Aus dem Reich der „Volkspädagogen“

In den Jahresrückblick hat das nicht mehr reingepasst. Deswegen erinnere ich aus aktuellem Anlass extra noch einmal an einen Blogbeitrag, den ich hier vor genau zwei Jahren verfasst habe. Es drehte sich damals um den Lügenpresse-Vorwurf anlässlich eines Werbeplakats des Kopp-Verlags für das Buch „Gekaufte Journalisten“ (Bild). Der gleiche Verlag bewirbt gerade ein Buch des gleichen Autors auf die gleiche Art: auf Plakatwänden dort, wo Land- und Speckgürtelbewohner billig einkaufen. Und da geht es wieder vor allem gegen uns Journalisten, wenn da groß drüber steht: „Lassen Sie sich von den Mainstream-Medien nicht vorschreiben, was Sie zu denken haben.“ Lidl hat allerdings explizit wegen des Buchtitels „Volkspädagogen“ reagiert und das Plakat nach einer Beschwerde umgehend entfernen lassen.

Reaktionen gab es in den vergangenen zwei Jahren allerdings auch bei uns, den angeblichen „Volkspädagogen“. Vielleicht nicht so stark, wie manche sich das gewünscht hätten. Vielleicht auch individuell unterschiedlich. Die Kritik von Rechts spielte dabei allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Zwar gibt es so etwas wie eine Zeitungskrise, die hat jedoch weniger damit zu tun, dass falsch oder einseitig berichtet würde. Hauptgründe sind Digitalisierung und geändertes Mediennutzungsverhalten. Im Vergleich zur Lautstärke der „Lügenpresse“-Sprechchöre waren die daraus resultierenden Abbestellungen auch eher gering. Vielmehr ist das Feedback, das der Journalist inzwischen durchs Netz direkter und massiver erhält, natürlich auch Anlass, sich und seine Arbeit in Frage zu stellen (wobei da ein freundlicher oder zumindest sachlicher Ton auf jeden Fall zielführender ist).
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Werbung: Neutral, das war einmal

Auch wir Journalisten blenden gerne aus, wo unser Geld für Gehalt und Honorare herkommt. Die Werbung in den Druckerzeugnissen (rückläufig) und auf den Webseiten (antsteigend) nehmen wir selten bewusst wahr. Werbung ist neutral. Die machen damit Geld und wir machen Aufklärung.

Die Wirklichkeit ist eine andere. Gerade wurde das an der Aktion „Kein Geld für Rechts“ deutlich. Wobei die Aktion eher durch die Reaktion bekannt wurde. Durch die Breitseiten, mit denen Henryk M. Broder, Roland Tichy und ihnen nahe stehende, etwas weniger bekannte Autoren seit Tagen dagegen anschrieben. Sie befürchten nämlich, dass ihnen eventuell der Geldhahn abgedreht wird. Und mit ihnen betroffen ist angeblich „die Hälfte der Gesellschaft“. Nun ja!
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Her mit dem Gähnbutton!

Die Geschichte ist alt. Vor zweieinhalb Wochen war sie hier schon einmal zu lesen. Trotzdem haben in den letzten Tagen reihenweise Leute das dazugehörige Bild bei Facebook oder Twitter gepostet und sich beömmelt. Sie ist ja auch wirklich lustig, die Werbung des Bayerischen Vogelschutzbundes:
goldham

…zumal man nicht so genau weiß, ob die Vogelschützer das alles wirklich überrissen haben.

Obwohl die Nürnberger Stadtreklame inzwischen neu plakatiert hat, geistern die Mitvögler weiter durchs Netz (und netterweise findet sich jedesmal einer, der auch den Begriff „Mitglied“ entsprechend würdigt). Wahrscheinlich wird das Plakat demnächst sogar auf der Plattform heftig.co landen und dann geht es mit dem Geposte erst richtig los.

Aus diesem Grund plädiere ich für einen Gähnbutton. Überall dort, wo Zweit-, Dritt- oder Viertverwerter zugange sind, sollten wir den drücken. Über den Gähnbutton könnten zudem GEMA oder VGWort informiert werden, damit dann die Tantiemen in die Taschen der Urheber abgeleitet werden. Es geht schließlich nicht an, dass die einen die Geschichten machen und die anderen die Klicks.

Der Gähnbutton würde also sowohl den Journalisten eine Einnahmequelle eröffnen, als auch der Urheberrechtsdiskussion eine neue Komponente hinzufügen.

Also her mit dem Gähnbutton! Das sagt euch einer, der in diesem Fall (ausnahmsweise) auch nur Drittverwerter war.

Nürnberger, jammert nicht, tut was!

Nun ist es wieder mal so weit: Nürnberg darf statistisch belegt schlecht geredet werden. Und die Statistik lieferte ausgerechnet ein Unternehmen, das manche gern nennen, um Nürnberg schön zu reden: die GfK.

Immerhin muss man der GfK dankbar sein, dass sie in der Studie ihren Standort überhaupt erwähnt. Nürnberg und Duisburg auf dem letzten Platz. Das hört sich zwar zunächst einmal blöd an. Aber was ist mit Wolfsburg, Mühlheim oder Bielefeld? Die nimmt überhaupt keiner zur Kenntnis.

Dankbar sein dürften auch die Kommunalwahlkämpfer in Nürnberg. Endlich haben sie mal ein Thema. Prompt hat der CSU-OB-Kandidat Sebastian Brehm auch schon am Montag mitgeteilt:
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Klare Ansagen von E.ON

Klar, man könnte sagen: Wer immer noch bei E.ON seinen Strom bezieht, dem gehört es nicht anders. Dennoch habe ich mich jetzt mal hinter eine Sache geklemmt, die eine Reihe von umweltbewussten E.ON-Kunden gegenwärtig umtreibt. Zwar bin ich nicht Frau Kuhn aus dem Werbefilmchen, in diesem Fall wollte ich dann aber auch mal testen, ob E.ON das mit den erneuerbaren Energien hinkriegt.

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Jedes Jahr bekommen die E.ON-Kunden eine Ablesekarte, in die sie die verbrauchte Strommenge eintragen sollen. Da steht dann „Bezug“ und daneben ist ein Feld zum Eintragen. Wer nun erneuerbare Energien nutzt und eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach hat, den erwartet auf der Karte noch darüber ein weiteres Feld, wo er den Strom, den er aus der Sonne gewonnen hat, eintragen soll. Dort steht allerdings ebenfalls „Bezug“. Nun denkt sich der vorsichtig gewordene Kunde: Wenn ich jetzt unterschreibe, dass ich diese beiden Strommengen bezogen habe, dann berechnen die mir die womöglich auch beide. Dabei habe ich die eine von der Sonne und die andere von E.ON – und die erstere arbeitet doch noch umsonst.

Ich kontaktierte also die Pressestelle von E.ON-Bayern und bat um Aufklärung. weiter lesen

Besinnliche Werbung

Im vergangenen Jahr hatte ich hier noch einen Adventskalender, in dem jeden Tag ein neues fränkisches Video zu sehen war. Damals war das Video, das ich diesmal zur weihnachtlichen Besinnung ausgewählt habe, noch Werbung. Da hätte ich vielleicht sogar noch Geld damit verdienen können und mit dem Reizwort „Geschäftsmodell“ hausieren gehen können.

Jetzt zahlt mir kein Mensch mehr was dafür. So ändern sich halt die Zeiten: Was wir vor einem Jahr noch genervt weggezappt haben, bringt uns jetzt eher zum Weinen:
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Schöner Schein bringt schöne Scheine

commerzbankl.jpgKaum hatte sich die Commerzbank die Millarden aus dem Rettungspaket des Bundes gesichert, schon rückten in Nürnberg Arbeiter an, um die Leuchtschriften an der Filiale vor der Lorenzkirche auszutauschen (das Bild habe ich gestern beim Mittagessengehen aufgenommen). Auch nach der Krise setzt man also auf den schönen Schein. Sowas geht offenbar trotz gedeckelter Managergehälter.

Sagt Nein zur Metropolregion!

Zugegeben, ich bin hier auch schon manchmal in Versuchung geraten, einfach mal irgendeinen Scheiß abzusondern, über den sich die Leute massiv aufregen, um dann Klicks und Kommentare ohne Ende zu bekommen.

Wie man gar nicht mal absichtlich produzierten Mist nachträglich zu Gold  machen kann, das führt dezeit der FDP-Landtagskandidat Jörg Hahn vor. In seiner Zweitidentität als Geschäftsführer des Marketingvereins Metropolregion Nürnberg jubelt er seinen kryptischen und unausgegorenen FCN-Kinospot nun in einer „Presseerklärung“ zum grandiosen Erfolg hoch. Der Spot sei nicht, wie manche behaupten, peinlich und daneben, sondern etwas ganz anderes, auf das wir Werbelaien nie gekommen wären: „Virales Marketing nennen das die Fachleute.“

Hier noch einmal der Originalwerbespot:

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Und hier die Folgen des grandiosen Viralmarketings: das Gegenvideo eines Greuther Fans mit der Botschaft „Fürther, sagt Nein zur Metropolregion Nürnberg“:

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Einer dieser Fachleute (der Leiter des Marketingforums der Metropolregion Dirk von Vopelius) entgegnet übrigens auf die in YouTube geäußerte Kritik der „Jungs“ an der Qualität des Spots, auf der Metropolregion-Seite gebe es den Film in „high-quality“. Der Film ist dort aber der gleiche, nur die Bildauflösung ist höher.

„Hauptsache scharf, der Inhalt ist (brat-)wurst!“ Diese Werbebotschaft überlasse ich Euch Jungs vom Marketing der Metropolregion gerne kostenlos. Ich glaube, Ihr könnt Almosen brauchen!

Hier folgt dann noch die gesamte Pressemitteilung des Marketingvereins: weiter lesen

Kühlschrankwerbung für Eskimos

Werbung kann noch so gut sein, wenn sie nicht zum Produkt passt, dann ist sie nicht verwendbar. Doch  vielleicht bewegen sich Produkt und Werbung irgendwann noch aufeinander zu. Vorerst wird diese Werbung aber in meinem Blog unbemerkt ihr Schattendasein fristen – und höchstens ab und an einen versprengten Privatradiomenschen vor Neid erblassen lassen. Trotzdem Dank an den Kollegen Peltner, der dieses kurze Tondokument bei seinem Tokio-Hotel-Interview für uns aufgenommen hat.

…und wirst du nicht Mitglied, so brauch ich Gewalt

Was einem in Peking vielleicht zu wenig stattfindet, wird einem in Nürnberg leicht zu viel: der Einsatz für die Menschenrechte. Da Semesterferien sind, versuchen studentische Promoter jetzt wieder verstärkt, für gemeinnützige Vereine Mitglieder zu werben. Die Studis sind erfolgsbeteiligt und schon von daher erpicht darauf, möglichst viel Passanten zur Unterschrift zu bewegen.

Amnesty international ist eine der Organisationen, für die geworben wird. Mit dabei sind aber auch die Christoffel Blindenmission, der Malteser Hilfsdienst, Tierschutzorganisationen… Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn die Studentinnen (Studenten sieht man eher weniger) ihre gute Sache etwas weniger aggressiv vertreten würden. Mir ist es gestern bei einem einzigen, etwas unter Zeitdruck stehenden Bucheinkaufsversuch (blieb beim Versuch, daher bestelle ich jetzt bei amazon) passiert, dass sich drei Mal eine Promoterin vor mir aufbaute, nach rechts und links tänzelte und mich nicht vorbei ließ. Beim ersten Mal habe ich noch fränkisch-charmant „ich habs eilig“ gemurmelt. Die Zweite, die mir den Supremes-Hit „Stop in the name of love“ entgegengrölte, fertigte ich mit den Worten ab: „Ich muss im Namen der Liebe shoppen, daher kann ich nicht in ihrem Namen stoppen.“ Die Dritte gab überhaupt keine Ruhe, so dass ich mich genötigt sah, härteres Geschütz aufzufahren: „Wenn ich einem Verein beitrete, dann nur aus freien Stücken und nicht auf Basis von Nötigung.“ Da wurde die gute Frau pampig.

Das war nicht mein erster Kontakt mit solchen Passantenwerbern. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die von Jahr zu Jahr aufdringlicher werden. Bei mir erzeugt das zunehmend Unmut gegenüber den Auftraggebern. Ich nehme aber an, dass Amnesty oder die Malteser gar nicht wissen, was die Firmen, die sie da für die Mitgliederwerbung einschalten, genau treiben.