Die Kathedrale steht noch

Vor fast zwei Jahren hatte ich Besuch von guten Freunden aus Berlin. Ich wollte ihnen etwas zeigen, was hier vor der Tür zu finden ist, etwas ganz besonderes hier in diesem riesigen Ballungsraum. Redwoods, diese gewaltigen Bäume, die sich schnurgerade nach oben recken und alles unter ihnen klein erscheinen lassen. Es war ein mehr als anstrengender Spaziergang, vor allem bergauf am Ende. Aber ich glaube, der Augenblick am Fuße dieser Bäume hat alles entschädigt, zumindest sagten sie mir das. Am Abend spielten die beiden ein Konzert und ich schwöre, sie wirkten ganz und gar nicht ausgelaugt von dem beschwerlichen Ab- und Aufstieg.

Seitdem ich 1999 von San Francisco nach Oakland zog, bin ich eigentlich jeden Tag mit einem Hund im East Bay Regional Park unterwegs gewesen. Es gibt so viele wunderschöne Ort dort zu entdecken, viele mit einem unglaublichen Ausblick, doch mich zieht es immer wieder zurück an diesen Ort, der für mich wie eine Kathedrale wirkt. Oftmals bin ich dort alleine mit „man’s best friend“, wie auch heute, kein Mensch weit und breit zu sehen. Die schlechte, doch langsam bessere werdende Luft, hielt viele Spaziergänger in den letzten Tagen und Wochen fern. Am schönsten ist es dort, wenn der dicke Nebel sich über den Wald legt und alle Geräusche schluckt. Der Boden feucht und weich, die frische Luft. Die unglaubliche Ruhe in all dem Tumult, vergleichbar für mich mit der St. Klara Kirche in Nürnberg, die ich bei jedem Besuch in meiner Heimatstadt aufsuche.

Heute war ich mal wieder seit langem dort unten. Die Luftqualität war deutlich besser. Meine Käthe hat durchgeatmet und hat sich nicht bremsen lassen. Und diese Redwoods stehen noch immer da, unbeeindruckt von all dem, was um uns herum passiert, was uns aufregt, was uns wütend, verärgert, traurig macht. Das gibt in dem Augenblick eine ganz andere Perspektive. Sie zieht es weiter nach oben, dem Licht entgegen. Und diese Ruhe ist unglaublich erholsam. Entschleunigend. Die Redwoods in den Oakland Hills sind noch nicht so alt, zwischen 100 und 150 Jahren. Früher standen auch hier diese gewaltigen Bäume, die 500 und mehr Jahre auf den Wurzeln hatten. Es heißt, sie waren so hochgewachsen, dass sie Seefahrern auf dem Meer eine Hilfe waren, das Golden Gate nicht zu verpassen. Doch all diese Redwoods wurden seinerzeit abgeholzt für den Aufbau und dann den Wiederaufbau von San Francisco nach dem Erdbeben von 1906. Nur noch einer der ganz alten ist in den East Bay Hills übrig geblieben, an einem schwer zugänglichen Ort. Er wurde damals und wird heute wohl noch immer übersehen.

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