Welches Panorama wir sehen wollen

sonneborn
Nein, solche Bilder will doch niemand sehen. Beim Bundesparteitag 2008 der “Partei” hatte sich deren Vorsitzernder Martin Sonneborn in Führer-Pose vor dem Reichsparteitagsgelände aufgebaut. Wenn Satire so billig zu haben ist… Aber jetzt scheint der Spuk vorbei zu sein. Am Donnerstag will das EU-Parlament über die Panoramafreiheit befinden und dann könnte es mit dem Veröffentlichen solcher Panoramen bald ein Ende haben. Beispielsweise könnten dann irgendwelche Abmahnanwälte versuchen, die Erben Albert Speers aufzutun und diejenigen, die mit der Naziarchitektur ihre Scherze treiben, zur Kasse zu bitten.

Panoramafreiheit? Den Lesern der regipnalen Printerzeugnisse muss dieser Begriff möglicherweise noch erklärt werden. Panoramefreiheit heißt, dass man Fotos von Gebäuden und öffentlichen Kunstwerken machen und sie frei verwenden darf. In Deutschland ist das bislang möglich. In manchem anderen EU-Land jedoch nicht. Letzteres könnte eventuell demnächst für alle gelten.
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Der Co-Pilot und die Lügenpresse

dschihaEigentlich wollte ich ja meinen Mund halten. Aber eine kleine Anmerkung zu dem laufenden Journalisten-Bashing (millionenfach auf Twitter oder Facebook, zusammengefasst beispielsweise hier) muss ich jetzt doch loswerden.

Von wem wollt ihr denn Infos, wenn ihr “die Medien” und “die Journalisten” samt und sonders in die Tonne tretet? Vielleicht von Michael Mannheimer, einem der ganz vorne dabei ist, wenn es gegen die Lügenpresse geht?

Mannheimer, der unter anderem von der Wügida als Redner engagiert wurde, hat jetzt “die Wahrheit” über den Co-Piloten der verunglückten Germanwings-Maschine ans Licht gebracht. Der 27-Jährige, so schreibt Mannheimer auf Facebook, sei Dschihadist und kurz vor dem Unglücksflug zum Islam konvertiert. Beweise? Muss man nicht haben. Blöderweise hat der Lügenpresse-Kritiker seine Behauptung aber mit dem Bild eines völlig Unbeteiligten untermauert und behauptet, das sei der Co-Pilot Wahrscheinlich hat er deswegen seinen Beitrag inzwischen gelöscht. Aber es gibt einen Screenshot davon. Im Netz geht schließlich nichts verloren.

Dass auch angeblich seriöse Medien das falsche Bild veröffentlicht haben (das ZDF hat sich danach wenigstens entschuldigt) unterstützt vielleicht das negative Bild, das manche Medien derzeit bieten, macht Mannheimers Gegenöffentlichkeit aber nur unwesentlich besser.

…aber wahrscheinlich kommt jetzt irgendjemand daher und behauptet, dass es sich bei ihm um einen V-Mann des Verlegerverbandes handelt.

Dresden ist gleich nebenan

kik
Da geht man arglos seinen Wochenendeinkäufen nach, denkt Dresden ist weit weg und dann das: Journalistenbashing auf dem Parkplatz, Lügenpresse-Vorwürfe per Großplakat, tiefe Risse im eigenen Berufsbild.

Um den Verkauf eines schlechten und an neuen Erkenntnissen kaum leidenden Buches geht es da offensichtlich gar nicht so sehr. Da schwappt mittlerweile ein amorphes Missbehagen aus dem Netz in die reale Welt. weiter lesen

LSR: Wie der Staat den Lokalmedien schadet

Nein, das Leistungsschutzrecht (LSR) ist noch nicht weg vom Fenster. Gerade erst trat die EU dem Vorhaben näher. Jetzt hat unter anderem der Nürnberger Abgeordnete Michael Frieser (CSU) im Bundestag klar gestellt, dass die Mehrheit weiter hinter dem LSR stehe, zunächst müsse aber eine Entscheidung des Deutschen Patent- und Markenamt abgewartet werden. VG Media und Politik arbeiten sich weiter an Google ab. Um Sinn oder Unsinn geht es (wie Frieser explizit erläutert) längst nicht mehr. Trotzdem wäre es dienlich, wenn sich die Abgeordneten im Allgemeinen und Frieser im Speziellen mal in ihrem Wahlkreis umsehen würden, wo es die “alten” Medien, denen sie angeblich einen Gefallen tun wollen, wirklich drückt.

Da zwickt nämlich mitnichten der ferne US-Konzern. Kollegen und Verlagsmitarbeiter (ich selber würde zwar eher sagen: Wettbewerb belebt das Geschäft) fühlen sich zunehmend von Leuten bedroht, mit denen sie jahrzehntelang gut und anstandslos zusammen gearbeitet haben. Die rütteln nun an den Grundfesten der Lokalzeitung, des Lokalradios oder der lokalen Fernsehsender. Und auch hier geht es um die Frage: Wem gehört eigentlich die Leistung und wer darf dafür den Lohn kassieren?

Da ist zum einen die Polizei. Seit Jahrzehnten war sie ein weitgehend exklusiver Nachrichtenlieferant für die Lokalmedien. Diese schlachteten den Polizeibericht aus, reicherten ihn mit der einen oder anderen Zusatzinformation an und brachten ihn unter die Leute.

Doch plötzlich fängt die Polizei an, das selber übernehmen zu wollen. weiter lesen

Her mit dem Gähnbutton!

Die Geschichte ist alt. Vor zweieinhalb Wochen war sie hier schon einmal zu lesen. Trotzdem haben in den letzten Tagen reihenweise Leute das dazugehörige Bild bei Facebook oder Twitter gepostet und sich beömmelt. Sie ist ja auch wirklich lustig, die Werbung des Bayerischen Vogelschutzbundes:
goldham

…zumal man nicht so genau weiß, ob die Vogelschützer das alles wirklich überrissen haben.

Obwohl die Nürnberger Stadtreklame inzwischen neu plakatiert hat, geistern die Mitvögler weiter durchs Netz (und netterweise findet sich jedesmal einer, der auch den Begriff “Mitglied” entsprechend würdigt). Wahrscheinlich wird das Plakat demnächst sogar auf der Plattform heftig.co landen und dann geht es mit dem Geposte erst richtig los.

Aus diesem Grund plädiere ich für einen Gähnbutton. Überall dort, wo Zweit-, Dritt- oder Viertverwerter zugange sind, sollten wir den drücken. Über den Gähnbutton könnten zudem GEMA oder VGWort informiert werden, damit dann die Tantiemen in die Taschen der Urheber abgeleitet werden. Es geht schließlich nicht an, dass die einen die Geschichten machen und die anderen die Klicks.

Der Gähnbutton würde also sowohl den Journalisten eine Einnahmequelle eröffnen, als auch der Urheberrechtsdiskussion eine neue Komponente hinzufügen.

Also her mit dem Gähnbutton! Das sagt euch einer, der in diesem Fall (ausnahmsweise) auch nur Drittverwerter war.

Warum Frauen nicht Chef werden

Familienministerin Kristina Schröder kämpft zurzeit gegen die Frauenquote. Frauen bräuchten eine “faire Chance und kein Mitleid”. Wie dem auch sei. Ich denke vor allem: Frauenpolitikerinnen brauchen mehr Durchblick.

Es ist ja oft nicht mangelnde Qualifikation, fehlender Ehrgeiz oder latenter Chauvinismus, der Frauen von Führungspositionen fern hält. Es sind die Doppelnamen! Nehmen wir nur die Überschrift in der heutigen Nachbarzeitung zur OB-Wahl in Bayreuth:

Wenn da auch in Zukunft immer “Frau” statt der Familienname in den Überschriften steht, dann wird es mit der Bekanntheit der Brigitte Merk-Erbe nie was. Da muss die Opposition nur einen aufstellen, der einen kurzen Nachnamen hat, irgendeinen Hinz oder Kunz. weiter lesen

Bei Münster ist ein Blumenkübel umgekippt

Wenn man nur nach der Devise agiert “Hauptsache lokal, Hauptsache Klicks!” und dann auch noch aus jedem Kaff Meldungen ins Internet hieven will (“da ist ja unendlich Platz”) und schließlich das Ganze noch von schlecht bezahlten, schlecht ausgebildeten Hilfskräften machen lässt, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn so etwas dabei herauskommt:

blumenkuebel

Wobei, und das erlebe ich auch bei diesem Blog, mir durchaus klar ist, dass das Lokale halt nur begrenzt Hammermeldungen bereit hält. Aber da muss man halt mit leben können und es auch aushalten, dass trotz des endlosen Platzes mal eine Zeit lang keine aktuelle Meldung veröffentlicht wird.

Inzwischen ist übrigens auch Twitter völlig verblumenkübelt.

Nachtrag: Die MZ hat inzwischen – relativ souverän – auf das Blumenkübel-Feedback reagiert.

Das Lokale, der neue Trend im Netz

Als Lokalredakteur fühlt man sich derzeit gerne zerrieben, zum Beispiel zwischen WWW-Ansprüchen und Bratwurstjournalismus. Bratwurstjournalist sein will man nicht, zerrieben werden natürlich auch nicht. Von einem weltweiten Interesse ist man dennoch meilenweit entfernt. Die lokale Nachrichtenlage gibt das halt selten her. Insofern kann man verstehen, dass mancher Lokalschreiber dem Netz nicht unbedingt mit Hoffnung und Zuversicht begegnet, dass er sogar glaubt, hier werde an seiner eigenen Zukunft gesägt.

Solche Ängste könnten sich aber als unbegründet erweisen. Das Lokale entwickelt sich zu einem neuen Trend im Web.
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Was ist ein Bratwurstjournalist?

Nrnberge2“Besser online”, so lautete eine Veranstaltung des Deutschen Journalistenverbandes am vergangenen Wochenende in Mainz. Ich selber war zwar – aus verschiedenen Gründen – nicht dabei. Weil sich die Teilnehmer jedoch bemühten (beispielsweise über Twitter), das Geschehen auch den Daheimgebliebenen nahezubringen, erfuhr ich von einer neuen Begrifflichkeit: dem Bratwurstjournalisten.
Als Nürnberger wurde ich da natürlich sofort hellhörig. Meinten die etwa uns? Nein! Trotzdem gab es natürlich Erklärungsbedarf.

Ich bat also Hardy Prothmann, der den Begriff kreiert hatte, zum Interview. Prothmann schrieb früher für die Frankfurter Rundschau, den Focus und die Zeit und betreibt jetzt das Heddesheimblog, ein Lokalblog für das badische Städtchen Heddesheim. Derartige Blogs bezeichnet Prothmann übrigens als “die Zukunft des Lokaljournalismus“.

Du bist der Erfinder des Begriffs Bratwurstjournalist, wie bist Du darauf gekommen?

Hardy Prothmann: Ganz einfach. Ich habe mich über einen Artikel im Mannheimer Morgen geärgert, weil ich mich als Leser verarscht fühle, wenn ich einen dieser Sätze serviert bekomme: „Für das leibliche Wohl war gesorgt.“ Im Gespräch mit meiner Frau habe ich über diese Form von „Journalismus“ geschimpft und suchte nach einem griffigen Wort, um diese Form von lokaljournalistischem Autismus bildhaft zu packen. Um das „leibliche Wohl“ zu konkretisieren, habe ich eine Metapher gesucht. Da es auf fast jedem Fest Bratwürste gibt, fiel mir dann Bratwurstjournalismus ein.

Was zeichnet einen Bratwurstjournalisten aus?

Hardy Prothmann: Der typische Bratwurstjournalist schreibt immer dieselben blöden, langweiligen, ausgelutschten Formulierungen, wie man sie täglich in fast jeder Lokalzeitung lesen kann.
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Obdachlose und der bürgerliche Mainstream

Obdach_1Ob Blogs (oder das Internet generell) das richtige Medium sind für Sozialreportagen, da bin ich im Zweifel. Gerade habe ich für die NZ-Printausgabe auf die unsäglichen Zustände in manchen Nürnberger Obdachlosen-Pensionen hingewiesen. Für Print schreibt man so etwas mit der bekannten Routine. Man geht von einem bürgerlichen Mainstream aus, der das mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen liest und der dann Druck auf die Verantwortlichen ausübt, doch möglichst schnell etwas dagegen zu tun, damit man wieder beruhigt schlafen kann.

Obdach_2Das mag in dem einen oder anderen Fall funktionieren. Aber schon bei der Recherche fiel mir auf, dass dies Mechanismen nicht mehr greifen. In den Ämtern hat man längst eine Hornhaut gegenüber medialen Sozialanklagen entwickelt. “Sie haben Ihre Geschichte doch eh schon im Kopf”, solche Sätze hört man da. Und man kann sie sogar ein bisschen verstehen, denn wenn man das Relativieren anfangen würde, wenn man sagen würde, lass die doch leben wie sie wollen, wenn es sie nicht stört, schließlich zwingt sie ja keiner dazu, dann wäre das eben keine Geschichte mehr. Zumindest keine mehr für ein klassisches Printprodukt. Denn dort würde das die Leserschaft als Überheblichkeit, als mangelnder Einsatz für die Schwachen oder als fehlende Bereitschaft, gesellschaftliche Missstände anzuprangern, interpretieren. Da lässt man solche Themen lieber gleich.

Obdach_3Andererseits war ich aber persönlich entsetzt, als ich gesehen und vor allem gerochen habe (das kann man allerdings weder in Print noch online wiedergeben), wie Leute in unserer unmittelbaren Nachbarschaft leben. Insofern wollte ich das irgendwo loswerden. Ganz ohne Hintergedanken, dass da jetzt irgendein Lokalpolitiker losrennt, einen Antrag formuliert und am Schluss irgendwo eine halbe Stelle eingerichtet wird, die dann dafür sorgt, dass die Sanitäreinrichtungen in den Obdachlosenpensionen drei statt zwei Mal im Jahr inspiziert werden. Das ändert meines Erachtens nichts, schafft den von uns gewählten Volksbeglückern höchstens das wohlige Gefühl, wieder einmal ihrem Auftrag gerecht geworden zu sein. Bis zur nächstens Sozialreportage, die man wahrscheinlich schon am Tag darauf schreiben könnte, wenn das den Leser nicht langweilen würde.

In Blogs habe ich Sozialreportagen bislang eher selten gefunden. Das dürfte genau den Grund darin haben, dass hier der bürgerliche Mainstream, der eh immer dünner und trockener wird, nicht bedient wird. Ganz darauf verzichten so etwas wenigstens an die Öffentlichkeit zu bringen, will ich aber, wie gesagt, trotzdem nicht, und deswegen steht jetzt dieser Beitrag hier.