Gräfin gesucht: Blaublüter auf Brautschau
30. Juli 2009 von vanessa
Bei RTL heißen sie „rüstiger Hühnerwirt” oder „sportlicher Schweinebauer“, bei SAT.1 „romantischer Burggraf” und „attraktiver Gutsherr”. Nach den Bauern, befinden sich jetzt auch wieder die Grafen auf Freiersfüßen. Das der Brautschau zugrundeliegende Procedere gleicht sich. Nur geht es bei „Gräfin gesucht“ nicht um Misthaufenumgraben und Traktorfahren, sondern um Besuche in der Nobel-Disco und Frühstück in Paris.
Zuerst bekommt der nichtadelige Dokusoap-Fan einen Eindruck davon, wie Fürsten dürsten und Grafen schlafen. Wieder stehen vier ausgewählte Blaublüter zur Wahl. Darunter Johann Friedrich Carl Einar Graf Villavicencio-Margheri. Der hat weniger Vornamen als Bundeswirtschaftsminister von und zu Guttenberg. Doch Johann sei alter spanischer Adel, wie uns SAT.1 verrät. Er mimt den Gentleman im Quartett und bewohnt ein Herrenhaus in Schleswig-Holstein. „Zu so einem Termin geht man frisch gewaschen“, sagt er. Mit Termin meint Graf Johann das sogenannte Speeddating, bei dem sich zehn Gräfinnen in spe anpreisen dürfen.
Doch auch modisch hat der 48-Jährige einiges zu bieten. Unter dem grünbraunen Sakko trägt er ein zartrosa Button-down-Hemd. Eine dunkelgrüne Hose, blaue Socken und braune Schuhe runden das Ensemble ab. Ob der Graf vielleicht farbenblind ist? Diese Frage stellt keine der Damen, die auf der Casting-Couch in einem Hotel Platz nehmen. „Jetzt wird es spannend“, wird dem Zuschauer suggeriert. Dieser Hinweis war sicher nötig, denn gemerkt hätte dies wohl nicht jeder.
Graf Johann lächelt huldvoll, als ihm eine Verehrerin ein Buch über Charles Darwin schenkt. Eine andere singt mit lasziven Augenaufschlag „Just the two of us“. SAT.1 hat sich große Mühe gegeben, eine breite Palette an Frauentypen aufzufahren. Darunter eine russische Krankenschwester, eine alleinerziehende Mutter, ein persisches Ex-Modell, eine Abstinenzlerin mit Esoterikfimmel und ein Schweizer Balletthase.
Der Gegenentwurf zum kultivierten Johann ist Christoph, der „Graf vom Tegernsee“. Der 26-jährige Jungunternehmer sucht eine, „die man schon mal ins P1 mitnehmen kann, die auf den Tischen tanzen will”. Vor jeder Werbepause und während es Abspann kann der TV-Zuschauer an einem Gewinnspiel teilnehmen. Die Frage lautet: „Was trägt der traditionsbewusste Adelige?“ A: Nasenring oder B: Siegelring? So stellt man sich Bildungsfernsehen vor.
Am kommenden Sonntag beginnen dann auch Tilo und Moritz so richtig zu balzen. Letzterer wirkt, als hätte man ihn bei „Bauer sucht Frau“ versehentlich nicht genommen. „Ich bin zu nett für diese Welt und komme mehr als Kumpeltyp an”, lautet seine Selbsteinschätzung. Außerdem wohnt er bei seiner Mutter, die ihren Sohn mit heruntergezogenen Mundwinkeln stumm beobachtet.
Dazu keine Szene aus der Serie, sondern lieber einmal Nicolai Gedda mit “Komm,Zigan” aus “Gräfin Mariza”:

