„The Divider in Chief“

Wer glaubte, Donald Trump komme nach dem Amtsenthebungsverfahren zur Vernunft, der hat sich mehr als getäuscht. Trump dreht nun so richtig auf, säubert die eigenen Hallen von all jenen, die nicht loyal genug gegenüber ihm und seiner Politik waren und sind. Mitarbeitern in den verschiedensten Ministerien wird gekündigt oder sie werden an andere, nicht weiter wichtige Positionen versetzt. Trump schasst alle kritischen Stimmen in seiner näheren Umgebung und besetzt die Stellen mit Ja-Sagern und 150prozentingen Trumpisten.

Und es ist Wahlkampf, Trump bläst zum erneuten Sturm aufs Weiße Haus. Dabei ist ihm alles recht. Er besetzt die nationalen Symbole, wie Fahne und Hymne, erklärt die Demokraten als unamerikanisch und unpatriotisch. Nur mit ihm und seiner auf Kurs gebrachten republikanischen Partei werden die amerikanischen Arbeiter, die amerikanischen Familien und der amerikanische Traum geschützt.

Trump ist befreit von all seinen Fesseln, er sieht einen klaren Freispruch darin, dass der Senat mit seiner republikanischen Mehrheit ihn nicht verurteilt hat. Nun kann er ungehindert von seiner Hexenjagd, dem „Deep State“, den gemeinen und fiesen Demokraten sprechen. Trump baut weiter an seinem sehr auf sich bezogenen amerikanischen Alltag. Wer für ihn ist und das auch ganz deutlich zeigt und erklärt, wird gefördert. Wer Kritik äußert oder sich gegen ihn stellt, wird als Feind Amerikas, als Sozialist, als Vaterlandsverräter hingestellt. Darunter durchaus auch einstige Wegbegleiter, wie der ehemalige nationale Sicherheitsberater John Bolton, der nun in Trumps Augen ein „traitor“ sei.

Donald Trump hält nun nichts mehr zurück. Seine Generäle, die er einst pries, die ihn einigermaßen in einer geordneten Laufbahn hielten, sind nicht mehr. Berater für Donald Trump sind nur noch die, die ihm kopfnickend zustimmen und das fraglos umsetzen, was er sich da in den Kopf setzt. Bestes Beispiel ist der umstrittene US Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, der ohne großes Vorwissen nun zum Geheimdienstkoordinator gemacht wurde und dort umgehend den Trumpschen Kurs durchsetzte. Kurzerhand wurde der stellvertretende Leiter, Andrew Hallman, gefeuert. Grenell wird zumindest für die kommenden Monate Trump die Ergebnisse der Geheimdienste präsentieren. Man kann davon ausgehen, dass da nichts über den Einfluss der Russen auf den US Wahlkampf zu hören sein wird.

Der Präsident hat im Jahr vier seiner Amtszeit nun das erreicht, was er von Anfang an wollte. Eine freie Fahrt ohne Hindernisse. Trump greift nun ungehindert die demokratischen Grundfesten an, regiert wie ein König und nicht wie ein gewählter Präsident. Das sollte endlich auch bei den Demokraten ankommen, die dieses peinliche Schauspiel des Vorwahlkampfes schnellstmöglich beenden sollten und eine geeinte Linie im Kampf ums Weiße Haus finden müssen.

Ein Album der rauen Zärtlichkeit

Vor kurzem habe ich eine Kassette mit dem Mitschnitt meiner ersten Radio Goethe Sendung gefunden. Das war vor fast 24 Jahren an einem Samstagmorgen auf KUSF 90,3 fm San Francisco. Was ich damals spielte war so ganz anders als das, was ich heute in meiner Sendung präsentiere. Damals war ich Ende 20, heute bin ich Anfang 50. Die Zeit, ich weiß… Wenn ich diese Playlisten von 1996 mit denen von 2020 vergleiche, dann hat sich viel verändert, obwohl der Grundsatz von Radio Goethe der gleiche geblieben ist, Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu spielen. Doch irgendwie haben sich da Grenzen verschoben.

Das liegt vor allem an einigen Musikerinnen und Musikern, die mir durch ihre Musik ganz neue Klangwelten eröffnet, meine Hörgewohnheiten und Hörerfahrungen verändert, ja, verschoben haben. Dazu zähle ich die Amerikanerin und Wahl-Berlinerin Danielle de Picciotto genauso wie den Bassisten der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke. Ihr jüngstes gemeinsames Album heißt “The Current”, das durchaus aktuelle Themen aufgreift, die uns alles betreffen – “All men are created equal” – eine Tatsache, die nur zu oft übersehen wird, die nicht beachtet, der Grund für Hass, Neid, Gewalt ist.

Es ist keine Platte im Vorbeigehen, nichts für nebenbei zu hören. “The Current” ist vielmehr ein Album zum Hinhören. Man braucht Zeit, um den beiden auf ihrer Exkursion in die Weite und die Tiefe zu folgen. Spoken Word neben langen, komplexen Soundlandschaften. Es entsteht ein reiches Klangbild, das so ganz anders, doch so vielschichtig und farbenfroh ist. Manchmal vertraut, manchmal nachdenklich, manchmal bedrohlich. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke ergänzen sich mit ihren Erfahrungen, ihren Geschichten, ihren musikalischen Ideen nahezu perfekt. Das wird ganz deutlich, wenn man die beiden live erleben kann. Hier die zart wirkende und tief in sich versunkene de Picciotto, die auf Violine, Drehleier und Kastenzither unglaubliche Vorgaben gibt, die dann von dem eher rau wirkenden Hacke, der durchaus auch gerne mal die Sau rauslässt, aufgenommen, ergänzt und zurückgespielt werden. “The Current” ist so ein wunderbares Zusammenspiel der beiden geworden, voller Ecken, Kanten und Tiefen. Ein Album zum Genießen.

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Und sie flechten wieder ihre Verschwörungstheorien

Betroffenheit, Entsetzen, Trauer nach dem terroristischen und rassistischen Anschlag von Hanau. In den USA wird genauso darüber berichtet wie in Deutschland. Wie konnte das passieren? Politiker aller Parteien tweeten und stellen ihre Stellungnahmen online. Auch so Alice Weidel von der AfD, die schreibt: „Extremismus, egal welcher Art, ist eine Gefahr für unser Land und muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats bekämpft werden.“ Das ist die typische Reaktion von Populisten, „egal welcher Art„, die damit von einer Tat ablenken wollen, sie relativieren, in dem sie gleich ein „aber“ einfügen. Aber man muss auch an die Gewalt der anderen denken, schaut auch dorthin. Das hat aber in solch einem Moment keine Bedeutung.

Alice Weidels Stellungnahme interessiert mich eigentlich gar nicht. Was ich erschütternd finde, sind die Reaktionen unter ihrer Meldung auf Facebook, die typisch sind für jene, die das glauben, was Populisten hier und da verbreiten. Das ist so in Deutschland, das ist so in den USA. Man muss nur die Tweets von Donald Trump und die Kommntare seiner Anhänger darunter verfolgen. Unter Weidels Stellungnahme starten sie gleich mit Verschwörungstheorien, der Staat habe seine Hände im Spiel, es wird gefragt, ob auch alles aufgedeckt wird, warum sei wohl das Bekennervideo auf Englisch oder warum sei die Anteilnahme an ermordeten ausländischen Mitbürgern höher als die beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin? Der Screenshot zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, insgesamt haben sich über eintausendreihundert Kommentare gesammelt. Ich musste nicht gross suchen, sondern einfach nur abfotografieren.

Wenn ich solche Kommentare, Verschwörungstheorien, abstrusen Gedanken lese, egal ob nach Anschlägen in Deutschland oder nach Amokläufen in den USA, dann kann einem angst und bange werden. Denn es zeigt, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung voller Mißtrauen ist, überall Verschwörungen des Staates sieht, es nicht akzeptieren kann, dass es oftmals keine dubiose Hintergeschichte gibt. Ich erlebe das hier in den USA Tag für Tag. Ich bin einer von denen, die morgens die Tweetstürme von Donald Trump lesen, seine Beleidigungen, seine Verdrehungen der Tatsachen, seine Rechtfertigungen für offensichtliches Fehlverhalten. Und ich lese die Kommentare darunter. Es scheint, dass 25 Prozent der Wählerschaft nur noch das glaubt, was dieser Populist im Weißen Haus vorgibt. Und wenn ich mir die Reaktionen auf Alice Weidels Seite ansehe, dann ist es in Deutschland nicht viel anders. Das macht mir Sorgen.

Halleluja in Elvis‘ Geburtsstadt

Elvis ist überall zu sehen in Tupelo.

Von Oakland nach Memphis und von dort nochmal eineinhalb Stunden mit dem Auto Richtung Osten, dann ist man in Tupelo, Mississippi. Ich muß da immer an den Film „Mississippi Burning“ mit Gene Hackman denken, der sich um FBI Ermittlungen nach einem Mord an schwarzen Bürgerrechtlern in den 60er Jahren dreht. An einer Stelle fragt Hackman: „What has for „i’s“ (eyes) and can’t see?“ „Mississippi“. Tupelo ist vor allem als Geburtsort von Elvis Presley bekannt. Und an Elvis kommt in der 30.000 Einwohner Stadt niemand vorbei.

Tupelo ist so ein ganz anderes Amerikas, als ich es von Oakland kenne. Mississippi ist „deep red“, ein republikanisch dominierter Bundesstaat. Konservativ, man kann eigentlich an jeder Ecke eine Kirche sehen. Und hier sind auch die Headquarters der „American Family Association“ und des Radionetzwerkes „American Family Radio“. Schon einmal war ich hier, das war 2008, als der Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama tobte. Damals positionierten sich Don Wildmon, der Gründer von AFA und AFR, und sein Sohn Tim Wildmon ganz deutlich gegen Hillary Clinton. Ihr Radio Network aus 180 Stationen im ganzen Land wurde zu einem Sprachrohr in der „Stop Hillary“ Kampagne. Direkt politisch durfte man nicht on-air sein, doch man sprach vielmehr über Hillary, ihre politischen Aussagen und ihre „Leichen im Keller“.

2012 sah sich AFA und AFR vor einem Problem. Der Kandidat der Republikaner wurde Mitt Romney, ein Mormone. Mehr schlecht als recht unterstützte man ihn gegen Barack Obama. Und dann kam 2016 mit Donald Trump ein Kandidat, der auf dem ersten Blick so gar nicht in das Bild der Christlichen Rechte passte. Tim Wildmon erzählte mir am Dienstagmorgen, dass er in den republikanischen Vorwahlen 2016 erst auf den texanischen Senator Ted Cruz setzte. Doch dann setzte sich Donald Trump durch und die konservativen Christen unterstützten dessen Wahlkampf aktiv. Das verwunderte viele, denn Trump, der mehrmals geschieden war und wie Tim Wildmon erklärte, das Leben eines Playboys geführt hatte, war nicht gerade einer aus der christlichen Mitte. Doch er versprach viel von dem, für was die „Christian Right“ in den USA kämpfte.

Und Trump hielt Wort. Er setzte nur Richter ein, die „das Recht auf Leben“ unterstützten, sprich gegen Abtreibungen sind. Das war für viele in der Bewegung ein Litmustest. Trump war für „Country, Borders, Security“ und auch da setzte er seine Wahlkampfversprechungen um. Und Trump unterstützte die Freiheiten der christlichen Gruppen und Organisationen. Er war, trotz seiner unchristlichen Vergangenheit, einer, den sie unterstützen konnten und den sie 2020 wieder unterstützen werden.

Im AFR Studio in Tupelo. Rechts Tim Wildmon.

Offen Wahlwerbung können sie nicht machen, das verbieten die Auflagen der FCC, aber die Themenauswahl und die Themenbehandlung ist eindeutig. Wie man auch in dem Mitschnitt der Sendung „

Today's Issues     
“ hören kann, in der ich mit im Studio sass. „American Family Association“ und „American Family Radio“ sehen sich als „Cultural Warriors“, als Kämpfer im Kulturkrieg der USA, als Soldaten Gottes. Trotz aller offensichtlicher Differenzen luden sie mich ein, nach Tupelo zu kommen. Das rechne ich ihnen hoch an, denn andere christlich-fundamentalistische Gruppen sagten gleich ab, reagierten erst nach mehrmaligen Anfragen und dann negativ. Bei AFA hatte ich zumindest das Gefühl „we agree to disagree“ und das in einer freundlichen, respektvollen Umgebung.

Mein Besuch in Tupelo war Teil einer größeren Geschichte über die Auswirkungen der Trumpschen Außenpolitik auf afrikanische Länder. Donald Trump hat die sogenannte „Mexico City Policy“ nicht nur wieder eingeführt, er hat sie auch ausgeweitet. Was bedeutet, dass zahlreichen Gruppen und Hilfsorganisationen in mehreren afrikanischen Ländern Gesundheitszentren und -kliniken schließen mussten und schließen werden, denn die USA sind weltweit der größte Geldgeber im internationalen Gesundheitsbereich. Auch, wenn sie nicht direkt Abtreibungen durchführen. Alleine schon die Beratung zu diesem Thema ist unter Trump tabu geworden. Die Folgen sind, dass in einigen Regionen, die HIV/Aids Beratung, Ausgabe von Verhütungsmitteln, Familienplanung, Impfungen und die medizinische Versorgung ganz wegfallen. Und dann ist da noch eine Tatsache, die erschreckend wirkt. Die Anzahl der Abtreibungen steigt, wenn diese Politik umgesetzt wird, das hat eine Studie der Stanford Universität ergeben. Trump und seine christlichen Soldaten erreichen also genau das Gegenteil von dem, was sie durchsetzen wollen. Es geht ums Prinzip und am Ende kostet dieses Prinzip viele Menschenleben.

Halleluja in der Muckibude

An der Ecke Broadway und 25te Straße in Downtown Oakland steht ein Flachbau. Eigentlich nicht weiter auffallend, wären da nicht ein paar riesige Letter: God’s Gym und zwischen den beiden Wörtern das Bild eines sehr muskulösen Jesus, der vor einem Kreuz und gesprengten Ketten steht. “We care”, “Wir kümmmern uns” lautet eine Leuchtschrift im Fenster.

Seit 30 Jahren unterhält Gary Shields hier seinen Fitnessclub der etwas anderen Art: 
“Ich habe 1987 zu Gott gefunden“, erzählt er. Damals habe er schon viel Gewichtheben und Bodybuilding betrieben, vorher zehn Jahre lang geboxt. „Ich nannte den Kraftraum am Anfang “Iron Pit Gym”, denn das war es für mich. Ein “Iron Pit” ist der Gewichthebebereich auf einem Gefängnishof.“

Seine Kraftbrüder waren damals vor allem ehemalige Strafgefangene, die sich in diesem “iron pit” wohl fühlten. Doch dann kam Ende der 90er Jahre jener Tag, an dem sich alles für Shields änderte: „Eines Tages fuhr ich hierher und dachte mir, das war’s. Ich griff mir schwarze Farbe und malte einfach über den Namen. Zwei Monate lang stand da nichts. Und ich betete zu Gott, er solle mir sagen, wie ich das hier nennen soll. Und er antwortete mir “God’s Gym”.“

Hier wird weder “Eye of the tiger” von Survivor gespielt, noch hört man tagsüber Gospel Music, Gary Shields meint, die Trainierenden sollen schließlich seine Anweisungen hören. Hier dreht sich alles ums Pumpen. Kraftmaschinen, Freihanteln, Gewichte, Fitnessräder und Laufbänder, alles steht eng nebeneinander. Der 57jährige Gary Shields – oder Big G, oder Brother Gary, wie er auch genannt wird – macht keinen Hehl daraus, dass in diesen verschwitzten vier Wänden Gott Zuhause ist: „Wenn hier jemand reinkommt und mich fragt, warum das hier “God’s Gym” heißt, dann antworte ich nur zu gerne: er ist der Schlüssel zum Erfolg in meinem Leben. Wie würdest Du es nennen? Joe’s Muckibude?“

Gary Shields ist hochgewachsen, breite Schultern, dicke Oberarme, ein paar Tätowierungen sind zu sehen. Er erzählt gerne und viel, lacht dabei, aber ihm laufen bei seinen Erzählungen auch mal die Tränen herunter, vor allem dann, wenn er über seine persönliche Beziehung zu Gott spricht. Shields erzählt, dass er um Mitternacht alleine mit dem Training anfängt, dabei Gospelmusik oder die Bibel als Audiobook anhört, danach frühstückt, um schließlich den Kraftraum für seine Kunden vorzubereiten. Es gibt keine Laufkundschaft, wie bei den Fitnessketten, er legt Wert auf das persönliche Training. Und immer wieder liest er zwischendrin in der Bibel: „Das führte auch dazu, dass Leute kamen und mich danach fragten, was ich da lese. Das führte zu einem Bibelstudium mit anderen. Ich wurde dafür nicht ausgebildet, aber ich rede von der Güte Gottes und was das in der heiligen Schrift bedeutet und wie sich das auf mein Leben auswirkt, wie ich danach lebe. Und das führte zur Straßen-Missionierung, dazu, dass ich erst Assistenzpastor und innerhalb von zwei Jahren Pastor wurde. Fühlst Du, was ich sage?“

Shields hat eine Mission, den Gospel, das Wort Gottes zu verbreiten. Und doch, er zwingt es niemandem auf, der zu ihm kommt, dafür ist er dann doch zu sehr auch Geschäftsmann. „Man, jeder kommt zu “God’s Gym”. Atheisten, Gläubige, Muslime. Sie kommen nicht unbedingt hierher, weil das hier “God’s Gym” ist. Sie kommen, weil wir uns um sie kümmern. So steht es auch im Fenster. “We care”. Ich kenne die Namen von all den 200 Menschen, die regelmäßig hier trainieren.“

Er sei ehrlich zu jedem, der zum ihm kommt, betont er. Einen Schwarzenegger, könne er nicht aus jedem machen, erklärt er mit einem Lachen. Und doch, Bodybuilding, Fitness- und Krafttraining hat für ihn viel mit Gott zu tun. “Pumping irons” sei durchaus in Gottes Sinne, meint er und spannt die dicken Muskeln für ein Foto an.

Wer hat gegen Trump eine Chance?

Seien wir mal ehrlich, Bernie Sanders hat keine Mehrheit in der demokratischen Partei. Sein Ruf nach der Revolution und sein Bekenntnis ein demokratischer Sozialist zu sein, kommen einfach bei den meisten Demokraten nicht an. Er hat zwar die Vorwahlen in New Hampshire gewonnen, aber das Ergebnis dieser Wahl muss man sich durchaus auch mal anders ansehen.

Bernie Sanders lag mit 25,7 Prozent vorn. Seine eher links in den demokratischen Reihen anzusiedelnde Politik hat damit jedoch keine Mehrheit. Auch wenn man die 9,2 Prozent für Elizabeth Warren hinzurechnet, die mit ihren Forderungen am nähesten zu Bernie steht, ist das noch lange keine Mehrheit. Auf der anderen Seite stehen rund 60 Prozent der Wähler hinter Kandidatinnen und Kandidaten aus der politischen Mitte, allen voran Pete Buttigieg, Amy Klobchuar und Joe Biden.

Der noch nicht mal zu den Demokraten gehörende Bernie Sanders hat keine Mehrheit bei den Demokraten, das steht fest. Die Partei hat vielmehr derzeit das Problem, mit dem sich die Republikaner 2016 rumschlagen mussten. Die gemäßigteren Kandidaten in der „Grand Old Party“ nahmen sich in den Vorwahlen gegenseitig die Stimmen weg, was dazu führte, dass ein Kandidat wie Donald Trump, der in keiner Vorwahl deutlich vorne lag, am Ende das Rennen machte. Trump und seine Politik der Abschottung und Ausgrenzung stand 2016 nicht für die republikanische Partei. Doch Trump konnte die Schwächen dieses amerikanischen Wahlsystems in den Vorwahlen und dann im Kampf ums Weiße Haus nutzen. Sein Wahlkampf war brillant organisiert und effektiv geführt, wie das Ergebnis zeigt.

Bernie Sanders könnte genauso wie Donald Trump mit einer eigentlichen Minderheit in der Partei zum Kandidaten der Demokraten werden. Seine politischen Forderungen repräsentieren sicherlich nicht die Mehrheit der demokratischen Wähler. Die Frage ist, ob Sanders es schaffen könnte, anschließend die Reihen hinter sich zu schließen, die Partei nach einem langen und bitteren Vorwahlkampf zu einen, um gemeinsam das eigentliche Ziel zu erreichen, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu werfen. Wie links sind die Demokraten? Würden sie einem Bernie Sanders folgen, der einen totalen Umbau der amerikanischen Gesellschaft ausgerufen hat?

TV Duelle zwischen Donald Trump auf der einen und Bernie Sanders auf der anderen Seite wären sicherlich sehr unterhaltsam. Doch darum sollte es nicht gehen. Um was es vielmehr geht, scheint den meisten Demokraten noch immer nicht klar zu sein. Nur geeint kann eine Wiederwahl Trumps verhindert und die Mehrheit im Abgeordnetenhaus gehalten werden, vielleicht sogar eine Mehrheit im Senat gewonnen werden. Die Ergebnisse in New Hampshire sprechen da eine ganz andere Sprache. Der Zwist der Demokraten geht weiter. Am Ende könnte einzig und allein Donald Trump der Gewinner dieser leidlichen Vorwahlen sein.

„Ich lass‘ mich in den Äther saugen“

Heute ist Weltradiotag. An dieser Stelle sollte man mal an all jene Radiomacher denken, die den Hörfunk für sich entdeckt haben. Nein, ich spreche nicht von den Profis im kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vielmehr von all denen, die ich ich über die Jahre in High School und College Sendern, Community Stationen und offenen Kanälen getroffen habe.

Im Tonarchiv eines Senders in Somalia.

Für mich selber ging es bei Radio Z in Nürnberg los, eine Station, die so ganz anders war und ist. Dort machte ich meine ersten Radioschritte. Neben Radio Z gibt es auch noch den Ausbildungskanal afk max/max neo in Nürnberg, den ich sehr gut kenne. Dort werden junge Radiomacher geschult und für Karrieren im Hörfunk vorbereitet. Ein tolles Konzept, ein engagiertes Team, die Ergebnisse lassen sich durchaus hören.

So richtig auf den „Geschmack“ von Community Stationen bin ich in San Francisco gekommen. Kurz nach meinem Umzug in die Bay Area 1996 fing ich auf KUSF, dem Collegesender der University of San Francisco mit meiner Sendung Radio Goethe an. „Mach mal“, hieß es und das langte mir, um allwöchentlich auf Sendung zu gehen. KUSF war eine Station, auf der sich alles traf. Armenier und Finnen, Türken und Chinesen, Perser und Polen, ein schwuler Pastor genauso wie ein Astrologe. Dazu Unmengen an Independent Musik. Vieles hörbar, manches nur schwer zu genießen. Ein Highlight war für mich auch das Kennenlernen der „Piratensender“ in der San Francisco Bay Area. Senden ohne Lizenz und mit politischer Message: „the airwaves belong to the people“.

Besuch einer Community Station im Niger.

Mit der „Syndication“ meiner Sendung lernte ich andere Stationen vor allem in den USA und Kanada kennen. Da ist KWMR in West-Marin oder KOWS in Sonoma County oder KRYZ in Mariposa. Da ist CFUV in British Columbia oder WBDG in Indianapolis, aber auch RaBe in Bern. Und zuletzt lernte ich KKUP in San Jose kennen. Community Stationen, die fernab des kommerziellen Radios Musik- und Wortprogramme ausstrahlen. Manchmal holprig, doch eigentlich immer mit Herz. Auf all meinen Reisen nach Afrika ist es mir immer wichtig, Radiostationen zu besuchen, zu sehen, welche Bedeutung der Rundfunk heute noch hat. Und immer treffe ich auf engagierte Radiomacher, die oftmals das beste aus den wenigen Mitteln und der Technik holen, die ihnen zur Verfügung stehen. Einfache Studios, es wird oftmals improvisiert. Am Ende klingt das, was da über den Äther kommt einfach gut und erfrischend.

An all diese Radiomacher sollte man heute denken, die den Hörfunk als wichtige Stimme ihrer Community erkannt haben. Die sich einsetzen, motiviert sind und das Radio zu dem machen, was es sein sollte – eine Stimme in der Community. Die Musik spielen, Kunst, Kultur, Literatur, Stimmen aus unserer Mitte oder vom Rand der Gesellschaft vorstellen, die man sonst nirgends hört. „To give a voice to the voiceless“… Radio verbindet, informiert, bildet, unterhält. Auch wenn immer wieder erklärt wird, das Radio habe keine Zukunft, daran glaube ich nicht. Radio ist das unmittelbarste und schnellste Medium. Es ist ganz einfach und billig on-air zu gehen, Menschen zu erreichen. Eben auch und gerade in Krisenzeiten und Konfliktgegenden. Radio hat eine Zukunft, so lange es all jene gibt, die an das glauben, was sie vor dem Mikrofon machen.

König von Amerika

Donald Trump sieht sich als Unschuldslamm. Er habe nichts falsch gemacht, sein Anruf in der Ukraine sei „a perfect call“ gewesen und überhaupt seien die Medien und die Demokraten nur darauf aus, das Wahlergebnis von 2016 auszuhebeln. Die fehlende Unterstützung seiner republikanischen Senatoren im Amtsenthebungsverfahren liest der Präsident als totalen und absoluten Freispruch. Und nicht nur das, er sieht sich bestätigt und bekräftigt.

Das zeigt Trump nun ganz deutlich. Jene, die gegen ihn vor dem Untersuchungsausschuss im Kongress ausgesagt haben, werden ihres Amtes enthoben oder versetzt. Am besten lässt sich das, was Trump nun macht mit einem Tweet seines Sohnes Donald Trump Jr. erklären:

Donald Trump Jr. sieht in den Ermittlungen des Kongresses die Möglichkeit, die Reihen zu säubern. Wer gegen den Präsidenten ausgesagt hat oder wer sich nicht deutlich zu Donald Trump bekannt hat, der wird nun die Konsequenzen spüren. Präsident Trump sieht sich bestätigt und reagiert wie ein Alleinherrscher. Die gesamte Verwaltung muss auf den Trumpschen Kurs gebracht werden. Widerspruch ist weder aus der Partei noch aus dem Justizministerium, dem Pentagon oder anderen Ministerien zu erwarten.

Trumps neue Regierungsausrichtung lässt sich nicht nur daran erkennen. Das Justizministerium schwächt die Haftempfehlung der eigenen Staatsanwälte gegen den Trump Freund Roger Stone ab, was dazu führt, dass die vier beteiligten Juristen aufgeben, kündigen, den Fall niederlegen. All das, nachdem der Präsident per Twitter deutlich machte, dass die Strafe für seinen langjährigen Kumpel viel zu hoch und ungerecht sei. Auch spricht bereits offen von einer Begnadigung. So etwas kennt man aus Diktaturen, wo es keine klare Abgrenzung zwischen Regierung und Justiz gibt.

Auch wurden vom Justizministerium nun Gelder für zwei gemeinnützige Organsisationen blockiert, die seit etlichen Jahren unterstützt wurden. „Catholic Charities“ in Palm Beach, Florida und „Chicanos Por La Causa“ in Phoenix, Arizona. Und das nicht ohne Grund. Der Leiter der katholischen Organisation hatte in der Vergangenheit demokratische Kandidaten unterstützt. Die Latino Gruppe in Arizona hingegen hatte offen Trumps Immigrationspolitik kritisiert. Inhaltlich gab es keine Vorwürfe, die Arbeit beider Organisationen war tadellos.

Gelder gehen hingegen nun an Kleinstgruppen wie „Hookers for Jesus“ (Nutten für Jesus), die von Vertretern der Christliche Rechte gegründet wurde und an „Lincoln Tubman“, einem Trump-Unterstützer. Immer deutlicher wird, dass Trump nun wie ein König regiert. Steuergelder werden an Vertraute ausgezahlt, Kritiker versetzt oder ganz rausgeschmissen, der Staatsapparat wird wie das Trump Familienunternehmen geführt. Mit der Wiederwahl von Donald Trump würden ganz neue und fatale Zeiten für die USA anbrechen.

Die Unausgewogenheit im „Staatsfunk“?

Gestern wurde auf Deutschlandfunk Kultur mein Feature über die Gefahr der rechten Milizen in den USA ausgestrahlt. Die bewaffneten Gruppen sind ganz legal in Amerika, haben sich im Wahlkampf 2016 neu formiert und fühlten sich durch die Wahl von Donald Trump bestätigt. Der pries sie bei den Ausschreitungen in Charlottesville als „fine people“. Kein Wort darüber, dass die Milizen sich auf den Tag X vorbereiten, zumeist rassistisch und nationalistisch ausgelegt sind.

Es ließ nicht lange auf sich warten, dass ich über Twitter Reaktionen auf dieses Feature erhielt. Es kamen positive Rückmeldungen, aber eben auch die typischen Anfeindungen, dass der „Staatsfunk“, gemeint ist Deutschlandfunk Kultur, und eben ich als freier Korrespondent für diesen Sender einseitig und ideologisch ausgerichtet berichten würde.

Und es kam der Vorwurf, dass in dem Feature, das sich mit den rechten Milizen in den USA beschäftigt, nicht auch die Gewaltbereitschaft der auch hier wachsenden Antifa-Gruppen erwähnt und angesprochen wird. Das ist die durchaus zu erwartende Reaktion, wenn man über „rechte Gewalt“ spricht. Sofort wird erklärt, man unterschlage oder verharmlose die links motivierte Gewalt. Doch darum ging es in diesem Feature nicht. Das Thema war nicht die politische Gewalt in den USA, sondern ganz speziell die Geschichte und die Situation rechter Milizen in den USA.

Natürlich schrieb ich Jan-Ole Hansen an, um ihn darauf hinzuweisen, dass es schon seltsam wäre, wenn das Thema um rechte Milizen geht, wenn ich dann über die Antifa in den USA spreche. Das wäre ungefähr so, als wenn ich über das Wine Country in Sonoma County berichten möchte – „World class wines in California“ – und dann darüber schreibe, dass ich viel Bier in kleinen Brauereien verköstigt habe. Klar gibt es die, aber das wäre dann wohl nicht das Thema. Manchmal scheint mir, als ob das deutsche Schulwesen bei einigen Zeitgenossen versagt hat, denn ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mir einmal ein Lehrer in der Schule sagte, meine Erörterung sei zwar sehr lesenswert gewesen, aber ich hätte das Thema verfehlt. Daraus lernte ich!

So ungefähr geht es rechten Populisten wohl andauernd, die beim Thema rechte Gewalt sofort reagieren und von der links politsch motivierten Gewalt oder der Gewalt von Immigranten berichten und das in einem vorwurfsvollen, allwissenden Ton. Ein klarer Fall von Thema verfehlt oder schlichtweg nicht verstanden, um was es in dem Beitrag „Geschichte und Bedeutung bewaffneter Milizen – Faschismus made in USA“ eigentlich ging. Das hat weder was mit Unausgewogenheit in der Berichterstattung, noch mit der ideologischen Vorgabe eines „Staatsfunks“ zu tun, den es auch gar nicht gibt. Das ist wohl reines Wunschdenken von Leuten, die ein Feindbild haben müssen. Wer so argumentiert macht sich lächerlich und ist gar nicht gewillt eine ernstzunehmende Diskussion zu führen.

„What’s up, Charlie Brown?“

Heute vor 20 Jahren starb Charles Schulz, der Vater der Peanuts. Oft denke ich an ihn und meinen Besuch in seinem Büro in Santa Rosa, wenn ich auf dem 101 Richtung Wine Country fahre, direkt am Flughafen von Santa Rosa vorbei, der nun „Charles Schulz Airport“ heißt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere veröffentlichten 2600 Zeitungen in 75 Ländern seine Bildergeschichten.

Als ich ihn damals mehr als nervös und aufgeregt in seinem Büro traf, war ich noch ganz neu in meiner Position als freier Korrespondent in den USA. Ich war selbst überrascht, als es zu dem Treffen kam, denn zuvor hieß es von verschiedenen Seiten, der Peanuts Vater gebe nicht gerne Interviews. Charles Schulz war jedoch sehr freundlich, nett, nahm sich Zeit, zeigte mir nach dem Gespräch noch sein Studio, sein Archiv, wie er arbeitete. Für mich war das spannend, ihn zu treffen, denn mit den Peanuts bin ich aufgewachsen, lieh mir als Kind regelmäßig die Bücher mit den „Strips“ aus der Stadtbücherei Nürnberg aus.

Aus aktuellem Anlass hier das Interview im Original, um ihn, einen der größten, bedeutendsten, einflußreichsten und erfolgreichsten Comic Strip Zeichner aller Zeiten, einfach mal so zu hören, wie er war. 20 Jahre nach seinem Tod und 20 Jahre nach der letzten Veröffentlichung seiner Peanuts.

Charles Schulz im Interview