räucherkerzen fand man dort auch Molotowcocktails.
Dies ist der Ausgangspunkt des TV-Krimis „Ein Dorf sieht Mord“. Regisseur Walter Weber zeigt das Wendland 2009 als Streichelzoo für ergraute AKW-Gegner. Da gibt es die mausgraue Pfarrerin (Corinna Harfouch), den irren Wilderer, den leicht debilen Dorfpolizisten und dessen behinderte Mutter.
Die Fäden in der Hand hat Bürgermeister Wellbrock (Thomas Thieme). Der zeugte bereits eine Legion semmelblonder Kinder und läuft trotzdem periodisch mit offenem Hosenstall durch die ländliche Kulisse. Einziger Zugereister ist der auch nicht mehr taufrische Martin (August Zirner). Ein Schriftsteller mit Schreibblockade, der auf die Frage, wovon er denn lebe, entwaffnend antwortet: „Ich habe ein Stipendium.“
Urplötzlich bricht Lotte (Lavinia Wilson) mit ihrem roten Flitzer in das Idyll ein. Eine Fotografin, der man es keine Sekunde abnimmt, dass sie sich für die mäßig spannende Natur rund um Gorleben interessiert. Vielmehr knipst Lotte Dorfbewohner, die kurz darauf allesamt tot sind. Als einzige Hinterlassenschaft finden die Ermittler eine CD mit „Riders on the storm” von den Doors.
„Ein Dorf sieht Mord“ entpuppt sich als ziemlich konstruierte Angelegenheit. Es geht um die Schuld einer Dorfgemeinschaft. Dieses Terrain beackern Filme wie „Tannöd“ oder „Das weiße Band“ um vieles besser. Die flotte Lotte ist nicht umsonst ins Wendland zurückgekehrt. Sie entpuppt sich als Tochter der Sprecherin der ehemaligen Atomkraftgegner. Bei ihrer Mutter hat man damals die Molotowcocktails gefunden. Man wollte „sie auf ewig wegsperren, doch Mama hat sich umgebracht.“ Dies erzählt Lotte dem Schriftsteller. Der glaubt jedes Wort, denn bei ihm spielt längst das Testosteron verrückt.
Es gab also im Heer der Strickpulliträger und lila Latzhosen einst einen Verräter. Lotte findet irgendwann den Richtigen und will ihn dort erschießen, wo einst die „Republik Freies Wendland“ beheimatet war. „Nein, nicht an diesem Ort, wo deine Mutter für Gerechtigkeit demonstrierte“, fleht Martin. Um dann noch die Katze aus dem Sack zu lassen: „Er ist dein Vater!“
