Niemand hat die Absicht, die Mauer abzureißen

Manchmal versteht der Nürnberger keinen Spaß. Zum Beispiel wenn es um seine Stadtmauer geht. Bei der handelt es sich immerhin um ein von Historikern hochgelobtes Exemplar mittelalterlicher Befestigungstechnik. Nun hat eine Gruppe von Kulturschaffenden in Nürnberg, die sich zwar regelmäßig, von der Öffentlichkeit aber relativ unbemerkt, unter den Namen „Salon der unerfüllten Wünsche“ bzw. „Freunde der Feinde der Altstadtfreunde“ treffen, ein Bündnis „Noris ohne Mauer“ gegründet und zum Abriss der Mauer aufgerufen.

Zu dem Projekt wird Tobias Lindemann, der unter anderem auch beim Casablanca mitarbeitet, am morgigen Donnerstag im Heizhaus, Wandererstraße 89, 20 Uhr, einen Vortrag halten. Begleitend dazu gibt es mittlerweile eine Webseite. Die wiederum wurde heute in einem Zeitungsartikel (online hier) vorgestellt, was jede Menge empörter Reaktionen hervorrief. Sogar Bürgermeister Christian Vogel sah sich bemüßigt, den verunsicherten Nürnbergern zu versichern, dass seine Stadtverwaltung alles zum Erhalt der Mauer unternehmen werde und zwar für die nächsten 900 Jahre:
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Häkelmafia will Willy wärmen

Nächsten Mittwoch hätte Willy Brandt 100. Geburtstag. Er weilt aber nicht mehr unter uns. Stattdessen haben wir Gabriel, der zwar immer wieder Brandt zitiert, sich aber nicht einmal am Willy-Brandt-Platz neben ihn auf die Bank setzen wollte.

Der jetzige Zustand der SPD und das Brandt-Jubiläum waren für die Nürnberger Häkelmafia Grund genug, aktiv zu werden. „Wir wollen Willy wieder!“ steht auf der Decke, die die Bank ein bisschen einladender machen soll. Willy bekommt außerdem einen roten Poncho und ein Mützchen übergezogen. Denn: „Es ist kalt in Deutschland“. Das hätte wohl auch Willy gedacht, wenn er noch leben würde, meint Jutta Leykauff von der Häkelmafia. „Gleichzeitig glaube ich, dass ihm als souveräner, antiautoritärer und humorvoller Persönlichkeit die ironische und provokative Form dieser Aktion gefallen hätte.“

Leykauff und ihre beiden Mit-Häklerinnen machten heute allerdings nur die Anprobe. Schließlich soll am Geburtstag alles passen.

Aussehen wird es dann allerdings auch nicht anders als hier:

Foto: Lang

Das Germanische und die Raubkunst

Dass sich Museen und Behörden beim Thema Raubkunst eher bedeckt hielten, ist ein deutschlandweites Phänomen. Dass aber das Nürnberger Vorzeigemuseum, das auch noch an der Straße der Menschenrechte angesiedelt ist, jetzt dabei besonders hervorgehoben wird, ist erst einmal peinlich.

Hervorgehoben wurde das Germanische Nationalmuseum (GNM) in einem, am Sonntag ausgestrahlten Beitrag des ARD-Kulturmagazins TTT (Bis zum 8.Dezember ist der Beitrag. noch in der Mediathek verfügbar. Danach wird er von gebührenfinanzierten Mitarbeitern gelöscht).

Der Beitrag beginnt mit einem Erlebnisbericht des ehemaligen Kulturstaatsministers Michael Naumann: „Ich bin eines Tages durch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg gegangen mit dem damaligen Direktor. Und in einem Innenhof sah ich die Bausteine eines kompletten hochgotischen Kreuzgangs. Ich habe gefragt, wo das herkommt. – Das sei ein Kreuzgang aus Frankreich. weiter lesen

Sonnenkönig wird Stadtbaumeister

Unser Oberbürgermeister Ulrich Maly zelebriert sich gegenwärtig selber. Aus Angst, dass die hiesigen Journalisten sein zehnjähriges Thronjubiläum nicht mitbekommen, lud er sie vorsorglich zu einer Pressekonferenz. Die Journalisten lieferten dann auch brav.

Also, alles paletti? Nein, es gibt Leute, die finden selbst bei einem Sonnenkönig noch Schattenseiten.

Da platzt doch beispielsweise die Initiative ProStadtbaumeister jetzt in die Jubiläumsfeierlichkeiten. Sprecherin der Initiative ist Brigitte Jupitz, Nürnberger Architektin und frühere Leiterin der Abteilung Gestaltung und Bauberatung in der Bauordnungsbehörde. Mit dabei eine Reihe anderer Architekten. Sie alle wenden sich gegen den Plan Malys, die Stadtplanung beim Oberbürgermeister anzusiedeln und so das Baureferat einzusparen.
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Dürer ist geil

Unser Kultur-Establishment heult derzeit auf, weil es auf Halbmast gesetzt werden soll. Der Vorschlag der Autoren von „Der Kulturinfarkt“ kommt, was unsere Nürnberger Kultur angeht, freilich zur Unzeit. Der Nürnberger Kultur geht es blendender denn je und die Zahl der Kunden – und zwar illustrer Kunden – nimmt stetig zu.

Gut, die Nürnberger Kultur scheint (vielleicht auch mangels anderweitiger Erfolge) hauptsächlich aus Albrecht Dürer zu bestehen. Dem neumodischen Zeugs traut man hier nicht so, deswegen pappt man die Buchstaben D-Ü-R-E-R, zum Beispiel hier bei der Kunsthalle, auch drauf, wo sie gar nichts verloren haben.

Aber imit Dürer erreicht man halt auch Leute, die sonst um Museen oder Theatersäle einen großen Bogen machen. Zum Beispiel Justin Bieber. Der ließ sich dieser Tage Dürers „Betende Hände“ auf seinen Luxuskörper tätowieren. Oder Wladimir Putin. Der „lupenreine Demokrat“ (Altkanzler Schröder) lässt sich Nürnbergs großen Sohn <a href="„>im Großformat vorführen und wahrscheinlich gleich noch den Gauck und seine ebenfalls aus Nürnberg stammende „First Lady“ dazu.
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AZ: Das ist Kunst, das kann weg!

Seit Mai kommt die Nürnberger Abendzeitung in neuem Gewand daher. Fränkisch rot, noch reichhaltiger bebildert und thematisch deutlicher vom allgemeinen Newsmainstream abgesetzt. Medienunternehmer Gunther Oschmann, der sich bisher auf Privatradios und Telefonbücher spezialisiert hatte und der gerne als „der kleine Kirch“ (nach dem am Donnerstag verstorbenen Unternehmer Leo Kirch) bezeichnet wird , übernahm die Nürnberger AZ im vergangenen Jahr und gestaltete sie nach seinen Vorstellungen um. So etwas geht nicht ohne Opfer ab. Eines dieser Opfer war der Kulturteil. Dabei hatte die AZ, als ihr noch Dieter Stoll und Andreas Radlmaier angehörten, nach Ansicht vieler den besten Kulturteil der Region. Die alte Komödianten-Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ hat der neue AZ-Chef aber mit „kann weg“ beantwortet. weiter lesen

Der Nürnberger als unfreiwilliger Kunstförderer

Das Internet vergisst nichts. Das kann man gut oder schlecht finden. Man kann daraus auch den Schluss ziehen, da möglichst wenig zu machen, sich nicht bei Facebook, Twitter oder sonstwo anzumelden, sein Wohnanwesen verpixeln zu lassen und in den alten Medien vor der digitalen Welt zu warnen. Es wird euch aber nichts helfen. Ihr bleibt trotzdem die Deppen!

Ein schönes Beispiel hat heute bei Twitter die Runde gemacht. Dort wurde ein Link verbreitet, der sich auf einen Blogbeitrag des Kunstrmagazins Art vom Februar 2010 bezieht. Der Vorgang selber ist allerdings schon mehr als vier Jahre her. Also schon fast gar nicht mehr wahr.

metzelEs geht um die Aufregung um jene Stuhlskulptur, die der Künstler Olaf Metzel anlässlich der Fußball-WM 2006 um den Schönen Brunnen in Nürnberg herumdrapiert hat. Wenn das Ding nicht noch bei Google-Earth jedesmal auftauchen würde, wenn man den Nürnberger Hauptmarkt von Oben betrachten will (Bild), hätten wir es wohl schon komplett vergessen. Gestrige Kunst, die ihre Daseinsberechtigung nur daher bezieht, dass es noch gestrigere Menschen gibt, die sich darüber aufregen und so unfreiwillig Werbung für die jeweiligen Künstler machen.
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Ich plädiere für eine Blaue Pause

Blaue_NaDiesmal habe ich die Blaue Nacht nur im Internet begleitet. Davor war ich aber dort sowohl als Akteur als auch als Flaneur dabei und weiß daher, wovon ich spreche, wenn ich behaupte: Die Blaue Nacht hat sich überlebt und zumindest eine Denkpause verdient.

Der Versuch, Kultur durch quantitative Aufblähung massentauglich zu machen, kann nicht funktionieren. Zumindest nicht so, wie sich das die Organisatoren vorstellen. Die meinen ja häufig noch, den drögen Nürnberger auf diese Tour kultivieren zu können. Stattdessen bringt er sein Bier mit und feiert Junggesellenabschiede.
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Let us speak Westerwave

Guido Westerwelle ist noch nicht einmal im Amt, da tritt er auch schon in anderer Leute Fußstapfen. In große Fußstapfen. In die des legendären Bundespräsidenten Heinrich Lübke.
Westerwelle schickt sich nämlich an, Außenminister zu werden, dabei kann er offenbar kein Englisch.
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Kurz nach diesem Auftritt wurde der Twitteraccount westerwave angelegt. Und seitdem bildet sich eine neue Sprachform, das Pidgin-LolCat-Lübke-Englisch.
Angefangen hat erst einmal der Westerwave-Twitterer:
Bild 3
dann legten etliche nach. Zum Beispiel:
Bild 1
Inzwischen scheint Westerwave fast zu einer Art Kultsprache (im Radio ist sie auch schon angekommen) zu werden. Und dabei ist noch nicht einmal ganz raus, ob Guido überhaupt Außenminister wird… Aber wer den Tag so angeht, der schafft das schon:

Today I am early on the legs. A great mountain of work is waiting. On goes!

…und ein bisschen den polyglotten Weltmann geben kann er ja: the Aufschwung is da!
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Neue Kunst von gestern

Was würde Dürer sagen, wenn er die Freunde von heute sähe?  Alle die uns fehlen! Würde er sich auf die Seite derer schlagen, die das Neue in der Kunst bekämpfen?

Sind es vier, fünf oder gar sieben Jahre, dass eine Tafel mit diesen Sätzen an der Nürnberger Kunsthalle hängt? Egal! Sie nervte schon, als sie aufgehängt wurde. Inzwischen ist „das Neue“ so vergilbt, dass es nur noch Mitleid erregt.

Mal abgesehen davon, dass Freunde, „die uns fehlen“, wohl nicht so richtig sichtbar sind. Höchstens aus dem Jenseits. Doch dann wären sie nicht mehr von heute. Mal abgesehen davon, dass Dürer dann mit Zeit und Raum und neu und alt nicht mehr allzuviel am Hut hätte: Was soll  uns diese Kunsthallen-Botschaft dann mitteilen?

kunsthalle.jpgWahrscheinlich: Dass Dürer heute nicht diejenigen gut finden würde, die in etwas größeren Gruppen ins Germanischen Nationalmuseum zu seinen Bildern strömen, sondern diejenigen, die in eher kleiner Zahl „das Neue“ in der Kunsthalle besichtigen.

Aber wo wird da was bekämpft?

Früher haben vielleicht manche, denen Kunst eher egal war, die Kunsthalle bekämpft, weil sie nicht solche Besucherzahlen wie der Germanische Nationalmuseum präsentieren konnte. Heute sind sie wahrscheinlich froh, dass „das Neue in der Kunst“ derart altbacken und ideenlos daherkommt. Denn so lange die „neue“ Kunst an prominenter Stelle im Stadtbild so offensichtlich ihr Verlierertum zelebriert, darf sich auch der bornierteste „Dürer-Freund“ beruhigt zurücklehnen: Von denen droht ganz bestimmt keine Gefahr, die wickeln sich selber ab.