Die Bedeutung von Weltmusik in „America First“ Zeiten

Der Ruf nach “America First” ist überlaut, eine “hohe, schöne Mauer” will Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und Flüchtlinge aus Krisen- und Konfliktgegenden haben kaum noch eine Chance legal in die USA zu kommen. Das Einwanderungsland Amerika macht die Schotten dicht. Die eigene Bauchnabelschau steht im Wahljahr 2020 scheinbar an vorderster Stelle.

Da ist es erfrischend, dass das Plattenlabel Smithsonian Folkways mit Sitz in Washington DC einen ganz anderen Weg geht und in diesen aufgeheizten Zeiten die Vielfalt der Kulturen feiert. In einer neuen Wiederveröffentlichungsserie auf Vinyl wird nun Musik aus Gambia, Trinidad und den Gebieten der südlichen Sahara präsentiert.

Folkways Recordings ist eine musikalische Schatztruhe. Tausende von Aufnahmen aus aller Welt sind hier über die Jahrzehnte zusammengetragen worden, und das aus den verschiedensten und noch so entlegendsten Kulturen, in Sprachen, die es teilweise gar nicht mehr gibt. Oftmals ist es Musik, die alles andere als hitverdächtig ist. Aber Folkways, das bis in die 1940er Jahre zurückreicht, ist zu einem einmaligen Archiv der Weltmusik geworden. Das Label hat mit einer Wiederveröffentlichungsserie von alten Aufnahmen auf Vinyl begonnen, aktuell sind es – Calypso Travels, Gambian Griot Kora Duets und Tuareg Music of the Southern Sahara. Und das durchaus mit einem Hintergedanken, wie Huib Schippers, der Direktor von Folkways erklärt: „Wir leben in einer sehr polarisierten Welt. Wir als Label glauben, wir können das etwas abschwächen, in dem wir den Blick auf Menschen in anderen Teilen der Welt legen und zeigen, was sie antreibt.“

Huib Schippers erklärt auf die Frage, wie man denn bei solch einem gewaltigen Archiv mit tausenden von Aufnahmen eine Auswahl treffen könne, dass man als Team zusammenkomme, jeder bringe ein paar Vorschläge mit. Gemeinsam höre man sich die Aufnahmen an und entscheide dann gemeinsam darüber. Die drei aktuell veröffentlichten Platten verbinde musikalisch dabei wenig, sagt er, es sei einfach „unglaubliche Musik“.

Die Musik der Tuareg bringt den Hörer ganz nah dran, die Mikrofone haben dabei nicht nur die Musiker aufgenommen, sondern fingen auch die gesamte Atmosphäre im Freien ein. Die Kora Duette aus Gambia und Senegal hingegen stellen die feinfühligen und durchaus auch hypnotischen Klänge dieser westafrikanischen Harfe dar. Die Originalplatte erschien 1979. Calypso Travels von Lord Invader war dessen letzte Platte, die von Folkways Gründer Moses Asch 1960 in New York produziert wurde. Es ist zeitlose Musik, die auf diesen drei Veröffentlichungen präsentiert wird. Was sie verbindet ist der grenzenlose Blick auf diese universelle Sprache der Musik.

In diesen “America First” Zeiten wird genau diese Sprache zu einem wichtigen Gegenpart einer engstirnigen und beschränkten Politik. Folkways sieht sich dennoch nicht als politisches Label, man sei zwar Teils des Smithsonian Netzwerkes, aber finanziell nicht davon abhängig. Eine staatliche Kontrolle über die Veröffentlichungen und Themen des Labels gebe es also nicht, meint Huib Scheppers. „Wir glauben, die Menschen auf dieser Erde sollten in Frieden miteinander leben, versuchen, sich zu verstehen und Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu feiern. Vieles, was wir veröffentlichen drückt das aus. Es geht darum, neugierig zu sein, was für mich einer der besten Wege ist Vorurteilen vorzubeugen.“

Huib Schippers beschreibt das, was Folkways tut als eine Art GPS, ein globales Navigationssystem. Und das ist es wahrlich. Die Welt hören kann Grenzen verschieben. Geplant sind schon jetzt etliche weitere Wiederveröffentlichungen auf Vinyl. All die Musik gibt es auch als CD on Demand und natürlich als Download.

Ein Freitag mit Folgen

Er macht, was er will. Foto: AFP.

Freitag der 31. Januar 2020 war nicht nur ein schwarzer Tag für die amerikanische Demokratie. Es war auch ein schwarzer Tag für das, wofür Amerika einmal stand. Im US Senat machten die republikanischen Senatoren mit ihrer Stimmabgabe gegen weitere Zeugenaussagen deutlich, dass sie kein Interesse an einer Aufarbeitung des Fehlverhaltens von Donald Trump haben. Gleichzeitig weitete Trump die Einreise- und Aufenthaltsverbote weiter aus und hob ein Verbot der Nutzung von Landminen durch Barack Obama auf. Dem US Milität ist es also wieder erlaubt Minen zu verlegen.

Mit dem quasi Freispruch ohne Prozess wird sich Donald Trump bestätigt fühlen. Für ihn gibt es kein Einhalten mehr, keine Kontrolle, er hat nun eine Narrenfreiheit bekommen, die er nutzen wird. Denn der Senat mit seiner republikanischen Mehrheit hat auf ganzer Linie versagt. Die Partei hat sich lieber hinter dem „Stable Genius“ ein- und untergeordnet, als für die überparteilichen Werte Amerikas zu kämpfen.

Da verwundert es nicht, dass genau an dem Tag Trump auch noch den Einsatz von Landminen durch das Pentagon wiedereinführt und erlaubt und auch noch seine umstrittene „Travel Ban“ Liste ausweitet. Nun wird das Reisen, vor allem das Einreisen auch noch für Menschen aus Nigeria, Sudan, Tansania, Eritrea, Myanmar und Kirgistan erschwert. Genaue Gründe dafür werden nicht genannt, Trump und seine Administration müssen sich nicht mehr erklären. Das macht er hier erneut ganz deutlich. Er hat nun auch ganz offiziell einen Freifahrtschein erhalten. Die republikanische Mehrheit im Senat und seine Partei nicken alles ab, was der Präsident ihnen vorhält.

Die Folgen werden weitreichend sein, vor allem, wenn Trump wiedergewählt werden sollte. Vier weitere Jahre des Abbaus von Rechten für Minderheiten, von Schutzräumen für die Umwelt, von Strafzahlungen für Vergehen der Industrie, von Arbeitsschutzmaßnahmen und so weiter. Er wird weiterhin einen Keil in die amerikanische Gesellschaft treiben, den Graben vertiefen, die Grundfesten der amerikanischen Demokratie und Gesellschaft aushöhlen. Dieser Freitag hat gezeigt, wohin der Weg gehen wird.

Die Jugend wirkt aktiv

Olivia Seltzer hat mit 12 Jahren „The Cramm“ gegründet.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg macht es vor. Sie sah sich von der Politik der Älteren nicht mehr repräsentiert und wurde selbst aktiv. Ihr wöchentlicher Schulstreik jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm zog riesige Kreise. Ihr Bild, auf dem sie ihr Schild „Skolstrejk för klimatet“ in der Hand hält ging um die Welt. Anfangs noch alleine, nahm die Bewegung „Friday’s for Future“ schnell Fahrt auf, auch international ausgeweitet. Die Jungen fordern mehr Mitbestimmung, gerade dann, wenn es um ihre Zukunft geht.

Die Schwedin und Klimaaktivistin ist wohl die bekannteste Vertreterin der sogenannten Gen-Z, der Generation Z. Doch schon vor Greta wurde Olivia Seltzer aus Santa Barbara aktiv. Sie begann als 12jährige nach dem US Präsidentschaftswahlkampf 2016 eine Nachrichtenplattform für Gleichaltrige aufzubauen. Ich konnte mit ihr über ihr Projekt „The Cramm“ sprechen:

     

Es ist nicht alles Trump

2019 habe ich viel über Donald Trump geschrieben. Wahrscheinlich zu viel. Oft genug wurde ich gefragt, warum schreibst Du ständig über den? Man kommt als Korrespondent in den USA nicht um Trump herum. Das steht fest. Doch ich habe im vergangenen Jahr über viel mehr berichtet als nur über den „Tweeter in Chief“.

Vor genau einem Jahr lief meine Lange Nacht über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco. An der Dreistundensendung „Aufbruch in ein neues Leben“ habe ich lange gearbeitet und konnte Aufnahmen der letzten 20 Jahre neu verarbeiten. Im Januar folgten dann zwei Musikgeschichten, eine über die Musik App von Neil Young, die andere über die Digitalisierung von Schellack Platten. Musik begleitet mich immer und ich bin froh darüber, dass ich da manchmal wunderbare Musik finden und vorstellen kann.

Im Februar jährte sich dann zum 50. Mal das legendäre Konzert von Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin. Und San Quentin habe ich über die Jahre bei zahlreichen Besuchen mehr als gut kennengelernt. Mehrmals stand ich genau in jenem Speisesaal, wo Cash im Februar 1969 spielte. Und dort im ältesten Knast von Kalifornien sind auch Hexen im Einsatz. Es herrscht Religionsfreiheit, von daher bekommen Anhänger von Wicca regelmäßig Besuch von Hexen. Sowieso ist die San Francisco Bay Area ein Zentrum des Wicca Glaubens. Auch darüber berichtete ich in einem längerem Beitrag.

Eines meiner größeren Features in diesem Jahr war „Patriotismus made in USA“, der Kampf um den „American Dream“. Das war für mich auch ein persönliches Thema, denn seit 23 Jahren lebe ich in den USA, habe die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und hänge dennoch irgendwie zwischen den Kulturen und Sprachen. Auf der einen Seite wird man als Immigrant Willkommen geheißen, auf der anderen Seite hat sich das Klima gegenüber Fremden grundlegend verändert.

Mit CARE war ich im Sudan unterwegs. Ein Land voller Geschichten, die erzählt werden wollen.

Ich berichtete auch über den Roadtrip von Michel Foucault ins Death Valley, über die John Coltrane Church in San Francisco, die veränderte Museumslandschaft in den USA, ging der Frage nach, wie die Cola koscher wurde, besuchte den spirituellen Ort Ojai in Südkalifornien, sprach über die Rolle der Deutschen vor und während der Völkermorde an den Armeniern am Anfang und in Ruanda am Ende des 20. Jahrhunderts. In Kalifornien ließ der Gouverneur Gavin Newsom die Hinrichtungskammer abbauen und setzte alle Todesurteile aus, darüber redete ich mit dem Schauspieler und Anti-Death Penalty Aktivisten Mike Farrell.

Musik war auch in diesem Jahr immer ein wichtiger Part meiner Arbeit. Da ging es um die Wiederveröffentlichung einer Platte von „Gastarbeitern“. Grup Doğuş hatte in den 1970er Jahren einen mitreißenden Beat. Das Folkways Label brachte dann noch eine umfangreiche Box über die Musik aus Bulgarien heraus, auch die konnte ich besprechen. Und ich durfte mit einer Sendungsreihe Teil des Deutschlandjahres in den USA sein, das vom Auswärtigen Amt ausgerufen worden war. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ produzierte ich sechs musikalische Themensendungen die Deutschland und die USA verbinden.

Am intensivsten waren aber wohl meine Reisen nach Somaliland, in den Niger und in den Sudan, alles in einem Zeitraum von vier Wochen. Es ging um Musik, um Hoffnung, um den Blick nach vorne, ohne die eigene Geschichte zu vergessen. Gerade die Rolle der Frauen während und nach der Revolution im Sudan beeindruckte mich zutiefst. Ohne sie wäre der Regimewechsel wohl nicht möglich gewesen.

Eine lange doch unvollständige Liste von Themen, die ich in diesem Jahr bearbeiten konnte. Das alles war nur ein Teil der Arbeit eines freien Korrespondenten. Und doch, sie zeigt, wie vielseitig, spannend, interessant diese Arbeit sein kann. Ich lerne Leute kennen, darf Fragen stellen und bekomme meistens Antworten darauf. Sehe Orte, an die ich sonst nie kommen würde. Und wie gesagt, es ist nicht alles Trump in diesen Zeiten. Die Welt um mich herum birgt so viele wunderbare, faszinierende und erlebnsreiche Geschichten. Die sollten nicht übersehen und überhört werden. Auch und gerade im Trump-Zeitalter.

Musik in Zeiten der Krise

Wir trafen uns in einem Garten in Niamey.

Musik spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Da ist meine eigene Radiosendung, Radio Goethe, mit der ich seit 23 Jahren die Zuhörer vor allem in Nordamerika mit Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschalle. Zehn Jahre lang produzierte ich daneben eine Country- und Folksendung für eine Airline über den Wolken.

Da ist aber vor allem auch die Musik, die ich fast bei allen Themen, die ich behandele finde. Sei es in San Quentin, wo mir ein Todeskandidat auf der Death Row per Telefon ein selbstgeschriebenes Lied vorsingt. Oder die Geschichte der deutschen Einwanderer in die USA mit alten Originalaufnahmen aus den 1920er Jahren unterlegt wird.

Seit 1996, habe ich mich intensiv mit der Folkmusik und ihrer Geschichte beschäftigt. Man muss nur an Musiker wie Woody Guthrie oder Pete Seeger denken, um Musik als Sprache und kraftvolle Ausdrucksform zu erkennen. Gerade Pete Seeger öffnete für mich mit seiner Musik den internationalen Blickwinkel. Er war eng mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs und den internationalen Brigaden verbunden. In einem Interview sagte er einmal, dass das Lied der Moorsoldaten, geschrieben im KZ Börgermoor 1933, eines der wichtigsten und bedeutendsten anti-faschistischen Songs überhaupt sei. Dieses Lied wurde durch die internationalen Brigaden in alle Welt, alle Kulturen und alle Sprachen verbreitet. Die Kraft dieses Liedes war nicht nur für die internierten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder im KZ Börgermoor bedeutend, sondern wurde auch eine Stütze, eine Hoffnung für gepeinigte, unterdrückte und benachteiligte Menschen in den verschiedensten Ländern:

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!

Das Lied der Moorsoldaten     

Auf einem leeren Grundstück, vor ein paar Zelten, unter einem Stoffdach.

Und dann ist da die Musik, die ich auf so einigen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden kennerlernen durfte. Mit einem Recherchestipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und der Robert Bosch Stiftung konnte ich vor kurzem nach Somaliland und in den Niger reisen, in zwei Länder, in denen die Musik ganz wichtige Rollen spielte und noch immer spielt.

Es gab auf diesen Reisen diese Momente, an denen ich mich glücklich schätzte, das tun zu können, was ich mache. Orte zu sehen, Menschen zu sprechen, Geschichten zu hören, wunderbare Musik zu finden. In einem Garten in Niamey verschwand im Klang der Musik der ganze Lärm, der Stress, die Anstrengungen, der Alltag. Und dann liegt man an einem warmen Freitagabend auf einer Sandbank eines Zuflusses des Nigers. Eine Gruppe junger Tuareg entfacht ein Lagerfeuer, backt Brot, grillt Fleisch. Einige greifen zur Gitarre, zu einer Kalabasse als Rhythmusinstrument und sie fangen an unter einem sternenklaren Himmel zu spielen, zu singen….und dabei ist ein 51jähriger Deutsch-Amerikaner, der sich (nach dem Aufnehmen) und nach zwei Wochen unterwegs entspannt, zufrieden und dankbar zurücklehnt, den Nachthimmel betrachtet und in diesem Moment mal wieder spürt, warum er Journalist geworden ist.

Bring me back to Sudan

Da sitze ich an einem Sonntagmorgen in meinem Büro in Oakland und lese mich durch die Nachrichten der vergangenen Tage. Klar, auch unterwegs warf ich immer mal wieder einen Blick auf verschiedene News Seiten und las auch, was Donald Trump da wieder per Twitter von sich gab. Doch das war irgendwie alles weit weg. Nun bin ich zurück, kein Weg führt mehr drum herum. Wir sind 13 Monate vom Wahltag entfernt und diese 13 Monate werden lang.

Was geht nur in diesem Kopf vor? Foto: Reuters.

Es ist schon faszinierend, wie ein selbstverliebter Präsident eigene Fehler umkehren und sich als Opfer einer Verschwörung darstellen kann. Kräfte im „Deep State“ versuchten ihn zu stoppen, so Trump. Seine Anfrage an den ukrainischen Präsidenten zur Aufnahme von Ermittlungen gegen die Biden Familie sei schließlich seine Pflicht im Kampf gegen Korruption. Das muss man können, Dinge so zu drehen, dass egal was, man immer als Opfer gesehen wird. Und Trump macht das nicht nur für sich, auch seine republikanischen Mitstreiter glauben dieses Tollhausmärchen. Das grenzt schon an eine Bananenrepublik.

Trump malt sich seine eigene Realität, die bekannte „Alternative Reality“, in der nur er recht hat, in der nur das zählt, was er sagt, in dem Fakten nur dann Fakten sind, wenn sie ein Trump-Siegel erhalten. Dass er bei der Wahl 2016 weniger Stimmen als seine Konkurrentin Hillary Clinton erhielt, wurmt ihn noch immer. Und auch, dass Mitt Romney bei der Wahl 2012 mehr Stimmen als er erhielt, kann er nicht abhaben. Beide geht er deshalb nach wie vor an. Und dann sind da eben auch noch diese unsäglichen Geistergeschichten von Verschwörungen, einem „Deep State“, einem langen Arm der Demokraten, einer korrupten Medienlandschaft, die ihm alle nur ans Fell wollen. Donald Trump das Opfer.

Er dreht die Dinge, wie sie gerade kommen und seine Anhänger und weite Teile seiner Partei folgen ihm kommentar- und kritiklos. Das macht die Sache nun gefährlich, denn falls Trump die Wahl verlieren sollte, werden viele in seinem Lager davon überzeugt sein, dass der Wahlausgang manipuliert wurde, dass der „erfolgreichste Präsident aller Zeiten“ (Trump über Trump) um seinen Wahlsieg gebracht wurde. In einem Land, das bis zu den Zähnen bewaffnet ist, sind das keine guten Aussichten, denn von Donald Trump wird man nicht erwarten können, dass er eine Niederlage eingesteht, still und leise aus dem Amt scheidet, Platz macht für seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger. 13 Monate werden sehr lang werden, am Ende wird in den USA nichts mehr so sein wie es einmal war. Über all diesen Irrsinn, die Halbwahrheiten, Vermutungen, Verschwörungen, Verleumdungen und Beleidigungen zu berichten, das steht nun an. Da wünsche ich mir eigentlich, wieder in den Sudan, nach Somaliland oder in den Niger zurückkehren zu können, um über wirkliche, reale Probleme berichten zu können. Goodnight, America!

Die Hoffnung ist da

Es war eine schnelle Reise einmal halb um die Welt. Von Kalifornien in den Sudan. Nun bin ich wieder zurück in Oakland. Der Sudan ist ein Land im Auf- und Umbruch. In der Hauptstadt Khartum wurde viel von der Revolution gesprochen, der friedlichen Revolution, die Vorbild für andere afrikanische Staaten sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster von meiner Unterkunft in Kassala.

Ich sprach in den vergangenen Tagen mit Journalisten und Radiomachern, mit jungen, engagierten Frauen, mit Musikern, Kulturschaffenden. Man hat Hoffnung in diesem Land nach der jahrzehntelangen Dikatur. Das ist zu sehen, das ist zu spüren. Selbst in einem Pizzaladen ist es entspannter geworden. Junge Frauen sitzen zusammen, lachen, machen „Selfies“ ohne Kopftuch, genießen den Tag. So etwas sei vorher nicht möglich gewesen, wurde mir gesagt. Im einzigen englischsprachigem Radiosender in Khartum, Capital 91.6 FM, blickt man optimistisch in die Zukunft. „The heart beat of Sudan“ ist der Slogan dieser Station und der dringt klar und deutlich nach draußen. Die schwierigen Zeiten während des Umbruchs sind vorbei. Deutliche Worte durfte man in der Übergangszeit on-air nicht finden, doch man bezog durch die Musikauswahl Stellung. Ein Lied, wie Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout a Revolution„, wurde da zu einer kraftvollen Aussage, bestätigt mir die Moderatorin Maya Gadir.

Im Impact Hub von Khartum sitzen vor allem junge Leute mit Ideen zusammen. Sie repräsentieren das neue Sudan, sind stolz auf ihre Revolution, die ein Land nach 30 Jahren brutaler Regierung durch Omar Bashir, auf einen neuen Kurs gebracht hat. Seitdem sind nur wenige Monate vergangen, vieles ist noch unklar und unsicher, doch die Hoffnung ist groß, dass der Übergang zu einer demokratischen Reform funktioniert, dass der Sudan, das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas, zu seiner Stärke findet, die er eigentlich auf dem Kontinent haben müsste. Hier treffe ich auch Emad Zakria, den Mitbegründer von Share Zone, einem Start-up aus Darfur. Auch das gibt es in dieser von Krieg und Gewalt geprägten Region Sudans. Emad will dabei mithelfen, dass die Jungen bleiben und nicht das Land verlassen. Es ist beeindruckend, zu erleben, zu hören, zu sehen, was gerade im Sudan passiert, Ein Land im Umbruch, im Aufbruch.

Als die Tür während des Interviews mit dem Dorfführer immer wieder aufging, zückte dieser kurzerhand sein Messer und verriegelte die Tür damit.

Und doch, da sind auch die bekannten Bilder. Ich bin mit CARE Deutschland in dieses Land am Nil gereist, die hier unter dem Namen „Care International Switzerland“ arbeiten. Der Grund für diese Reise waren nicht die Revolution, die Start-ups, die Aufbruchstimmung, es war das, was wir in Kassala, im Osten des Sudan, nahe der Grenze zu Eritrea sahen. Vergessene Dörfer, Unterernährung, Wasserknappheit, benachteiligte Mädchen und Frauen, Armut und auch Elend. CARE hat hier in dieser konservativen Region neue Projekte begonnen, gemeinsam mit einer lokalen NGO versucht man zu  helfen. Es ist nicht ganz leicht, denn alte Traditionen, religiöse Überzeugungen, die harten Lebensbedingungen und die Abgeschiedenheit mancher Dörfer lassen eine schnelle Hilfe nicht zu. Es braucht Zeit, Geld und Ausdauer hier Fortschritte zu erzielen. Khartum ist weit weg. Kassala ist eine Gegend, in der viele Flüchtlinge aus Somalia, Somaliland, Eritrea und Äthiopien durchziehen. Es liegt im Zentrum der Schmuggler. Hier ticken die Uhren anders.

Es war für mich die erste Reise in den Sudan und es war beeindruckend, tief bewegend. Die Landschaft, die Kultur, doch vor allem die Menschen, die ich treffen konnte, die mit mir sprachen, die Antworten auf meine vielen Fragen gaben. Die junge Feministin von Amna, der ältere Dorfanführer in Omraika, die ältere vollverschleierte Frau in Kifeteria, die eloquente Programmleiterin von CARE Sudan und viele mehr. Sie alle nahmen sich Zeit, meine Fragen zu beantworten, erklärten mir Umstände, Sachverhalte, kulturelle Gegebenheiten. Nach so einer Reise komme ich zurück, geerdet, dankbar, bereichert. Und ich weiß, ich habe einen wunderbaren Job, der mich in andere Länder, andere Kulturen führt, der mich Orte sehen lässt, die ich wohl nie besuchen würde. Der mich jedoch vor allem mit Menschen in Kontakt bringt, die ich nie getroffen und mit denen ich wohl nie gesprochen hätte. Nun geht es daran, das alles auszuwerten, was ich aufgenommen, gesehen und erlebt habe. Eine besondere Verpflichtung gegenüber all jenen, die ich getroffen habe.

Die AFD in Niamey?

Man erlebt auf solchen Reise, wie ich sie gerade mache, Dinge, die man schlecht einordnen kann, man sieht Sachen, die will man kaum glauben. So war das heute, als ich auf einem Musikfestival in Niamey, der Hauptstadt des Niger war. Tolle Musik und dann hängt da ein Banner, auf dem die Unterstützer dieses Festivals genannt werden. Gleich neben der Europäischen Union steht da „AFD“. Echt jetzt, die „Alternative für Deutschland“, die Partei von Alice Weidel und Bernd Höcke finanzieren hier in der Sahel Zone ein Musikfestival? Nach allem, was diese Leute über farbige Flüchtlinge in Deutschland gesagt haben und sagen, investieren sie hier ihre Parteieuros, um an einem Samstagabend die Hauptstadt des Niger zu beschallen? Oder steht „AFD“ doch eher für „Agence Française de Développement“? Hm, wahrscheinlich, aber man darf sich ja noch wundern.

Momente wie diese

Zweifel habe ich oft. Ob ich die Geschichte, über die ich berichten will, auch wirklich erzählen kann, ob ich die Interviews, die Töne, die Musik bekomme, die ich für ein klangvolles Feature brauche. Manchmal geht es einfach nicht voran, manchmal sehe ich den roten Faden nicht, der sich durch die Story ziehen soll, manchmal klappt hinten und vorne einfach nichts. Bei dieser Geschichte über die Bedeutung von Musik in Konfliktgegenden und Zeiten der Krise, an der ich gerade arbeite, ist das nicht anders. Ich musste meinen Flug nach Somaliland für 700 Euro umbuchen, weil derjenige, mit dem ich vor Ort unbedingt reden musste, der mir viele Interviewpartner vor Ort vermitteln wollte, mir wenige Tage vor dem Abflug in einer Mail schrieb, ich solle doch einen Tag vorher fliegen, da er an meinem eigentlichen Anreisetag nach London fliege. Es war kein Notfall und er wusste seit Mai, dass ich an diesem Tag im September ankomme.

Vieles was sein sollte, ergab sich dann nicht und ich begann innerlich etwas zu rotieren. Wie sollte ich die Geschichte nun erzählen? Ich suchte nach anderen Interviewpartnern in Somalia. Einer, der von sich behauptet, er setze sich sehr für die somalische Kultur ein, dafür, dass die Menschen in den westlichen Nationen Somalia und Somaliland verstehen lernen, ließ mir über seinen Manager in London mitteilen, dass er nur für einen Vorabbetrag von $400 mit mir sprechen würde. Soviel zum Kulturaustausch.

Ein musikaliscer Bilderbuchmorgen in Niamey.

Die Zweifel an dieser Story waren da, auch wenn ich wunderbare Menschen treffen und mit ihnen sprechen konnte, aber diese rote Linie fehlte noch für mich. Dann ging es weiter nach Niamey. Interviews und Eindrücke, die mir die Größe, diese Übergröße dieses Themas vor Augen führen, auch, dass ich das Thema nur ankratzen werde. Musik ist eine wunderbare Sprache, komplex, tief, vielseitig und vielleicht auch unbeschreibbar.

Gestern erlebte ich diese Augenblicke, die dann ganz anders waren. Am Morgen wurde ich quer durch die Stadt zu einem Grundstück gefahren, hohe Mauern, eine gewaltige Metalltür. Dahinter ein offener Platz, ein paar Zelte, Behausungen, ein Schaf blöckte laut, ein paar Ziegen liefen herum, Kinder spielten im Sand. Vom Nebenhaus war Gehämmere zu hören. Es war schon sehr heiß an diesem Morgen, mir lief der Schweiß runter. Eine Frau winkte uns heran, breitete unter einem niedrigen Dach aus Stroh zwei Matten aus, darauf legte sie eine Decke. Moussa, mein Begleiter, und ich setzten uns auf ein paar niedrige Stühle und warteten. Nacheinander kamen drei Tuareg Musiker, die mir Fragen beantworten und ein paar Lieder spielen wollten. Ich sass schließlich da und merkte mal wieder, dass ich einen wunderbaren Job habe, der mich in andere Länder bringt, der mir neue Kulturen zeigt, der mich zu Menschen führt, denen ich Fragen stellen kann, die oftmals beantwortet werden, dass ich Eindrücke erhalte, Augenblicke erlebe, die einzigartig, die bereichernd sind. So auch dieser auf diesem offenen Gelände unter dem Strohdach. Am Schluss noch ein Liedgeschenk, ein traditionelles altes Tuareglied.

Musik, Lagerfeuer, Wetterleuchten und frisch aufgebrühter Tee.

Am späten Nachmittag brachte mich Moussa dann zu seiner Band. Junge Leute sassen in einem Hof zusammen und spielten, sangen, jammten. Unglaublich, welche Kraft Musik ausdrücken kann. Danach fuhren alle raus aus der Stadt zu einem Seitenarm des Niger, unterwegs hielten wir noch an, um Mehl, Wasser und Holz einzukaufen. Auf einer Sandbank dann wurden kleinere Lagerfeuer entfacht, eins zum Tee kochen, eins zum Brot backen, eins für eine Fleischsoße. Während alles zubereitet wurde, griffen zwei zu Gitarren und begannen zu spielen, einer nutzte eine Kalebasse als Percussioninstrument, es wurde gesungen, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Am Himmel braute sich ein Unwetter zusammen, ein gewaltiges Wetterleuchten erhellte die sich auftürmenden Wolken, doch es blieb trocken, der aufkommende Wind war angenehm bei dieser drückenden Hitze. Ich legte mich zurück und ließ die Musik einfach wirken. Irgendwo im Niger lag da ein zufrieden lächelnder Berufszweifler, der in diesem Moment erkannte „life’s good“.

 

Der Niger tönt

Ich bin in Niamey, der Hauptstadt des Niger. Es ist heiß, ich weiss gar nicht, wie ich immer noch Flüssigkeit in mir haben kann, denn hier ist Dauerschwitzen angesagt. Selbst am Abend kühlt es nicht viel ab. Gestern sass ich nach meiner Ankunft noch in einer Bar, direkt am Niger und ölte nur so vor mich hin bei einem kühlen Bier aus Burkina Faso.

Heute morgen dann im Garten von Sakina, der quasi Managerin von Studio Shap Shap. Dort, unter einem Pavillon aus Holz und Stroh, stand heute eine Bandprobe an. Eine entspannte Atmosphäre mitten im Grünen. Eine Ente watschelte durchs Bild, eine Henne grub sich ein Loch und legt sich hinein, der Straßenlärm versank in der Ferne. Und dann begann die Band zu spielen. Traditionelle Instrumente aus dem Niger, ein E-Bass, ein unglaublicher Percussionist, der seine Kalabassen mit Händen und Füßen bearbeitet, Sound Einspielungen vom Laptop und ein Synthesizer. Das alles geht im Klang von Studio Shap Shap auf, ein offenes Bild, zwischen Tradition und Moderne entsteht.

Die Band ist untypisch für den Niger, auch wenn bekannte musikalische Anspielungen einfließen. Doch das ist ganz bewusst so gehalten, es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen im Niger. Dazu noch die der Expats. Und das ergibt diese unglaubliche Mischung zwischen Verweilen und vom Rhythmus mitgerissen zu werden. Und das ganze hier in Niamey live zu erleben, in diesem Garten, in dieser Hitze, öffnet die Musik noch einmal ganz neu für mich. Direkt vor mir wird der Sound zu einem spürbaren Erlebnis.

Am Nachmittag ein Besuch im „Centre de Formation et de Promotion Musicales“, ein Interview mit dem Direktor der Institution. Er erzählt über den Vielvölkerstaat Niger und die Bedeutung der Musik in dieser Gesellschaft, die Rolle der Musiker in der Übergangszeit von der einstigen französischen Kolonie zur Unabhängigkeit. Ein spannendes Gespräch, in dem ich meinem Thema wieder ein Stückchen näher komme. Morgen stehen dann eine weitere Bandprobe und etliche Interviews an. Ich hoffe, ich zerfliesse hier nicht.