Das alte San Francisco verschwindet

Vor einem Jahr berichteten die lokalen Radio- und Fernsehstationen, die Zeitungen und Online-Portale in der San Francisco Bay Area ausführlich über einen drohenden Ausverkauf in Chinatown. Sogar die überregionale Medien, wie die New York Times und Al Jazeera griffen die Story auf. Eines der ältesten Viertel der Stadt war in Gefahr im jüngsten High Tech Boom zu verschwinden. Die Alarmglocken schrillten auf.

Chinatown ist das älteste chinesische Viertel in den USA und die größte chinesiche Community außerhalb Asiens. 1848, zu Zeiten des Gold Rush, wurde es an seiner jetzigen Stelle zwischen dem Financial District, North Beach und Nob Hill gegründet. Damals emigrierten Tausende von Chinesen in die USA, das Golden Gate war ihr Landepunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Chinatown ist eine Stadt in der Stadt mit eigenem Krankenhaus, Schulen, Läden, Restaurants, Händlern und sozialen Clubs. In dem verheerenden Erdbeben von 1906 wurde das Viertel total zerstört. In einem anti-chinesischen Klima gab es danach Pläne, Chinatown innerhalb der Stadtgrenzen zu verlegen. Angedacht war, die Chinesen ins Hafenviertel nach Bayview Hunters Point abzuschieben. Doch obwohl bereits 1882 die amerikanische Regierung das sogenannte “Chinese Exclusion Act”, ein Anti-Immigrationsgesetz speziell für Chinesen verabschiedet hatte, wurden die Pläne am Ende doch nicht realisiert. Chinatown blieb da, wo es 50 Jahre zuvor gegründet wurde.

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Chinatown ist heute ein 30 Quadrat-Häuserblocks umfassender Stadtteil, in dem etwa 17.000 Menschen in zumeist sogenannten “Single Room Occupancy” Hotels leben. Das sind Wohnhäuser, in denen ganze Familien in einem einzigen Zimmer leben, Dusche und Bad auf dem Flur werden von mehreren Familien geteilt. Der Distrikt hat sich in seiner langen Zeit zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen von San Francisco entwickelt. Und dabei dennoch seine eigene Identität bewahren können, bis heute, wie Cindy Wu vom “Chinatown Community Development Center” erklärt: „Chinatown existiert vor allem, weil es ein erster Anlaufpunkt für viele Männer war, die während des Goldrauschs kamen. Seitdem ist es ein Anlaufpunkt für Familien, Frauen, Männer, Eltern mit Kindern geworden. Ein erster Ort für chinesische Immigranten, die in die Vereinigten Staaten kommen. Für Chinatown spricht einiges. Der Zugang zur Sprache, es gibt lokale Zeitungen auf Chinesisch, die die Worte der Immigranten kennen. Es ist eine Nachbarschaft mit vielen Dienstleistungen im Bereich Gesundheit, Schulen für Kinder, Wohnraumhilfen. Dazu Ärzte, die die Sprache sprechen und die für die Immigranten da sind.“

Chinatown hat in all den Jahren für chinesische Einwanderer nichts an seiner Anziehungskraft verloren. Noch immer ist das Viertel der erste Anlaufpunkt für neue Immigranten. Das liegt zum einem am vertrauten kulturellen Umfeld, doch zum anderen auch daran, dass man hier noch immer relativ günstige Unterkünfte finden kann. In einer Stadt, in der die durchschnittlichen Mieten für Einzimmerapartments bei derzeit rund 3600 Dollar liegen ist das nicht verwunderlich. Das Chinatown überhaupt so lange existieren konnte, liegt auch an der Weitsicht einiger Stadtplaner von San Francisco, glaubt Cindy Wu: „Das Chinatown in San Francisco überlebt hat, hat zwei Gründe. Zuerst, der Bebauungsplan von 1906. Und dann zweitens die Mietpreisbremse. Der neue Bebauungsplan von 1986 kam darüberhinaus zustande, da man in Chinatown sah, dass der Financial District sich in die Nachbarschaft ausbreitete. Mehrere Banken und zahlreiche Bürogebäude sollten in Chinatown errichtet werden. Das veränderte die Nachbarschaft, weg von dem “Tor der Immigranten”. Chinatown versuchte also zu der Zeit, sich dreigleisig zu retten. Als regionales Zentrum, als Wohngebiet und als Ort, um einzukaufen, ins Café zu gehen, Freunde zu sehen. Auf diesen drei Säulen wurde der Bebauungsplan der Nachbarschaft ausgerichtet. Und solch einen Schutz hat kein anderes Chinatown im Land.“

Doch trotz der amtlichen Hand über dem Stadtteil seit dem “Rezoning” von1986, sind die Probleme für die Anwohner gewachsen, so Wu: „Der erste dot.com Boom um 2000 herum war eine weitere Welle, die Druck auf die Nachbarschaft ausübte. Aber dieser jüngste Tech Boom ist dagegen noch viel gewaltiger. Wir sehen diese “Single Room Occupancy”-Gebäude mit gemeinsam genutzten Zimmern, zweieinhalb mal drei Meter groß, gemeinsame Küchen, Badezimmer, also wirklich mehr wie ein Studentenwohnheim. Vor drei Jahren wurden die Zimmer für 600 bis 700 Dollar vermietet, was schon recht viel ist. Diese Räume bringen nun 1100, 1200, 1300 Dollar im Monat. Der Anstieg der Mieten ist also unglaublich.“

Der jüngste Tech-Boom in der Region hat große Auswirkungen auf San Francisco. In allen Stadtteilen ist die neue Goldgräberzeit zu spüren. Wer Grundstücke und Häuser besitzt kann sehr reich werden. Immobilien sind rar und wenn sie auf den Markt kommen bieten Käufer in der Regel 30 Prozent über dem Angebotspreis, der meist nicht unter einer Million Dollar liegt. Der Großteil der Tech-Angestellten arbeitet im Silicon Valley, in Mountain View, Palo Alto und anderen Kleinstädten südlich von San Francisco. Dort sind die Tech-Giganten wie google, Apple und facebook angesiedelt. Doch wohnen wollen die zumeist jungen Angestellten in der nordkalifornischen Metropole. Geld spielt für sie keine Rolle, die Grundstücks- und Mietpreise steigen dementsprechend. Für Cindy Wu sollte deshalb die Stadt San Francisco mehr mit den umliegenden Gemeinden zusammenarbeiten, um die Wohnungskrise in der gesamten Region zu lösen. Hinzu sind Mietportale wie AirBnB sehr beliebt. Mit dem Tagesmietpreis kann man in einer Touristenstadt wie San Francisco weitaus mehr Geld machen als mit einer Monatsmiete. „Aber all das ist nicht legal nach den Regeln der kurzzeitigen Vermietung, die es in San Francisco gibt. Man muss sich als Person registrieren, um die eigene Wohnung, in der man auch lebt, vermieten zu dürfen. Klar, wenn man in den Urlaub fährt, darf man seine Wohnung vermieten, aber wir sehen “Landlords”, die diese Gesetze umgehen und diese SRO-Wohneinheiten in Hotels umwandeln. Es gibt in der Region de facto eine Wohnraumkrise. Alle Gemeinden in der Gegend müssen mehr Wohnraum schaffen. Es ist nicht fair, dass Mountain View all die neuen Jobs bekommt, aber dort keine neuen Häuser gebaut werden. Der Druck auf den Wohnungsmarkt in San Francisco wächst damit. Das alles zusammen genommen, wird zu einer Herausforderung für Chinatown.“ 

Das Büro des “Chinatown Community Development Center” liegt in der Grant Street, auf der anderen Seite der Columbus Avenue in North Beach, dem “italienschen” Viertel, in dem sich auch die Beatniks breit machten. Von hier laufen Cindy Wu und ich die paar Blocks rüber nach Chinatown, auf dem Weg zeigt sie auf ein Gebäude am Broadway, zwischen Stockton und Grant. Ein weißer Neubau, an dem noch gearbeitet wird. Ein Restaurant soll hier einziehen, sagt sie, doch die Klientel, die man ansprechen will, seien eher junge Berufstätige mit mehr Geld als die traditionellen Bewohner von Chinatown in ihren siebeneinhalb Quadratmeter-Zimmern.

Was auffällt auf den Straßen in Chinatown, sind die vielen älteren Menschen. Das hat einen Grund, meint Cindy Wu: „Viele Alte wohnen in SROs, das ist eigentlich gut. Denn sie haben damit mehr Unabhängigkeit. Man lebt oben, direkt vor der Tür kann man Lebensmittel kaufen, sich mit Freunden treffen. Ich glaube, das hilft den Menschen auch länger zu leben. Das Problem dabei ist, dass keines dieser Gebäude einen Aufzug hat. Mit dem Alter wird es also schwieriger die Treppen täglich rauf und runter zu kommen. Was wichtig ist, diese SROs sind im Herzen von Chinatown, mit allen seinen Services und dem Sprachvorteil.“

Cindy Wu führt mich einen Block weiter zu einem Eckhaus. Hier entzündete sich im vergangenen Jahr der Streit um die Gentrifizierung in Chinatown: „Dieses Gebäude ist 2 Emery Lane. Im letzten Jahr wurde den Mietern mit einer Räumungsklage gedroht. Und das, weil sie nur die Wäsche raushingen und etwas Dekoration zum chinesischen Neujahr in den Flur gehängt hatten. Das war das erste mal, dass wir so eine Kündigung ohne guten Grund im Herzen von Chinatown gesehen haben. Hier den Berg hoch ist Nob Hill, da ist sowas schon öfters passiert. Das haben wir auch verfolgt, auch mit Censusdaten, und dabei fanden wir heraus, dass in den letzten zehn Jahren die chinesische Bevölkerung hier Richtung Nob Hill, also am Rande von Chinatown, sich um zehn Prozent verringerte. Als wir das nun hier bei 2 Emery Lane mitbekamen, war das das rote Tuch “es kommt näher”. Es kommt auf Chinatown zu.“

Ein paar Straßen weiter treffe ich “Charlie”, so will der 63jährige genannt werden. Er lebt seit 18 Jahren in einem Zimmer in Chinatown. Unter der Bedingung, dass ich weder seinen Namen nenne, noch seine Antworten aufnehme führt er mich in seine kleine Behausung in einer Seitenstraße der Stockton Street. Er will keinen Ärger mit seinem Vermieter bekommen, sagt Charlie. Die Einwände, dass der Radiobericht in Deutschland laufen würde, übergeht er einfach. Ich folge ihm über eine steile Treppe nach oben, der Teppich ist durchgelaufen, die Farben an den Wänden blättern ab. Im ersten Stock nach hinten raus ist sein Zimmer, dass er sich mit einem Freund, wie er sagt, teilt. Ein dunkler Raum, in dem ein Stockbett, ein kleiner Schrank, ein Regal zu sehen sind. Nicht viel Platz zum Drehen bleibt. 850 Dollar kostet dieses karge, düstere Zimmer im Monat. Unglaublich, doch immer noch weit unter dem normalen Mietpreis von San Francisco. Charly arbeitet in der Nachbarschaft in einem Supermarkt, fühlt sich wohl in dieser Umgebung. Woanders hin will er nicht, das hier sei sein Zuhause. Er komme kaum aus Chinatown heraus, und das sei gut so, meint der hagere Mann.

Eine Viertelstunde später sitze ich am “Portsmouth Square Plaza” an der Kearny Street. Hier stößt Chinatown an den Financial District, die Neubauten aus Glas und Beton werfen einen gewaltigen Schatten auf die ein- und zweistöckigen Gebäude des Viertels. Auf dem Platz viele ältere Männer und Frauen, die zusammen sitzen und Karten spielen. Charlys Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf. Nicht die Wohnungen oder besser Wohnumstände sind hier wichtig, es ist die Nachbarschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl, die vertraute kulturelle und sprachliche Umgebung, die hier in Chinatown zählt. Das Leben spielt sich mehr auf der Straße ab, nicht so sehr in den eigenen vier Wänden. Und das würde mit einem weiteren Wohnraumverlust in Chinatown auch verloren gehen.

Cindy Wu sieht durchau den Wandel der Zeit. San Francisco ist eine teure Stadt mit kaum noch bezahlbarem Mietraum geworden. Weite Teile San Franciscos sind schon Opfer der Gentrifizierung geworden, wie die Tenderloin, South of Market, der Haight-Ashbury Distrikt, Castro und die Mission Gegend. Selbst auf der anderen Seite der Bay in Oakland, ziehen die Miet- und Grundstückspreise an. Oakland liegt derzeit unter den Top-Drei Städten im ganzen Land bei den Mietpreiserhöhungen. Von daher weiß Cindy Wu, dass diese Entwicklung nicht Halt machen wird vor Chinatown, und dennoch hat sie Hoffnung für diesen alten Distrikt San Franciscos. „Ich bin ganz ehrlich, ich glaube wir können eigentlich die Nachbarschaft nur stabilisieren. Stützen, bis sich dieser aufgeheizte Immobilienmarkt wieder abkühlt. Wir sehen gerade total überzogene Preise. Der Markt ist, was er ist. Wir versuchen auch nicht den Markt zu verändern, nur, dass all die Regeln eingehalten werden und der Wohnraum so genutzt wird, wie er soll. Wie ich Chinatown in zehn Jahren sehe? Ich glaube, dass hier wird ein starkes Chinatown bleiben. Der Bebauungsplan ist beispiellos und zeigt, was zum Schutz von Chinatown getan werden kann. Wir werden sicherlich einen demographischen Wandel sehen, aber ich habe die Hoffnung und bin optimistisch, dass es auch weiterhin ein Ort sein wird, an dem einkommensschwache Menschen leben können.“

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