Frankenröhre: Time to Say Goodbye


Nachdem sich jetzt alles wieder etwas beruhigt hat und „Bund Naturschutz“ langsam wieder aus dem hiesigen Schimpfwortschatz verschwindet, sollten die Besonnereren unter uns vielleicht doch noch einmal über unser Großprojekt Frankenschnellweg-Ausbau nachdenken. Immerhin hielten die sich auch einmal für so besonnen und verkündeten, ein Schicksal wie „Stuttgart 21“ oder der Flughafen Berlin werde der Ausbau des Frankenschnellwegs nicht erleiden. Das war allerdings im Jahr 2010 und nach den damaligen Prognosen wollte unser Oberbürgermeisters im Jahr 2017, also jetzt, die Frankenröhre eröffnen. Die Kosten wurden damals auf 299 Millionen geschätzt und bis 2017 wegen zu erwartender Preissteigerungen auf 390 Millionen hochgerechnet. Inzwischen liegt die Prognose bei 500 Millionen und angesichts der Streitigkeiten mit dem Bund Naturschutz, aber eben auch eigener Fehler, ist noch kein Termin für den Baubeginn in Sicht. Will heißen: Unser Großprojekt würde frühestens 2023 fertig, wahrscheinlich eher später. Sein Sinn dürfte sich dann den meisten Verkehrsteilnehmern kaum noch erschließen. Dabei geht es aber nicht um die auch vom BN befürchtete Zunahme des Verkehrs, eher im Gegenteil.

Für 2021 prognostiziert der Mobileye-Gründer Amnon Shashua den Durchbruch für selbstfahrende Autos und kündigt gleichzeitig einen „dramatischen Rückgang“ der Zahl der benötigten Fahrzeuge an. BMW will im gleichen Jahr mit einem eigenen Carsharing-System auf den Markt kommen. Die Frage, ob die bis dahin zunehmend eingesetzten E-Mobile nicht die teuren Vorkehrungen zur Schadstoffreduktion im Tunnel konterkarieren, muss man da noch nicht einmal stellen.

Am Ende werden wir dem Bund Naturschutz vielleicht noch einmal dankbar sein, dass er ein nicht in die absehbaren Realitäten passendes Projekt verhindert und der öffentlichen Hand sinnlose Investitionen erspart hat (Geld, dass dann auch für so etwas zur Verfügung stünde).

Wer dem BN eine solche Ehre nicht gönnen will, der mag sich mit der Lesart anfreunden: Durch die bedauerliche Verzögerungstaktik der Naturschützer ist das Projekt Frankenröhre leider obsolet geworden.

Dass die Nürnberger CSU einem solchen Ausweg näher tritt, ist in den letzten Tagen freilich nicht wahrscheinlicher geworden. Nach wie vor geht sie von einer offenbar gottgewollten Zunahme des Individualverkehrs aus und fordert daher einen Verkehrsentwicklungsplan und Straßenneubauten. Demgegenüber meint der grüne Fraktionschef Achim Mletzko zurecht:

„Wenn sich die CSU-Fraktion für den großflächigen Neubau von Straßen in Nürnberg ausspricht, dann zeigt dies: Die Verkehrspolitik der 1960er Jahre bestimmt weiterhin das schwarze Weltbild. Wer die Planungen für zukünftige Wohngebiete in Nürnberg missbraucht, um den Neubau von Straßen zu fordern, hat nicht verstanden, dass im 21. Jahrhundert die möglichst perfekte Anbindung an den ÖPNV die Zukunft für deren Bewohner darstellt. Wer die zunehmende Entwicklung der Elektromobilität dazu verwendet, von einem starken Zuwachs von Autos auf Nürnberger Straßen zu fantasieren, hat keine der vergangenen Prognosen gelesen. Nürnberg ist nahezu ‚gesättigt‘. 280.000 zugelassene Autos bilden seit Jahren einen sehr hohen und vor allem stabilen Bestand.

Was Nürnberg wirklich braucht ist, ein eng verzahntes, sehr gut ausgebautes Netz des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Das bedeutet für die Verkehrspolitik in Nürnberg: In den (neuen) Quartieren die ohne Frage notwendigen Erschließungsstraßen mit Tempo 30 und dazu die fußläufige Erreichbarkeit von Straßenbahn, Bus oder U-Bahn. Darauf müssen sich die fortschrittlichen, umweltbewussten Kräfte der Nürnberger Kommunalpolitik fokussieren – nicht auf eine schwarze Straßenbauorgie.

Die Herausforderung der Nürnberger Kommunalpolitik besteht darin, den angenommenen Bevölkerungszuwachs städtebaulich und verkehrspolitisch nachhaltig und ressourcenschonend zu organisieren. An dieser Stelle versagt die Verkehrspolitik der CSU auf geradezu groteske Weise.“

Wer noch weitere Argumentationshilfe zum Thema braucht, dem empfehle ich „die Anstalt“ von gestern:

4 Kommentare in “Frankenröhre: Time to Say Goodbye

  1. Genau so wird es sein: Eine Techapostel sagt, dass 2021 alle mit selbstfahrenden Autos fahren werden und daher brauchen wir keine Strassen mehr. Wenn man es so zugespitzt formuliert erkennt man schon ganz gut, dass das Wunschdenken ist.

    Ich erkenne das potential der neuen Technologie. Vor allem die Innenstädte werden entlastet und die hälfte der Parkplätze kann in Zukunft verschwinden. Rushhour und Staus werden weniger…. aber es wird sie eben auch dann noch geben. Und auch diese selbstfahrenden Autos brauchen Strassen. Und in vier Jahren sind wir schon soweit? Sicher nicht…

    Lieber Herr Viebig, in die Glaskugel zu schauen und den Ausbau daraufhin zum Blödsinn zu erklären ist alles andere als seriös.

  2. Es ist, da muss ich „Starker Tobak“ zustimmen, immer etwas schwierig bei derart langen Planungsprozessen einzuschätzen, wie die Situation später sein wird. Das wird auch an dem verlinkten AZ-Artikel (fast schon ein historisches Dokument) deutlich. Da hat sich unser OB auch nicht gerade als Prophet empfohlen.

    Andererseits: Einfach den Status Quo hochrechnen, das dürfte nicht einmal dann funktionieren, wenn Herr Dobrindt (was Gott verhindern möge) bis an sein Lebensende im Sinne der Autoindustrie das Verkehrsministerium führen darf.

    Irgendwann sind die Grenzen erreicht. Das müsste doch eigentlich auch unseren sonst so an Grenzen interessierten CSU-Politikern einleuchten. Wo soll denn der Stra0en- und Parkraum herkommen, wenn ohnehin schon alles für neue Wohnungen verdichtet wird? Die letzte Grünfläche auch noch betonieren? Den letzten Baum absägen?

  3. Ein selbst fahrendes Auto wird nicht dazu führen dass weniger Autos auf der Straße sind, weil es den Individualverkehr attraktiver macht. Der Fahrer kann im Stau stehen und dabei im Internet surfen oder sich einen Film anschauen.

    Wenn man die Röhren weg haben will muss man dafür sorgen dass weniger Fahrzeuge von Norden nach Süden und umgekehrt fahren. Dazu muss man sich anschauen was der Grund für den Verkehr ist:

    1. Laster, die Norden zum Hafen bzw. vom Hafen in den Norden wollen müssen auf die Schiene

    2. Pendler die vom Süden in den Norden zum Arbeiten müssen, brauchen eine attraktive Alternative auf Basis des ÖPNVs, das gleiche gilt umgekehrt. Dabei reicht es aber nicht aus irgendwo noch einen PnR-Parkplatz zu bauen, sondern man muss sie letzte Meile stärker aufbauen! Denn was nutzt es wenn ich 30 km mit dem ÖPNV fahren kann, aber die letzten 3 oder 4 km dann im Regen stehe.

    3. Für Abkürzer, die den Frankenschnellweg nehmen um nicht über die A3/A9 zu fahren zu müssen, müsste man die Strecke weniger attraktiv machen.

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