Zum letzten Mal…

Am 20. Februar 2008 schrieb ich den ersten Beitrag in diesem Blog „If‘ you’re going to San Francisco – Arndt Peltner berichtet aus den USA“. Die Überschrift lautete „Obama Osama“ und es ging um den Wahlkampf 2008: „Ach wie peinlich…und schon wieder musste sich der Fernsehsender MSNBC öffentlich entschuldigen. In der Sendung „Hardball“ mit Moderator Chris Matthews wurde ein Bild von Osama bin Laden eingespielt, als Matthews über Barack Obama sprach.“ Das war damals ein Skandal!

Das liegt nun zwölfeinhalb Jahre und 3039 Beiträge zurück. Dieser hier ist der 3040te und wohl der letzte Blogbeitrag an dieser Stelle. Es ist Schicht im Schacht. Die redaktionellen Umstrukturierungen und Einsparungen im Pressehaus Nürnberg haben auch zu der Entscheidung geführt, dass die Blogs eingestellt werden. Was nun kommt ist noch nicht klar, aber ich soll wohl auf der nordbayern.de Webseite eine Möglichkeit für Berichte aus den USA erhalten. Genaueres weiß ich auch noch nicht.

Dieser Blog ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen. Ich habe nicht nur von der Politik, der Kultur, den Eigenheiten aus den USA berichtet, wo ich seit 1996 lebe, sondern auch von meinen Reisen nach Mexiko, Afghanistan und Ruanda, aus dem Kongo, Uganda, Burundi, Tschad, Niger, Somaliland, Puntland und Sudan. Es wurde ein Reiseblog der etwas anderen Art, in dem ich von Situationen, Begebenheiten, Menschen und Erfahrungen „on the road“ berichtete. Mal versuchte ich die Sprachlosigkeit auszudrücken, als ich an Orten des Massenmordes in Ruanda stand. Mal berichtete ich vom Leben in der gefährlichsten Stadt der Welt, Ciuadad Juarez. Mal vom Besuch bei einem Rebellenpräsidenten im Osten des Kongos, als vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer standen und wir im Haus vor dem Interview ersteinmal beteten und zu Mittag aßen. Ich hatte die Möglichkeit in diesem Blog über meine Reisen mit der Hilfsorganisation CARE zu schreiben, die ich in Länder begleiten durfte, in die ich sonst nie gekommen wäre. Im Süden des Tschads sass ich in einer kleinen Hütte einer Frau gegenüber, die auf der Flucht aus der Zentralafrikanischen Republik alles verloren hatte, auch ihre Kinder. Die von Gewalt und Vergewaltigung sprach, auf der Flucht und im Lager. Im südlichen Niger wurde mir ein Haus in einem kleinen Dorf angeboten. In Somaliland hatte ein lokaler Journalist wohl mein NZ Blog falsch übersetzt, fortan sollte ich aus Gründen der Sicherheit zeitversetzt bloggen. Interessanterweise hatte der Reporter kein Bild von mir im Internet gefunden und setzte stattdessen eines einer „Anne Peltner“ in seinen Artikel. Auch das sind unvergessene Erlebnisse.

Dann war da diese Geschichte über die weibliche Genitalverstümmelung in Somaliland. Dabei kam ich an meine journalistischen und auch persönlichen Grenzen, denn nichts, aber auch rein gar nichts rechtfertigt diese grundlose Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Ich sass da einer älteren Frau gegenüber, die erzählte, wie sie die Klitoris und die Schamlippen von kleinen Mädchen abschneidet und die Wunde anschließend mit Dornen schließt, während ihre Mutter und ihre Großmutter sie festhalten. Sprachlosigkeit!

Krieg, Hunger, Dürre, Elend, Armut, Gewalt, Tod, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit. All das habe ich zu Genüge auf diesen Reisen erlebt und auch an dieser Stelle hier darüber berichtet. Aber ich fand auch immer wieder faszinierende Geschichten vor Ort. Fussball in Puntland, Hip Hop in Ruanda, mutige Frauen im Sudan, Rückkehrer in Somaliland, die an ihr Land glauben und sich engagieren, wunderbare Musik im Niger.

In einem Flüchtlingslager im somalischen Puntland. Auch darüber schrieb ich im Blog.

Und immer waren da Menschen, mit denen man lachen konnte, die einen aufnahmen, mit denen man Geschichten teilte, die neugierig fragten, die bereitwillig antworteten, mit denen man sich hinsetzte und Tee trank. Das klingt banal, aber für mich wichtig, denn es ging mir nie nur darum, über ein Thema zu berichten. Und da hatte ich hier in diesem Blog die Möglichkeit den erweiterten Blick schweifen zu lassen, denn oftmals waren diese „anderen“ Geschichten in Redaktionen nicht gefragt. Ich erinnere mich noch an die Antwort eines Chefredakteurs eines Radiosenders, der mir nach meiner Rückkehr aus dem Tschad sagte, ja, die Flüchltingskrise im Süden des Landes sei sicherlich ein Thema, aber derzeit sei bei ihnen Afrika nur Ebola. Mehr Platz habe man nicht. Da kamen für mich immer diese Seiten zum Zuge, die mir ermöglichten das niederzuschreiben, was ich erlebt, gesehen, erfahren und auch gespürt habe.

Diese Reiseberichte waren für mich auch eine Abwechslung von meiner Arbeit hier in den USA. Gerade in den letzten Jahren mit Präsident Donald Trump war die US Berichterstattung eine große Herausforderung. Themen, die gab es genug, auch das Interesse daran. Doch selbst ich, der hier schon lange lebt, vergleichen und einordnen kann, der auch Amerikaner geworden ist, selbst für mich wurde es immer schwerer das zu erklären, was hier derzeit passiert.

Ich habe die Leserinnen und Leser dieser Zeilen mit ins Staatsgefängnis von San Quentin genommen, sie begleiteten mich auf meinen Fahrten quer durchs Land, ich habe ausgefallene Musik vorgestellt, versuchte stets den Alltag in einem Land zu beschreiben, das ähnlich, doch auch wieder ganz anders ist. Und das eben aus meiner Perspektive, von einem, der aus Nürnberg in die San Francisco Bay Area zog, drei Jahre bleiben wollte, dann länger blieb, sesshaft wurde und schließlich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Die Sichtweise eines Journalisten, der irgendwie dazwischen hängt, nicht richtig weg und auch nicht richtig angekommen ist. An dieser Stelle Danke an alle, die über die Jahre mitgelesen haben, mir schrieben, mir Rückmeldungen gaben, mir das Gefühl vermittelten, dass das, was ich hier in diesem Blog mache, irgendeine Bedeutung hat. Danke! Von daher, auf bald an anderer Stelle.

Die Kirche und der Rassismus in den USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein tief gespaltenes Land. Das ist es schon lange, aber unter Donald Trump wurde der Graben noch tiefer ausgehoben. Interessant ist, dass ein Großteil der Evangelikalen, der fundamentalistischen Christen in den USA, genau diesen Präsidenten unterstützt, der auf den ersten Blick eigentlich so gar nicht zu ihnen passt.

Robert P. Jones ist Gründer des “Public Religion Research Instituts”, einer gemeinnützigen Organisation, die das Zusammen- und Wechselspiel zwischen Politik und Religion in den USA erforscht. Und er hat kürzlich ein Buch mit dem Titel “White too long – The legacy of white supremacy in American Christianity” veröffentlicht, in dem er der Frage nachgeht, wie sehr der systemische Rassimus in den USA im amerikanischen Christentum verwurzelt ist. Er selbst wuchs in Mississippi auf besuchte eine Schule und ein christliches College der Baptisten, war von all dem stark beeinflusst in seiner Glaubenseinstellung, nahm es einfach hin, wie eine überwiegend weiße, fundamentalistisch-christliche Gemeinschaft die amerikanische Geschichte schrieb.

Vor fünf Jahren dann, als mit Donald Trump ein republikanischer Kandidat antrat, der sich mit seinem Ruf “Make America Great Again” genau an diese weiße, christliche Wählerbasis wandte, war für Jones klar, er will ein Buch über genau dieses Thema schreiben, die Verwicklung der christlichen Kirche in den USA mit dem Rassismus. „Es war dieses völlige Schweigen der Kichen, in denen ich war. Ich habe nichts, absolut gar nichts von Gleichberechtigung oder über Bürgerrechte gehört. Ich kann mich an keine Predigt darüber, an keinen Unterricht zu dem Thema in der Sonntagsschule erinnern, als ich in den 1970er Jahren aufwuchs. Sowieso kamen erst damals die ersten afro-amerikanichen Kinder in unsere Klassen. Denn der Staat Mississippi hatte fast zwei Jahrzehnte nach dem Urteil “Brown versus Board of Education” von 1954 gewartet, mit dem die Rassentrennung in den amerikanischen Schulen aufgehoben war. Aber in meiner öffentlichen Schule in Mississippi hat diese Integration erst in den 1970er Jahren stattgefunden.“

Robert Jones Buch “White too long” ist mehr als eine persönliche Erzählung. Der studierte Theologe reichert seine Erfahrungen mit Fakten aus der langen Geschichte der Baptisten und anderer christlicher Religionsgemeinschaften an, die in den Gründerzeiten durchaus argumentierten, dass gläubige Christen durchaus das Recht auf den Besitz von Sklaven hätten. Wer von der amerikanischen Geschichte spricht, so Jones, muss auch davon berichten, dass der Rassismus in den USA vor allem auch durch “White Evangelicals”, weiße Evangelikale gefördert wurde. “ Es wurde die weiße Vorherrschaft als göttlichen Plan für die Menschheit argumentiert. Das zieht sich hier sehr tief und sehr explizit durch die amerikanische Geschichte.“

Jones schildert, wie Martin Luther King die Hoffnung hatte, dass sich weiße, wohlwollende Christen auf die richtige Seite der Geschichte stellen würden. Doch er wurde tief enttäuscht und fragte in seinem Brief aus dem Gefängnis in Birmingham, warum sie nicht für Gleichberechtigung eintraten. Wer seien diese Leute, diese weißen Christen, die sicher und wie betäubt hinter ihren bunten Kirchenfenstern säßen?

Die Vereinigten Staaten durchleben derzeit im hitzigen Präsidentschaftswahlkampf eine tiefe und breite Debatte über den systemischen Rassismus. Dabei geht es nicht nur um Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner, es geht auch darum, wie eine über Jahrzehnte gezielte und zum Teil staatlich geförderte Benachteiligung von Schwarzen bis heute Auswirkungen hat. Allen voran das “Red Lining”, die zwischen den 1930er bis in die 1970er Jahre praktizierte Ausgrenzung von Schwarzen aus weißen Nachbarschaften, die auch zur Folge hatte, dass afro-amerikanische “Communities” gezielt benachteiligt wurden, mit Folgen bis heute. Die hohen Covid-19 Raten dieser Tage gerade in den “black and brown” Nachbarschaften in den USA, zeigt auch auf, dass es lange Zeit jene Segregation in der amerikanischen Gesellschaft gab. Diese Rassentrennung in den USA wurde noch bis in die frühen 70er Jahre in Kirchenkreisen gutgeheißen. „Da waren Priester, die erklärten, dass der Zuzug von Afro-Amerikanern nicht nur die Grundstückspreise stark beeinflussen würde, aber auch ganz offen rassistisch meinten, dass das auch eine Gefahr für unsere weißen Mädchen sein würde. Dass alleine Schwarze in der Nachbarschaft eine Gefahr für junge, weiße Mädchen seien.“

Donald Trump spricht ganz offen davon, die “Suburbs” zu schützen, die eigentlich ein Synonym für die weißen, christlichen Nachbarschaften in den Vorstädten sind. Der Präsident schürt damit genau dieses Trugbild, das gerade in den Südstaaten und bei evangelikalen Christen noch heute einen besonderen Stellenwert hat. “Suburbia” steht für Ordnung, für Sicherheit, für das weiße Amerika. „Und Trump weist immer wieder auf die Frauen in den Vorstädten hin, er betont das. Das ist rassistisch, das kann man gar nicht anders beschreiben“, erklärt Robert Jones. In einem Tweet erklärte er sogar, dass der afro-amerikanische, demokratische Senator Cory Booker für die Umwandlung der Vorstädte verantwortlich sei. Offener geht es nicht!

Robert Jones’ Buch über die Wurzeln und tiefe Verbindung des systemischen Rassimus mit dem amerikanischem Christentum ist eine gerade in diesen Tagen mehr als lesenswerte Aufarbeitung über die Gründe und die Dimension einer sehr aktuellen Debatte in den USA. Erschienen ist “White too long” im Verlag “Simon & Schuster”.

Eine Stimme der Hoffnung

Emel Mathlouthi lebt in New York. Ich erreiche sie telefonisch in Paris. Sie ist für ein paar Konzerte in Europa, Kopenhagen, Stockholm, Barcelona. Die in Tunesien geborene und aufgewachsene Emel legt nun mit „The Tunis Diaries“ ein ganz besonderes Album vor. Es ist ein Doppelalbum, das ersteinmal nur als Download erscheinen wird.

Sie selbst bezeichnet die beiden Seiten als Tag und Nacht. Der Tag sind ihre eigenen Lieder, die sie neu und „unplugged“ einspielte. Auf die Idee für dieses Album kam sie, als sie nach einem Konzert in Jena Anfang März kurz ihre Familie in Tunis besuchen wollte. Aus ein paar Tagen wurden Monate. Emel war gestrandet, nichts ging mehr. Sie nahm es anfangs gelassen, half ihrem Vater, räumte auf, spielte mit ihrer Tochter und mistete alte Kartons mit Tapes und Schulbüchern aus. Doch dann kam der Punkt, wo sie merkte, die Musik ruft. Sie begann zum ersten Mal vor der Kamera zu spielen und zu singen, alles wurde im Internet gestreamt. „Ich nahm mich auch selbst auf, um zu sehen, was ich falsch mache. Aber mir gefielen einige der Songs richtig gut und ich dachte, ich habe noch nie Lieder akustisch eingespielt und aufgenommen, alles war bislang produziert und arrangiert. Ich dachte mir, das ist vielleicht gute Möglichkeit, produktiv zu bleiben, aber auch mich zum ersten Mal ganz allein aufzunehmen, wie es eben kommt.“

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Die Sängerin und Musikerin, die 2006 von Tunis nach Paris zog, nachdem die tunesische Regierung ihre Lieder im Radio und Fernsehen verboten hatte, genoss die Zeit in ihrer Heimat. Sie ist eine bedeutende Stimme in Tunesien, die immer wieder zurückkam und sich mit ihren Liedern in den arabischen Frühling in Tunesien einmischte. Ihre Lieder wurden zu Hymnen. Im März 2011 sang sie während der Proteste im Herzen von Tunis “Kelmti Horra”, My Word is free. Und dann nahm sie den Joan Baez Song „Here’s to you“ auf Arabisch auf und widmete ihn Mohamed Bouazizi, dem Straßenhänder, der sich nach der willkürlichen Beschlagnahmung seiner Waren im Dezember 2010 in Brand setzte und so die breiten Proteste in Tunesien lostrat, die zum „Arabischen Frühling“ in der Region führten. Musik als Zeichen der Hoffnung.

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Emel ist eine wichtige Stimme zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen. Sie singt auf Arabisch, auf Französisch, auf Englisch und auf der neuen Platte auch auf Deutsch, ein Lied von Rammstein (Frühling in Paris). Nicht nur, dass sie ihre eigenen Songs auf „The Tunis Diaries“ neu betrachtete und aufnahm, sie hörte sich durch alte Platten und kam auf die „Nacht“ Idee, den zweiten Teil dieses Albums: „Ich habe bewußt mal die Songs rausgesucht, die für mich wichtig waren, die mich als Sängerin und Musikerin beeinflusst haben. Für mich war diese Covid-Zeit genau das, ein Wiedersehen mit all den wichtigen Gefühlen und menschlichen Emotionen. Ich wollte dabei kreativ bleiben, aber auch den Grund der Songs finden. Nach drei veröffentlichten Alben, war ich da, wo ich nicht wusste, was mit der Welt passiert. Ich glaube, ich habe da für mich eine sehr gesunde Plattform gefunden.“ Sie nahm neben dem Rammstein Song auch Lieder von David Bowie, Nirvana, Placebo, Leonard Cohen, Jeff Buckley, The Cranberries, System of a Down und Black Sabbath auf. Gerade „Sabbath Bloody Sabbath“ ist ein unglaublicher Hörgenuss.

Es ist ein bewegendes und sehr nahegehendes Album. Emel schafft es aus diesen bekannten Songs etwas ganz neues zu machen. Ihre Art der Herangehensweise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erinnerte mich an Johnny Cash und seine „American Recordings“. „Stripped down versions“, die ganz neue Seiten eines Liedes offebaren. „The Tunis Diaries“ ist ein mehr als hörenswertes Ergebnis einer gestrandeten Musikerin. Es zeigt vielmehr eine bedeutende, kraftvolle Stimme, die in diesen verrückten Zeiten Hoffnung gibt.

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Bewaffnet zum Wahltag

Es ist eigentlich keine Neuigkeit mehr, dass Amerikaner ihre Schusswaffen lieben. Oft genug schon habe ich an dieser Stelle über das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz geschrieben. Darüber, wie weit verbreitet „Guns“ in den USA sind, darüber, dass der problemlose Zugang zu Knarren eigentlich eine „public health“ Krise ist, eine Gefahr für die Allgemeinheit, aber das hier von einem Teil der Amerikaner ganz anders gesehen wird.

Und nun ist eben wieder Wahl und der Verkauf von Schußwaffen schnellt dramatisch nach oben, so, als ob am 3. November alle Waffenverkäufe gestoppt werden würden. Mit diesem Szenario arbeitet auch die „National Rifle Association“, die NRA, die einflussreichste Waffenlobby im Land, die wie schon 2016 auf Donald Trump setzt.

So wird hier Wahlkampf geführt und all jene, die eh schon etliche Knarren und Tausende Schuss Munition zu Hause haben, glauben diese Mär von den Demokraten, die kommen, um alles einzukassieren. Die Folgen sind vielsagend. Das FBI vermeldet, dass es im Zeitraum von März bis Juli dieses Jahres 93 Prozent mehr „Background Checks“ für Waffenkäufe durchgeführt hat, als im vergleichbaren Zeitraum 2019. In einigen der „Swing States“, jener Staaten, die mal so und mal so wählen und in diesem Wahlkampf hart umkämpft sind, denn sie werden den Ausgang der Wahl am 3. November entscheiden, sind die Waffenverkäufe um 80 (!) Prozent gestiegen.

Das hat sicherlich mit dem Wahlkampf zu tun. Viele Waffennarren glauben tatsächlich, dass die Demokraten ihr vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz abschaffen oder deutlich einschränken werden. Was natürlich nicht stimmt und gar nicht passieren kann, denn dafür wäre eine Verfassungsänderung mit einer Zweidrittelmehrheit notwendig. Und die ist für keine Partei in Sicht. Aber Donald Trump verbreitet dennoch weiterhin dieses Bild, dass Joe Biden anfangen könnte die rund 400 Millionen Schußwaffen im Umlauf zu konfiszieren.

Ein anderer Grund hat auch mit Trump zu tun, der ja vor chaotischen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen warnt, falls der Demokrat Biden die Wahl gewinnen sollte. Ganz offen sagt Trump, dass es dann in den zumeist weißen Vorstädten Amerikas zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen würde. Die Armen, die Schwarzen, die brutalen Gangs der MS-13 würden dann kommen, um den Wohlstand der weißen Familien zu zerstören. Der rassistische Unterton Trumps ist dabei durchaus gewollt. Viele Amerikaner, vor allem eben in der Trump Basis glauben diesen Humbug und wollen sich auf einen drohenden „Race War“, einen Krieg der Rassen, vorbereiten. Die Zahlen des FBIs machen das ganz deutlich. Amerika geht bewaffnet in eine Wahl, deren Ausgang und deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Aber ein Land „under arms“ ist nicht gerade beruhigend im Vorfeld einer Präsidentenwahl, deren Ausgang vom Amtsinhaber schon jetzt angezweifelt wird.

Patriotisch sollt‘ Ihr sein!

Ich habe keine Kinder. Aber ich weiß, ich hätte damit ein großes Problem, wenn mein Kind schon im Alter von drei Jahren die „Pledge of Allegiance“, den Fahneneid ablegen müßte. Und das Tag für Tag im Kindergarten, in der Grundschule, in der High School. Donald Trump will nun sogar noch einen Schritt weiter gehen, er will „patriotischen Unterricht“ in den Schulen einführen lassen. Die Jungen und Mädchen sollen mit einem „pro-amerikanischen  Lehrplan“ unterrichtet werden, der „die Wahrheit über die große Geschichte unserer Nation feiert“.

Donald Trump nennt seinen Plan „1776 Commission“ in Anlehnung an ein Projekt der New York Times „1619 Project“, eine Sammlung von Artikeln und Essays, in denen erklärt wird, die eigentliche Gründung der USA sei eher 1619 gewesen, mit der Ankunft der ersten Sklaven. Trump meint, so eine Sichtweise beschreibe die Vereinigten Staaten als ein Land der „Unterdrückung“ nicht der „Freiheit“. Dehalb will er die Geschichte schön schreiben lassen. Neben dem Fahneneid sollen die Kultur und all die Errungenschaften in den USA vermittelt werden. Was auch immer das heißen mag. Man stelle sich vor, Kanzerlin Merkel forderte, dass man im Geschichstunterricht das Dritte Reich mal außen vor läßt oder in dem Kapitel über die 1930er Jahre nur vom Autobahnbau, der geringen Arbeitslosigkeit, den vielen Jugendlagern, der Sicherheit auf deutschen Straßen spricht. Was in so einer Betrachtung nicht angesprochen werden würde, weiß wohl jeder.

Präsident Trump unterzeichnet die präsidiale Anordnung, um eine Kommission für patriotischen Schulunterricht ins Leben zu rufen. Foto: AFP.

Donald Trump hat eigentlich nichts dabei mitzureden, was in amerikanischen Schulen unterrichtet wird. Aber es ist Wahlkampf und er will punkten, gerade bei jenen, die es nicht gerne sehen, dass Statuen von Südstaatengenerälen abmontiert werden, dass über systemischen Rassismus in der Gesellschaft gesprochen wird, dass die Vereinigten Staaten als ein Land dargestellt werden, in dem eben nicht jeder die gleichen Chancen hat. Er verkündete am Donnerstag die Gründung einer Kommission, weil „patriotische Mütter und Väter nicht länger einer hasserfüllten Verbreitung von Lügen über dieses Land“ zusehen wollten. “Amerikanische Eltern werden keine Indoktrination in unseren Schulen akzeptieren, einer „cancel culture“ in der Arbeit oder einer Unterdrückung des traditionellen Glaubens, der Kultur und den Werten im öffentlichen Raum. Nicht länger“, so Trump.

Das sind Worte, die an seine Basis gerichtet sind. Sie entsprechen der „Make America Great Again“ Philosophie, in der davon geschwärmt wird, wie die USA einst eine große Nation waren. Das MAGA-Bild von den 40er, 50er Jahren wird dabei gerne herangezogen. Damals, als Amerika gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg kam. Damals, als Afro-Amerikaner nicht in derselben öffentlichen Toilette pinkeln durften wie weiße Amerikaner. Damals, als die Wirtschaft boomte und die Vereinigten Staaten weltweit beneidet wurden. Damals, als Schwarze in den Südstaaten noch gelyncht wurden, nur weil sie eine weiße Frau ansahen. Damals, als die USA beim Aufbau von Deutschland mithalfen. Damals, als im eigenen Land Afro-Amerikaner nicht in Frieden, nicht in Freiheit und schon gar nicht in einem gerechten Land lebten.

Aber das soll, so Donald Trump, in seinem „patriotischen Lehrplan“ gar nicht zur Sprache kommen. Amerika ist für ihn ein Land auf der Sonnenseite, da gibt es weder dunkle Wolken, noch Gewitter und schon gar keine finstere Nacht. So kann man auch Geschichte erzählen, aber so eint man kein Land, in dem gerade eine wichtige und tiefgehende und mehr als zeitgemäße breite Debatte über Gleichberechtigung und gleiche Chancen im Land geführt wird.

Die verkehrte Welt des Donald Trump

Der Westen der USA brennt, an der Atlantikküste stehen die Hurricanes Schlange, der Südosten wird gerade überflutet. Das alles inmitten einer Pandemie, die die Vereinigten Staaten von Amerika besonders hart getroffen hat. Doch für Donald Trump ist das alles ganz normal, wenn jemand überhaupt eine Schuld trägt, dann sind es die Demokraten. Zum einen harken die nicht ihre Wälder, zum anderen, so Trump, sei die Todesrate in den „Blue States“, den demokratisch regierten Bundesstaaten, besonders hoch. Ohne sie hätten die USA überhaupt kein Problem mit Corona und es wäre ganz klar, dass seine Administration einen herausragenden Job in der Covid-19 Krise mache, analysiert Trump die (alternativen) Fakten.

Dass das nicht so ganz stimmt ist nicht überraschend. Trump steckt nicht nur beim Klimwandel den Kopf in den Sand, sondern verdreht gerne auch Zahlen und Statistiken, gerade wenn diese belegen, dass er eigentlich einen ziemlichen „crappy job“ in Bezug auf die Pandemie gemacht hat. Fast 200.000 Menschen sind bereits an Corona in den USA gestorben, die Dunkelziffer, das belegen Statistiken, die die Todesrate 2019 mit 2020 vergleichen, ist wohl noch viel höher. Noch immer fehlt eine einheitliche Linie im Kampf gegen das Virus, Präsident Trump politisiert vielmehr erneut die Pandemie. Das fing schon damit an, dass er Covid-19 einmal als „demokratisches“ Hirngespinst abgetan hat, dann die amerikanischen Medien beschuldigte, alles unnötig zu hypen, um schließlich zu erklären, dass das Virus einfach so verschwinde, wenn es wärmer wird. Der Sommer kam, die Zahlen stiegen weiter.

Alles Krampf, aber das war noch nicht alles. Trump politisierte das Tragen eines „Mund-Nasen-Schutzes“ und weigerte sich selbst lange Zeit, überhaupt auch nur einmal eine Maske zu tragen. Das führte dazu, dass im Trump Lager die meisten eben keine MNS nutzen, es sogar als „unpatriotisch“ und „unamerikanisch“ betrachten, wenn man denn doch mit einer Maske kommt. Ich bin gespannt, was ich demnächst im Central Valley und in Arizona erleben werde, dorthin reise ich noch vor dem Wahltag.

Doch nun geht Trump sogar so weit und beschuldigt die demokratisch regierten Bundesstaaten, schuld an der hohen Todesrate in den USA zu sein. Ohne sie, so der Präsident, wären die Zahlen deutlich niedriger. Das stimmt so nicht, denn etwa 53 Prozent der Toten wurden bislang in den „Blue States“ vermeldet, 47 Prozent in den „Red States“, den republikanisch regierten Bundesstaaten. Was stimmt ist, dass die Krise in den blauen Staaten begann, das liegt aber auch daran, dass sie mit New York, Los Angeles und der San Francisco Bay Area drei der größten Ballungsräume in den USA haben, die eben auch Zielort des internationalen Verkehrs sind. Und hier begann ja die Krise, bevor sie sich im Landesinneren mit den „Red States“ ausbreitete.

Donald Trump wußte schon früh, dass diese Pandemie mehr als gefährlich ist, das zeigen auch die Audioaufnahmen von Interviews mit dem Journalisten Bob Woodward. Doch er spielte öffentlich alles herunter, trat weiterhin vor Tausenden von Trumpianern auf und machte sich sogar noch lustig über all jene, die Covid-19 ernst nahmen. Seine Aufgabe als Präsident wäre schon damals im Februar, März und April gewesen, einen nationalen Notstand auszurufen, auf Wissenschaftler und „Public Health“ Experten zu hören, um die Krise frühzeitig unter Kontrolle zu bekommen. Doch Trump spielte das „blame game“, beschuldigte andere, sah Kritik an der Vorgehensweise seiner Administration als „unamerikanisch“ an. Die Folgen sind heute zu spüren und zu sehen. Und wieder beschuldigt er andere für das Ausmaß. Nicht nur das, Trump sagte sogar auch, der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden habe keine allgemeine Maskenpflicht gefordert. Biden darauf ganz cool: „Ich bin nicht der Präsident“. Noch nicht!

Solch eine Stimme fehlt

Es gibt Platten, die kommen einfach zur richtigen Zeit. „Long Time Passing“, das neue Album des Kronos Quartets, ist so eine. Die Gruppe aus San Francisco hat nun Lieder von Pete Seeger neu veröffentlicht, dem legendären Folk Sänger, der sicherlich kein erklärter politischer Barde war, aber mit seinen Liedern Menschen bewegte und beeinflußte und allein dadurch schon politisch hochbrisant wurde.

„Pete Seeger ist schon lange ein Teil meines Lebens“, meint David Harrington vom Kronos Quartet. „Es gibt eigentlich keine Zeit, in der ich nicht von seiner Musik wußte oder beeinflußt wurde.“ David Harrington ist Gründungsmitglied und Violinist des in San Francisco ansässigen Kronos Quartets. Obwohl ich in Oakland lebe, also auf der anderen Seite der Bay, müssen wir das Interview Corona bedingt telefonisch führen. Harrington ist Frühaufsteher, um 8 Uhr morgens haben wir den Termin, um über die neue Platte des Quartetts zu sprechen: „Long Time Passing, Kronos Quartet and friends celebrate Pete Seeger“. Und es ein wunderbares und nahegehendes feiern von Seegers Liedern. „Als Kind hörte ich ihn im Fernsehen. Später hatte ich selbst Kinder und die ersten Platten, die wir ihnen vorspielten, waren Pete Seeger Platten. Eine unserer Lieblings LPs war Pete Seeger zu Gast in der Sesamstraße. Auch für unsere Enkel spielten wir Pete Seeger. Später habe ich dann erfahren, dass meine Tochter, die schon lange Grundschullehrerin ist, seine Musik in ihrem Klassenzimmer einsetzt.“

“Long Time Passing” erscheint in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten tief gespalten sind. David Harrington sagt, Pete Seeger schaffte es immer wieder, durch gemeinsames Singen die Menschen zusammen zu bringen. Die USA, das wird beim Hören dieses Albums ganz klar, könnten jemanden wie Seeger in diesen Tagen wahrlich gebrauchen, der die tiefen Gräben musikalisch überwinden könnte. “Long Time Passing” ist aber durchaus eine politische Platte, die ganz bewußt vor der Wahl am 3. November erscheinten mußte, das betont David Harrington: „Wir haben alles daran gelegt, um diese Platte vor dem Wahltag zu veröffentlichen. Ende Juli hatten wir “Where have all the flowers gone” rausgebracht. Zum republikanischen Wahlkonvent kam dann die Single „which side are you on?“ Und am 16. September wird „the president sang amazing grace“ veröffentlicht. Die Vorstellung, dass Trump in einer afro-amerikanischen Kirche “Amazing Grace” singen würde ist einfach unmöglich, absolut unmöglich.“

“The president sang Amazing Grace” ist ein Lied von Zoe Mulford, die es nach dem Kirchenmassaker in Charleston 2015 und dem Besuch des damaligen Präsidenten Barack Obama bei den Gläubigen in der Kirche schrieb. Obama sang mit ihnen “Amazing Grace”, ein inniger, hoch emotionaler Moment. Mulfords Lied, das der im Januar 2014 verstorbene Pete Seeger gar nicht kannte, passt dennoch auf dieses Album. David Harrington glaubt, der legendäre Folksänger, hätte es in diesen hochexplosiven Tagen gesungen

Es ist also eine Platte, die zur richtigen Zeit erscheint, denn sie zeigt auf, was Amerika eben auch groß und bedeutend für viele gemacht hat. Der reiche Klangschatz dieses Landes, die die umfangreiche Liedersammlung von Pete Seeger repräsentiert, der Songs und Songideen von seinen vielen Reisen in aller Welt mit nach Hause brachte und hier teilte, wie „Mbube“, besser bekannt als „Wimoweh“ oder “The lion sleeps tonight”. Über Alan Lomax stieß Seeger einst auf dieses Lied.

„Es ist schon interessant, wenn man drüber nachdenkt, dass es im Weißen Haus keine Musik gibt“, meint Harrington. „Zum ersten Mal in meinem Leben ist das so, glaube ich. Trump hat Angst davor. Und wenn er auftritt, klauen seine Leute die Musik von Künstlern, ohne deren Erlaubnis einzuholen. Mit diesen Songs will er sich bedeutender darstellen als er ist.“

David Harrington glaubt an die Kraft der Musik. Im Begleittext zu diesem Album beschreibt er ein Treffen mit dem amerikanischen Historiker, Howard Zinn. Der erklärte ihm, dass mächtige Männer Angst vor Musikern und Künstlern hätten. Darauf baut David Harrington, der mit diesem Album seinen Teil zur Abwahl von Donald Trump beitragen will.
Musik als Fundament einer lebendigen, starken und kritischen Gesellschaft. “Long Time Passing – Kronos Quartet and friends celebrate Pete Seeger” erscheint auf Smithsonian Folkways.

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Die Zoom Nation tanzt und lacht

Mal ehrlich, all diese Online-Interviews über Skype, What’s App Audio, Zoom usw. gehen mir langsam wohin. Ich weiß, warum es so ist, aber mir fehlt das vor Ort sein, das Beobachten, das Riechen, das Erfahren, Eindrücke und Töne sammeln. Mit Menschen auch mal zu schweigen, Pausen zu genießen, Zeit zum Nachfragen zu haben. Vor einem Jahr reiste ich von hier direkt nach Hargeisa, von dort weiter nach Niamey und von dort wieder hierher zurück. Eine gewaltige und anstrengende Reise für ein wunderschönes Thema, die Kraft und Bedeutung der Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden. Nachhören kann man diese Geschichte hier. Aber genau das fehlt mir. Auch nach San Quentin komme ich nicht rein, dort wollte ich eigentlich schon lange eine Geschichte über Gefangene machen, die mit Hunden leben, eine Partnerschaft zwischen der Haftanstalt und dem Tierheim in Marin County. Aber keine Besuche sind derzeit und auf unbestimmte Zeit möglich.

Ich bin nun viel zu Hause, wenn ich raus gehe, dann eigentlich nur zum Einkaufen, zum Spazierengehen mit Käthe, zum Fahrradfahren. Das wars dann. Ich arbeite, lese und höre viel Musik, trainiere hier daheim vor mich hin, denn auch die Fitnessclubs im Bezirk Alameda dürfen noch nicht öffnen. Mir fällt die Decke dennoch nicht auf den Kopf, irgendwie wird mir trotz der Einschränkungen nicht langweilig, auch wenn ich das Reisen und das vor Ort sein sehr vermisse.

Auch 2020 brennt der „Man“.

Anderen scheint es da schlimmer zu gehen. Zoom Tanzparties, gemeinsame Abendessen vor dem Bildschirm, geteilte Screen Time und was es nicht alles noch per Videokonferenz und -Chat gibt. Eigentlich sollte ja in dieser Woche das Burning Man Festival sein, doch auch das findet natürlich 2020 nicht in der Wüste von Nevada statt. Klar, auch Burning Man ist online und es wird versucht die „Community“ eben so zusammenzuhalten. Bei einigen sieht das sogar so aus, dass sie in ihrem Wohnzimmer ein Zelt aufgebaut haben, um das „Feeling“ von der Playa nach Hause zu holen. Zumindest in diesem Jahr. Keine Ahnung, ob sie dafür auch noch Sand in ihrer Bude verstreuen, den immer mal wieder von einem Ventilator durchs Zimmer pusten lassen, um einen Sandsturm vorzutäuschen und dazu auch noch das Thermometer auf 40 Grad drehen. Aber mein Ding wäre das nicht.

Auch das angekündigte Webtoberfest ist nichts für mich. In den USA verstehen viele nicht, dass ich zwar aus (Nord) Bayern komme, aber nur einmal in meinem Leben auf dem Oktoberfest war und das auf der Klassenabschlußfahrt und es fürchterlich fand. Aber auch wenn ich solch ein Bierfest gut finden würde, ich glaube, ich ziehe einem „virtual Beer tasting“ einen Abend mit Freunden auf dem Tiergärtnertorplatz mit Bier vom Wanderer vor. Sowieso frage ich mich, warum man für eine virtuelle Bierprobe 21 Jahre alt sein muss? USA halt! Es gibt also Auswüchse und Seltsames in diesen Corona Tagen, die braucht wirklich kein Mensch. Klar ist es schade, wenn man derzeit erheblich in seinem Lebensumfeld und Lebensrhythmus eingeschränkt wird, aber deshalb muß man ja nicht alles vor dem Bildschirm nachmachen. Ich sag ja nur…

Die Musik macht es

Denk ich an die USA in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. So in etwa könnte man die derzeitige Stimmung in diesem Land auf den Punkt bringen. Die Corona Krise, der systemische Rassismus, ein brutaler Wahlkampf und dazu noch ein selbstverliebter Präsident der Tag für Tag ganz bewußt mit dem Feuer spielt und die Probleme im Land durch Worte und Taten nur noch größer werden läßt.

Und da ich nicht schlafen kann, sitze ich hier zu dieser späten Nachtstunde in einem Sendestudio in San Jose, das ist die größte Stadt in der San Francisco Bay Area, eine gute halbe Stunde von Oakland entfernt. Einmal im Monat, jeden ersten Freitag, lege ich hier von Mitternacht mit 3 Uhr morgens einen etwas anderen Musikmix auf, viel elektronische und experimentelle Musik, Musik, die man sonst nie so im Radio hört. Doch KKUP ist ein Community Sender, der mit einer starken UKW-Frequenz die weitere Region gut abdeckt und Programmmachern wie mir die Möglichkeit bietet, ganz anderes zu spielen. Das ist gewollt. Denn nicht jeder hört die Charts rauf und runter.

Aber ich merke gerade, während ich hier sitze und die Anna von Hausswolff von ihrer jüngsten Veröffentlichung auf Kassette (!) läuft, dass das hier ein richtig schönes Stück Freiheit ist. Fernab von all dem täglichen Wahnsinn, den ich so seit einiger Zeit als Korrespondent behandele. Musik hat wirklich eine heilende Wirkung. Auch heute morgen fiel mir das wieder auf, als ich mit David Harrington vom Kronos Quartett sprach. Sie bringen eine Platte mit Pete Seeger Songs heraus, ganz starke, ganz wichtige Songs für diese Zeit. Und Harrington schwärmte von den Liedern des großen Folk Sängers.

Doch zurück zu meiner Sendung hier. Musik, die so ganz anders ist, in einem Radio-Freiraum, der in der amerikanischen Hörfunklandschaft keine Ausnahme ist. Solche Stationen gibt es überall, noch, doch sie sind gefährdet. Und das wäre ein riesiger Verlust für die Medien in den USA, denn auf solchen Stationen kann man nicht nur ausgefallene Musik aus aller Herren Länder und aller Genres hören. Diese Sender bringen vielmehr die vielen Gesichter, Sprachen, Kulturen, Menschen einer „Community“ zusammen. Auch andere Meinungen. Das eben on-air, die Welt ganz nah zum Hören. Und mit der Möglichkeit des online Streamings wird Lokalfunk grenzenlos. Da sitze ich hier in San Jose in einem Sendestudio, schlage mir die Nacht um die Ohren und bekomme Rückmeldungen von Hörern die entweder nicht schlafen können oder ihren Freitagmorgen neugierig auf das sind, was ich hier so spiele. Danke. Genau das, brauche ich zur Zeit.

Die Gewalt eskaliert

Vor zwei Jahren arbeitete ich an einem Feature über die Militia Bewegung in den USA. Dafür sprach ich mit etlichen Experten, die diese radikale, zumeist rechtsextreme, Szene seit Jahren beobachteten, ihre Stärke und ihre Gefahr einschätzen konnten. Und an diese Interviews muß ich nun denken, wenn ich mir die aktuellen Bilder in den USA ansehe.

Die Proteste im Zuge der „Black Lives Matter“ Forderung, nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd, ebben nicht ab. In einigen Städten, wie Portland und Kenosha, explodierten nun die Situationen. Da ist zum einen die sogenannte Antifa-Szene, die die friedlichen BLM-Demonstrationen in eine absurde Gewaltorgie verwandeln. Ich selbst habe in Oakland beobachten können, wie sinnlos und aus reinem Spaß an der Zerstörung wahllos Reifen von geparkten Autos in Wohnvierteln aufgeschlitzt, Scheiben von kleinen Nachbarschaftsläden eingeschmissen wurden. Diese Bilder werden nun Abend für Abend in die Wohnzimmer der Amerikaner gebracht. So wird „Black Lives Matter“ im Mittleren Westen, in Suburbia dargestellt. Und das paßt genau ins Bild des selbsternannten „Law & Order“ Präsidenten Donald Trump, der im Wahlkampf täglich verspricht, die „Suburbs“, die Vororte vor den Gewalttätern zu schützen.

Doch nicht nur das, Trump feuert die Flammen noch weiter an. Alleine am heutigen Morgen hat er rund 90 Tweets selbst geschrieben und geteilt, in dem er seine Anhänger als „Patrioten“ bezeichnet und die andere Seite, als „Hooligans“ und Verbrecher beschimpft. Gestern nun kam es nach Kenosha in Wisconsin auch in Portland zu tödlichen Schüssen. Trump Anhänger und Militia Mitglieder zogen nach Portland, um ihre Haltung zu demonstrieren. Dabei wurde gezielt die Auseinandersetzung mit der Gegenseite gesucht. Was zu erwarten war, passierte, die Situation eskalierte. Schüsse fielen, ein Mitglied von „Patriot Prayer“, einer in Oregon ansässigen Rechtsaußengruppe wurde in der Brust getroffen.

Und genau das erinnert mich an diese Interviews mit den Militia-Experten. Einer von ihnen war Professor Lawrence Rosenthal vom “Center for Right Wing Studies” an der University of California in Berkeley. Er beschrieb die Situation vor zweieinhalb Jahren so : „Was man im Trump Wahlkampf nicht fand, war die Miliz Komponente. Eigentlich ist die Verbindung einer Partei mit einer privaten Miliz ein wesentliches Kennzeichen der historischen faschistischen Bewegungen. Der Diskussion über Faschismus und Trump fehlt also dieser wichtige Punkt. Die Frage nach dem Sinn einer Militia und der Rolle einer Militia in der amerikanischen Politik hat sich durch die Alt.Right Bewegung, die nun im Weißen Haus repräsentiert ist, verändert. Ein Teil von ihr sieht sich nicht nur als rechtsnational, Trump ist für sie ein Mittel, um an die Macht zu kommen. Aber jemand, der diesen Weg an die Macht kennt, weiß, dass Gewalt durch Milizen dazugehört, wie die Straßenkämpfe in der Weimarer Republik oder beim Aufstieg des Faschismus in Italien, wo die Schwarzhemden mitten in der Nacht mit einem Laster aufs Land fuhren, um einen sozialistischen Bürgermeister zu lynchen, oder Öl in die Kehlen von Gewerkschaftern zu schütten. Sie hatten dafür einen Namen: spedicione punitive – Strafexpeditionen. Was wir heute sehen von der Alt.Right Bewegung ist das Bestreben, solche Strafexpeditionen aus den sozialen Medien und dem Internet auf die Straße zu bringen.“

Und das läßt aufhorchen, gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Trump Beraterin, Kellyanne Conway, noch in dieser Woche erklärte: „The more chaos and anarchy and vandalism and violence reigns, the better it is for the very clear choice on who’s best on public safety and law and order“. Gewalt und Eskalation auf den Straßen paßt also genau ins Bild des Wahlkampfes von Donald Trump. Ganz bewußt heizt er also in dieser sowieso schon aufgeheizten Stimmung im ganzen Land, das Klima noch weiter an. Die Folgen sind absehbar, Straßenschlachten zwischen den radikalisierten politischen Lagern, die tödlichen Schüsse in Kenosha und in Portland in dieser Woche werden also keine Ausnahmen bleiben. Die amerikanische Gesellschaft, das demokratische Fundament der USA ist mehr als in Gefahr in diesem Wahljahr.