Niemand hat die Absicht, die Mauer abzureißen

Manchmal versteht der Nürnberger keinen Spaß. Zum Beispiel wenn es um seine Stadtmauer geht. Bei der handelt es sich immerhin um ein von Historikern hochgelobtes Exemplar mittelalterlicher Befestigungstechnik. Nun hat eine Gruppe von Kulturschaffenden in Nürnberg, die sich zwar regelmäßig, von der Öffentlichkeit aber relativ unbemerkt, unter den Namen „Salon der unerfüllten Wünsche“ bzw. „Freunde der Feinde der Altstadtfreunde“ treffen, ein Bündnis „Noris ohne Mauer“ gegründet und zum Abriss der Mauer aufgerufen.

Zu dem Projekt wird Tobias Lindemann, der unter anderem auch beim Casablanca mitarbeitet, am morgigen Donnerstag im Heizhaus, Wandererstraße 89, 20 Uhr, einen Vortrag halten. Begleitend dazu gibt es mittlerweile eine Webseite. Die wiederum wurde heute in einem Zeitungsartikel (online hier) vorgestellt, was jede Menge empörter Reaktionen hervorrief. Sogar Bürgermeister Christian Vogel sah sich bemüßigt, den verunsicherten Nürnbergern zu versichern, dass seine Stadtverwaltung alles zum Erhalt der Mauer unternehmen werde und zwar für die nächsten 900 Jahre:
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Wo die Steine reden und wo nicht

Dokuzentrum
Wie geht es mit dem Reichsparteitagsgelände weiter? Diese Frage wird woanders erheblich intensiver diskutiert als in Nürnberg. Gestern nahm das Thema zum Beispiel breiten Raum im ARD-Kulturmagazin Titel, Thesen, Temperamente ein.

Mit diesem Beitrag ist die Diskussion mittlerweile bei Wiederherstellung des Originalzustandes angelangt. Angefangen hat sie, ausgelöst durch einen Zeit-Artikel des Geschichts-Professors Norbert Frei, beim Abriss der maroden Gebäude.

Die Stadt Nürnberg und Oberbürgermeister Ulrich Maly sind hingegen gegen eine Abriss und wollen das Gelände „trittfest“ machen. Was Maly gern damit begründet, dass „Steine Geschichte erzählen“ oder – weil solche Sätze im Lateinischen noch eine andere Wirkmächtigkeit besitzen:
Saxa loquuntur.

Da wundert man sich allerdings, warum die Saxa am Dutzendteich sprechen und am Bahnhofsplatz nicht. Beim Hauptpostgebäude, das bereits in Nürnbergs Zentrum die nur äußerlich massive NS-Architektur repräsentiert, tut man sich mit dem Abriss nicht so schwer. Da stehen aber halt ökonomische Interessen dahinter.

Die Frage ist nur, tun sie das nicht auch, wenn wir über den Erhalt des Reichsparteitagsgeländes reden. Die NS-Bauten am Dutzendteich haben für den Städtetourismus in Nürnberg einen nicht unwesentlichen Stellenwert. Vielleicht wird das Thema bei uns deswegen so niedrig gehängt, weil man sonst irgendwann nicht über Saxa, sondern über Pecunia reden müsste.

Erst abreißen, dann denken

Der Beitrag zum Paketpostamt ist heute schon in Nplus in einer kleinen Serie, in der NZ-Redakteure ihre Wünsche zur Stadtbildverschönerung erörtern, erschienen. Ich habe ihn aber hier noch mal rübergehievt.

Nürnberg ist schön, aber nicht überall. An manchen Orten in der Stadt fehlen Charme und Sinn. In weiteren Folgen unserer beliebten Serie lassen NZ-Redakteure wieder ihre Phantasie spielen: Was müsste passieren, damit diese Schauplätze aufblühen?

Charme und Sinn, das wären die letzten Begriffe, die mir bei dieser Brachfläche mitten in der Stadt einfallen würden. Schande und Schwachsinn schon eher. Nur 100 Meter vom Bahnhof entfernt klafft diese von Müll und Unkraut bedeckte Baulücke, bei der man fast schon dankbar ist, dass ein Unternehmer dort seine Riesenwerbefläche platziert hat und damit gnädig ablenkt von diesem Musterbeispiel für verfehlte kommunale Wirtschaftspolitik.

Es ist fast sieben Jahre her, da rückten Bagger dem Paketpostamt am Ausgang des Allersberger Tunnels zu Leibe. Das Bauwerk (Bild) stammte aus den 30er Jahren. Exemplarisch verdeutlichte es die Nazi-Architektur. Wie bei der Hauptpost wurde hier die Formensprache der NS-Repräsentationsbauten aufgenommen. Gleichzeitig konnte im Inneren demonstriert werden, dass der massive Naturstein nur scheinbar auf 1000 Jahre ausgelegt war. Die Natursteinverkleidung verriet die monumentale Pracht als simplen Industriezweckbau.

Trotzdem war das NS-Blendwerk nicht etwa baufällig oder gar vom Einsturz bedroht. Im Mai 2002 wurde es abgerissen, weil die Stadt dort ein Erlebnissport-Kaufhaus errichtet sehen wollte. Ähnlich wie beim Jahre später abgerissenen Milchhof wurden Probleme mit dem Denkmalschutz befürchtet, und da dachte man wohl: Was weg ist, das regt diese nervigen und wirtschaftsfeindlichen Altbaubewahrer nicht mehr auf. Das Paketpostamt am Bahnhof stand nämlich, aus nicht ganz erfindlichen Gründen, noch nicht auf der Denkmalschutzliste. Das verwunderte damals selbst den Architekten des Sportkaufhauses – zumal der benachbarte, deutlich unattraktivere Postrundbau auf dieser Liste stand.

Der Architekt konnte dann seine Pläne für einen Kaufhausneubau nicht umsetzen, da der Investor einen Rückzieher machte. Dass sich eine Stadtverwaltung gegen solche Unwägbarkeiten und Investorenlaunen nicht erst einmal absichert, bevor sie die Bagger loslässt, will mir bis heute nicht in den Kopf. Mit Wirtschaftsförderung hat das jedenfalls nichts zu tun.

Als Strafe verlange ich daher den Wiederaufbau des Paketpostamtes. Dort könnte – wie vor dem Abriss bereits geschehen – ein Musikclub Platz finden. Auch anderswo wegen der Lärmentwicklung eher ungeliebte Nutzungen wie Band-Übungsräume könnte man unterbringen. Unbillig finde ich diese Forderung nicht, schließlich baut Berlin sein Stadtschloss auch wieder auf. Außerdem sind im Konjunkturpaket Millionenbeträge für wesentlich sinnlosere Bauvorhaben aufgeführt.