Afrika wird auch so eine schöne Zeit haben
22. June 2010 von vip
Manche nennen es Immunreaktionen, andere Eskapiasmus. Der Fußball taugt da immer gut. Dass sich hier auch die zwischen Krise und Bedeutungslosigkeit taumelnde Politik gerne aufhält, ist kein Wunder. Es gibt aber auch dort Leute, die den Fußball mit ihren Aufgabengebieten verbinden können. Zum Beispiel die Nürnberger CSU-Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl. Sie ist Vorsitzende der Entwicklungsausschusses im Bundestag und hat daher immer wieder auch mit Afrika zu tun. Wir bringen daher ein Interview mit Dagmar Wöhrl, in dem es aber nicht bloß um Afrika, sondern auch um Günter Netzer, Horst Köhler und Twitter geht.
Welche Chancen bringt die Fußball-WM für den Kontinent Afrika?
Diese Frage habe ich in der vergangenen Woche mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen diskutiert. Ich war selber überrascht: Sie knüpfen keine allzu großen Erwartungen für den afrikanischen Kontinent an die Fußballweltmeisterschaft. Die Menschen in den kleinen Dörfern irgendwo in Burundi oder im Niger werden wenig von der WM mitbekommen. Die Konflikte im Sudan, in So malia und zwischen Äthiopien und Eritrea werden durch die Weltmeisterschaft nicht enden. Und doch: diese Weltmeisterschaft setzt den Fokus der weltweiten Öffentlichkeit auf einen vergessenen Kontinent. Zudem soll die Weltmeisterschaft Vorurteile abbauen, wie dies vor vier Jahren in Deutschland geglückt ist. Die Weltmeisterschaft wird jedoch kein Wundermittel sein; aber sie verbindet.
…und speziell für Südafrika?
Für Südafrika konkret bietet die Fußballweltmeisterschaft zahlreiche Chancen. Kurzfristig sind rund um die Weltmeisterschaft viele Arbeitsplätze entstanden: durch den Bau von Stadien, Unterkünften und Infrastruktur, genauso wie in den Branchen Tourismus, Gastgewerbe, Sicherheit, Unterhaltung und Werbung.
Als friedliches, gastfreundliches und politisch wie wirtschaftlich stabiles Land kann Südafrika Investoren und Touristen anziehen. Das Land erzeugt rund ein Viertel der gesamten wirtschaftlichen Leistung Afrikas. Südafrika ist aus deutscher Sicht der wichtigste Wirtschaftspartner in Afrika. 600 deutsche Unternehmen sind in dort aktiv, mit insgesamt 90.000 Arbeitsplätzen.
aber Deutschland unterstützt Südafrika dennoch entwicklungspolitisch.
Die deutsch-südafrikanische Binationale Kommission wurde 1996 gegründet und
unterstützt Südafrika in den nächsten zwei Jahren mit Mitteln in Höhe von 112,5 Mio. Euro. Die Schwerpunkte unserer Zusammenarbeit sind neben guter Regierungsführung, öffentlicher Verwaltung auch Energie und Klima. Dazu kommt das Engagement im Bereich Berufsbildung sowie bei HIV/AIDS. Ich lege aber großen Wert darauf, dass die deutsche Entwicklungszusammenarbeit keine Leistungen erbringen wird, die Südafrika angesichts seiner steigenden Wirtschaftskraft auch selbst erbringen könnte.
Wer von der Bundesregierung fährt zur WM nach Südafrika?
Soweit ich weiß, war Bundesminister Niebel zum Eröffnungsspiel in Südafrika. Die Bundeskanzlerin plant, zum Halbfinale und der Außenminister zum Finale nach Südafrika zu reisen.
Was ist mit den WM-Karten von Bundespräsident Horst Köhler passiert?
Ich habe sie leider nicht bekommen.
Sie selber sind ja nicht in Südafrika, wo schauen Sie sich die Spiele an, bei Sky oder bei den öffentlich Rechtlichen?
Ich schaue die Spiele bei ARD und ZDF, denn wir haben kein Sky.
Wer ist ihr Lieblingsreporter/-Moderator? Auf wen können Sie gar nicht ab?
Ich denke – und so traurig das ist – hat Günter Netzer rechtzeitig erkannt, wann es Zeit ist aufzuhören. Umso mehr erfreuen mich Oliver Kahn und Mehmet Scholl mit ihrer erfrischenden und jovialen Art.
Wie weit wird die deutsche Mannschaft kommen?
Ich habe schon vor Beginn der Weltmeisterschaft in einem Interview gesagt, dass die deutsche Mannschaft Weltmeister wird, wenn sie mit Kopf, Herz und Verstand spielt: dabei bleibe ich auch nach den ersten beiden Spielen!
Das könnte aber für Afrika bedeuten, dass keine Mannschaft das Achtelfinale erreicht?
Dies wäre für den Kontinent und seine Menschen im ersten Moment sicherlich enttäuschend. Aber wenn ich sehe wie fröhlich die Menschen jedes Spiel bei dieser WM begleiten, bin ich mir sicher, dass die Afrikaner auch ohne eigenes Team in der Hauptrunde eine schöne und aufregende Zeit haben werden.
Verfolgen Sie die WM eigentlich auch im Internet, z.B. via Twitter?
Ja, wenn ich unterwegs bin halten mich meine Follower immer auf dem Laufenden und das schöne ist: ich höre keine Vuvuzelas! Ansonsten folge ich auch dem DFB-Team und natürlich den Fanclubs des 1. FCN bei Twitter, da weiß man immer was sportlich los ist.
