Wiki-Experten unter sich

Nachdem die beiden Profs mit juristischen Schritten gedroht hatten, haben wir beschlossen, den am 20. Juni publizierten Beitrag mit einer anderen Überschrift neu anzulegen. Wegen der sprechenden URL war eine einfache Änderung nicht möglich. Ich bitte alle, die sich an der Diskussion beteiligt haben und deren Links jetzt ins Leere führen, um Entschuldigung. Andererseits wollte ich den Beitrag auch nicht sang- und klanglos verschwinden lassen.

Dazu braucht man keinen Hajo Schumacher um festzustellen, dass die Mitglieder von Guttenplag und Vroniplag im letzten Jahr in der Politik mehr bewegt haben als Kanzlerin Angela Merkel. Aber, und das ist leider nicht bloß in der Politik üblich: Man reagiert darauf nicht mit mehr Engagement und größeren Anstrengungen. Nein, man versucht, demjenigen, der besser ist, Knüppel in den Weg zu werfen.

So haben sich nun zwei Professoren aus Frankfurt/Oder aufgemacht, sozusagen undercover, das VroniPlag-Wiki aufzumischen: Prof. Dr. Johannes Weberling und Prof. Dr. Wolfgang Stock. Die beiden betreiben das Blog „Wiki-Watch“ – und zwar nicht irgendwie privat und als Freizeitvergnügen, sondern im Rahmen des „Studien- und Forschungsschwerpunkt Medienrecht“ der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina.

Im Wiki-Watch, das sich offenbar als Kontrollorgan für Wikis versteht, versuchen sie den Plagiatsjägern nachzuweisen, dass sie selber nicht richtig zitieren. Die krude Argumentation, die sich zudem zunächst immer gegen „Vreniplag“ statt gegen „Vroniplag“ richtet und auch sonst von Fehlern strotzt (inzwischen verbessert) , sollte wohl vor alleim eines vermitteln: Hier reden Leute, die wissen wie Wikis funktionieren und wie man sich dort zu verhalten hat.

Die Wiki-Fachleute mussten sich im VroniPlag-Wiki eine Benutzerseite anlegen (lassen). Die wollten sie, nachdem sie aufgedeckt wurden, natürlich gleich wieder löschen. Als das nicht funktionierte, beantragten sie beim Betreiber eine Sperrung. Dem wurde auch entsprochen. Blöderweise sind die Beiträge trotzdem noch über die History aufrufbar.

Muss man das als selbst ernannter Wiki-Fachmann wissen? Na egal. Für die eigene Klientel scheint das Fachwissen noch auszureichen. Prof. Stock ist nämlich nicht bloß Professor in Frankfurt/Oder, er ist auch Geschäftsführer der Convincet GmbH und hat in dieser Eigenschaft die Videopodcasts der Kanzlerin initiiert und anfänglich produziert (siehe unten). Der Mann lehrt also einerseits an einer Europa-Uni, macht andererseits PR und betätigt sich jetzt noch als Jäger der Plagiatsjäger.

Jetzt könnte man natürlich sagen, die beiden Profs sollten sich lieber mal um ihren eigenen Laden kümmern. Mal selber prüfen, wie man mit Quellen umgeht. Mal nachschauen, ob die Dissertationen, die eingereicht werden, den dafür geltenden Kriterien entsprechen. Zum Beispiel diesen hier:

Eine Dissertation soll belegen, dass der Kandidat selbständig wissenschaftlich zu arbeiten versteht. Sie muss im Regelfall neue Erkenntnisse zu dem gewählten Gegenstand enthalten und methodisch einwandfrei sein. Eine Dissertation ist im Normalfall also eine Forschungsarbeit. Wichtig zum Nachweis der Fähigkeit zum eigenverantwortlichen wissenschaftlichen Arbeiten sind auch die Kenntnis der relevanten Forschungsliteratur, der üblichen Arbeitsweise des Fachgebiets, das Ziehen belastbarer Rückschlüsse sowie die Einbettung der eigenen Arbeiten in den wissenschaftlichen Kontext.

Aber diese Kriterien stammen ja aus Wikipedia und sind daher wohl auch in Zweifel zu ziehen. Lieber geht man gegen diejenigen vor, die Seilschaften zwischen Universität und Politik aufdecken. Da sind einem dann alle Mittel recht. Sogar als Kampf gegen die Tyrannis kann man das hinstellen – zumindest wenn man wie der ebenfalls unter Plagiatsverdacht stehende FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis ohnehin nichts mehr zu verlieren hat.

Hier kann man nochmal hören, was die frühere Auftraggeberin des Frankfurter Professors zum Schutz geistigen Eigentums zu sagen hat (leider geht sie nicht konkret auf Doktorarbeiten ein, dafür auf das „Herunterladen von Computern“, aber man kann sich das ja dazudenken):

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7 Kommentare in “Wiki-Experten unter sich

  1. Wow, Kanzlerinnenjuristen gehen jetzt schon mit der Jurakeule durchs Netz. Aber abschreibende Verteidigungsminister werden bis zu letzt beschützt. Zeit diesen Skandal zu verbreiten.

  2. Pingback: » Nicht einmal bei der FAZ ist man vor dem »Depub … Nachtwächter-Blah

  3. Pingback: Astroturfing-Vorwürfe gegen Wiki-Watch

  4. hat sich jemand eigentlich schon mal die dissertationen von stock und weberling angeschaut?

  5. Pingback: Professoren und Journalisten bei der Arbeit « Jakoblog — Das Weblog von Jakob Voß

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