Es geht nicht um Qualität

Richard Grenell wurde Botschafter in Berlin, nicht weil er ein guter Diplomat, ein Kenner Deutschlands oder Europas, ein Verteidiger der transatlantischen Partnerschaft war, sondern weil er ein 150prozentiger Unterstützer von Donald Trump ist. Blind, gehorsam, kritiklos, einfach abnickend und lauthals verteidigend, was der Boss im Oval Office vorgibt. Und genauso macht man Karriere in der Trumpschen Welt. Um Vorwissen, Einfühlungsvermögen oder gar eine Ausbildung geht es nicht.

Die Trumpistin Merritt Corrigan arbeitet nicht länger für USAID. Foto: AFP.

Merritt Corrigan ist ein anderes Beispiel. Sie wurde im Frühjahr von Trump bei der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation USAID als Verbindungsperson zum Weißen Haus eingesetzt. Kein Spur davon, dass sie eine Ahnung von Entwicklungs- oder Außenpolitik hat. Corrigan arbeitete zuvor für die republikanische Partei und auch in der amerikanischen Botschaft in Budapest. Da fiel sie auf, dass sie den ungarischen Präsidenten Victor Orban „the shining champion of Western civilization“ nannte. Schon zuvor wetterte sie gegen Feminismus, Flüchtlinge und liberale Werte. Corrigian selbst sieht sich als christliche Kämpferin, die diese Grundhaltung auch an ihren Arbeitsplatz bei USAID mitbrachte. Mit Unterstützung der fundamentalistischen Evangelikalen in den USA trat sie ihren Job an, denn die hatten mit Mike Pence eine „christian warrior“ im Weißen Haus, der fortan die Entwicklungshilfe der USA auf ihren Kurs brachte – gegen Abtreibung, gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, für christliche Familienwerte.

Doch bei USAID flog Merritt Corrigan nun nach nur wenigen Monaten raus. Immer wieder kämpfte sie gegen Projekte der Behörde an, wie sie es auch in einem Tweet darlegte: „Gay marriage isn’t marriage Men aren’t women US-funded Tunisian LGBT soap operas aren’t America First“. Und weiter „The United States is losing ground in the battle to garner influence through humanitarian aid because we now refuse to help countries who don’t celebrate sexual deviancy. Meanwhile, Russia and China are happy to step in and eat our lunch.“

Ihre Anti-LGBTQ Haltung wurde ihr nun zum Verhängnis. Seit Montag 15 Uhr ist sie nicht länger bei USAID angestellt, verkündete die Entwicklungshilfeorganisation. Doch Corrigan will sich damit nicht abfinden. Sie kündigte für Donnerstag eine Pressekonferenz an, um, wie sie sagt, die anti-christliche Politik und Vorgehensweise von USAID offenzulegen. Sie beschuldigt die Medien und Politiker der Demokraten einer Schmierenkampagne gegen sie. Sie werde sich nicht „radikalen, anti-christlichen Linken“ unterwerfen. Noch hat Donald Trump nicht auf den Rauswurf seiner Frau in der Behörde reagiert, aber das ist nur eine Frage der Zeit, denn verschiedene evangelikale Gruppen im Land fordern Konsequenzen nach dem Rauswurf ihrer Frau bei USAID.

 

Als die Perle noch glänzte

Mogadischu mit Blick Richtung Triumphbogen, ca. 1982. Foto: Duwendag.

Es gibt diese Städte, die ich gerne einmal besucht hätte, bevor sie zerstört wurden. Beirut, Kabul und eben Mogadischu. Städte, die in ihren Hochzeiten kulturelle Hochburgen waren. Gerade arbeite ich an einem Manuskript über die Bedeutung der Musik in der somalischen Kultur. Mogadischu war so eine Stadt am Indischen Ozean, in der Einflüsse von überallher zusammen kamen. Aus Indien, der arabischen Halbinsel, aus den früheren Kolonialmächten Italien und England, aus den Nachbarländern Äthiopien, Kenia, Sudan und natürlich nicht zu vergessen die musikalischen Einflüsse der Schwarzen in Amerika – Funk, Reggae, R&B.

Hier traf sich die Welt, Mogadischu wurde ein Treffpunkt der Kulturen. Zu hören ist dies auf den unglaublich kraftvollen Alben „Sweet as broken dreams“ von Ostinato Records und „Mogadisco“ von Analog Africa. Sie lassen eine Stadt erklingen, die so ganz anders ist, als das was wir heute von Mogadischu kennen, hören, sehen. Diese Alben könnten auch durchaus der Soundtrack für das neue Buch von Hans-Ulrich Duwendag sein – „Mogadischu, als die Perle noch glänzte„.

Lokomotive auf Drehscheibe am neuen Hafen in Mogadischu, November 1933. Foto: Duwendag.

Duwendag ist ein ehemaliger Diplomat des Auswärtigen Amtes. Er arbeitete Ende der 80er Jahre bis zum Sturz des Diktators Siad Barre in der deutschen Botschaft in Mogadischu, mußte dann, nur mit seinem Hemd am Körper und einer leichten Aktentasche überstürzt das Land verlassen. Und wie überall auf seinen Posten zuvor fotografierte Duwendag das Leben in seinem Einsatzort. Darüberhinaus suchte er auch dort den Kontakt mit Missionaren, die seit Jahrzehnten vor Ort lebten. Sie hatten ein „einzigartiges Archiv mit Dokumenten und Fotos aus der italienischen Kolonialzeit“ erstellt und bewahrt. Der deutsche Diplomat erhielt Zugang und durfte sogar 1989 einen Koffer voll mit Negativen für einen Heimaturlaub mit nach Deutschland nehmen, um dort Papierabzüge von den Negativen machen zu lassen. Nach der Rückkehr notierte der Archivar, Pater Venanzio, auf den Rückseiten der Fotos all das, was darauf zu sehen war. Ulrich Duwendag erwies Weitsicht, als er die nun beschrifteten Bilder der deutschen Botschafterin auf ihrer Reise nach Deutschland mitgab, wo sie anschließend gelagert und so vor der Vernichtung 1991 bewahrt wurden.  Aufgrund all dem konnte Duwendag einen historischen Fotoschatz zusammentragen und sichern, der eine faszinierende Stadt, die Perle am Indischen Ozean, vor ihrer totalen Zerstörung zeigt. All diese Bilder und seine Berichte kann man in diesem Buch, erschienen im agenda Verlag, finden.

Ich bin bislang nur mehrmals nach Somaliland und Puntland gekommen, jeder riet vor einer Reise nach Mogadischu ab. Auch für mein aktuelles Thema hieß es, in Mogadischu würde ich kaum noch was finden, vieles von dem, was ich suchte, könnte ich in Hargeisa, der Hauptstadt S0malilands entdecken. Es lohne sich nicht, die Mühen und die Gefahren eines Trips nach Mogadischu auf sich zu nehmen. Doch die Fotos von Hans-Ulrich Duwendag schüren nur erneut meine Neugier auf eine Stadt, die es so schon lange nicht mehr gibt.

Der Tanz mit den Teufeln am Horn von Afrika

Wenn man an das Horn von Afrika denkt, dann fallen einem vor allem Krieg, Chaos, Terror, Hunger und Seepiraten ein. Die Hochzeiten der Kulturmetropole Mogadischu sind lang her, lang vergessen. An eine spannende, reiche und vielseitige Musikszene in der Region denkt wohl kaum jemand. Doch die gibt es, wie das neue Album von Ostinato Records “The Dancing Devils Of Djibouti” zeigt

Neun von zehn Befragten haben noch nie etwas von Dschibuti gehört, der kleinen Republik am Horn von Afrika, zwischen Eritrea, Äthiopien und Somaliland gelegen. Das kleine Land mit noch nicht einmal einer Million Einwohnern liegt strategisch, wie es Vik Sohonie von Ostinato Records beschreibt: „Wenn wir an Dschibuti denken, dann an die Militärbasen. Daran, dass die USA von dort ihre Drohnen starten, um Somalia zu bombardieren.“

Vik Sohonie hatte zuvor mit seinem Label Ostinato Records die Platte “Sweet as broken Dreams” veröffentlicht, Musik aus der boomenden somalischen Metropole Mogadischu, bevor sie zerstört wurde. Dafür waren er und sein Mitstreiter wochenlang vor Ort, hörten sich durch Klangarchive bei Radiosendern und Kultureinrichtungen und suchten auf den Märkten der Region alte Kassetten. Und bei den Recherchen stießen sie auch auf die Musik im Nachbarland Dschibuti, am Golf von Aden gelegen, einem Knotenpunkt der Schifffahrt. „Ähnlich wie das auch in Somalia war, trafen und vermischten sich hier die verschiedenen Kulturen der Händler, denn ist so ein strategischer Punkt der Welt. Wenn man das alles zusammenfasst, dann versteht man, dass Dschibuti nicht nur heute ein Ort des globalen Interesses ist. Vielmehr ist es ein Ort, an dem sich all diese Kulturen von überallher trafen.“

Vik Sohonie und sein Label Partner reisten erneut nach Dschibuti, um dort Musik ganz neu aufzunehmen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Musikindustrie in dem kleinen Land wird seit der Unabhängigkeit 1977 staatlich kontrolliert. Und alles wurde im Studio des Nationalen Rundfunks aufgenommen. Es ging den beiden diesmal nicht darum, einfach nur Archivmaterial zu kopieren und zu veröffentlichen. Sie wollten an diesem Ort, in diesem alten Studio alte Songs ganz neu aufnehmen. Nach langem hin und her bekamen sie die Erlaubnis zehn Songs aufzuzeichnen, die nun auf dem Album “The Dancing Devils of Djibouti”, eingespielt von der Groupe RTD, zu finden sind. „Als wir die Band zum ersten Mal hörten, war das in diesem Aufnahmestudio. Hier hatte zuvor jeder gespielt, hier wurden Tausende von Songs eingespielt. Da ist diese Energie im Raum, diese historische Energie, auch wenn das Studio nicht mehr im besten Zustand ist. Aber da ist auch eine grandiose Akustik. Wenn die Band da spielt, ist es einfach atemberaubend.“

Es ist wahrlich ein musikalischer Schatz, der hier gehoben wurde. Musik zwischen Funk und Reggae, Harlem Jazz, indischem Bollywood und arabischen Einflüssen. Eine mitreißende Mischung, die bislang kaum bekannt war und nun sicherlich ein ganz neues Interesse finden wird. Und das mehr als verdient. Zehn Songs, die den musikalischen Reichtum dieser Region ausdrücken. Für Vik Sohonie drückt ein Lied das besonders aus, das übersetzt “You Are the One I Love” heißt: „Er gibt sehr gut dieses Ost-Afrika Gefühl wieder. Über diesen Song bekommt man einen Einstieg in die Musik Dschibutis. Da ist amerikanischer Funk und Jazz, ein bißchen Äthiopisch, ein bißchen Somalia, ein bißchen Indisch, ein bißchen von allem…. I think it’s the perfect stew for people to appreciate the music of Djibouti.”


Auf der Bandcamp Seite des Labels kann man schon mal in zwei Songs reinhören.

Dunkle Wolken am Horn von Afrika

Somalia ist ein Land, das seit nunmehr drei Jahrzehnten keine Ruhe findet. Der Großteil der Bevölkerung ist mit Krieg, Chaos, Konflikten, Hunger, Vertreibung und Elend aufgewachsen. Die Region ist hart vom Klimawandel betroffen und derzeit ziehen gewaltige Heuschreckenschwärme über die Länder am Horn von Afrika. Die Ernte ist in Gefahr.

Covid-19 trifft am Horn von Afrika auf eine unvorbereitete Bevölkerung.

Doch das ist noch nicht alles. Wie die Hilfsorganisation CARE berichtet, sind die Infektionszahlen von Covid-19 alarmierend. Am 5. Mai wurden 756 Fälle gemeldet, darunter 35 Tote. Es gibt nicht genügend Tests in Somalia, das zeigt diese Zahl ganz deutlich. Doch was aufhorchen läßt ist, dass 60 Prozent der Getesteten positiv sind. Das bedeutet, auf das Land und die gesamte Region rollt eine Krankheitswelle zu, die kaum noch zu kontrollieren ist. Im Vergleich, in den USA wurden rund sechs Millionen Menschen auf Covid-19 getestet, davon waren 17 Prozent positiv. Und das in einem Land, das das „beste Gesundheitssystem der Welt“ hat, so Präsident Donald Trump.

In Somalia sind weniger als 20 Prozent der Kliniken und Gesundheitszentren mit dem nötigen Equipment und Schutzmaterial für Ärzte und Pflegekräfte ausgestattet. Sauberes Wasser, Seife, Hygieneartikel sind in vielen Teilen des Landes nicht oder nur mangelhaft vorhanden. Somalia hat mit rund 2,6 Millionen inländisch vertriebenden Menschen (IDPs) ein riesiges Problem, denn viele von ihnen sind in Flüchtlingslagern oder bei Verwandten untergekommen.

Hilfsorganisationen, wie CARE, versuchen nun Materialien ins Land zu bringen, doch das ist angesichts der fehlenden Flüge und der internationalen Einschränkungen nicht ganz so einfach. Während man in Europa, in Asien und Nordamerika wieder vorsichtig zu einer Normalität zurückkehren will und kann, beginnt die Krise erst so richtig in Ländern wie Somalia. Es ist erneut eine fast vergessene Krise, weit weg, aus dem aktuellen Blickwinkel. Dazu kommt, dass viele in den USA und Europa in diesen Zeiten eine Bauchnabelschau veranstalten, was jenseits der Grenzen passiert interessiert nicht. Schon gar nicht, wenn die Grenzen weit weg sind. Man sollte daher jetzt auf die lauten Rufe von Hilfsorganisationen hören, denn sie sind noch immer im Einsatz „on the ground“. CARE ist gut vernetzt in der Region, einige der Projekte, gerade im Hygienebereich (WASH), konnte ich in der Vergangenheit besuchen.

Weitere Infos zur Arbeit von CARE in Somaliland, Somalia und anderen Ländern in Covid-19 Zeiten kann man hier finden.

Im Namen der Pressefreiheit

Heute ist „World Press Freedom Day“. Es spricht für sich, dass es diesen Tag überhaupt geben muß. Doch die Pressefreiheit ist unter Beschuß. Klar, man denkt da sofort an die eingeforderte Hofberichterstattung von Donald Trump. Er tut kritischen Journalismus als „Fake News“ ab und untergräbt damit die Arbeit von Journalisten weltweit.

Doch über Trump und sein gestörtes Verhältnis zu den Medien sollte es an diesem Tag nicht gehen. Vielmehr möchte ich an die Journalistinnen und Journalisten erinnern, die ich auf vielen meiner Reisen getroffen habe. In Afghanistan und Ruanda, im Niger und im Tschad. Ich denke an A. in Ciudad Juarez, als die mexikanische Grenzstadt zu El Paso 3400 Morde pro Jahr hatte, Drogenkartelle und ihre verbündeten Gangs sich offen Straßenkriege lieferten. Die Stadt glich gerade nachts eine Geisterstadt, ein öffentliches Leben gab es nicht mehr. Doch A. blieb, um über das zu berichten, was dort passierte. Auch als er Morddrohungen erhielt.

Besuch bei NIYYA FM in Maradi, Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Oder Adam Al Sanosi in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, der über die Revolution 2018/19 berichtete. Sich von Drohungen nicht einschüchtern ließ und einfach weitermachte. Da ist Maya Gadir, Moderatorin bei Capital Radio in Khartum. Der Sender blieb während den stürmischen Umbruchzeiten on-air und sendete weiter. Um nicht abgeschaltet zu werden, sprach man nichts deutlich an, doch positionierte sich zum Teil durch die Musikauswahl. Gadir spielte Lieder von der tunesischen Revolution oder auch „Talkin‘ about a Revolution“ von Tracey Chapman.

In Somaliland und Puntland traf ich auf junge, begeisterte Radiomacher, die ihre kleinen Freiheiten in einer sich langsam öffnenden Gesellschaft nutzten. Über Themen sprachen, die bislang kaum angesprochen wurden, darunter auch der Kampf gegen die weitverbreitete Genitalverstümmelung. Und ich denke an diesem Tag an den Studentensender in Goma, im Ost-Kongo. Studierende, die in ihren Sendungen darüber berichten, was wirklich vor Ort passiert, aber auch, wie reichhaltig die Kultur des Kongos ist. Die deutsche Journalistin Judith Raupp, die seit langem in Goma lebt und dieses Projekt begleitet, brachte mich mit den Radiomachern zusammen. Und ich konnte vor einigen Jahren die Verbindung zu multicult.fm in Berlin herstellen. Dort wird noch immer einmal im Monat „Ngoma“ ausgestrahlt, die Sendung aus Goma. Eine wichtige und ungefilterte Stimme.

Und auch hier in den USA gibt es so viele wunderbare Community Stationen, fernab des Mainstream, die den verschiedensten ethnischen Gruppen, Fremdsprachensendungen und Kulturschaffenden aller Art eine Möglichkeit bieten zu senden, sich auszudrücken, sich zu präsentieren. Das ist alles gelebte Pressefreiheit, die geschützt und behütet werden soll.

Vieles stört mich an Donald Trump, politisch sind wir sicherlich nicht auf einer Wellenlänge. Doch das ist nun mal so. Was ich ihm jedoch besonders vorwerfe ist, dass er die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft untergräbt, ja, unterminiert. Und dazu gehört eine freie Presse. Wenn schon in den USA Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet werden, wenn kritische Berichterstattung als „Fake News“ abgetan wird, dann kann man sich vorstellen, wie in Ländern wie Somalia, Tschad, Kongo, Ruanda und Sudan, Niger, Mexiko und Afghanistan, Uganda und Burundi gegen Journalisten vorgegangen wird. Dort schauen Regierungen auf Amerika und finden ein Argument dafür, gegen all jene vorzugehen, die nachfragen, Kritik äußern, über Mißstände und Fehlverhalten von Mächtigen berichten. Deshalb gibt es diesen „World Press Freedom Day“. Und er ist heute notwendiger als je zuvor.

Wo ist eigentlich Barotseland?

Wenn man an Musik aus Afrika denkt, dann vor allem an West-, Nord- und Südafrika. Doch auch fernab der bekannten Musikzentren wie Lagos, Kinshasa oder Johannesburg, läßt sich eigentlich überall hervorragende und mitreißende Musik auf dem Kontinent finden, das habe auch ich überall hören können. In Somalia, Tschad, Niger und Ruanda. Das kleine holländische Independent Label SWP-Records hat sich daher schon seit vielen Jahren dem Sound im Südosten Afrikas verschrieben.

Die aktuelle Musikreise geht nach Barotseland, in den Westen der Republik Sambia. Barotseland war einst ein 400 Jahre altes Königreich, das später als britische Kolonie Teil von Nordrhodesien wurde. Und genau dort wurde 1954 Michael Baird geboren. Im Alter von 10 Jahren, nach der Unabhängigkeit Sambias von Großbritannien, zog seine Familie nach Europa. Doch Michael Baird kehrt seit Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und die sind, so sagt er, in Sambia. „Da ich schon in anderen Teilen von Sambia und auch in Simbabwe und Lesotho aufgenommen habe, wollte ich auch endlich in die westliche Provinz, so nennt die Regierung in Lusaka diese Region, sie weigern sich es Barotseland zu nennen. Sie versuchen so, den Ruf nach einer nationalen Identität zu verhindern, denn sie haben Angst, dass Sambia sich spalten könnte.“

Es gibt in Barotseland durchaus eine Unabhängigkeitsbewegung, doch aufgrund der abgeschiedenen Lage der Region an der Grenze zu Angola wird sie kaum wahrgenommen und von der Regierung in Lusaka auch unterdrückt. Selbst der legendäre Musikethnologe Hugh Tracey, der über Jahrzehnte Musik in verschiedenen afrikanischen Ländern aufnahm, kam nie in diese abgelegene und schwer zu erreichende Gegend. „Er nahm zwar Lozi Musik aus der Gegend auf“ so Michael Baird, „aber die wurde von jenen gespielt, die in den Kupfer- und Kohleminen im damaligen Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe arbeiteten. Er war nie da und auch heute gibt es nur eineinhalb Straßen dorthin. Es ist eine sehr interessante Musik mit einer interessanten Geschichte, die auch die nationale Barotse-Identiät widergibt, das kann man auch in der Musik hören.“

Die Musik, so Baird, sei unpolitisch, aber sie halte die kulturellen Wurzeln durch die überlieferten Texte und die traditionellen Instrumente am Leben. „Am meisten wird in Barotseland das Silimba Xylophon gespielt, es ist ein sehr großes Xylophon, zweieinhalb bis drei Meter lang. Und es wird von zwei Leuten gespielt, einer an der unteren Seite, der andere an der oberen. In einigen Dörfern findet man sogar Riesen Silimba Xylophone, die rund fünf Meter lang sind. Die werden dann von vier, fünf Männern gespielt.“ Die Begeisterung ist ihm anzuhören. Er ist selbst Musiker. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass es für ihn wichtig ist, all jene zu bezahlen, die er mit seinen Mikrofonen vor Ort aufnimmt und auf SWP veröffentlicht. Und oftmals überrascht er sie alle mit seiner Begeisterung für ihre Musik: „Es ist ganz speziell für diesen Teil Afrikas und ja, auch eher unbekannt. Niemand kennt wirklich diese Region Afrikas. Ich hoffe, mit dieser Veröffentlichung kann man hören, dass die Musik einfach unterschätzt wird, denn sie ist wirklich gut.“

Die Geschichte des Barotselandes und die Reise von Michael Baird dorthin wird in diesem Klangbuch ausführlich in einem umfangreichen Booklet mit zahlreichen Fotos erzählt. Die Musik-Aufnahmen, die auf zwei Trips 2016 und 2018 entstanden sind, belegen einmal mehr, dass es noch so viel wunderbare Musik fernab der Metropolen, Charts und herkömmlichen Genres zu entdecken gibt.

Halleluja in Elvis‘ Geburtsstadt

Elvis ist überall zu sehen in Tupelo.

Von Oakland nach Memphis und von dort nochmal eineinhalb Stunden mit dem Auto Richtung Osten, dann ist man in Tupelo, Mississippi. Ich muß da immer an den Film „Mississippi Burning“ mit Gene Hackman denken, der sich um FBI Ermittlungen nach einem Mord an schwarzen Bürgerrechtlern in den 60er Jahren dreht. An einer Stelle fragt Hackman: „What has for „i’s“ (eyes) and can’t see?“ „Mississippi“. Tupelo ist vor allem als Geburtsort von Elvis Presley bekannt. Und an Elvis kommt in der 30.000 Einwohner Stadt niemand vorbei.

Tupelo ist so ein ganz anderes Amerikas, als ich es von Oakland kenne. Mississippi ist „deep red“, ein republikanisch dominierter Bundesstaat. Konservativ, man kann eigentlich an jeder Ecke eine Kirche sehen. Und hier sind auch die Headquarters der „American Family Association“ und des Radionetzwerkes „American Family Radio“. Schon einmal war ich hier, das war 2008, als der Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama tobte. Damals positionierten sich Don Wildmon, der Gründer von AFA und AFR, und sein Sohn Tim Wildmon ganz deutlich gegen Hillary Clinton. Ihr Radio Network aus 180 Stationen im ganzen Land wurde zu einem Sprachrohr in der „Stop Hillary“ Kampagne. Direkt politisch durfte man nicht on-air sein, doch man sprach vielmehr über Hillary, ihre politischen Aussagen und ihre „Leichen im Keller“.

2012 sah sich AFA und AFR vor einem Problem. Der Kandidat der Republikaner wurde Mitt Romney, ein Mormone. Mehr schlecht als recht unterstützte man ihn gegen Barack Obama. Und dann kam 2016 mit Donald Trump ein Kandidat, der auf dem ersten Blick so gar nicht in das Bild der Christlichen Rechte passte. Tim Wildmon erzählte mir am Dienstagmorgen, dass er in den republikanischen Vorwahlen 2016 erst auf den texanischen Senator Ted Cruz setzte. Doch dann setzte sich Donald Trump durch und die konservativen Christen unterstützten dessen Wahlkampf aktiv. Das verwunderte viele, denn Trump, der mehrmals geschieden war und wie Tim Wildmon erklärte, das Leben eines Playboys geführt hatte, war nicht gerade einer aus der christlichen Mitte. Doch er versprach viel von dem, für was die „Christian Right“ in den USA kämpfte.

Und Trump hielt Wort. Er setzte nur Richter ein, die „das Recht auf Leben“ unterstützten, sprich gegen Abtreibungen sind. Das war für viele in der Bewegung ein Litmustest. Trump war für „Country, Borders, Security“ und auch da setzte er seine Wahlkampfversprechungen um. Und Trump unterstützte die Freiheiten der christlichen Gruppen und Organisationen. Er war, trotz seiner unchristlichen Vergangenheit, einer, den sie unterstützen konnten und den sie 2020 wieder unterstützen werden.

Im AFR Studio in Tupelo. Rechts Tim Wildmon.

Offen Wahlwerbung können sie nicht machen, das verbieten die Auflagen der FCC, aber die Themenauswahl und die Themenbehandlung ist eindeutig. Wie man auch in dem Mitschnitt der Sendung „

Today's Issues     
“ hören kann, in der ich mit im Studio sass. „American Family Association“ und „American Family Radio“ sehen sich als „Cultural Warriors“, als Kämpfer im Kulturkrieg der USA, als Soldaten Gottes. Trotz aller offensichtlicher Differenzen luden sie mich ein, nach Tupelo zu kommen. Das rechne ich ihnen hoch an, denn andere christlich-fundamentalistische Gruppen sagten gleich ab, reagierten erst nach mehrmaligen Anfragen und dann negativ. Bei AFA hatte ich zumindest das Gefühl „we agree to disagree“ und das in einer freundlichen, respektvollen Umgebung.

Mein Besuch in Tupelo war Teil einer größeren Geschichte über die Auswirkungen der Trumpschen Außenpolitik auf afrikanische Länder. Donald Trump hat die sogenannte „Mexico City Policy“ nicht nur wieder eingeführt, er hat sie auch ausgeweitet. Was bedeutet, dass zahlreichen Gruppen und Hilfsorganisationen in mehreren afrikanischen Ländern Gesundheitszentren und -kliniken schließen mussten und schließen werden, denn die USA sind weltweit der größte Geldgeber im internationalen Gesundheitsbereich. Auch, wenn sie nicht direkt Abtreibungen durchführen. Alleine schon die Beratung zu diesem Thema ist unter Trump tabu geworden. Die Folgen sind, dass in einigen Regionen, die HIV/Aids Beratung, Ausgabe von Verhütungsmitteln, Familienplanung, Impfungen und die medizinische Versorgung ganz wegfallen. Und dann ist da noch eine Tatsache, die erschreckend wirkt. Die Anzahl der Abtreibungen steigt, wenn diese Politik umgesetzt wird, das hat eine Studie der Stanford Universität ergeben. Trump und seine christlichen Soldaten erreichen also genau das Gegenteil von dem, was sie durchsetzen wollen. Es geht ums Prinzip und am Ende kostet dieses Prinzip viele Menschenleben.

Die Bedeutung von Weltmusik in „America First“ Zeiten

Der Ruf nach “America First” ist überlaut, eine “hohe, schöne Mauer” will Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und Flüchtlinge aus Krisen- und Konfliktgegenden haben kaum noch eine Chance legal in die USA zu kommen. Das Einwanderungsland Amerika macht die Schotten dicht. Die eigene Bauchnabelschau steht im Wahljahr 2020 scheinbar an vorderster Stelle.

Da ist es erfrischend, dass das Plattenlabel Smithsonian Folkways mit Sitz in Washington DC einen ganz anderen Weg geht und in diesen aufgeheizten Zeiten die Vielfalt der Kulturen feiert. In einer neuen Wiederveröffentlichungsserie auf Vinyl wird nun Musik aus Gambia, Trinidad und den Gebieten der südlichen Sahara präsentiert.

Folkways Recordings ist eine musikalische Schatztruhe. Tausende von Aufnahmen aus aller Welt sind hier über die Jahrzehnte zusammengetragen worden, und das aus den verschiedensten und noch so entlegendsten Kulturen, in Sprachen, die es teilweise gar nicht mehr gibt. Oftmals ist es Musik, die alles andere als hitverdächtig ist. Aber Folkways, das bis in die 1940er Jahre zurückreicht, ist zu einem einmaligen Archiv der Weltmusik geworden. Das Label hat mit einer Wiederveröffentlichungsserie von alten Aufnahmen auf Vinyl begonnen, aktuell sind es – Calypso Travels, Gambian Griot Kora Duets und Tuareg Music of the Southern Sahara. Und das durchaus mit einem Hintergedanken, wie Huib Schippers, der Direktor von Folkways erklärt: „Wir leben in einer sehr polarisierten Welt. Wir als Label glauben, wir können das etwas abschwächen, in dem wir den Blick auf Menschen in anderen Teilen der Welt legen und zeigen, was sie antreibt.“

Huib Schippers erklärt auf die Frage, wie man denn bei solch einem gewaltigen Archiv mit tausenden von Aufnahmen eine Auswahl treffen könne, dass man als Team zusammenkomme, jeder bringe ein paar Vorschläge mit. Gemeinsam höre man sich die Aufnahmen an und entscheide dann gemeinsam darüber. Die drei aktuell veröffentlichten Platten verbinde musikalisch dabei wenig, sagt er, es sei einfach „unglaubliche Musik“.

Die Musik der Tuareg bringt den Hörer ganz nah dran, die Mikrofone haben dabei nicht nur die Musiker aufgenommen, sondern fingen auch die gesamte Atmosphäre im Freien ein. Die Kora Duette aus Gambia und Senegal hingegen stellen die feinfühligen und durchaus auch hypnotischen Klänge dieser westafrikanischen Harfe dar. Die Originalplatte erschien 1979. Calypso Travels von Lord Invader war dessen letzte Platte, die von Folkways Gründer Moses Asch 1960 in New York produziert wurde. Es ist zeitlose Musik, die auf diesen drei Veröffentlichungen präsentiert wird. Was sie verbindet ist der grenzenlose Blick auf diese universelle Sprache der Musik.

In diesen “America First” Zeiten wird genau diese Sprache zu einem wichtigen Gegenpart einer engstirnigen und beschränkten Politik. Folkways sieht sich dennoch nicht als politisches Label, man sei zwar Teils des Smithsonian Netzwerkes, aber finanziell nicht davon abhängig. Eine staatliche Kontrolle über die Veröffentlichungen und Themen des Labels gebe es also nicht, meint Huib Scheppers. „Wir glauben, die Menschen auf dieser Erde sollten in Frieden miteinander leben, versuchen, sich zu verstehen und Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu feiern. Vieles, was wir veröffentlichen drückt das aus. Es geht darum, neugierig zu sein, was für mich einer der besten Wege ist Vorurteilen vorzubeugen.“

Huib Schippers beschreibt das, was Folkways tut als eine Art GPS, ein globales Navigationssystem. Und das ist es wahrlich. Die Welt hören kann Grenzen verschieben. Geplant sind schon jetzt etliche weitere Wiederveröffentlichungen auf Vinyl. All die Musik gibt es auch als CD on Demand und natürlich als Download.

Ein Freitag mit Folgen

Er macht, was er will. Foto: AFP.

Freitag der 31. Januar 2020 war nicht nur ein schwarzer Tag für die amerikanische Demokratie. Es war auch ein schwarzer Tag für das, wofür Amerika einmal stand. Im US Senat machten die republikanischen Senatoren mit ihrer Stimmabgabe gegen weitere Zeugenaussagen deutlich, dass sie kein Interesse an einer Aufarbeitung des Fehlverhaltens von Donald Trump haben. Gleichzeitig weitete Trump die Einreise- und Aufenthaltsverbote weiter aus und hob ein Verbot der Nutzung von Landminen durch Barack Obama auf. Dem US Milität ist es also wieder erlaubt Minen zu verlegen.

Mit dem quasi Freispruch ohne Prozess wird sich Donald Trump bestätigt fühlen. Für ihn gibt es kein Einhalten mehr, keine Kontrolle, er hat nun eine Narrenfreiheit bekommen, die er nutzen wird. Denn der Senat mit seiner republikanischen Mehrheit hat auf ganzer Linie versagt. Die Partei hat sich lieber hinter dem „Stable Genius“ ein- und untergeordnet, als für die überparteilichen Werte Amerikas zu kämpfen.

Da verwundert es nicht, dass genau an dem Tag Trump auch noch den Einsatz von Landminen durch das Pentagon wiedereinführt und erlaubt und auch noch seine umstrittene „Travel Ban“ Liste ausweitet. Nun wird das Reisen, vor allem das Einreisen auch noch für Menschen aus Nigeria, Sudan, Tansania, Eritrea, Myanmar und Kirgistan erschwert. Genaue Gründe dafür werden nicht genannt, Trump und seine Administration müssen sich nicht mehr erklären. Das macht er hier erneut ganz deutlich. Er hat nun auch ganz offiziell einen Freifahrtschein erhalten. Die republikanische Mehrheit im Senat und seine Partei nicken alles ab, was der Präsident ihnen vorhält.

Die Folgen werden weitreichend sein, vor allem, wenn Trump wiedergewählt werden sollte. Vier weitere Jahre des Abbaus von Rechten für Minderheiten, von Schutzräumen für die Umwelt, von Strafzahlungen für Vergehen der Industrie, von Arbeitsschutzmaßnahmen und so weiter. Er wird weiterhin einen Keil in die amerikanische Gesellschaft treiben, den Graben vertiefen, die Grundfesten der amerikanischen Demokratie und Gesellschaft aushöhlen. Dieser Freitag hat gezeigt, wohin der Weg gehen wird.

Die Jugend wirkt aktiv

Olivia Seltzer hat mit 12 Jahren „The Cramm“ gegründet.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg macht es vor. Sie sah sich von der Politik der Älteren nicht mehr repräsentiert und wurde selbst aktiv. Ihr wöchentlicher Schulstreik jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm zog riesige Kreise. Ihr Bild, auf dem sie ihr Schild „Skolstrejk för klimatet“ in der Hand hält ging um die Welt. Anfangs noch alleine, nahm die Bewegung „Friday’s for Future“ schnell Fahrt auf, auch international ausgeweitet. Die Jungen fordern mehr Mitbestimmung, gerade dann, wenn es um ihre Zukunft geht.

Die Schwedin und Klimaaktivistin ist wohl die bekannteste Vertreterin der sogenannten Gen-Z, der Generation Z. Doch schon vor Greta wurde Olivia Seltzer aus Santa Barbara aktiv. Sie begann als 12jährige nach dem US Präsidentschaftswahlkampf 2016 eine Nachrichtenplattform für Gleichaltrige aufzubauen. Ich konnte mit ihr über ihr Projekt „The Cramm“ sprechen: