Kopieren verboten: Nürnbergs Mietenspiegel

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Wohnen in Nürnberg wird teurer. Das belegt der letzte Woche präsentierte neue Mietenspiegel. Dieser Mietenspiegel soll, so das städtische Amt für Wohnen, die Mietpreissituation „möglichst transparent machen“. Von Transparenz ist da in Nürnberg aber nicht viel zu sehen. Während andere Städte (hier zum Beispiel Berlin oder Hamburg) die ortsüblichen Vergleichsmieten für jeden zugänglich ins Netz stellen, gibt es den Nürnberger Mietenspiegel nur gegen eine Schutzgebühr von 2,50 Euro zuzüglich Versandkosten in gedruckter Form. Dafür bekommt man dann sechs DIN A4-Seiten. Und damit niemand auf die Idee kommt, die sechs Seiten mal schnell zu scannen und seinerseits ins Netz zu stellen, steht auf dem Deckblatt fett gedruckt die Warnung: Kopieren nicht gestattet!

„Das war eine politische Entscheidung“, begründet Werner Reißer vom Amt für Wohnen die Schutzgebühr und das umständliche Verfahren. Grund für den Stadtratsbeschluss sei damals (wann das war, weiß keiner mehr so genau) gewesen, dass die Hausbesitzer- und Mieterverbände durch Versand oder persönliche Abholung des Mietenspiegels Kundenbindung betreiben wollten.

Immerhin räumte Reißer aber ein, dass man inzwischen vielleicht doch einmal darüber nachdenken könnte, den Mietenspiegel im Internet zu veröffentlichen. Schon um jene Transparenz zu schaffen, die gegenwärtig eher noch eine hohle Floskel ist.


Nachtrag 28.Juni 2016:
Nach dem Motto: Was interessiert uns eure politische Entscheidung und unser Kopierverbot, stellt die Stadtverwaltung den Mietenspiegel hier kostenlos zum Download zur Verfügung. Dank an Titus Schüller und Bernhard Münzer (siehe Kommentar)!

Der nächste Pabst wird ein Franke

Zum Rücktritt des Papstes wissen fast alle etwas. Eigentlich sollte man deshalb den Mund halten. Aber es geht hier um den Pabst mit B. Da gibt es in Nürnberg zum Beispiel einen Bäcker. Der Name Pabst ist nicht so selten. Sogar eine Biermarke mit dem Namen gibt es. Allein in Nürnberg stehen 25 Leute mit dem Namen im Telefonbuch.

Wenn dann der mit dem harten B abtritt, kann man nicht nur in Franken ins Schleudern kommen Spielt der dann doch im eigenen Leben eine geringere Rolle als besagter Weich-B-ler mit den Brötchen. Deswegen sind erstaunlich viele in ihrem Bemühen, auch etwas zum Rücktritt des Stellvertreters in Rom sagen zu wollen, beim Gewohnten gelandet. Wenn da über mehr als eine Million Meldungen zum Papst-Rücktritt im Netz gejubelt wird, sind die vielen B-Meldungen noch gar nicht enthalten. Wer mir nicht glaubt, dass das viele sind, der sollte sich mal die Pabst-Suche bei Twitter zu Gemüte führen oder die bei Google.

Und nein, es sind nicht nur unbekannte Wichtigtuer, die da nicht wissen, wie sich das Oberhaupt der katholischen Kirche schreibt. Auch eine Social-Media-Koryphäe wie Hans Sarpei ist mit im B-Boot:

…oder der gerne im Fernsehen mit seiner Bildung kokettierende Eckart von Hirschhausen:

Aber, wie gesagt: Man muss nicht jeden kennen.

Bei Münster ist ein Blumenkübel umgekippt

Wenn man nur nach der Devise agiert „Hauptsache lokal, Hauptsache Klicks!“ und dann auch noch aus jedem Kaff Meldungen ins Internet hieven will („da ist ja unendlich Platz“) und schließlich das Ganze noch von schlecht bezahlten, schlecht ausgebildeten Hilfskräften machen lässt, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn so etwas dabei herauskommt:

blumenkuebel

Wobei, und das erlebe ich auch bei diesem Blog, mir durchaus klar ist, dass das Lokale halt nur begrenzt Hammermeldungen bereit hält. Aber da muss man halt mit leben können und es auch aushalten, dass trotz des endlosen Platzes mal eine Zeit lang keine aktuelle Meldung veröffentlicht wird.

Inzwischen ist übrigens auch Twitter völlig verblumenkübelt.

Nachtrag: Die MZ hat inzwischen – relativ souverän – auf das Blumenkübel-Feedback reagiert.

Umfrage zur Nürnberger Kommunalpolitik

wisoUnser Stadtrat wird bekanntlich nur alle sechs Jahre gewählt. Ist nicht schlimm, wird mancher sagen, denn schließlich sind Stadträte per se näher am Volk und wissen auch in der Zwischenzeit zu eruieren, was dieses will.

So ganz scheint das aber nicht zu stimmen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass mancher Lokalpolitiker mit seiner tollen Politik dann am Wahlsonntag doch hin und wieder abgewatscht wird, und das, wo er doch auf Kirchweihen und Empfängen immer so vehementen Zuspruch erlebt hat. Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, dass den regelmäßigen Umfragen, die der Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung an der WiSo-Fakultät zur Kommunalpolitik durchführt, immer ein relativ großes Interesse zuteil wird.

Jetzt hat Prof. Reinhard Wittenberg wieder seine Studenten ausgeschickt, beim Nürnberger Wahlvolk nach der Befindlichkeit zu fragen. Erstmals werden aber auch Meinungsäußerungen via Internet erhoben. Die Befragung dauert zwar 15 Minuten. Angesichts der Resonanz, auf die die Ergebnisse stoßen, und angesichts des Fehlens anderer Möglichkeiten, sich zur Nürnberger Kommunalpolitik zu äußern, empfehle ich: Mitmachen! Hier geht´s zur Umfrage.

Obdachlose und der bürgerliche Mainstream

Obdach_1Ob Blogs (oder das Internet generell) das richtige Medium sind für Sozialreportagen, da bin ich im Zweifel. Gerade habe ich für die NZ-Printausgabe auf die unsäglichen Zustände in manchen Nürnberger Obdachlosen-Pensionen hingewiesen. Für Print schreibt man so etwas mit der bekannten Routine. Man geht von einem bürgerlichen Mainstream aus, der das mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen liest und der dann Druck auf die Verantwortlichen ausübt, doch möglichst schnell etwas dagegen zu tun, damit man wieder beruhigt schlafen kann.

Obdach_2Das mag in dem einen oder anderen Fall funktionieren. Aber schon bei der Recherche fiel mir auf, dass dies Mechanismen nicht mehr greifen. In den Ämtern hat man längst eine Hornhaut gegenüber medialen Sozialanklagen entwickelt. „Sie haben Ihre Geschichte doch eh schon im Kopf“, solche Sätze hört man da. Und man kann sie sogar ein bisschen verstehen, denn wenn man das Relativieren anfangen würde, wenn man sagen würde, lass die doch leben wie sie wollen, wenn es sie nicht stört, schließlich zwingt sie ja keiner dazu, dann wäre das eben keine Geschichte mehr. Zumindest keine mehr für ein klassisches Printprodukt. Denn dort würde das die Leserschaft als Überheblichkeit, als mangelnder Einsatz für die Schwachen oder als fehlende Bereitschaft, gesellschaftliche Missstände anzuprangern, interpretieren. Da lässt man solche Themen lieber gleich.

Obdach_3Andererseits war ich aber persönlich entsetzt, als ich gesehen und vor allem gerochen habe (das kann man allerdings weder in Print noch online wiedergeben), wie Leute in unserer unmittelbaren Nachbarschaft leben. Insofern wollte ich das irgendwo loswerden. Ganz ohne Hintergedanken, dass da jetzt irgendein Lokalpolitiker losrennt, einen Antrag formuliert und am Schluss irgendwo eine halbe Stelle eingerichtet wird, die dann dafür sorgt, dass die Sanitäreinrichtungen in den Obdachlosenpensionen drei statt zwei Mal im Jahr inspiziert werden. Das ändert meines Erachtens nichts, schafft den von uns gewählten Volksbeglückern höchstens das wohlige Gefühl, wieder einmal ihrem Auftrag gerecht geworden zu sein. Bis zur nächstens Sozialreportage, die man wahrscheinlich schon am Tag darauf schreiben könnte, wenn das den Leser nicht langweilen würde.

In Blogs habe ich Sozialreportagen bislang eher selten gefunden. Das dürfte genau den Grund darin haben, dass hier der bürgerliche Mainstream, der eh immer dünner und trockener wird, nicht bedient wird. Ganz darauf verzichten so etwas wenigstens an die Öffentlichkeit zu bringen, will ich aber, wie gesagt, trotzdem nicht, und deswegen steht jetzt dieser Beitrag hier.

Nette Piraten und twitternde Kandidaten

Die Bundestagswahl wird im Internet entschieden. Diesen Satz habe ich bislang nicht so wirklich geglaubt. Seit gestern weiß ich aber, die Kandidaten scheinen da anders zu ticken. Eine Veranstaltung, wie die „Twittagspause“ von Günter Glöser auf der Wöhrder Wiese in Nürnberg hätte – wäre sie in Berlin, Düsseldorf oder Hamburg abgehalten worden – Tweets und Postings ohne Ende nach sich gezogen. In Nürnberg ist man da etwas unaufgeregter. Dennoch wird man sich später vielleicht noch mal daran erinnern, als Startschuss für den hiesigen Internetwahlkampf.

Eigentlich war für gestern schon ein Twitteressen angesetzt. Eines dieser Twittagessen, die in Nürnberg (mittags passt es den meisten nicht so recht), auf den Abend verlegt wurden und daher „Twabendessen“ genannt werden. Es sollte das dritte Twitteressen in Nürnberg werden. Aber da war der Staatsminister für Europaangelegenheiten Günter Gloser vor. Er kandidiert im Nürnberger Norden als Direktkandidat für die SPD und begann schon vor der Europawahl im Internet heftig zu wirbeln. Videos, ein Audioblog, Twitter und Facebook – an Günter Gloser kommt man im Netz nur schwer vorbei. Für gestern hatte er seine mehr als 1000 Follower bei Twitter per Direktmessage zur Twittagspause eingeladen und damit eine Konkurrenzveranstaltung zum schon länger angesetzen „Twabendessen“ aufgezogen. Sein Wahlkampfteam wurde dafür in eigens gedruckte rote T-Shirts gesteckt, auf denen „Follower von Günter Gloser“ stand. Auch rote Kugelschreiber oder Fensterputztücher hatte Gloser für das möglicherweise noch unentschlossene Twitter-Wahlvolk parat.

Das Wahlvolk kam dann auch zahlreich. Dummerweise war es nicht wirklich unentschlossen. Außerdem hatte es meist auch noch schwarze T-Shirts an, auf denen „Piratenpartei“ stand. Der Kontrahent Glosers um das Direktmandat, der ehemalige Grüne und jetzt zur Piratenpartei gewechselte Emanuel Kotzian („es gibt gute Parteien und bessere Parteien“), war ebenfalls dabei.  Die Piraten diskutierten mit Gloser über Internetsperren und Zensursula, wobei man sich (im realen Leben ist der Ton dann doch um einiges freundlicher als im Netz) eigentlich ganz nett fand. An den Unterschieden in der Sache änderte das freilich nichts. Immerhin gab es am Ende der Debatte aber einen „Trikottausch“ zwischen Gloser und Kotzian.

Gloser die Tour vermasseln wollte auch noch jemand anders: die ebenfalls in Nürnberg-Nord als Direktkandidatin antretende Dagmar Wöhrl. Die CSU-Politikerin ist ebenfalls bei Twitter unterwegs und war daher informiert, dass ihr Kontrahent mit seinem Twittertreffen Wahlkampf machen wollte. Was sie allerdings nicht wußte war, dass da auch die Piraten auftreten. Anders als Gloser mochte sie mit denen nicht unbedingt über das Verhalten ihrer Ministerin Ursula von der Leyen diskutieren. „Ich bin als Twitterin da und nicht als Bundestagskandidatin“, sagte sie. Immerhin unterstrich sie das dann auch, indem sie am Abend noch das wahlkampffreie „Twabendessen“ besuchte.

Zwei Twitteressen an einem Tag, damit ist sie sicher vorerst einsame Spitze. Da wird sie es sicher verschmerzen, dass sie von anderen Twitterern gefragt wurde, wer sie denn sei und wie ihr Twittername lautet (man muss ja schließlich nicht jeden kennen, gell Olschok?).

Allianzen, die hinterm Mond geschlossen werden

Langsam wird es einmal Zeit, anstatt auf Journalisten in Holzmedien einzuhacken, einmal das Umfeld anzuschauen, in dem diese arbeiten. Mag sein, dass sie selber schuld sind, dass sich dieses Umfeld so entwickelt hat. Aber es gibt für jede Entwicklung auch Gründe – bzw. so genannte Sachzwänge.

Ein solcher Sachzwang ist beispielsweise die Konkurrenzsituation. Ein Journalist kann es sich nur schwer leisten, von den Informationsquellen aus dem politischen Bereich abgeschnitten zu werden. Wenn er es mit jemanden verdirbt, erfährt er von ihm nichts mehr. Diese Verquickungen von Politik und Medien sind mittlerweile so eingefahren, dass beide Seiten davon profitieren und daher keine Veranlassung verspüren, daran zu rühren.

Ein Markus Söder hat beispielsweise seine Kanäle zu einer bestimmten Boulevardzeitung und zu etlichen Privatsendern so optimiert, dass es ihm sehr ungelegen käme, wenn da weitere Medien entstünden, die er nicht kontrolliert. Auch bei einem Oberbürgermeister Ulrich Maly und seinem Öffentlichkeitsapparat besteht  keinerlei Interesse, dass nun Leute in Blogs oder diversen Webplattformen irgendetwas schreiben, was nicht steuerbar ist (siehe unser Print- und unser Video-Interview). Deswegen und nur deswegen geriert Maly sich als Freund des Papiers; nicht etwa – wie manche vielleicht mutmaßen mögen – weil er Teilhaber an einem Sägewerk ist.

Bei seinen Mitarbeitern hat das Ganze zudem einen Arbeitsvermeidungsaspekt. Wenn sie neben der Lektüre der Zeitungen noch das Internet durchforsten müssten, dann hätten sie echt zu tun. Also macht man lieber madig, was einem Stress machen würde, und ignoriert es soweit es geht.

Hier kommen dann die Journalisten wieder ins Spiel. Ihnen geht es nämlich ähnlich. Sie haben schon gut zu tun, das Printprodukt zu bestücken. Dass sie nun zusätzlich fürs Web arbeiten müssen (dass man davon auch profitieren kann, erkennt man wohl erst, wenn man sich damit eine Weile beschäftigt hat), löst bei der Mehrzahl wenig Begeisterung aus. Hinzu kommt auch, dass sie von ihren o.g. Ansprechpartnern weitaus mehr hofiert werden, als irgendwelche Onliner. Insofern haben können sie auch ständig schrumpfende Auflagenzahlen einigermaßen kompensieren.

Nicht vergessen darf man den lokalen Aspekt. In der Kommunalpolitik ist die Chance, sein Wahlvolk analog kennenzulernen um einiges größer. Andersrum, und das merke ich auch in diesem Blog häufig, bringen Webbeiträge, die nur eine geografisch beschränkte Zielgruppe haben, kaum nennenswerte Zugriffe. Insofern findet man auf beiden Seitenn auch da Gründe, das Netz auf lokaler Ebene vernachlässigen zu können. Ein Oberbürgermeister muss also nicht twittern, er kann sich immer auf seine Bürgerversammlungen zurückziehen – zumal dann wenn ohnehin fünf Jahre lang keine Wahlen anstehen. Insofern wundert es nicht, dass da lokale Politiker, die im Bund engagiert sind und im September zur Wahl stehen, anders denken: etwa die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl oder der SPD-Politiker Günter Gloser.

Früher wurde manches auf der lokalen Ebene im Hinterzimmer ausgekungelt, heute passiert dies – wie Twitterer anouphagos angesichts des NZ-Maly-Interviews formuliert hat – eben hinter dem Mond. Die Frage ist nur, ob die vor dem Mond etwas von diesem Gekungel erfahren würden, ohne jene Journalisten, die sich hinter dem Mond bewegen.

Im Internet stirbt man net

Der Traum vom ewigen Leben, im Internet wird er wahr. Das Netz vergisst nichts. Da ist schon Google vor (jetzt sogar mit Hilfe eines neuen Browsers).  Auch wenn ich im Analogen einmal nicht mehr bin, so lebe ich doch digital weiter. Denn selbst ohne die unbarmherzigen Suchmaschinen müssten meine Nachkommen schließlich alle Passwörter kennen, um meine Spuren im Netz zu tilgen. Aber nicht einmal ich habe da noch den Überblick.

Doch das ewige Leben, das man im Internet fristet, hat auch etwas Tröstliches. Daher habe ich schon lange auf eine Anzeige gewartet wie diese, die am Samstag in unserer Zeitung abgedruckt war:

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Da hat einer für seine verstorbene Tante eine Webseite eingerichtet, auf der er ihr Leben für die Nachwelt festhält.

Wie heißt es in anderen Todesanzeigen immer:

„Sie ist nur um die Ecke gegangen.“

Sportmärchen mit dem sid

Dass unsere Tageszeitungen weitgehend am Tropf der Agenturen hängen, ist nichts Neues. Viele Zeitungen leisten sich daher – neben der Deutschen Presseagentur – meistens noch eine zweite Agentur und ein paar eigene Korrespondenten.

Im Sportbereich ist das anders. Da ist der Sportinformationsdienst (sid) praktisch Alleinherrscher. Was bisher nicht unbedingt als Manko empfunden wurde, denn Sportergebnisse ändern sich nicht, wenn noch eine zweite Agentur darüber berichtet. Ein 0:0 bleibt ein 0:0.

Insofern hat bislang kaum jemand den sid genauer unter die Lupe genommen. Man war sich nicht einmal bewusst, dass das Menschen mit eigenen Interessen oder Vorlieben sind, die die sid-Meldungen verfassen. Ohnehin gilt der Agenturschreiber – auch wegen seines zurückgenommenen, immer gleichen Schreibstils – als gesichtsloser Mittler von Fakten und Verkörperung einer mainstreamigen Sichtweise.

Dummerweise finden nun aber die Olympischen Spiele in Peking statt. Die übliche Berichterstattung, bestehend aus Ergebnisübermittlung, Lesegeschichten rund um „unsere“ Athleten, Medaillenspiegel etc. läuft da nicht, auch wenn sich viele Beteiligte das wünschen und alles dazu tun, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht.

Auf einmal rückt der sid und sein Chef Dieter Hennig mehr ins Blickfeld als unsere Medaillenhoffnungen (haben wir überhaupt welche?): Für Hennig sind es nämlich die letzten Olympischen Spiele, von denen er berichtet und als Dank dafür, dass er immer so brav war, darf der 64-Jährige die olympische Fackel ein paar Meter durch Peking tragen. Da vernebeln einem die Emotionen möglicherweise den Blick auf die Dinge. Zum Beispiel darauf, dass die ausländischen Journalisten in China regimekritische Webseiten nicht aufrufen können. Wie der sid diesen Umstand verharmlost und sogar falsch übermittelt, das hat Stefan Niggemeier in seinem Blog aufgezeigt.

Dass der sid nur hier etwas schön schreibt, was nicht schön ist, und Hennig nur wegen der paar Meter Fackellauf einen Aussetzer hatte, das glaube ich allerdings nicht. Beim Thema Doping  passiert seit Jahren das Gleiche, da wird  auch so getan, als wäre nichts. Sportjournalisten verstehen sich nämlich eher als Stimmungskanonen, als Vermittler von Werten, als Berichterstatter aus einer Welt, die leistungsorientierter und weniger kompliziert als die „echte“ ist. Das Wort Journalist verstehen sie im Sinne eines Radiomoderators, der arbeitenden Menschen das Aufstehen um 6 Uhr früh versüßen muss. Der darf auch nicht sagen: „Scheißjob, draußen ist es dunkel und auf der Autobahn stehst Du wahrscheinlich wieder eine Stunde, also: bleib am besten im  Bett und meld dich krank.“

Sportjournalisten verkaufen schöne Geschichten und Märchen mit einem relativ bescheidenen Realitätsbezug (genau wie Barack Obama im übrigen). Wer weniger Märchen und mehr Realitätsbezug haben will, der sollte vor der Eröffnung der Olymischen Spiele wenigstens noch das hier lesen.

Und zum Schluss empfehle ich noch Jens Weinreich, ein Sportjournalist, der in seinem Blog anderes aus Peking berichtet als die meisten seiner Kollegen.