Am Ende steht der Tod

Vorletzte Woche lief diese Serie auf Deutschlandfunk Kultur. An fünf Tagen erzählte ich von meiner Freundschaft zu Reno im Todestrakt von San Quentin. Seit über 25 Jahren kennen wir uns, wir telefonieren wöchentlich, oft besuche ich ihn. Reno malte, seine Bilder habe ich hier im Haus, vor einiger Zeit setzte er mich für seine Patientenverfügung ein.

Ein fast 20 Jahre altes Polaroid Foto aus dem Besucherraum von San Quentin.

Und der Tag kommt wohl schneller als gedacht, an dem ich entscheiden müsste. Lange Zeit sprachen wir nie über den Tod, auch wenn Reno seit 1980 auf „Death Row“ sitzt. Einmal fragte er mich, ob ich bei seiner Hinrichtung dabei sein wolle. Das war noch vor dem Hinrichtungtsstopp 2006. Ich willigte ein. Der Tod war aber nie ein Thema in unseren Gesprächen – oder nur ganz selten. Doch nun schickte er mir eine Liste mit Namen und Adressen von Leuten, die ich informieren soll, wenn er nicht mehr ist.

In seinen Briefen, in seinen Telefonaten wird ganz deutlich, dass er des Lebens müde ist. Er hat Schmerzen, er will nicht mehr. Der Staat wird ihn nicht hinrichten, das steht fest. Aber Reno sagt, er habe keine Perspektive mehr. Was sagt man jemandem wie ihm, der seit 40 Jahren im Todestrakt lebt, lange Zeit davon auf seine Hinrichtung wartete und nicht mehr kann, nicht mehr will. Im Mai würde er 75 Jahre alt werden. Er sagt, er glaube nicht, dass er das noch erlebt.

Besuchen kann ich ihn nicht. Noch einmal eine Cola, Popkorn, Burger, ihn etwas aufheitern. Das Gefängnis ist unter „Lock Down“, das Corona Virus ist bereits innerhalb der Mauern von San Quentin nachgewiesen worden. „If I get it that’s it for me“, meint er. Er regelt gerade das, was ihm noch bleibt, was ihm noch wichtig ist. Hoffnung, die scheint er verloren zu haben. Und Hoffnung war lange Zeit das einzige, was er im Todestrakt von San Quentin hatte.

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