Durch das weite Land

Es muss hinter Idaho Falls an einer Tankstelle gewesen sein. Da meinte einer mit Blick auf mein kalifornisches Kennzeichen, ich sei ja weit weg von zu Hause. Wohin ich denn wolle, fragte er. In die UP, die Upper Peninsula von Michigan, antwortete ich. “Are you crazy? Why don’t you fly?”. Ich zeigte auf meine Begleiterin, Käthe, eine vierjährige Schäferhund-Huskie Hündin, die mir ganz interessiert beim Tanken zuschaute. Er lachte nur, “you crazy Californians”.

Geradeaus, immer geradeaus.

2305 Meilen, das sind 3709 Kilometer. Von Oakland nach Twin Lakes, in der Upper Peninsula von Michigan. Einmal quer durchs Land und doch erreiche ich nicht die andere Küste. 1999 bin ich diese Strecke zum ersten Mal gefahren, damals mit einem Isuzu Trooper. Danach mehrmals mit meinem VW Bus, einem Eurovan, den ich 2002 erwarb. Der hat mittlerweile rund 325.000 Kilometer auf dem Buckel, viele Schrammen, die dritte Windschutzscheibe, doch ich liebe diesen Wagen. Er hat sogar noch einen Kassettenrekorder, kein Gefiepe beim Ein- und Ausparken, keine Sitzheizung und nicht allzu viele Lämpchen, die aufleuchten. Er fährt und fährt und fährt.

Mit diesem VW Bus werde ich bald wieder auf die lange Reise gehen, vollgepackt, mein Fahrrad dabei und Käthe liegt auf der hinten umgeklappten Rückbank. Meist döst sie vor sich hin oder schaut aus dem Fenster, manchmal höre ich sie schnarchen. Und dann kommt sie die paar Schritte auch immer mal wieder nach vorne zu mir, so, als ob sie kontrollieren will, ob ich noch fit bin, denn ich fahre diese Strecke fast durch. Um die 40 Stunden brauche ich, darin einbezogen sind etliche “Power Naps”, 30-45 Minuten Schlafeinheiten, um die Augen ruhen zu lassen.

Ich freue mich jedesmal auf diese lange Fahrt. Sie ist anstrengend, doch auch irgendwie befreiend. Der Weg ist das Ziel, gerade wenn man die übervolle San Francisco Bay Area hinter sich lässt. Der Verkehr auf dem Interstate 80 wird hinter Sacramento weniger, rechts geht es ab nach Folsom, wo das berühmte kalifornische Gefängnis liegt und einst Johnny Cash sein berühmtes Konzert hinter den Knastmauern spielte. Vorbei an Auburn und Truckee, dem Lake Tahoe, über die Berge der Sierra Nevada. Dann kommt die Grenze zu Nevada, dahinter gleich Reno, das etwas stiefmütterliche Spielerparadies, bekannt auch durch seine Conventions, die es nicht nach Las Vegas schaffen.

Irgendwo in Nevada.

Etwa 40 Meilen hinter Reno kommt Fernley, hier geht es nach Norden, wenn man zum alljährlichen “Burning Man” Festival in die Black Rock Desert will. Danach wird es richtig ruhig auf dem 80er. Links und rechts des Freeways wird es karg, der Blick weit, Hundert Kilometer und mehr kann man sehen, keine Gebäude, keine Strommasten, es geht nur noch geradeaus. Nevada ist der siebtgrößte Bundesstaat mit gerade mal etwas über drei Millionen Einwohnern. Viel Land in diesem Bundesstaat ist als Militärsperrgebiet ausgeschrieben, darunter auch die berühmt-berüchtigte Area 51.

In Nevada beginnt für mich die eigentliche Fahrt. Den Gedanken nachhängen, Meile für Meile. Die Weite der Landschaft, der ferne Horizont, die stressfreie Fahrt lassen einen tief in sich versinken. Die Schönheit der kargen Landschaft, ja, das ist Amerika. Das ist auch Amerika. Washington, Donald Trump, Skandale, Politik, all das ist ganz weit weg. Irgendwie kommen mir auf dieser Strecke immer die alten Karl May Filme in Erinnerung, der wilde Westen. Ich denke daran, wie es wohl war, damals, in den Westen zu ziehen, in ein unbekanntes Land voller Gefahren. Nicht wissen, wohin es geht, was noch kommen wird. Durch diese öde Landschaft ziehen, immer weiter in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden.

Und doch, hier leben Menschen. Ich fahre gerne von der Interstate ab, um eine Pause zu machen. Manchmal sind es nur ein paar Häuser, die da neben einer Tankstelle stehen, staubig, Tumbleweeds rollen über die Straße. Was macht man hier, wie lebt man hier in der Mitte von Nirgendwo? Auf dieser Strecke quer durch das Land gibt es viele solcher Orte, die wie aus einer Episode der Twilight Zone Serie stammen könnten. Hier will man nicht stranden, nicht lange bleiben, nur weiter auf dem endlos scheinenden Teerband der Interstate. Vorbei an Winnemucca, an Battle Mountain, an Elko bis Wells. Dort fahre ich von der Interstate 80 ab, tanke voll, gehe mit Käthe ein paar Schritte spazieren, bevor es auf dem Highway 93 Richtung Norden, Richtung Idaho geht. Twin Falls erreiche ich meistens in der Nacht, dort geht es wieder etwas Richtung Westen.

Der weite Himmel über Montana.

Es gibt mehrere Möglichkeiten von Oakland in die UP zu fahren, ich wähle immer die nördlichste Route, die ist in den heißen Sommermonaten meist etwas kühler, durch das Farmland von Idaho Richtung Yellowstone National Park, den ich westlich auf einem kurvigen, engen Highway passiere, immer weiter nach Norden. Hier grenzen Idaho, Wyoming und Montana aneinander, hier ragen die Berge der Rocky Mountains auf. Hier ist das konservative “Heartland” Amerikas, hier ticken die Uhren ganz anders. Trump und NRA Aufkleber auf den Autos, “Gun Racks” Gewehrhalterungen, in den Pick-up Trucks. Die Landschaft ist wunderschön, man sieht im Vorbeifahren Bisons und Hirsche, Koyoten und Füchse, nachts haben schon ein paar Bären vor mir die Straße überquert.
Dort liegt Big Sky, eine Ortschaft, die diesen Namen wahrlich verdient. Der Nachthimmel zwischen den hoch aufragenden Bergen ist unbeschreiblich schön, spirituell in seiner ganzen Pracht. Es sind diese Augenblicke, die die Strapazen einer 40 Stunden Fahrt verschwinden lassen. Natürlich könnte ich irgendwo anhalten, mir ein Zimmer nehmen, übernachten, doch ich will ankommen und fahre weiter.

Bei Bozeman treffe ich auf die Interstate 90, die bei Billings in die 94 übergeht, es geht norwestlich weiter, die Grenze zu North Dakota liegt vor mir, hier habe ich schon 1400 Meilen hinter mich gebracht. Vor mir liegt die endlose Weite von North Dakota, der 94er zieht sich schnurgerade durch den Bundesstaat. Links und rechts nur Einöde. In der Mitte von North Dakota liegt Bismarck, die Hauptstadt des Staates. Hier existierte ein Internierungslager, in dem im Zweiten Weltkrieg viele Deutsche untergebracht waren, einer von ihnen war Max Ebel, der schon in den 30er Jahren vor den Nazis aus Deutschland floh, um dann in der Hysterie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor in die Fänge des FBIs zu geraten. Er verbrachte ein paar Jahre im Lager “Fort Lincoln”. Max Ebel lernte ich vor etlichen Jahren kennen, er erzähle mir seine Geschichte, an der er fast zerbrach. Immer wenn ich an Bismarck vorbei fahre, denke ich an ihn. Ich sollte “Fort Lincoln” mal besuchen, bislang, auf all den Fahrten gen Osten und gen Westen hat es noch nie geklappt. Vielleicht verbinde ich das mal mit meinem Traum, von Oakland in die UP nur auf Highways zu fahren, lokale Museen und Sehenswürdigkeiten zu besuchen und viel Zeit auf diesem Weg zu verbringen.

Wenn ich mich mal für eine halbe Stunde hinlege und die Augen schließe passt Käthe auf.

Von Fargo geht es ab von der Interstate auf den Highway 10, dann auf den Highway 210, quer durch Minnesota Richtung Duluth. Meist fahre ich nachts durch Minnesota. Einmal wurde ich gegen drei Uhr morgens von der Highway Patrol angehalten, weil ich einen mir entgegen kommenden Wagen mit meinem Fernlicht angeblinkt hatte, denn dieser blendete mich mit seinem Fernlicht. Es war die Highway Patrol, die ich da angeblinkt hatte. Er stoppte mich auf einer verlassenen Strecke des 210, stieg aus und kam langsam auf der Beifahrerseite zu meinem VW Bus. Im Seitenspiegel konnte ich beobachten, wie er den Verschluss seines Pistolenholsters löste. Das ist Routine, kein Polizist weiß, in welche Situation er in solch einem Augenblick kommt. In einem schwerbewaffenten Land wie den USA ist alles denkbar. Ich öffnete das Seitenfenster und fragte, warum er mich stoppe. Der Beamte sagte, ich hätte ihn angeblinkt, was nicht erlaubt sei. Ich antwortete, seine Scheinwerfer hätten mich geblendet. Er leuchtete mit einer Taschenlampe in meinen vollen Wagen, sah Käthe, die ihn einfach nur anschaute. Er wollte daraufhin meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen und fragte, woher ich komme. Ich sagte, aus Kalifornien und sei auf dem Weg in die UP nach Michigan. Nach der Prüfung meiner Papiere wünschte er mir eine gute und sichere Weiterfahrt. Ich nahm das zum Anlass, mal wieder länger anzuhalten, die Augen ruhen zu lassen.

Die letzte Etappe von Duluth, entlang der Küste des Lake Superior in Wisconsin zur Staatsgrenze nach Michigan zieht sich besonders lang hin. An diesem Punkt bin ich übermüdet, das Ziel quasi schon vor Augen und die Meilen werden nicht weniger. Der Highway ist langsam, kurvenreich, vorbei an Iron River, Ashland, Ironwood. Dort geht es dann wieder nach Norden, endlich in die UP.

Die Upper Peninsula war einst das Ziel vieler Einwanderer aus Europa. Finnen, Italiener, Tschechen, Polen, Deutsche, sie alle kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, um in den Kupferminen zu arbeiten und in der boomenden Region dieser Halbinsel eine neue Heimat zu finden. Noch immer sind in der UP riesige Vorkommen an Kupfer zu finden, hier soll es das reinste Kupfer der Welt geben, doch die Gesteinsbrocken sind so gross, zu teuer, um sie abzubauen. Seit den 1920er Jahren wurde eine Mine nach der anderen geschlossen. Überall findet man hier Geisterstädte, überwucherte Ansiedlungen und Industrieanlagen, die Natur holt sich das zurück, was ihr genommen wurde. Die Region ist eine vergessene Region in den USA. Die Winter sind lang und hart. Im September kann es schon schneien, im Mai fällt der letzte Schnee.

Es ist einsam hier oben an dem kleinen See, der mein Ziel ist. Doch es ist wunderbar, idyllisch, unbeschreiblich. Ein innerer Friede, ein Abschalten, ein in sich gehen. Mit dem Kayak nachts um halb elf auf den See zu paddeln, das Abendrot im hohen Norden zu bewundern, die Ruhe wirken zu lassen. In solchen Momenten weiß ich, warum ich immer wieder hierher komme an den Lake Roland. Der Weg ist das Ziel. Und das Ziel hilft auf dem Weg, der da kommen mag.

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