Mollath gehört in die ARD-Glückswoche

Horst Seehofer weiß nicht bloß, wie man Wahlen gewinnt, er weiß auch wie man Probleme vom Tisch bekommt – ohne sie zu lösen. Der Fall Mollath hätte für ihn ein solches Problem werden können. Inzwischen ist Gustl Mollath frei und die zuständige Justizministerin darf sich um Europa kümmern.

Wenn der Fall Mollath ein einmaliger Ausrutscher, eine Verkettung widriger Umstände gewesen wäre, dann könnte man es dabei belassen. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Das belegen die 17 Autoren (zu denen auch Gustl Mollath selber gehört) des jetzt erschienenen Buches „Staatsversagen auf höchster Ebene – Was sich nach dem Fall Mollath ändern muss“ in ihren Beiträgen. Juristen, Ärzte, Wirtschaftswissenschaftler oder Psychologen kommen da zu Wort und legen aus ihren Bereichen dar, warum ähnliche Fälle auch künftig nicht ausgeschlossen werden können. So konstatiert der Erlanger Diplom-Psychologe Rudolf Sponsel, die „Beantwortung von Beweisfragen“ werde bei forensisch-psychiatrischen Gutachten durch „bloßes Meinen, Vermuten, Spekulieren“ ersetzt. Für die Rechtsprechung urteilt der Nürnberger Rechtsanwalt Tobias Rudolph: „Im Ergebnis hören Richter bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit einer Person immer noch oft auf ihr Bauchgefühl.“

„Ich hatte Glück, großes Glück“, schreibt Mollath in seinem Nachwort. Und es wundert einen angesichts des zuvor Gelesenen nicht.

Vor allem lässt sich das an der medialen Ebene festmachen. Mollath hat nämlich nicht nur davon profitiert, dass sich zahlreiche Unterstützer im für die Gegenseite oft noch Neuland darstellenden Web, in Blogs und sozialen Netzwerken, für ihn eingesetzt haben. Er hat es mit Hilfe der Unterstützer auch geschafft, sein Anliegen in die etablierten Medien zu transportieren. Einer, der dabei eine wesentliche Rolle spielte, ist mein Kollege Michael Kasperowitsch. Von ihm stammt der erste, im Oktober 2011 veröffentliche, Zeitungsbericht über den Fall Mollath (mittlerweile ist er auch online verfügbar). Erst im folgenden Jahr sprangen überregionale Medien auf den Zug auf.

„Dabei versuchte das Kollegen-Duo eines bedeutenden Blattes , sein eigenes Ehrgeizsüppchen zu kochen. Es unternahm hinter den Kulissen Anstrengungen, meine Recherchen gezielt zu behindern…“, klagt Kasperowitsch in seinem Beitrag für das neue Mollath-Buch. Die beiden Kollegen haben für ihre Recherchen sogar noch den Wächter-Preis der deutschen Tagespresse erhalten und den Fall in Buchform vermarktet. Ärgerlich, wenn Epigonen den Rahm abschöpfen und Juroren eines Investigativpreises so wenig recherchieren. Andererseits hätte der Fall ohne die SZ wohl nicht jene Wellen geschlagen, die letztlich zur Freilassung Mollaths geführt haben. Die Abonnenten der Nürnberger Nachrichten hätten dazu bestimmt nicht ausgereicht.

Unabhängig von der Buchveröffentlichung haben sich viele alte, aber auch neu dazu gekommene, Unterstützer inzwischen längst andere Fälle herausgepickt und versuchen für diese, mit dem Keywort Mollath medialen Wirbel zu entfachen. Bislang allerdings mit bescheidenem Erfolg.

Das muss nicht unbedingt an der Bräsigkeit der Journaille liegen. Gerade wurde mir dieser Fall hier ans Herz gelegt. Ich fürchte allerdings, bei diesem Umstützerumfeld dürfte es schwierig werden, in der jeweiligen Leserschaft Empathie zu erzeugen. Eines deuten dieser Fall und auch das oben abgebildete, bei der Nürnberger Mollath-Demo hochgehaltene, Plakat an: Wenn es um Systemversagen geht, sind auch rechte Hetzer nicht weit. Ob es jedesmal „echte“ Rechte oder vielleicht V-Leute sind, wäre da eine interessante Frage. Möglicherweise dürfte es nämlich auch staatlichen „Problemlösern“ dämmern, dass „Spinner“ nicht mehr ausreicht, um öffentliches Interesse zu ersticken. Da muss man mit „rechter Spinner“ noch eins drauf setzen.

4 Kommentare in “Mollath gehört in die ARD-Glückswoche

  1. Die Nürnberger Nachrichten hatten etliche Kaperowitsch-Artikel nicht ins Netz gestellt und die Nürnberger Zeitung hatte ihren NN-Kollegen Kasperowitzsch nicht unterstützt. Auch im Franken-Wiki der NZ kommt der Name Gustl Mollath kein einziges Mal vor.

    Ohne die Berichterstattung im NürnbergWiki über Gustl Mollath wäre die Kundgebung unseres [http://www.nuernbergwiki.de/index.php/Menschenrechtsforum_Gustl_Mollath Menschenrechtsforums Gustl Mollath]? für Gustl Mollath am 27. Juli 2013 in Nürnberg nicht so erfolgreich verlaufen. Doch das NürnbergWiki wurde von den Nürnberger Medien totgeschwiegen.

  2. Kasperowitsch ist Angestellter bei den Nürnberger Nachrichten. Wenn er seinen Job behalten will, wird er sich Kritik an seinen Kollegen verkneifen. Ich habe aber den Eindruck, auch bei den NN wollten einige diesem „Spinner“ nicht so viel Aufmerksamkeit einräumen. Sonst hätten sie im Netz nicht nur Alibibeiträge der Presseagentur verbreitet und die sozialen Netzwerke der Süddeutschen überlassen.

  3. Hallo

    die WDR-Medienkategorie „Glück“, die auch Mollath selbst in seinem Buchnachwort benutzt, ist, höflich gesagt, ganz schief … es sei denn, gemeint ist der Richterspruch von Müller u.a. aus Karlsruhe vom BVerfG.

    Herr Riebe hat Recht, wenn er auf´s Nürnberg-Wiki verweist. Hinter, „Glück“ verbirgt sich viel Engagemenent vieler … und das war nur gut so.

  4. Obwohl ich zwischendurch das „aussagepsychologische Gutachten“ über Ulvi Kulac von Prof. Kröber analysiert* habe, bin ich mit der Aufarbeitung der potentiell forensisch-psychiatrischen Fehler immer noch beschäftigt. Von den 18 Fehlerkatagorien sind zwar einige der wichtigsten (Untersuchungs-Fehler, Daten-Fehler, Explorations-Fehler, Befund-Fehler, Diagnose-Fehler, Beweisfragen-Fehler ,,,) mit rund 160 Fehlern nun beschrieben, aber, ich schätze, es wird noch ein Jahr dauern bis alle ausgearbeitet sind.
    *
    http://www.sgipt.org/forpsy/Kulac/MKEAKröb.htm

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