Jul

13

2011

Wie arbeitet VroniPlag?

Veröffentlicht von vip in der Kategorie Plagiat, Wikipedia | 9 Kommentare

Beim niedersächsischen Kultusminister Bernd Altusmann hat “die Zeit” zur Abwechslung mal die Recherchearbeit übernommen, die sonst von GuttenPlag oder VroniPlag geleistet wird. Genauer gesagt, sie hat einen Gutachter damit beauftragt. Und prompt kommen Zweifel auf. Allzu dünn ist die Faktenlage, allzu schnell können Interessierte behaupten, hier seien Parteiinteressen und Antipathien die Triebfeder gewesen.

Von einem “Apparat” wie VroniPlag kann selbst eine große Wochenzeitung nur träumen. Auch professionelle Gutachter können nicht das leisten, was die rund 40 VroniPlag-Aktiven leisten. In ihrer Freizeit. Bezahlen könnte das ohnehin keiner.

Unterschiedliche Kulturen, die wohl nie zusammenfinden werden!


Aber egal. Heute besuchte “Goalgetter” trotzdem die NZ. “Goalgetter” war Mitarbeiter bei Guttenplag und ist Initiator des Nachfolgeprojekts VroniPlag. Wohlgemerkt: Initiator. Einen Chef gibt es dort nicht. Sonst, so erzählt “Goalgetter”, würde wahrscheinlich keiner mehr mitmachen.
Auch wenn jemand anfangen würde, jetzt durch die Talkshows zu tingeln, dort “den Kämpfer gegen das Abschreiben” zu geben und die Ehre für sich einzuheimsen, gäbe es Ärger. Insofern ist das schon ein Grund, seine Birne und seinen Namen rauszuhalten (ein anderer ist der, dass einen Publicity nur von der Arbeit abhält). Einer wie Jorgo Chatzimarkakis, dem jetzt ebenfalls der Doktortitel entzogen wurde, dessen Uni auf ihrer Homepage mit den (oben abgebildeten) fliegenden Doktorhüten wirbt und der die Plagiatsjäger mit den Tyrannen der Antike verglichen hat, wird das wohl nie verstehen. Dafür funktioniert VroniPlag, im Gegensatz zur profilierungsgeilen FDP.

“Wir sind kopflos, aber nicht hirnlos”, meint Goalgetter und lässt daher nur zu, dass wir seinen Oberkörper ablichten. Dafür stand er mir bereitwillig zu einem Interview zur Verfügung:

Wie bist du dazu gekommen, VroniPlag zu gründen?

Ich war schon einer der Aktivsten bei Guttenplag. Nachdem es da nach dem Rücktritt Guttenbergs nicht weiter ging, habe ich Mitstreiter gesucht, um weitere Plagiatsfälle aufzudecken. Es sind aber im Prinzip die alten Leute.

Wie sieht deine Arbeit bei VroniPlag konkret aus und welche Hilfsmittel benutzt du?

Vor einigen Monaten habe ich mir einen professionellen Buchscanner gekauft. Dann braucht man ein entsprechendes OCR-Programm. Das mit dem Einscannen geht inzwischen ziemlich fix. Wobei nicht nur die Doktorarbeiten, sondern auch mögliche Quellen digitalisiert werden müssen. Danach wird über die Suchmaschine nach Schlüsselwörtern gesucht. Bei Guttenberg wurde ich zum Beispiel über die Schlüsselwörter “Geburtswehen” und “Verfassung” sofort fündig. Das ist aber nur das, was ich mache. Unsere Fähigkeiten verzahnen sich. Jeder bringt etwas anderes ein. Das ist auch das Tolle an der Arbeit, dass wir uns alle ergänzen und jeder für etwas anderes steht.

Hört sich dennoch sehr aufwändig an. Was treibt einen an, so etwas in seiner Freizeit zu machen?

Das ist zwar ein zeitintensives, aber auch ein sehr lustiges Hobby. Es ist fast schon eine Art Sucht. Im positiven Sinn. Es tut einem gut, etwas für die Gesellschaft zu tun. Oder etwa für den Europa-Gedanken. Gerade dann, wenn dem viele kritisch gegenüber stehen und über die Geldverschwendung schimpfen, ist die Glaubwürdigkeit der Repräsentanten um so wichtiger. Deswegen ist es unerträglich für mich, dass Leute mit einer derart angeschlagenen Integrität wie Koch-Mehrin oder Chatzimarkakis noch im Europaparlament sitzen, obwohl ihnen der Doktortitel aberkannt wurde. Für ein solches Anliegen kann ich im Internet wesentlich mehr erreichen, als auf irgendwelchen Parteisitzungen – im Endeffekt auch schneller und mit weniger Zeitaufwand.

Nun hat die “Zeit” ebenfalls einen Plagiatsfall untersucht bzw. untersuchen lassen. Wie stehst du dazu?

Zunächst bin ich froh, dass das Monopol, das wir bisher hatten, in ein Oligopol übergeht. Das nimmt sehr viel Druck von uns. Das Thema muss nicht mehr allein von uns in die Gesellschaft getragen werden. Allerdings hat nun die Zeit ein Problem mit der CDU Die haben sich mit vergleichsweise dünnen Fakten an die Öffentlichkeit begeben. Jetzt sollen sie mal sehen, wie sie mit dem Schlamassel zurande kommen.

Wie siehst du die Zukunft von VroniPlag?

Wir haben noch zahlreiche Verdachtsfälle. Aber eigentlich müssen jetzt endlich die Unis das Thema aufarbeiten. Vielleicht zusammen mit den Studenten. Man lernt nirgends so gut wissenschaftlich zu arbeiten, wie bei der Suche nach Plagiaten. VroniPlag könnte etwa an die Unis gehen und Seminare zum Thema “Wie arbeitet man im Wiki?” oder “Wie zitiert man richtig?” halten. Natürlich werden unsere Erkenntnisse auch von Privatleuten oder der Wirtschaft zunehmend nachgefragt. Ich hatte gerade erst einen Auftrag, eine Doktorarbeit im medizinischen Bereich zu begutachten. Wichtig ist aber, dass dieser Skandal in die Öffentlichkeit getragen wird, dass deutlich wird: Guttenberg war nur die Spitze des Eisbergs, dass es da Systeme gibt, die den Politnachwuchs auf seichte Weise hat promovieren lassen. Es sind ja nicht nur Plagiate in den Doktorarbeiten. Darin gibt es auch viel selbst verzapften Schrott. Da ist es schon fast schändlich, dass immer noch so viele Leute voll Stolz ihren Doktortitel vor sich hertragen.

9 Kommentare zu “Wie arbeitet VroniPlag?”
  1. charlie 14th Juli 2011 13:38

    Den letzten Absatz des Interviews möchte ich ganz besonders unterstreichen! An dieser Stelle ein Dankeschön für die wertvolle Arbeit!

  2. Steffen Wickler 16th Juli 2011 20:18

    “Man lernt nirgends so gut wissenschaftlich zu arbeiten, wie bei der Suche nach Plagiaten.” Kann es sein, dass dieser Goalgetter vor lauter Plagiatssucherei und quatschen darüber vergessen hat, dass Zitation und Referenz ein zwar grundlegender, aber sicher nicht der wesentliche Teil wissenschaftlicher Qualifikation darstellt? Hier geht es um Handwerk, das jeder sicher beherrschen muss. Wer es nicht beherrscht, dem gehört kein akademischer Grad verliehen. Aber Wissenschaft darauf zu reduzieren, zeigt eigentlich, wie wenig wissenschaftlich gebildet der hier Befragte selbst zu sein scheint. Wenn er dann auch noch sagt: “Ich hatte gerade erst einen Auftrag, eine Doktorarbeit im medizinischen Bereich zu begutachten.” – dann sieht man eigentlich, worum es diesem Menschen vor allem zu gehen scheint: ein Geschäft zu machen. Widerlich.

    Wolferl Reply:

    Das Problem der wissenschaftlichen Qualität spricht Goalgetter ja selbst an. Von Außen ist dem aber kaum zu beizukommen, wenn zwei mit formaler Autorität ausgestattete Professoren den letzten zusammengeschriebenen Müll als “wissenschaftliche Arbeit” einstufen. Es bleibt deshalb nur die Kritik an den handwerklichen Mängeln, weil diese einigermaßen objektiv auch von Außen zu kritisieren sind und anzunehmen ist, dass solche offenkundigen handwerklichen Mängel auch auf einen Mangel an inhaltlicher wissenschaftlicher Qualität hinweisen. Was tatsächlich noch fehlt ist eine Diskussion um die rechtlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen aus diesem aufgedeckten Phänomen.

  3. Steffen Wickler 17th Juli 2011 12:42

    Ich habe etwas über diesen Goalgetter recherchiert. Ich lebe in England und bin durch die Berichterstattung über diesen EU-Abgeordneten von der FDP auf dieses Vroniplag gestossen. In der Wochenzeitung DIE ZEIT wird über diesen Goalgetter gesagt: “Er selbst hat nie promoviert. Das würde zu
    lange dauern, wäre zu mühselig.” Was soll man von so einem Menschen halten? Weiss der überhaupt, worüber er spricht? Ganz offensichtlich doch nicht. Es sieht doch eher so aus, als würde hier ein Süchtiger anderen Menschen nachstellen, um seine Sucht zu befriedigen. DIE ZEIT fragt dann: “Ausgerechnet jene Internetplattform, die Verstöße gegen wissenschaftliche Standards anprangert, veröffentlicht einen Plagiatsfall, ohne die
    Quelle zu kennen?” Überlegen Sie sich das einmal! Was soll das denn mit Wissenschaft zu tun haben? Weiter heisst es: “‘Die Qualitätsfetischisten haben übernommen, und VroniPlag ist erlahmt’, sagt Goalgetter, er klingt enttäuscht.” Ich kann nur mit dem Kopf schütteln. Ein solcher Mensch erweist nicht der Gesellschaft einen Dienst, aber auch nicht sich selbst. Lächerliche Figur.

  4. Wolferl 17th Juli 2011 16:35

    Die Logik hinter der Aussage man müsse selbst promoviert haben um eine Promotionsarbeit nach handwerklichen Mängeln zu durchsuchen ist für mich nicht nachvollziehbar. Letztlich sollte dies mindestens jeder Akademiker beherrschen und das sind in Deutschland mehr als 25 % eines Jahrgangs. Und warum von einer Internetplattform irgendwelche Zitierregeln verlangt werden, die für Promotionsarbeiten geltend entbehrt ebenfalls jeder Logik, denn es handelt sich hierbei nicht um eine Promotionsarbeit. Letztlich gibt es eben von interessierter Seite gesteuerte Versuche die Aufdeckungsarbeit von Vroniplag mit fragwürdigen Argumenten moralisch abzuwerten. Jemand mit normalen Denkvermögen wird darauf nicht hereinfallen.

  5. Steffen Wickler 17th Juli 2011 18:13

    Entschuldigen Sie, sehr geehrter Wolferl, dem ZEIT-Artikel ist zu entnehmen, dass in diesem Vroniplag der Fall Silvana Koch-Mehrin publiziert wurde, ohne dass hierzu die Originalquellen vorlagen! Nennen Sie das ein wissenschaftlich redliches Verhalten? Dann sagt dieser Goalgetter hier in diesem Interview: “Es sind ja nicht nur Plagiate in den Doktorarbeiten. Darin gibt es auch viel selbst verzapften Schrott. Da ist es schon fast schändlich, dass immer noch so viele Leute voll Stolz ihren Doktortitel vor sich hertragen.” Der Herr wertet als inhaltlich über alle möglichen Dissertationen. Mit welcher Qualifikation bitte? Der Herr hat selbst offensichtlich keinen akademischen Grad. Wie er selbst sagt, ist das ja zu “mühselig”, einen solchen zu erwerben. Aber beurteilen kann dieser Herr disziplinenübergreifend offensichtlich alles, was ihm vor die Flinte kommt. Da soll man noch daran zweifeln, dass es diesem Herrn um etwas anderes geht, als er vorgibt zu leisten?

    Dr. Martin Klicken Reply:

    Sehr geehrter Herr Wickler,
    die Quellen lagen allen Beteiligten vor. Lediglich die Dissertation selbst lag erst einen Tag nach Bekanntgabe des Überschreitens der Schwelle von 10 Seiten mit Plagiatsfunden allen Beteiligten vor. Diese Bekanntgabe richtete sich an einen kleinen Kreis von Abonnenten. Eine von vielen Ungenauigkeiten, die sich leider in diesem Artikel finden.
    So wurde z.B. Frau Koch-Mehrin auch nicht in Konstanz, sondern in Heidelberg promoviert.
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Martin Klicken

  6. Wolferl 17th Juli 2011 20:19

    @ Steffen Wickler

    Koch-Mehring verliert u.a. ihren Doktortitel, weil sie seitenlang wörtwörtlich aus einem alten Lehrbuch abgeschrieben hat. Ein seitenlanges wortwörtliches Abschreiben kann jeder erkennen, der der deutschen Schriftsprache mächtig ist, also ungefähr jeder, der die 3. Klasse Grundschule einigermaßen erfolgreich absolviert hat. Dabei meine ich mich erinnern zu können in der FAZ gelesen zu haben, dass “Goalgetter” nicht nur die Grundschule absolviert hat sondern auch einen Uni-Abschluss hat.
    Und der Orginalquellenstreit bezog sich nicht auf die Doktorarbeiten selbst sondern auf die Dokumentation der Plagiatsquellen. Und selbst diese war an den Haaren herbeigezogen. Man wollte nur gerne die Akteure hinter den Wikiseiten aufdecken um die Sache ins persönliche ziehen zu können. Weil man sonst keine Argumente mehr hatte.

  7. franz mueller 29th Juli 2011 13:29

    Das Profil des Vroniplag Benutzers goalgetter aus dem Spiegel 29/2011, Artikel “Im Schwarm” (Seite 36-38) entspricht dem Profil von Martin Heidingsfelder, abgedruckt in “der springende punkt! info der spd nürnberg, Ausgabe Februar 2006″.

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