Es ist nicht alles Trump

2019 habe ich viel über Donald Trump geschrieben. Wahrscheinlich zu viel. Oft genug wurde ich gefragt, warum schreibst Du ständig über den? Man kommt als Korrespondent in den USA nicht um Trump herum. Das steht fest. Doch ich habe im vergangenen Jahr über viel mehr berichtet als nur über den „Tweeter in Chief“.

Vor genau einem Jahr lief meine Lange Nacht über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco. An der Dreistundensendung „Aufbruch in ein neues Leben“ habe ich lange gearbeitet und konnte Aufnahmen der letzten 20 Jahre neu verarbeiten. Im Januar folgten dann zwei Musikgeschichten, eine über die Musik App von Neil Young, die andere über die Digitalisierung von Schellack Platten. Musik begleitet mich immer und ich bin froh darüber, dass ich da manchmal wunderbare Musik finden und vorstellen kann.

Im Februar jährte sich dann zum 50. Mal das legendäre Konzert von Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin. Und San Quentin habe ich über die Jahre bei zahlreichen Besuchen mehr als gut kennengelernt. Mehrmals stand ich genau in jenem Speisesaal, wo Cash im Februar 1969 spielte. Und dort im ältesten Knast von Kalifornien sind auch Hexen im Einsatz. Es herrscht Religionsfreiheit, von daher bekommen Anhänger von Wicca regelmäßig Besuch von Hexen. Sowieso ist die San Francisco Bay Area ein Zentrum des Wicca Glaubens. Auch darüber berichtete ich in einem längerem Beitrag.

Eines meiner größeren Features in diesem Jahr war „Patriotismus made in USA“, der Kampf um den „American Dream“. Das war für mich auch ein persönliches Thema, denn seit 23 Jahren lebe ich in den USA, habe die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und hänge dennoch irgendwie zwischen den Kulturen und Sprachen. Auf der einen Seite wird man als Immigrant Willkommen geheißen, auf der anderen Seite hat sich das Klima gegenüber Fremden grundlegend verändert.

Mit CARE war ich im Sudan unterwegs. Ein Land voller Geschichten, die erzählt werden wollen.

Ich berichtete auch über den Roadtrip von Michel Foucault ins Death Valley, über die John Coltrane Church in San Francisco, die veränderte Museumslandschaft in den USA, ging der Frage nach, wie die Cola koscher wurde, besuchte den spirituellen Ort Ojai in Südkalifornien, sprach über die Rolle der Deutschen vor und während der Völkermorde an den Armeniern am Anfang und in Ruanda am Ende des 20. Jahrhunderts. In Kalifornien ließ der Gouverneur Gavin Newsom die Hinrichtungskammer abbauen und setzte alle Todesurteile aus, darüber redete ich mit dem Schauspieler und Anti-Death Penalty Aktivisten Mike Farrell.

Musik war auch in diesem Jahr immer ein wichtiger Part meiner Arbeit. Da ging es um die Wiederveröffentlichung einer Platte von „Gastarbeitern“. Grup Doğuş hatte in den 1970er Jahren einen mitreißenden Beat. Das Folkways Label brachte dann noch eine umfangreiche Box über die Musik aus Bulgarien heraus, auch die konnte ich besprechen. Und ich durfte mit einer Sendungsreihe Teil des Deutschlandjahres in den USA sein, das vom Auswärtigen Amt ausgerufen worden war. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ produzierte ich sechs musikalische Themensendungen die Deutschland und die USA verbinden.

Am intensivsten waren aber wohl meine Reisen nach Somaliland, in den Niger und in den Sudan, alles in einem Zeitraum von vier Wochen. Es ging um Musik, um Hoffnung, um den Blick nach vorne, ohne die eigene Geschichte zu vergessen. Gerade die Rolle der Frauen während und nach der Revolution im Sudan beeindruckte mich zutiefst. Ohne sie wäre der Regimewechsel wohl nicht möglich gewesen.

Eine lange doch unvollständige Liste von Themen, die ich in diesem Jahr bearbeiten konnte. Das alles war nur ein Teil der Arbeit eines freien Korrespondenten. Und doch, sie zeigt, wie vielseitig, spannend, interessant diese Arbeit sein kann. Ich lerne Leute kennen, darf Fragen stellen und bekomme meistens Antworten darauf. Sehe Orte, an die ich sonst nie kommen würde. Und wie gesagt, es ist nicht alles Trump in diesen Zeiten. Die Welt um mich herum birgt so viele wunderbare, faszinierende und erlebnsreiche Geschichten. Die sollten nicht übersehen und überhört werden. Auch und gerade im Trump-Zeitalter.

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