Die Evangelikalen stehen zu Trump

Mississippi ist ein konservativer Bundesstaat, ein Teil des sogenannten Bibelgürtels der USA. Hier findet man sehr viele Kirchen und Glaubensgemeinschaften aller christlichen Richtungen. Wer nach Tupelo will, fliegt nach Memphis und fährt von dort nochmals eineinhalb Stunden mit dem Auto weiter. Dort findet man eine der führenden Organisationen der Christliche Rechte, der fundamentalistischen Evangelikalen, in den USA.

Die Headquarters der „American Family Association“ und „American Family Radio“.

“Und nun ein Krieger für das Wort Gottes und die Verfassung der Vereinigten Staaten…” So beginnt die Sendung “The Awakening” von Bishop E. W. Jackson, ausgestrahlt auf dem Radionetzwerk “American Family Radio” auf über 180 Stationen im ganzen Land. “American Family Radio” gehört zur “American Family Association”, einer christlich-fundamentalistischen Organisation, die 1977 von Don Wildmon in Tupelo, Mississippi gegründet wurde. Das Ziel war – und ist – gegen die Verlotterung Amerikas, gegen Pornografie, die, wie sie sagen “Homosexualisierung der Gesellschaft” und für die traditionellen christlichen Familienwerte einzutreten.

Mississippi ist ein konservativer Bundesstaat in den USA, mitten im “Bible Belt”, dem Bibelgürtel der Südstaaten. Tupelo gilt in dieser Region als etwas liberaler. Bekannt ist die Kleinstadt vor allem als Geburtsort von Elvis Presley. An Elvis kommt man hier nicht vorbei: Statuen und Gedenktafeln, Bilder und Andenken zum Mitnehmen.

Doch um Elvis Presley geht es weder bei der “American Family Association” noch bei ihrem Radionetzwerk. Ganz offen verbindet man Religion mit Politik. Man dürfe zwar keinen Kandidaten offen unterstützen, aber man spreche viel über Politik und darüber, wie sich Kandidaten positionierten, erklärt Tim Wildmon, Sohn des Gründers und seit letztem Jahr “Spirtual Adviser” von Donald Trump, Berater in religiösen Fragen. “Ich wurde vor ein paar Monaten dazu eingeladen, Teil des “Faith Advisory Council” von Präsident Trump zu sein. Es ist keine bezahlte Position, es ist vielmehr ein Gremium christlicher Führer aus allen Teilen Amerikas, die vom Präsidenten und seinem Team gefragt wurden, für ihn zu beten, denn er glaubt an Gebete und ihn auch dahingehend zu beraten, was uns Christen betrifft.”

Schon früh im Präsidentschaftswahlkamf 2016 hatten die verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften der Christlichen Rechte in den USA auf Donald Trump gesetzt, denn dieser sprach genau das aus, was sie hören wollten, erzählt Tim Wildmon, der auch der Präsident der “American Family Association” ist: “Viele Christen hatten ihre Vorbehalte gegen Donald Trump. Er war kein Konservativer, er war sicherlich kein Christ im eigentlichen Sinne. Er lebte lange als Playboy, hatte mehrere Ehen und, wie man weiß, nicht gerade den besten Charakter. Aber, er machte eine Menge Versprechungen im Wahlkampf und viele Christen meinten, er sollte eine Chance bekommen.”

Im AFR Studio in Tupelo. Rechts Tim Wildmon.

Gerade was Trump in Bezug auf Pro-Life Richter, also Richter, die gegen Abtreibung sind, versprach kam an. Er betonte, dass er nur Richter einsetzen werde, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche aussprachen. Was bei den Evangelikalen in den USA auch gut ankam war, dass er mit Mike Pence einen “von ihnen” in sein Team holte. Vize-Präsident Mike Pence, der sich selbst als ein “born again Christian” versteht, ist für die Evangelikalen der direkte Kontaktmann in der Regierung. Mit ihm haben sie jemanden, der ihre Ideen von Ehe, Erziehung und Abtreibung umsetzen kann und das auch macht. So jemanden hatten sie bislang noch nie im Weißen Haus.

Dieser Schulterschluß zwischen der Trump-Administration und den Evangelikalen wird auch ganz deutlich, wenn man sich die Sendungen von “American Family Radio” anhört. Donald Trump wird Tag für Tag in den Sendungen gelobt, verteidigt, als jemand gepriesen, der für die Christen im Land kämpft. “Der Präsident hätte ohne die Stimmen der evangelikalen Christen 2016 nicht gewinnen können. Er kann darauf auch in dieser Wahl bauen”, umschreibt es Tim Wildmon. 85 Prozent der Evangelikalen hatten in der letzten Wahl für Donald Trump gestimmt. Neben dem Radionetzwerk unterhält die Family Association auch noch eine Presseagentur mit täglichen evangelikalen Nachrichten und Sichtweisen, dazu wird ein Newsletter verschickt, der nach eigenen Angaben, mehrere Millionen Menschen in den USA erreicht.

Und nun in diesen Zeiten von Covid-19, dem “Social Distancing”, dem in den eigenen vier Wänden bleiben, werden die weit verbreiteten und viel gehörten Radiosendungen des “American Family Radios” zu Gold für Donald Trump. Ein offener, direkter Wahlkampf ist derzeit nicht möglich. Trump hat damit einen Vorteil, denn ein ähnliches Radionetzwerk gibt es nicht für einen Kandidaten der Demokraten. Millionen von Amerikanern, gerade im “Heartland” schalten ein und hören zu, wie die Evangelikalen der “American Family Association” für ihren Kandidaten ins Feld ziehen, um den “Culture War”, den Kulturkrieg in den USA zu gewinnen. Sie sind zum Sprachrohr für Donald Trump geworden.

Doch egal, ob Donald Trump oder der Kandidat der Demokraten am 3. November die Wahl gewinnen wird. Für Tim Wildmon und die Evangelikalen in den USA ist eines ganz klar – sie bleiben und werden weiter für ein christlich fundamentalistisches Amerika kämpfen: “Uns gibt es seit 1977, schon über 42 Jahre, wir verschwinden nicht, wir wachsen weiter, bleiben stark und halten an unserer Botschaft fest. Wir sind mehr als nur diese Konflikte mit den Linken über Abtreibung und Rechte von Homosexuellen. Wir helfen den Leuten der Bibel in Fragen zur Familie und in ihrem täglichen Christsein zu folgen. Das alles führt zu einer Stärkung Amerikas, daran glauben wir.”

Im Bett mit Donald Trump

Millionen von Amerikanern kennen Mike Lindell. Zumindest seine Werbeclips, in denen der Oberlippenbartträger ganz freundlich lächelnd ein Kissen kuschelt, an sich drückt und darüber streichelt. „Mypillow.com“ heißt seine Firma, allabendlich ist er damit in den Werbepausen zu sehen und betont seine Kissen seien „Made in USA“.

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Doch Mike Lindells Geschichte hört beim Kopfkissen nicht auf. Er sagt von sich, er habe 2009 Gott gefunden, sei ein „born again Christian“. Nach Crack/Kokain und Alkoholsucht habe er damals sein Leben ganz neu ausgerichtet. Damit nicht genug. Lindell erlebte die Welt am Rande der Zerstörung, der Kulturkrieg in den USA war für ihn Ausdruck der biblischen Prophezeiung. Doch dann kam 2015 und eine Szene, die Lindell so beschreibt: „Ich sehe, wie Donald Trump da die Rolltreppe herunter kommt und verkündet, er kandidiere als Präsident. Für mich war das ein göttlicher und übernatürlicher Moment – es fühlte sich so an, als wenn etwas Wunderbares bevorstehen würde.“

Lindell beließ es nicht bei seinem Staunen, sondern unterstützte fortan die Trump Wahlkampagne. Das fiel auf,  Trump lud den Kissenfabrikanten aus Minnesota zu sich in den Trump Tower nach New York ein. „Ich trat am 15. August 2016 in sein Büro. Als ich nach dem Treffen den Raum verließ, wußte ich, dass Gott ihn in diesen schwierigen Zeiten auserwählt hat.“ Gott habe die Millionen von Gebete erhört, so Lindell. „Und ein Wunder geschah am 8. November 2016“, resümiert der christliche Unternehmer über den Wahltag, an dem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde. Auf einer Verstanstaltung christlich-fundamentalistischer Organsiationen im vergangene Jahr stand auch Mike Lindell am Mikrofon und erklärte: „Ich stehe heute vor Euch und sehe den großartigsten Präsidenten aller Zeiten. Natürlich ist er das, denn er wurde von Gott auserwählt.“

Mike Lindells Geschichte ist keine ungewöhnliche in den USA. Die Evangelikalen unterstützten schon früh den Kandidaten Donald Trump. Anfänglich waren sie skeptisch, doch er wußte genau, was er sagen, was er versprechen mußte, um ihren Rückhalt zu bekommen. Vor allem beim Thema Abtreibung ging Trump die paar extra Meter, um sie zu überzeugen. Er machte deutlich, dass er keinen Bundesrichter ernennen werde, der sich nicht eindeutig gegen Abtreibungen ausspricht. Das wollten die Evangelikalen hören. Und dann erkor Donald Trump Mike Pence zu seinem Vize-Präsidentschaftskandidaten. Pence, ebenfalls ein „born again“, war einer von ihnen, ein ganz klares Zeichen dafür, dass sie nun Teil der Trump-Administration sein werden. 85 Prozent der Evangelikalen im Land stimmten 2016 für Donald Trump. In diesem Jahr wird das nicht anders sein, denn Präsident Trump lieferte, was er ihnen im Wahlkampf versprochen hatte. Für sie ist Donald Trump eben von Gott gesandt.

Wo ist eigentlich Barotseland?

Wenn man an Musik aus Afrika denkt, dann vor allem an West-, Nord- und Südafrika. Doch auch fernab der bekannten Musikzentren wie Lagos, Kinshasa oder Johannesburg, läßt sich eigentlich überall hervorragende und mitreißende Musik auf dem Kontinent finden, das habe auch ich überall hören können. In Somalia, Tschad, Niger und Ruanda. Das kleine holländische Independent Label SWP-Records hat sich daher schon seit vielen Jahren dem Sound im Südosten Afrikas verschrieben.

Die aktuelle Musikreise geht nach Barotseland, in den Westen der Republik Sambia. Barotseland war einst ein 400 Jahre altes Königreich, das später als britische Kolonie Teil von Nordrhodesien wurde. Und genau dort wurde 1954 Michael Baird geboren. Im Alter von 10 Jahren, nach der Unabhängigkeit Sambias von Großbritannien, zog seine Familie nach Europa. Doch Michael Baird kehrt seit Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und die sind, so sagt er, in Sambia. „Da ich schon in anderen Teilen von Sambia und auch in Simbabwe und Lesotho aufgenommen habe, wollte ich auch endlich in die westliche Provinz, so nennt die Regierung in Lusaka diese Region, sie weigern sich es Barotseland zu nennen. Sie versuchen so, den Ruf nach einer nationalen Identität zu verhindern, denn sie haben Angst, dass Sambia sich spalten könnte.“

Es gibt in Barotseland durchaus eine Unabhängigkeitsbewegung, doch aufgrund der abgeschiedenen Lage der Region an der Grenze zu Angola wird sie kaum wahrgenommen und von der Regierung in Lusaka auch unterdrückt. Selbst der legendäre Musikethnologe Hugh Tracey, der über Jahrzehnte Musik in verschiedenen afrikanischen Ländern aufnahm, kam nie in diese abgelegene und schwer zu erreichende Gegend. „Er nahm zwar Lozi Musik aus der Gegend auf“ so Michael Baird, „aber die wurde von jenen gespielt, die in den Kupfer- und Kohleminen im damaligen Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe arbeiteten. Er war nie da und auch heute gibt es nur eineinhalb Straßen dorthin. Es ist eine sehr interessante Musik mit einer interessanten Geschichte, die auch die nationale Barotse-Identiät widergibt, das kann man auch in der Musik hören.“

Die Musik, so Baird, sei unpolitisch, aber sie halte die kulturellen Wurzeln durch die überlieferten Texte und die traditionellen Instrumente am Leben. „Am meisten wird in Barotseland das Silimba Xylophon gespielt, es ist ein sehr großes Xylophon, zweieinhalb bis drei Meter lang. Und es wird von zwei Leuten gespielt, einer an der unteren Seite, der andere an der oberen. In einigen Dörfern findet man sogar Riesen Silimba Xylophone, die rund fünf Meter lang sind. Die werden dann von vier, fünf Männern gespielt.“ Die Begeisterung ist ihm anzuhören. Er ist selbst Musiker. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass es für ihn wichtig ist, all jene zu bezahlen, die er mit seinen Mikrofonen vor Ort aufnimmt und auf SWP veröffentlicht. Und oftmals überrascht er sie alle mit seiner Begeisterung für ihre Musik: „Es ist ganz speziell für diesen Teil Afrikas und ja, auch eher unbekannt. Niemand kennt wirklich diese Region Afrikas. Ich hoffe, mit dieser Veröffentlichung kann man hören, dass die Musik einfach unterschätzt wird, denn sie ist wirklich gut.“

Die Geschichte des Barotselandes und die Reise von Michael Baird dorthin wird in diesem Klangbuch ausführlich in einem umfangreichen Booklet mit zahlreichen Fotos erzählt. Die Musik-Aufnahmen, die auf zwei Trips 2016 und 2018 entstanden sind, belegen einmal mehr, dass es noch so viel wunderbare Musik fernab der Metropolen, Charts und herkömmlichen Genres zu entdecken gibt.

Krautrock neu erzählt

Als ich 1996 mit meiner Sendung Radio Goethe auf KUSF anfing, hatte ich nur ein paar CDs aus Deutschland mit nach San Francisco gebracht. Also fing ich an im umfangreichen CD und Vinyl Archiv des Senders zu suchen und fand so einige deutsche Bands, die mir vom Namen her bekannt waren, aber die ich in daheim in Nürnberg kaum oder gar nicht gehört hatte. Es waren vor allem experimentelle Bands, wie die Einstürzenden Neubauten oder Gruppen aus dem sogenannten „Krautrock“ Bereich.

Aus einer Not wurde eine große Liebe für diese Bands und diese Epoche. Faust und Amon Düül II, Can und Kraftwerk und viele andere, die ich da in den Plattenregalen von KUSF finden konnte. Und ich war begeistert, diese Gruppen öffneten mir einen ganz neuen Klangraum. Krautrock wurde immer interessanter für mich, schließlich produzierte ich sogar ein zwei Stunden langes „Spotlight“, eine wöchentliche Spezialsendung am Sonntagnachmittag auf KUSF, in der man ein Thema vertiefen konnte. Und als ich diese Sendung ankündigte, bekam ich viele Tipps, Hinweise und Wünsche von anderen KUSF DJs, sie alle kannten die Krautrock Bands, die da gespielt werden sollten. Überhaupt ist Krautrock Kult auf den amerikanischen College- und Communitysendern.

Durch meine Arbeit mit Radio Goethe lernte ich auch Hans Joachim Irmler, Gründungsmitglied von Faust kennen, über die ich sogar irgendwann auf Bayern 2 ein Stundenfeature produzieren durfte. Damals fuhr ich zu Jochen in die schwäbische Provinz, hörte mit ihm so einige alte Aufnahmen und wir führten lange Gespräche, bis wir schließlich nachts um zwei Uhr nach ein paar Flaschen Wein das Aufnahmegerät anstellten. Faust wurden 1972 in Hamburg gegründet und waren für mich die wohl interessanteste Krautrock Band, denn sie verbanden die vielen musikalischen Einflüsse und experimentierten mit Sounds, Klangideen und ihren eigenen technischen Möglichkeiten. Jochen erzählte Geschichten von damals und ich hörte staunend und interessiert zu, manchmal mußte ich mich wegdrehen, weil ich nur so mein Lachen zurückhalten konnte. Es war nicht nur ein Interview, Hans Joachim Irmler hat mir auch eine ganz neue Klangwelt näher gebracht und sie vor allem für mich verständlich gemacht. Ich hörte zwar schon viel Krautrock, aber hatte nie die Bedeutung erkannt. Das änderte sich komplett.

Und nun sitze ich hier in meinem „home office“, wie man in diesen Coronazeiten den heimischen Schreibtisch nennt, und höre Teil 1 der neuen Bear Family Records Reihe „Kraut!“. Insgesamt werden vier Teile veröffentlicht, aufgeteilt nach Nord-, West-, Süddeutschland und Berlin. Musik aus deutschen Landen zwischen 1968 – 1979. Es sind jeweils zwei CDs, die ein lange Zeit übersehenes, doch mehr als bedeutendes Kapitel in der deutschen Musikgeschichte zum Tönen bringen. Nach dem Durchhören habe ich mir gleich Alben von zwei der Bands bestellt, die ich bislang so noch nicht kannte.

Begleitet wird diese umfassende Serie von einem ausführlichen Booklet, mit vielen Informationen, Geschichten, Anekdoten, zusammengetragen von Burghard Rausch, der auch schon die hervorragende NDW-Reihe für Bear Family zusammengestellt hat. Ein wahrer Kenner der Szene. Zu hören sind unter anderem auch die früheren Bands von Kralle Krawinkel und Peter Behrens, die sich beide später bei Trio wiederfanden. Was diese Klangserie zeigt ist, dass Deutschland in den späten 60ern und in den 70er Jahren alles andere als ein Entwicklungsland in Sachen Musik war. Die Bands nahmen das auf, was sie aus England und den USA vorgelegt bekamen, oftmals über die Soldatensender BFBS oder AFN, und nutzten diese Einflüsse um etwas eigenes entstehen zu lassen.

Und das fiel durchaus auch in England und den USA auf, wo viele der Krautrock Bands tourten und Musiker wie David Bowie oder Brian Eno auf einmal aufhorchten, was da in „Krautland“ passierte. Lange Jahre wurde diese wichtige Zeit im deutschen Musikzirkus abgetan oder übersehen. Gerade deshalb ist so eine Serie, wie diese hier von Bear Family Records, mehr als notwendig, denn sie zeigt wie spannend, originell, mitreißend und tief diese Soundvisionen von damals durchaus waren. Diese Gruppen brauchten sich nicht hinter denen aus Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zu verstecken. Es geht nicht darum, Geschichte neu zu schreiben, vielmehr darum, das richtig zu bewerten, was diese Bands in dieser Zeit geleistet haben. Krautrock anfangs als minderwertig abgetan ist zu einem anspruchsvollen Gütesiegel geworden. Einziger Wermutstropfen für mich, Faust hat es nicht auf den ersten „Kraut!“ Teil über den Norden der Republik geschafft. Das lag aber weder an Bear Family noch Burghard Rausch, sondern vielmehr an ihrem alten Plattenlabel Warner. Die haben anscheinend noch immer den Hals voll von Faust….doch das ist eine andere, lange Geschichte.

Ein Traumreise an die somalische Grenze

Harar ist eine Stadt im Osten von Äthiopien, kurz vor der Grenze zu Somaliland. Sie ist im Ogaden zu finden, einem seit langem umkämpften Gebiet. Doch auch einer Region, die voller Geschichte und Geschichten ist. „Harar“ heißt auch die neue Platte von Mila Mar, einer Band, die nur sehr schwer zu fassen ist und die mit ihrere Musik genau in diese mystische Welt im Osten Afrikas eintaucht.

Mila Mar haben nun mit „Harar“ ihr sechstes Album in 25 Jahren Bandgeschichte vorgelegt. Vor etlichen Jahren beschrieb ich ihre Musik mal als Soundtrack eines geheimnisvollen Märchens. Daran hat sich auch auf diesem neuen Werk nichts geändert. Es ist so eine Mischung aus klagevollen Liedern voller Schwere, anzuordnen irgendwo zwischen Gothic, Ambient, Mittelalterklängen und Weltmusik. All das zeigt die Breite von Mila Mar auf und beschreibt diese märchenhafte Musik auch wieder nicht. Die dominanten Trommeln, neben Cello und Dulcimer, dazu die unglaubliche Ausdruckskraft von Sängerin Anke Hachfeld. Sie singt in einer Fantasiesprache, deren Worte man nicht verstehen muss, um die Bedeutung für sich zu erahnen. Vieles ist einem selber überlassen, das Trio Mila Mar zeigt nur den Weg auf, die Bilder dazu muss sich der Hörer selbst ausdenken.

„Harar“ ist erneut ein Album, das einen zum Mitreisen einlädt. Ich kenne die Gegend an der Grenze von Somaliland zu Äthiopien, eine dürre Wüstenregion voller Schönheit und Faszination. Doch auch eine geplagte Gegend, die Kriege, Hunger, Elend und Krisen über Jahrhunderte hinweg erlebt hat. Und all das wird ebenfalls auf dieser Platte klanglich umgesetzt, zumindest erscheint es so. Für mich laufen diese Bilder vor dem inneren Auge ab. Hier die mystische Stätte, Weltkulturerbe Harar, da die heiße und teils unfruchtbare Wüstenlandschaft. Eine Region zwischen den religiösen und kulturellen Einflüssen. All das geht in „Harar“ von Mila Mar auf. Es ist eine ungewöhnliche und bewegende Ortsbeschreibung, die neugierig macht. Neugierig darauf, offen für fremde Kulturen zu sein.

Wenn ich hier in Oakland sitze, all die Fotos meiner Reisen vorbeiziehen lasse, dann haben mir Mila Mar nun einen Soundtrack geliefert, der die bedrückenden Gefühle in vielen Situationen, die atemstockenden Bilder des Erlebten, aber auch die vielen wunderschönen Augenblicke und die Erfahrungen mit Menschen vor Ort ausdrückt. Ja, „Harar“ ist ein Wechselbad der Gefühle, wenn man sich denn darauf einlassen will. Eine wundersame Entdeckungsreise in die weite Welt der Mythen und Märchen und Kulturen.

Mila Mar online

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Auf den Spuren von Jack London

4,4 Millionen Dollar kostet das Anwesen, in dem Jack London im Sommer 1903 sein Buch „The Sea Wolf“ geschrieben hat. Das Haus in Glen Ellen in Sonoma County gehörte einst seiner Agentin, Netta Eames. Die war nicht nur eine frühe Förderin des Schriftstellers, sondern stellte ihm auch ihre Nichte, Charmain Kittredge, vor, die London später heiratete.

Sowieso sind die Spuren von Jack London in der San Francisco Bay Area reich. Auch in Oakland, kann man auf die Suche gehen und findet schnell wichtige Orte. Ein deutscher Immigrant hat sogar die Weichen für den Erfolg des Schriftstellers – zumindest – mitgestellt. Es muss um 1893 gewesen sein, der junge Jack London vertrieb sich nach der Schule die Zeit in Johann “Johnny” Heinolds “First and last chance” Bar direkt im Hafenbereich von Oakland. An einem Tisch machte er seine Hausaufgaben und hörte den Geschichten der Seemänner zu. Die Abenteuerlust packte den damals 17jährigen.

Die Gefahren und der Mut von Männern durchzieht Londons Werk. Und Jack London, so ist es überliefert, erzählte Johnny Heinold davon, dass er überlege an der University of California zu studieren und Schriftsteller zu werden. Heinold war begeistert und lieh dem Jungen das Geld für das Studium.

Jack London kam auch als namhafter Schriftsteller immer wieder zurück in seinen “First and last chance” Saloon. In seinem Roman “John Barleycorn” wird die Bar ganze 17mal erwähnt. Hier lernte er den Seemann Alexander McLean kennen, den er als Vorbild für seinen “Wolf Larsen” in “Der Seewolf” nahm. Und mit Johann Heinolds Hilfe wurden an dem kleinen Tisch in der Bar die Verträge für drei weitere Jack London Romane unterzeichnet. Noch heute ist die Bar und auch derselbe Tisch an dem der Schüler seine Hausaufgaben machte und der Schriftsteller seine Notizen schrieb an der gleichen Stelle zu finden, am “Jack London Square” in Oakland.

Das ist nur eine kleine Anekdote am Rand in der Geschichte Jack Londons und der deutschen Immigranten am Golden Gate. Als ich von dem Hausverkauf in Glen Ellen erfuhr, mußte ich allerdings daran denken, denn der Saloon ist ein interessanter Ort. Eine alte Kneipe, die zum Teil im Laufe der Jahre abgesunken ist und zwischen all den Neubauten am Jack London Square mehr als auffällt. Wer also San Francisco besucht, sollte mit der Fähre vom Ferry Building am Ende der Market Street zum Jack London Square nach Oakland fahren, ein kleiner Spaziergang entlang des Wassers, um im Außenbereich des „First and last chance“ Saloons ein Bier zu trinken. Ich empfehle ein KSA, ein Kölsch, lokal gebraut von der Fort Point Brewery, eine Brauerei, die sehr stark vom deutschen Brauwesen beeinflusst wird.

Ein Album der rauen Zärtlichkeit

Vor kurzem habe ich eine Kassette mit dem Mitschnitt meiner ersten Radio Goethe Sendung gefunden. Das war vor fast 24 Jahren an einem Samstagmorgen auf KUSF 90,3 fm San Francisco. Was ich damals spielte war so ganz anders als das, was ich heute in meiner Sendung präsentiere. Damals war ich Ende 20, heute bin ich Anfang 50. Die Zeit, ich weiß… Wenn ich diese Playlisten von 1996 mit denen von 2020 vergleiche, dann hat sich viel verändert, obwohl der Grundsatz von Radio Goethe der gleiche geblieben ist, Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu spielen. Doch irgendwie haben sich da Grenzen verschoben.

Das liegt vor allem an einigen Musikerinnen und Musikern, die mir durch ihre Musik ganz neue Klangwelten eröffnet, meine Hörgewohnheiten und Hörerfahrungen verändert, ja, verschoben haben. Dazu zähle ich die Amerikanerin und Wahl-Berlinerin Danielle de Picciotto genauso wie den Bassisten der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke. Ihr jüngstes gemeinsames Album heißt “The Current”, das durchaus aktuelle Themen aufgreift, die uns alles betreffen – “All men are created equal” – eine Tatsache, die nur zu oft übersehen wird, die nicht beachtet, der Grund für Hass, Neid, Gewalt ist.

Es ist keine Platte im Vorbeigehen, nichts für nebenbei zu hören. “The Current” ist vielmehr ein Album zum Hinhören. Man braucht Zeit, um den beiden auf ihrer Exkursion in die Weite und die Tiefe zu folgen. Spoken Word neben langen, komplexen Soundlandschaften. Es entsteht ein reiches Klangbild, das so ganz anders, doch so vielschichtig und farbenfroh ist. Manchmal vertraut, manchmal nachdenklich, manchmal bedrohlich. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke ergänzen sich mit ihren Erfahrungen, ihren Geschichten, ihren musikalischen Ideen nahezu perfekt. Das wird ganz deutlich, wenn man die beiden live erleben kann. Hier die zart wirkende und tief in sich versunkene de Picciotto, die auf Violine, Drehleier und Kastenzither unglaubliche Vorgaben gibt, die dann von dem eher rau wirkenden Hacke, der durchaus auch gerne mal die Sau rauslässt, aufgenommen, ergänzt und zurückgespielt werden. “The Current” ist so ein wunderbares Zusammenspiel der beiden geworden, voller Ecken, Kanten und Tiefen. Ein Album zum Genießen.

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Halleluja in Elvis‘ Geburtsstadt

Elvis ist überall zu sehen in Tupelo.

Von Oakland nach Memphis und von dort nochmal eineinhalb Stunden mit dem Auto Richtung Osten, dann ist man in Tupelo, Mississippi. Ich muß da immer an den Film „Mississippi Burning“ mit Gene Hackman denken, der sich um FBI Ermittlungen nach einem Mord an schwarzen Bürgerrechtlern in den 60er Jahren dreht. An einer Stelle fragt Hackman: „What has for „i’s“ (eyes) and can’t see?“ „Mississippi“. Tupelo ist vor allem als Geburtsort von Elvis Presley bekannt. Und an Elvis kommt in der 30.000 Einwohner Stadt niemand vorbei.

Tupelo ist so ein ganz anderes Amerikas, als ich es von Oakland kenne. Mississippi ist „deep red“, ein republikanisch dominierter Bundesstaat. Konservativ, man kann eigentlich an jeder Ecke eine Kirche sehen. Und hier sind auch die Headquarters der „American Family Association“ und des Radionetzwerkes „American Family Radio“. Schon einmal war ich hier, das war 2008, als der Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama tobte. Damals positionierten sich Don Wildmon, der Gründer von AFA und AFR, und sein Sohn Tim Wildmon ganz deutlich gegen Hillary Clinton. Ihr Radio Network aus 180 Stationen im ganzen Land wurde zu einem Sprachrohr in der „Stop Hillary“ Kampagne. Direkt politisch durfte man nicht on-air sein, doch man sprach vielmehr über Hillary, ihre politischen Aussagen und ihre „Leichen im Keller“.

2012 sah sich AFA und AFR vor einem Problem. Der Kandidat der Republikaner wurde Mitt Romney, ein Mormone. Mehr schlecht als recht unterstützte man ihn gegen Barack Obama. Und dann kam 2016 mit Donald Trump ein Kandidat, der auf dem ersten Blick so gar nicht in das Bild der Christlichen Rechte passte. Tim Wildmon erzählte mir am Dienstagmorgen, dass er in den republikanischen Vorwahlen 2016 erst auf den texanischen Senator Ted Cruz setzte. Doch dann setzte sich Donald Trump durch und die konservativen Christen unterstützten dessen Wahlkampf aktiv. Das verwunderte viele, denn Trump, der mehrmals geschieden war und wie Tim Wildmon erklärte, das Leben eines Playboys geführt hatte, war nicht gerade einer aus der christlichen Mitte. Doch er versprach viel von dem, für was die „Christian Right“ in den USA kämpfte.

Und Trump hielt Wort. Er setzte nur Richter ein, die „das Recht auf Leben“ unterstützten, sprich gegen Abtreibungen sind. Das war für viele in der Bewegung ein Litmustest. Trump war für „Country, Borders, Security“ und auch da setzte er seine Wahlkampfversprechungen um. Und Trump unterstützte die Freiheiten der christlichen Gruppen und Organisationen. Er war, trotz seiner unchristlichen Vergangenheit, einer, den sie unterstützen konnten und den sie 2020 wieder unterstützen werden.

Im AFR Studio in Tupelo. Rechts Tim Wildmon.

Offen Wahlwerbung können sie nicht machen, das verbieten die Auflagen der FCC, aber die Themenauswahl und die Themenbehandlung ist eindeutig. Wie man auch in dem Mitschnitt der Sendung „

Today's Issues     
“ hören kann, in der ich mit im Studio sass. „American Family Association“ und „American Family Radio“ sehen sich als „Cultural Warriors“, als Kämpfer im Kulturkrieg der USA, als Soldaten Gottes. Trotz aller offensichtlicher Differenzen luden sie mich ein, nach Tupelo zu kommen. Das rechne ich ihnen hoch an, denn andere christlich-fundamentalistische Gruppen sagten gleich ab, reagierten erst nach mehrmaligen Anfragen und dann negativ. Bei AFA hatte ich zumindest das Gefühl „we agree to disagree“ und das in einer freundlichen, respektvollen Umgebung.

Mein Besuch in Tupelo war Teil einer größeren Geschichte über die Auswirkungen der Trumpschen Außenpolitik auf afrikanische Länder. Donald Trump hat die sogenannte „Mexico City Policy“ nicht nur wieder eingeführt, er hat sie auch ausgeweitet. Was bedeutet, dass zahlreichen Gruppen und Hilfsorganisationen in mehreren afrikanischen Ländern Gesundheitszentren und -kliniken schließen mussten und schließen werden, denn die USA sind weltweit der größte Geldgeber im internationalen Gesundheitsbereich. Auch, wenn sie nicht direkt Abtreibungen durchführen. Alleine schon die Beratung zu diesem Thema ist unter Trump tabu geworden. Die Folgen sind, dass in einigen Regionen, die HIV/Aids Beratung, Ausgabe von Verhütungsmitteln, Familienplanung, Impfungen und die medizinische Versorgung ganz wegfallen. Und dann ist da noch eine Tatsache, die erschreckend wirkt. Die Anzahl der Abtreibungen steigt, wenn diese Politik umgesetzt wird, das hat eine Studie der Stanford Universität ergeben. Trump und seine christlichen Soldaten erreichen also genau das Gegenteil von dem, was sie durchsetzen wollen. Es geht ums Prinzip und am Ende kostet dieses Prinzip viele Menschenleben.

Halleluja in der Muckibude

An der Ecke Broadway und 25te Straße in Downtown Oakland steht ein Flachbau. Eigentlich nicht weiter auffallend, wären da nicht ein paar riesige Letter: God’s Gym und zwischen den beiden Wörtern das Bild eines sehr muskulösen Jesus, der vor einem Kreuz und gesprengten Ketten steht. “We care”, “Wir kümmmern uns” lautet eine Leuchtschrift im Fenster.

Seit 30 Jahren unterhält Gary Shields hier seinen Fitnessclub der etwas anderen Art: 
“Ich habe 1987 zu Gott gefunden“, erzählt er. Damals habe er schon viel Gewichtheben und Bodybuilding betrieben, vorher zehn Jahre lang geboxt. „Ich nannte den Kraftraum am Anfang “Iron Pit Gym”, denn das war es für mich. Ein “Iron Pit” ist der Gewichthebebereich auf einem Gefängnishof.“

Seine Kraftbrüder waren damals vor allem ehemalige Strafgefangene, die sich in diesem “iron pit” wohl fühlten. Doch dann kam Ende der 90er Jahre jener Tag, an dem sich alles für Shields änderte: „Eines Tages fuhr ich hierher und dachte mir, das war’s. Ich griff mir schwarze Farbe und malte einfach über den Namen. Zwei Monate lang stand da nichts. Und ich betete zu Gott, er solle mir sagen, wie ich das hier nennen soll. Und er antwortete mir “God’s Gym”.“

Hier wird weder “Eye of the tiger” von Survivor gespielt, noch hört man tagsüber Gospel Music, Gary Shields meint, die Trainierenden sollen schließlich seine Anweisungen hören. Hier dreht sich alles ums Pumpen. Kraftmaschinen, Freihanteln, Gewichte, Fitnessräder und Laufbänder, alles steht eng nebeneinander. Der 57jährige Gary Shields – oder Big G, oder Brother Gary, wie er auch genannt wird – macht keinen Hehl daraus, dass in diesen verschwitzten vier Wänden Gott Zuhause ist: „Wenn hier jemand reinkommt und mich fragt, warum das hier “God’s Gym” heißt, dann antworte ich nur zu gerne: er ist der Schlüssel zum Erfolg in meinem Leben. Wie würdest Du es nennen? Joe’s Muckibude?“

Gary Shields ist hochgewachsen, breite Schultern, dicke Oberarme, ein paar Tätowierungen sind zu sehen. Er erzählt gerne und viel, lacht dabei, aber ihm laufen bei seinen Erzählungen auch mal die Tränen herunter, vor allem dann, wenn er über seine persönliche Beziehung zu Gott spricht. Shields erzählt, dass er um Mitternacht alleine mit dem Training anfängt, dabei Gospelmusik oder die Bibel als Audiobook anhört, danach frühstückt, um schließlich den Kraftraum für seine Kunden vorzubereiten. Es gibt keine Laufkundschaft, wie bei den Fitnessketten, er legt Wert auf das persönliche Training. Und immer wieder liest er zwischendrin in der Bibel: „Das führte auch dazu, dass Leute kamen und mich danach fragten, was ich da lese. Das führte zu einem Bibelstudium mit anderen. Ich wurde dafür nicht ausgebildet, aber ich rede von der Güte Gottes und was das in der heiligen Schrift bedeutet und wie sich das auf mein Leben auswirkt, wie ich danach lebe. Und das führte zur Straßen-Missionierung, dazu, dass ich erst Assistenzpastor und innerhalb von zwei Jahren Pastor wurde. Fühlst Du, was ich sage?“

Shields hat eine Mission, den Gospel, das Wort Gottes zu verbreiten. Und doch, er zwingt es niemandem auf, der zu ihm kommt, dafür ist er dann doch zu sehr auch Geschäftsmann. „Man, jeder kommt zu “God’s Gym”. Atheisten, Gläubige, Muslime. Sie kommen nicht unbedingt hierher, weil das hier “God’s Gym” ist. Sie kommen, weil wir uns um sie kümmern. So steht es auch im Fenster. “We care”. Ich kenne die Namen von all den 200 Menschen, die regelmäßig hier trainieren.“

Er sei ehrlich zu jedem, der zum ihm kommt, betont er. Einen Schwarzenegger, könne er nicht aus jedem machen, erklärt er mit einem Lachen. Und doch, Bodybuilding, Fitness- und Krafttraining hat für ihn viel mit Gott zu tun. “Pumping irons” sei durchaus in Gottes Sinne, meint er und spannt die dicken Muskeln für ein Foto an.

„Ich lass‘ mich in den Äther saugen“

Heute ist Weltradiotag. An dieser Stelle sollte man mal an all jene Radiomacher denken, die den Hörfunk für sich entdeckt haben. Nein, ich spreche nicht von den Profis im kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vielmehr von all denen, die ich ich über die Jahre in High School und College Sendern, Community Stationen und offenen Kanälen getroffen habe.

Im Tonarchiv eines Senders in Somalia.

Für mich selber ging es bei Radio Z in Nürnberg los, eine Station, die so ganz anders war und ist. Dort machte ich meine ersten Radioschritte. Neben Radio Z gibt es auch noch den Ausbildungskanal afk max/max neo in Nürnberg, den ich sehr gut kenne. Dort werden junge Radiomacher geschult und für Karrieren im Hörfunk vorbereitet. Ein tolles Konzept, ein engagiertes Team, die Ergebnisse lassen sich durchaus hören.

So richtig auf den „Geschmack“ von Community Stationen bin ich in San Francisco gekommen. Kurz nach meinem Umzug in die Bay Area 1996 fing ich auf KUSF, dem Collegesender der University of San Francisco mit meiner Sendung Radio Goethe an. „Mach mal“, hieß es und das langte mir, um allwöchentlich auf Sendung zu gehen. KUSF war eine Station, auf der sich alles traf. Armenier und Finnen, Türken und Chinesen, Perser und Polen, ein schwuler Pastor genauso wie ein Astrologe. Dazu Unmengen an Independent Musik. Vieles hörbar, manches nur schwer zu genießen. Ein Highlight war für mich auch das Kennenlernen der „Piratensender“ in der San Francisco Bay Area. Senden ohne Lizenz und mit politischer Message: „the airwaves belong to the people“.

Besuch einer Community Station im Niger.

Mit der „Syndication“ meiner Sendung lernte ich andere Stationen vor allem in den USA und Kanada kennen. Da ist KWMR in West-Marin oder KOWS in Sonoma County oder KRYZ in Mariposa. Da ist CFUV in British Columbia oder WBDG in Indianapolis, aber auch RaBe in Bern. Und zuletzt lernte ich KKUP in San Jose kennen. Community Stationen, die fernab des kommerziellen Radios Musik- und Wortprogramme ausstrahlen. Manchmal holprig, doch eigentlich immer mit Herz. Auf all meinen Reisen nach Afrika ist es mir immer wichtig, Radiostationen zu besuchen, zu sehen, welche Bedeutung der Rundfunk heute noch hat. Und immer treffe ich auf engagierte Radiomacher, die oftmals das beste aus den wenigen Mitteln und der Technik holen, die ihnen zur Verfügung stehen. Einfache Studios, es wird oftmals improvisiert. Am Ende klingt das, was da über den Äther kommt einfach gut und erfrischend.

An all diese Radiomacher sollte man heute denken, die den Hörfunk als wichtige Stimme ihrer Community erkannt haben. Die sich einsetzen, motiviert sind und das Radio zu dem machen, was es sein sollte – eine Stimme in der Community. Die Musik spielen, Kunst, Kultur, Literatur, Stimmen aus unserer Mitte oder vom Rand der Gesellschaft vorstellen, die man sonst nirgends hört. „To give a voice to the voiceless“… Radio verbindet, informiert, bildet, unterhält. Auch wenn immer wieder erklärt wird, das Radio habe keine Zukunft, daran glaube ich nicht. Radio ist das unmittelbarste und schnellste Medium. Es ist ganz einfach und billig on-air zu gehen, Menschen zu erreichen. Eben auch und gerade in Krisenzeiten und Konfliktgegenden. Radio hat eine Zukunft, so lange es all jene gibt, die an das glauben, was sie vor dem Mikrofon machen.