Von einem der auszog, das Leben zu beschreiben

“Das Schicksal, das ist ja auch eine Hure und gezahlt hat der Reinhard schon im Voraus”.
Der Schlußsatz der Hurenballade, die Titelgeschichte der 13 Stories des Münchner Autors Roland Krause, die nun im Balaena Verlag erschienen sind. Krause lebte und studierte lange Jahre in Nürnberg, schreibt neben seinem Job als Sozialarbeiter Romane und Kurzgeschichten. Und vielleicht ist dieser Beruf an den Brandstellen der Gesellschaft auch der Grund dafür, dass der Autor ein begnadeter Hinseher und Hinhörer ist.

Seine beschriebenen Lebensgeschichten hinterlassen immer einen faden Geschmack. Man wünscht sich als Leser manchmal einen anderen Ausgang, doch weiß genau, so spielt das Leben, das eben kein Ponyhof ist. Roland Krause blickt nicht in die Villengegenden, schaut nicht auf die Schickeria. Vielmehr könnte der eine oder die andere seiner Darsteller der Nachbar von oben, die Frau aus dem Nebenhaus sein. Jemand, dessen Gesicht man kennt, an dem man tagtäglich vorbei läuft, vielleicht mal grüßt und dann sagt “da schau her”, wenn man die Todesanzeige in der Zeitung liest.

Roland Krause hat zuvor drei Krimis um den Münchner Hauptkommissar Josef Sandner für den Piper Verlag geschrieben. Schon da fielen mir seine scharf formulierten Umschreibungen der Handelnden auf. Auf diese Blickweise der Mitmenschen baut er auch seine Kurzgeschichten auf. Auf den wenigen Seiten einer Story lässt er einen Alltag entstehen, in dem “Menschen” leben. Es sind keine Kunstgestalten, keine Superhelden, keine geschniegelten und gestriegelten Zeitgenossen, keine “In-People”. Krause ist der stille Beobachter in einer Großstadt, in der das Leben nicht perfekt ist, auch wenn wir das gerne so hätten. Menschen um uns herum leben und leiden, trinken und weinen. Sind depressiv, traurig, einsam. All das beschreibt Roland Krause in seinen Geschichten. Stellenweise süffisant, mit Humor, der durchaus auch manchmal schmerzt. Ja, auch das ist das Leben, man labt sich an dem Schicksal der anderen.

Und da ist doch auch immer ein kleiner Lichtstrahl, der durch den dunklen Vorhang des mürbe machenden Alltags kommt. Ein bißchen körperliche Wärme, Hilfe für Hilfesuchende, Mitgefühl, Empathie, Nachbarschaftssinn, Freunde, die man nicht glaubte zu haben, Hoffnung am scheinbaren Ende eines Lebens.

In den 13 Stories der “Hurenballade” bekommt der Leser einen Eindruck auf das Leben zwischen Hochglanzmagazinen und “Reality TV”. Die Handlungen spielen in München, doch es könnte jede andere deutsche Stadt sein. Die Sprache die Krause wählt ist überlegt und treffend, mal knapp, dann wieder fulminant in der Wortwahl. Immer wieder durchmischt er seine Sprache mit Dialekt, doch das gibt seinen Beobachtungen eine besondere Art der Nähe. Auch als Nicht-Bayer versteht man die Worte.

Wenn man an die bayerische Landeshauptstadt denkt, kommt einem der FC Bayern, das Oktoberfest, die CSU und die Kulturmetropole München in den Sinn. Genau vor diesem Hintergrund, doch ohne ihn anzusprechen, läßt Roland Krause seine Handelnden leben. Er zeichnet ein ganz anderes Bild, eines, das wir die Normalsterblichen, die 99 Prozent, alle kennen. Und er als Sozialarbeiter an den Wunden und Narben der Gesellschaft erst recht. Doch hier schreibt niemand mit erhobenem Finger, kein selbsternannter Besserwisser mit mahnenden Worten und schon gar nicht ein Weltverbesserer mit politischen Lösungsvorschlägen.

All das ist dem Autoren fremd. Krause ist vielmehr derjenige, der in der Eckkneipe an seinem Bier nippt und still den Gesprächen der Umstehenden zuhört, der im Café sitzt und sich Notizen macht. Er läßt das Leben sacken. Er sieht die Leute um sich herum. Nicht nur die junge, gutaussehende Frau, die auf ihren High Heels in der Innenstadt vorbei stöckelt oder den erfolgreichen, gegelten Geschäftsmann an der Ampel, der in seinem neuen Porsche ins iPhone brüllt. Das ist München, das ist eine Metropole, wie wir sie oftmals wahrnehmen. Glanz, Glitter, Gloria. Doch das ist nicht das Leben, wie es uns Roland Krause beschreibt, wie wir es kennen. Er zeigt uns den Alltag, blickt hinter die Türen des Nachbarn im Hochhaus, in der Sozialbausiedlung, er erzählt die Geschichten der Menschen in der Stehkneipe, an der wir morgens und abends vorbeilaufen. Ohne zu werten, öffnet Krause nur die Tür für uns, damit wir, der Leser, einen Blick hineinwerfen können.
“Hurenballade” ist eine beeindruckende Sammlung von 13 lebensnahen Kurzgeschichten, die einen am Schluß berühren. Doch genau das sollen Short Stories auch erreichen.

Roland Krauses Buch “Hurenballade” ist im Balaena Verlag für 17,90 Euro erschienen. Den Autoren findt man online unter “ KrimiKrause „.

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