Operativer Vorgang „Sumpf“

Heute kamen hier in Oakland per Post die Kopien meiner angesammelten Unterlagen an, die in den Stasi Archiven in Berlin und im früheren Bezirk Karl-Marx-Stadt gefunden wurden. Vor rund zwei Jahren hatte ich nach langem hin und her dann doch mal einen Antrag ausgefüllt, kurz danach erhielt ich einen Brief, in dem stand, dass der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes etwas unter meinem Namen gefunden habe. Nun also liegen diese Informationen hier vor mir, schon seltsam, was da gesammelt, welche Informationen angehäuft wurden, wer da etwas über andere erzählte.

In meinem Fall wurde beobachtet, dass ich Freunde im Kreis Freiberg besuchte, sie in ihrer Aufbauarbeit eines Ökokreises unterstützte, Bücher und Magazine von Nürnberg in die Deutsche Demokratische Republik schickte, Aufkleber und Infomaterial der „Aktion Ameise“ über die innerdeutsche Grenze brachte und eben an einem größeren Treffen von kirchlichen Ökokreisen und Umweltgruppen in Freiberg teilnahm. Dieses Bestreben einer aktiven Umweltarbeit wurde bei der Stasi als „Sumpf“ geführt. Vielleicht hing der Name damit zusammen, dass die Freiberger Gruppe den Stadtteich von Unrat reinigen wollte. Das war verdächtig und sicherlich eine politische Kritik am ach-so-schönen DDR-Alltag.

Daneben wurden freundschaftliche Briefe kopiert, einiges darin unterstrichen, so, als ob da geheime Botschaften ausgetauscht werden würden. Irgendein Stasi-Major hat das dann abgehakt, unterschrieben und abgeheftet. Einige IM-Berichte sind auch in diesem Packen Papier zu finden, darin wird erwähnt, dass eine Gruppe von Leuten des Ökokreises mit dem Besucher aus der BRD auf den Turm des Doms stieg, um von dort die Aussicht zu genießen (!). Wichtige Informationen im antifaschistischen Kampf des Arbeiter- und Bauernstaates.

Beim Durchlesen dieser Kopien, etliches davon geschwärzt, kommen viele Erinnerungen hoch. Die erste Bahnfahrt nach Freiberg. Nachts kurz nach 23 Uhr ging es am Hauptbahnhof Nürnberg los, kurz nach Mitternacht erreichten wir bei Hof die Grenze. Die Grenzsoldaten kontrollierten Pässe und Gepäck und ich hoffte, sie sagen nichts zu den Büchern im Koffer. Irgendwie verpennte ich meinen Bahnhof Plauen, an dem ich umsteigen sollte. Dann stand ich da nachts in Reichenbach auf dem menschenleeren Bahnhof. Keine Kneipe hatte offen, es war kalt und windig und ich dachte mir nur, was um alles in der Welt mache ich hier. Vor allem, ich konnte meinen Freund René nicht erreichen, um ihn zu sagen, dasss ich nun nicht direkt von Plauen nach Freiberg komme, sondern über Dresden fahren muss. Renés Familie hatte kein Telefon.

Zu früher Morgenstunde kamen dann Arbeiter auf den Bahnsteig, schauten etwas verdutzt und warteten mit mir auf den Zug nach Dresden. Endlich in Freiberg, wartete René da noch immer auf mich. Direkt vom Bahnhof ging es zur Polizeidienststelle, um mich dort anzumelden. Das kitschig-farbige Erich Honecker Bild an der Wand werde ich nicht vergessen. Das war die erste von vielen Fahrten in den Bezirk Karl-Marx-Stadt. Und beim Lesen dieser Stasi-Unterlagen kann ich lächeln. Es sind Erinnerungen an eine Zeit und Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Noch heute bin ich überrascht davon, wie schnell sich alles veränderte, wie von jetzt auf gleich die DDR abgewickelt wurde. Es war eine stürmische, eine mitreißende Zeit, die ich ein stückweit aus der Nähe miterleben durfte.

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