Die Meisengeige: mehr als nur ein Kino

Nürnbergs erstes Programmkino wird geschlossen. Als Grund gibt der Betreiber der traditionsreichen Meisengeige am Laufer Schlagturm verschärfte Bauauflagen an.

Vor drei Jahren feierte die Meisengeige ihren 40. Geburtstag. Betreiber Wolfram Weber, der bereits das Casablanca und das Atrium dicht gemacht hatte, versprach damals: „Ich habe nicht vor, die Meisengeige in den nächsten 40 Jahren zu schließen — wenn es finanziell machbar ist.“ Nun ist es finanziell nicht mehr machbar. Die bayerische Bauordnung und der Wegfall von Sonderrechten für denkmalgeschützte Bauten hätten massive Investitionen in sechsstelliger Höhe erforderlich gemacht. Laut Weber müssen unter anderem Brandschutzdecken, eine Entrauchungsanlage und ein zweiter Fluchtweg installiert werden. Die Vermieterin — es handelt sich um die Enkelin des Bäcker-Ehepaars, von dem die Weberbrüder das Gebäude übernommen haben — habe die Investitionen auf die „ohnehin schon hohe Miete“ anrechnen und den Vertrag auf 20 Jahre festschreiben wollen. Weber: „Das wäre nicht zu erwirtschaften gewesen.“ Er bedauert das Ende der Meisengeige: „Wir hätten es gerne weiter gemacht, aber das Haus gehört uns leider nicht.“

Kinomogul Wolfram Weber hatte mit der Meisengeige ohnehin keine Gewinne mehr erzielt. Er sei in den letzten Jahren schon froh gewesen, eine „schwarze Null“ schreiben zu können. Am 31.Oktober soll in der Meisengeige der Vorhang fallen. Danach soll das Haus saniert und voraussichtlich zu einem Wohnhaus umgebaut werden.

„Die Geige“, wie sie bei den Nürnbergern liebevoll genannt wird, ist allerdings weit mehr als nur ein Kino. Nicht nur für Weber, der hier mit seinen beiden Brüdern Frank und Eckart die ersten Schritte im Kinogewerbe unternahm. Auch für das Publikum. Die Meisengeige — benannt nach einer von Günter Bruno Fuchs herausgegebenen Anthologie für Nonsens-Lyrik — war Treffpunkt für Künstler, Kiffer und Kommunarden. Gemeinsam mit den Webers entwickelten sich diese dann auch zu Kinofreunden. In der Meisengeige lief deutsches Autorenkino, französische Nouvelle Vague, amerikanischer Underground oder mit Livemusik unterlegter Stummfilm. Dem urigen Kino statteten sogar Filmgrößen wie John Waters oder Russ Meyer einen Besuch ab. Hier liefen Filme wie die „Rocky Horror Picture Show“ oder „Harold und Maude“ zum ersten Mal. In dem alten Bäckereigebäude, an dem bis heute der Schriftzug „Bäckerei Gustav Emmert“ prangt, trotzte die Nürnberger Bohème dem Provinzialismus.

Bauauflagen interessierten zunächst niemanden. Keiner scherte sich beispielsweise darum, wenn sich kettenrauchende Zuschauer neben brennbarem Zelluloid ihre Zigaretten anzündeten. Rauchen durfte man am Ende nicht mehr in der Geige, obwohl der alte Projektor durch moderne Digitaltechnik ersetzt worden war. Dies waren allerdings die einzigen Änderungen. Die Einrichtung in der Meisengeige blieb über die Jahrzehnte die gleiche. Auch äußerlich änderte sich an der ehemaligen Bäckerei kaum etwas.

Kritik an Wolfram Weber äußert Wolf Arnold, Sprecher der „Freunde der Meisengeige“: „Ich hatte seit Jahren schon den Eindruck, dass Weber die Geige nur noch behielt, weil es halt die Keimzelle seines Imperiums war. Mit ein bisschen Kleingeld und gutem Willen hätte er sie sicher erhalten können.“

Nachtrag 26.9.2013: Inzwischen haben die SPD-Stadträtinnen Prölß-Kammerer und Zadek einen Vorstoß unternommen, die Geige doch noch zu retten. Nach außen klingt die Erklärung etwas hilflos. Der Zündstoff liegt allerdings darin, dass die Stadt mit – formulieren wir es mal wohlwollend – extrem günstigen Finanzierungsbedingungen und vielen zugedrückten Augen bei den Auflagen Wolfram Weber erst die Errichtung seines Cinecitta-Komplexes ermöglicht hat. Da kann sie jetzt also durchaus auch mal Entgegenkommen erwarten.

Nachtrag 27.9.2013
: Inzwischen gibt es eine Online-Petition zum Erhalt der Meisengeige. Wer unterzeichnen will: Hier gehts lang!
…und eine Facebookseite „Rettet die Meisengeige“ gibts inzwischen auch.

Nachtrag 30.9.2013: Inzwischen hat sich auch die Hauseigentümerin zu Wort gemeldet. Demnach hat zunächst die Bauordnungsbehörde der Stadt Umbauten verlangt. Danach hat Weber offensichtlich die Chance ergriffen, sich dieser „Altlast“ zu entledigen.

Nachtrag 2.10.2013: Offenbar kann die Meisengeige nun doch weitergeführt werden.

2 Kommentare in “Die Meisengeige: mehr als nur ein Kino

  1. Nein, zwingen kann die Stadt den WW sicher nicht. Aber der dezente Hinweis, doch einmal die eingehaltenen Bauaflagen beim Cinecitta prüfen zu lassen und die damals skandalöse Finanzierung dieses Kommerztempels offen zu legen, dürften Weber bei der Weiterführung der Institution „Geige“ sicher helfen. Wenn mehr Leute erfahren, dass sie in Nürnberg mit gerade einmal einer Million D-Mark Eigenkapital, solche Riesenprojekte mitten in die Altstadt setzen können, dann dürfte sicher etwas Bewegung in die Geschichte kommen.

  2. Tja, da wüsste ich gern, weshalb man Weber beim Cinecitta-Komplex so entgegen gekommen ist. Vielleicht weil er sich mit der Meisengeige als kulturell interessiert einordnen ließ? Und jetzt stellt man plötzlich fest: Ach, der will ja doch hauptsächlich Geld verdienen!
    Wie blauäugig war das denn?! Wieso hat man nicht gleich ein Paket zusammengeschnürt, in der Art: Wir lassen dich deinen riesigen Konsumtempel dahin setzten, dafür hältst du auch die kleinen Programmkinos am Leben! ?
    Tja, der behördliche Dilettantismus wird halt meist vom Kapitalismus geschluckt.
    Doch auf jeden Fall sollten jetzt mal Fakten auf den Tisch.
    Welches Entgegenkommen gab es, und welches Entgegenkommen könnte es nun geben?
    Die Bauauflagen sind Weber schließlich nicht erst seit gestern bekannt.

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