Missing in Action, Mister President

Donald Trump hatte sich das Wochenende sicher anders vorgestellt. Mit Vize-Präsident Mike Pence flog er nach Cape Canaveral, Florida, um dort direkt den Start der NASA/SpaceX Weltraummission zu beobachten. Ein historischer Tag für Amerika sollte es werden, schöne Bilder mit Trump und der Rakete und dann wurde daraus so gut wie gar nichts. Denn die 24/7 Nachrichtenkanäle berichteten nur darüber, dass Amerika brennt. Im Lauftext am unteren Ende des Bildschirms wurde auf den geglückten Start verwiesen.

Und diesmal war es nicht nur in den Metropolen New York City, Los Angeles, Seattle und San Francisco, diesmal brannte es und brennt noch immer im ganzen Land. Nach dem Tod von George Floyd in Polizeigewahrsam in Minneapolis eskalierte überall die Lage. Und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist „Missing in Action“. Ein paar Tweets, ein paar Worte, aber damit gießt er nur noch mehr Öl auf den Flächenbrand.

Vier Tweets am Sonntag innerhalb einer Stunde machen das ganz deutlich. Trump hat keine Ahnung, keinen Plan, versteht nicht, was in den USA passiert. Er gratuliert der Nationalgarde für ihr hartes Durchgreifen in Minneapolis, er beschuldigt Demokraten die Lage eskalieren zu lassen, die Medien der falschen Berichterstattung und will fortan die Antifa als terroristische Organisation brandmarken. Damit zeigt er, dass er das grundlegende Problem in den USA nicht nachvollziehen kann.

Was derzeit in Amerika passiert, ist schon lange am Köcheln. George Floyd ist der nicht der erste Schwarze, der unbewaffnet und ohne eine Gefahr darzustellen durch Polizeigewalt stirbt. Die Liste der Namen ist lang. Statistisch betrachtet sterben in den USA zweimal mehr Afro-Amerikaner durch Polizeigewalt als Weiße. Das alleine zeigt schon das Problem auf. Donald Trump spricht von den „Bad Apples“, den Einzelfällen in den Polizeireihen, doch da ist mehr, was getan, verändert, verbessert werden müsste. Die Polizeigewalt gegen Schwarze dürfte eigentlich nur der Anfang für eine grundlegende Aufarbeitung des tief verwurzelten Rassismus in den USA sein.

Doch dazu braucht es Leute, die ihre Hand zum Dialog ausstrecken, die Führungsstärke beweisen, die einfach verstehen was in Amerika passiert. Ein gutes Beispiel ist der Polizeichef im kalifornischen Santa Cruz. Auch dort wurde protestiert, auch dort war die Polizei vor Ort, beobachtete, begleitete. Und dann kam diese Aktion, die der Footballspieler Colin Kaepernick ins Leben rief – „take a knee“, niederknien und an die Polizeigewalt im Land zu erinnern. Mit den Protestierenden kniete auch der Polizeichef nieder, er trug eine Maske in Zeiten der Pandemie, auch das ein Zeichen von Führungsstärke. Mit diesem Kniefall zeigte er, dass er das, was George Floyd in Minneapolis angetan wurde, aufs Schärfste verurteilt. Mit solchen symbolischen Gesten ist ein erster Schritt getan.

Kultur in Corona Zeiten

Alles nicht so einfach, wenn von jetzt auf gleich die Stop Taste gedrückt wird, das öffentliche Leben mit einem kräftigen Ruck angehalten wird. Keine Konzerte, kein Theater, kein Kino, keine Ausstellungen, keine geöffneten Museen. Die Aussichten sind nicht gut. Veranstaltungen, Festivals, Tourneen wurden abgesagt. Eigentlich sollte es ein gutes Jahr werden, ich freute mich hier in Kalifornien gleich auf mehrere Konzerte von Bands aus dem deutschsprachigen Raum: Das Ich, Kraftwerk, KMFDM, Rammstein, The Young Gods, Einstürzende Neubauten. Und wahrscheinlich wären noch ein paar mehr dazu gekommen. Ein Satz mit X, das war nix.

Claire M. Singer ist auf dem Touch „Isolation Exclusive“ Album vertreten.

Kreativität ist in diesen Zeiten von den Kreativen gefragt. Manche wollen abwarten, andere werden aktiv, reagieren gleich, schalten um. Schon kurz nach der Ankündigung, dass Corona alles verändere, kündigte das kleine Independent Label Touch an, eine Online Compilation über Bandcamp zu veröffentlichen: Touch – Isolation Exclusive. Zweimal die Woche wurden seitdem Songs von Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, die man sonst nirgends finden kann.

Und auch andere Musikerinnen und Musiker zogen nach, wie Danielle de Picciotto und Alexander Hacke, die Archivmaterial, Drucke und anderes anboten. Auch Bandcamp selbst hat in den vergangenen Wochen schon mehrmals auf ihren Anteil an Verkäufen verzichtet, um so den auf ihrem Portal vertreteten Künstlerinnen und Künstlern zu helfen.

Es geht um Ideen, wie man in der Krise weiterhin präsent sein und auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Künstlerinnen und Künstler müssen in diesen Tagen zeigen, dass sie nicht nur flexibel sind und auf die Anforderungen schnell reagieren können. Sie müssen vor allem als Geschäftsleute auftreten, neue Verkaufswege erkunden und verfolgen. Und Musikfans können helfen.

Interessant wird das kommende Wochenende. Nach etlichen Online Konzerten, wie das von Corvus Corax auf einem Bauernhof vor Berlin, finden nun Online Festivals statt. Bands wie Subway to Sally, Letzte Instanz und die Erlangener Fiddler’s Green treten beim „Online Musik Festival“ auf. Zeitgleich wird auch das „Dark Stream Festival“ ausgestrahlt, das an Stelle des abgesagten „Wave Gotik Treffens“ in Leipzig organisiert wird. Mit dabei Bands wie Coppelius, Umbra et Imago und Herbst in Peking. Die etwas anderen „Eintrittsgelder“, um mit dabei zu sein, erinnern an Spenden. Gezahlt wird, wieviel man sich leisten kann und will. Es sind keine einfachen Zeiten. Für niemand. Die Kulturschaffenden wurden leider anfangs etwas zu sehr vergessen. Doch sie zeigen, dass Kreativität genau das ist, was nun gefragt ist. Wer kann, sollte hinsehen, zusehen, hinhören und unterstützen.

Twitter Trump tweetet

Wahlkampf 2020. Für Präsident Donald Trump sind nun alle Regeln aufgehoben. Er läuft zur Hochform auf. Das heißt, Trump beschmeißt tagtäglich den politischen Gegner mit Schlamm, erzählt die Story vom Pferd, teilt über die sozialen Medien und in Pressekonferenzen Verschwörungstheorien gegen Demokraten, die Medien, Kritiker und stellt nur sich ins köngliche Donald Trump Licht. Er habe keine Fehler gemacht, so Trump alle zehn Tweets und er sei sowieso der beste Präsident aller Zeiten – „historical“.

Doch nun hat Twitter genug und setzte einen Vermerk unter zumindest einen  Tweet des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika (!), dass Trumps Behauptung, Briefwahlen seien nicht demokratisch und würden gefälscht werden, nicht stimme. Trump reagierte prompt und deutlich:

Damit betonte er, dass er der Überzeugung ist für die Republikaner zu sprechen. Und damit ist aber auch klar, wer nun auf Seiten der „Grand Old Party“ nicht deutlich widerspricht, der stimmt dem zu, was Donald Trump da verbreitet. Und das sind unglaubliche Anfeindungen, Beleidigungen, Verschwörungstheorien, Geschichtsfälschungen, maßlose Übertreibungen.

Spiegel Online mutmaßt, dass Trump diese Wahlmanipulationsstory nur deshalb verbreitet, weil er auch nach dem 3. November im Amt bleiben will, er würde einfach seinen Sieg verkünden, Wahlergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten nicht akzeptieren. Das glaube ich nicht. Donald Trump ist vielmehr ein Egozentriker, das Leben, die Welt dreht sich um ihn. Er würde nie eine Niederlage zugeben, würde nie eingestehen, dass er in einem Zweikampf gegen Joe Biden verloren hat. Das passt einfach nicht in sein Weltbild von „Winning, winning, winning“. Deshalb sät Trump schon frühzeitig Zweifel am Wahlausgang, denn er wird immer bis zum letzten Atemzug behaupten, die Wahl sei gefälscht, ihm sei der Sieg geklaut worden. Er glaubt das und auch seine Basis wird fest davon überzeugt sein.

Donald Trump ist ein Revisionist, er schreibt die Geschichte um, wie es ihm gefällt, wie es ihm in den Kragen paßt. Das war schon immer so, das hat sich auch nicht mit der Wahl zum Präsidenten geändert und das wird auch so bleiben, wenn er – hoffentlich – am 3. November aus dem Amt gewählt wird. Trump wird sich nicht ändern, man kann nur hoffen, dass sich der blinde Gehorsam in den Reihen der Republikaner legt.

Trumpstilzchen tobt

Es ist schön verrückt. Da ist er Präsident, ein „historischer Präsident“, wie er selbst betont, hat die „beste Wirtschaft aller Zeiten“ aufgebaut, Amerika werde wieder in der Welt respektiert, die Amerikaner selbst lieben wieder ihr Land, die USA seien sicherer, besser, schöner, so toll, wie noch nie zuvor und überhaupt „America First“ und dennoch hat Barack Obama bessere Umfragezahlen als er.

Donald Trump wird wahrscheinlich regelmäßig wie Rumpelstilzchen durchs Weiße Haus toben. Die Haarpracht zerwühlt, das Gesicht vor Wut gerötet, seine Untergebenen anschreiend, dass sie endlich etwas machen sollen. So ginge das ja nicht weiter. Und dann kam ihm die Idee: Obamagate. Allein dieses Wort hat Trump seit Wochen mehrmals getweetet. Was das sein soll ist unklar und eigentlich egal. Es klingt nach Skandal und nach der Logik von Donald Trump zu urteilen, wenn man etwas oft genug vehement behauptet, dann glauben es andere auch.

Zumindest einige seiner republikanischen Parteigenossen und etliche im konservativen Mediendschungel sind sich nicht zu blöd dafür, diese neue Schauermär über #44, den ersten afro-amerikanischen Präsidenten weiter zu verbreiten. Natürlich, es ist Wahlkampf und Team Trump versucht Joe Biden mit Barack Obama in Verbindung zu bekommen, ihn für so einiges verantwortlich zu machen, was zwischen 2008 und 2016 passiert ist. Nun geht es vor allem um die geheimdienstliche Überwachung, das Verhör und die Verurteilung des ehemaligen Sicherheitsberaters von Kandidat Trump und dann Präsident Trump, Michael Flynn. „Obamagate“ soll heißen, Präsident Obama und seine Regierung haben Flynn in eine Falle gelockt, unerlaubterweise abgehört und damit auch den politischen Gegner beschattet. Ein Skandal!

Wohl mehr ein Rauschen im Wasserglas, denn was Trump und sein Chor nur selten von den Türmen singen ist, dass Michael Flynn gegen das Gesetz verstoßen hat und das gleich mehrmals. Nicht nur das, er hat auch in der Anhörung darüber gelogen und bei seinem „Background Check“ für die Aufgabe des nationalen Sicherheitsberaters in der Trump Administration Falschaussagen zu Papier gegeben und diese unterschrieben. Und Flynn hat sich selbst vor Gericht für schuldig erklärt. „Case closed“, nicht Obama hat Fehler begangen, sondern Trump. Denn der hat jemanden in sein Team geholt, der da nicht hätte sein dürfen. Und wir erinnern uns, Vize-Präsident Mike Pence hatte sich Anfang 2017 dafür ausgesprochen, Mike Flynn wieder gehen zu lassen, nachdem dieser ihn belogen hatte. Pence habe das Vertrauen in den General verloren, hieß es damals.

Aber das ist Donald Trump egal, er ist besessen von der Idee, Barack Obama aus den Geschichtsbüchern zu streichen. Eigentlich gehört es sich nicht für einen ehemaligen Präsidenten, seinen Nachfolger zu kritisieren. Eigentlich…das ist so ein ungeschriebenes Gesetz in den USA. Doch diese Zeiten sind anders, denn Trump hat nie aufgehört Wahlkampf zu führen und tweetet fast täglich gegen seinen Vorgänger, bezeichnet ihn als faul, als korrupt, als Versager, als jemand, der Amerika verkauft und verschachert habe. Man sollte auch nicht vergessen, dass Trump derjenige war, der behauptete, Obama sei nicht in den USA geboren. Davon hat sich Trump nie so richtig überzeugend distanziert vielmehr noch einen draufgelegt und Tweets weiter geteilt, in denen Obama in die Nähe von Terroristen gebracht wurde.

Barack Obama selbst hat lange geschwiegen, überraschend lang. Das ist nun vorbei. Er machte jüngst deutlich, dass er sich in den Wahlkampf von Joe Biden einbringen wird. Nicht nur mal so, sondern so richtig. Und genau das ist es, was Trump derzeit kochen lässt. Denn Barack Obama liegt in den Umfragen weit vor Donald Trump. Nicht nur das, Obama ist nach wie vor die Lichtgestalt in den demokratischen Reihen, kann Massen bewegen und ansprechen, Dinge einfach erklären, die Partei einen, vielleicht auf Kurs bringen, der da einzig und allein ist: „Beat Donald Trump“.

Trump weiß, Obama ist ein deutlich besserer Wahlkämpfer als Joe Biden, den er als „sleepy Joe“ abtut. #44 jedoch ist voller Energie, wirkt nach wie vor jugendlich, hat Charme und hat sicherlich in seinem Leben gelernt, wie er gegen Trumpsche „Bullys“ vorgehen muss. Trump scheint dagegen nur weitere Lügen stellen zu können. Mit seiner Chaos-Theorie will er seine Wiederwahl ermöglichen. Ein durchschaubarer Versuch, der am Ende (hoffentlich) erfolglos bleiben wird.

Journalistischer Corona Alltag

Ich weiß, ich kann mich in diesen Tagen und Wochen glücklich schätzen. „Home Office“ ist für mich seit fast 25 Jahren ganz alltäglich und normal. Für mich wäre es wohl eine große Umstellung, wenn ich nun jeden Morgen in ein Büro fahren müsste. Von Daheim zu arbeiten hat für mich den Vorteil, dass ich mir die Zeit selbst einteilen kann. Auch mal frühmorgens, abends oder am Wochenende arbeite, dafür dann sonnige Tage für lange Spaziergänge nutzen kann.

Auch sind die Restriktionen nicht so groß in Oakland, ich kann also noch jeden Tag mit meinem Hund die Wege und Pfade im East Bay Regional Park unsicher machen. Viel hat sich also für mich in diesen Corona Zeiten nicht geändert, zumindest vom täglichen Ablauf her.

Thematisch sieht das ganz anders aus. Einige Features wurden verschoben oder angefragt, ob ich die auf die aktuelle Situation umschreiben könnte. Das geht nicht so einfach, denn oftmals hängen damit ja auch Reisen zusammen. Sowieso muß derzeit alles irgendwie einen Corona-Dreher bekommen. Ein anderer Beitrag, über die Zusammenarbeit eines Tierheims in Marin County und dem Staatsgefängnis von San Quentin, ist derzeit überhaupt nicht zu realisieren, denn Töne vor Ort kann ich nicht aufnehmen. Das Gefängnis steht unter Lock-Down, keine Besucher sind erwünscht.

Milizen in den USA sind im Wahljahr 2020 ein aktuelles Thema. Foto: AFP.

Sowieso ist das derzeit mehr als schwierig. Rausgehen, Interviews vor Ort führen, Feldaufnahmen machen, sich einen eigenen Eindruck schaffen. Ich hatte Glück, dass ich vor der Krise und den Ausgangsbeschränkungen noch einiges hier auf dem Schreibtisch hatte, was ich abarbeiten konnte. Nun kam vor kurzem eine größere Anfrage vom Bundesamt für politische Bildung für ein Podcast zum Thema Milizen in den USA. Eigentlich war eine Veranstaltung über Freiräume rechter Gruppen geplant, doch die mußte abgesagt werden. Stattdessen wird nun alles in Podcasts aufgearbeitet. Da ich schon mal ein längeres Feature über die Milizen in den USA produziert habe, wurde ich angefragt. Ein paar aktuelle Interviews kann ich über What’s App Audio oder Skype führen, viele der Töne für solch eine Sendung habe ich bereits vorliegen.

Hinzu arbeite ich noch an Musikbeiträgen, gehe Stories nach, die ich eventuell aktualisieren könnte und überlege, wie ich trotz Corona an Töne, Aufnahmen, Interviews vor Ort komme, denn nur per Telefon, Skype und andere Audiodienste…das ist nicht so ganz das Wahre. Zumindest nicht für mich. Und ich spreche noch nicht einmal von meinen Reisen in Gegenden, von denen ich hier in diesem Blog immer wieder berichtet habe. Es sind seltsame Zeiten und die Aussicht auf das, was da kommt oder kommen mag, sind ungewiss. Auch, wie sich das alles noch auf meine Arbeit, auf den Journalismus allgemein auswirken wird.

Im Namen der Pressefreiheit

Heute ist „World Press Freedom Day“. Es spricht für sich, dass es diesen Tag überhaupt geben muß. Doch die Pressefreiheit ist unter Beschuß. Klar, man denkt da sofort an die eingeforderte Hofberichterstattung von Donald Trump. Er tut kritischen Journalismus als „Fake News“ ab und untergräbt damit die Arbeit von Journalisten weltweit.

Doch über Trump und sein gestörtes Verhältnis zu den Medien sollte es an diesem Tag nicht gehen. Vielmehr möchte ich an die Journalistinnen und Journalisten erinnern, die ich auf vielen meiner Reisen getroffen habe. In Afghanistan und Ruanda, im Niger und im Tschad. Ich denke an A. in Ciudad Juarez, als die mexikanische Grenzstadt zu El Paso 3400 Morde pro Jahr hatte, Drogenkartelle und ihre verbündeten Gangs sich offen Straßenkriege lieferten. Die Stadt glich gerade nachts eine Geisterstadt, ein öffentliches Leben gab es nicht mehr. Doch A. blieb, um über das zu berichten, was dort passierte. Auch als er Morddrohungen erhielt.

Besuch bei NIYYA FM in Maradi, Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Oder Adam Al Sanosi in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, der über die Revolution 2018/19 berichtete. Sich von Drohungen nicht einschüchtern ließ und einfach weitermachte. Da ist Maya Gadir, Moderatorin bei Capital Radio in Khartum. Der Sender blieb während den stürmischen Umbruchzeiten on-air und sendete weiter. Um nicht abgeschaltet zu werden, sprach man nichts deutlich an, doch positionierte sich zum Teil durch die Musikauswahl. Gadir spielte Lieder von der tunesischen Revolution oder auch „Talkin‘ about a Revolution“ von Tracey Chapman.

In Somaliland und Puntland traf ich auf junge, begeisterte Radiomacher, die ihre kleinen Freiheiten in einer sich langsam öffnenden Gesellschaft nutzten. Über Themen sprachen, die bislang kaum angesprochen wurden, darunter auch der Kampf gegen die weitverbreitete Genitalverstümmelung. Und ich denke an diesem Tag an den Studentensender in Goma, im Ost-Kongo. Studierende, die in ihren Sendungen darüber berichten, was wirklich vor Ort passiert, aber auch, wie reichhaltig die Kultur des Kongos ist. Die deutsche Journalistin Judith Raupp, die seit langem in Goma lebt und dieses Projekt begleitet, brachte mich mit den Radiomachern zusammen. Und ich konnte vor einigen Jahren die Verbindung zu multicult.fm in Berlin herstellen. Dort wird noch immer einmal im Monat „Ngoma“ ausgestrahlt, die Sendung aus Goma. Eine wichtige und ungefilterte Stimme.

Und auch hier in den USA gibt es so viele wunderbare Community Stationen, fernab des Mainstream, die den verschiedensten ethnischen Gruppen, Fremdsprachensendungen und Kulturschaffenden aller Art eine Möglichkeit bieten zu senden, sich auszudrücken, sich zu präsentieren. Das ist alles gelebte Pressefreiheit, die geschützt und behütet werden soll.

Vieles stört mich an Donald Trump, politisch sind wir sicherlich nicht auf einer Wellenlänge. Doch das ist nun mal so. Was ich ihm jedoch besonders vorwerfe ist, dass er die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft untergräbt, ja, unterminiert. Und dazu gehört eine freie Presse. Wenn schon in den USA Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet werden, wenn kritische Berichterstattung als „Fake News“ abgetan wird, dann kann man sich vorstellen, wie in Ländern wie Somalia, Tschad, Kongo, Ruanda und Sudan, Niger, Mexiko und Afghanistan, Uganda und Burundi gegen Journalisten vorgegangen wird. Dort schauen Regierungen auf Amerika und finden ein Argument dafür, gegen all jene vorzugehen, die nachfragen, Kritik äußern, über Mißstände und Fehlverhalten von Mächtigen berichten. Deshalb gibt es diesen „World Press Freedom Day“. Und er ist heute notwendiger als je zuvor.

Einfach mal wieder eine Platte kaufen

Musiker weltweit trifft die Corona Krise besonders hart. Denn seit Jahren sinken die Verkäufe von Tonträgern, über Streaming-Dienste verdienen sie nicht einmal das Salz in der Suppe. Ich rede nicht von den Superstars im Geschäft, sondern von all jenen, die ihren Lebensunterhalt mit Live-Konzerten verdienen.

Viele von ihnen nutzen bereits Bandcamp, eine Online Plattform, über die sich zu fairen Regeln und Gebühren Musik noch verkaufen läßt. Bandcamp hat nun erneut in dieser Covid-19 Krise angekündigt, am Freitag den 1. Mai auf ihren Anteil an jedem Verkauf von Downloads, Vinyl, CDs und Merchandise zu verzichten, um so Bands, Musikerinnen und Musiker zu unterstützen.

Von daher kann man an diesem 1. Mai ganz gezielt, direkt und unmittelbar all jenen helfen, die einen mit ihrer Musik teilweise schon seit vielen Jahren begleiten und einem nahe stehen. Also, mal ein ganz anderer Tanz in den Mai. Auf Bandcamp finde ich immer was, auch wenn es manch andere als unhörbar abtun. Aber genau solche Sachen spiele ich dann in meiner neuen Live Sendung auf KKUP Cupertino, einem Community Sender, der von Monterey bis South San Francisco die Menschen beschallt. Nachts von 00:00 bis 3:00 Uhr am ersten Freitag im Monat (also heute Nacht), 9:00 bis 12 Uhr am Freitagmorgen deutscher Zeit, bin ich dran. Einfach reinhören, vielleicht ist ja doch das eine oder andere dabei, was man anschließend dann direkt erwerben und so in der Krise ein klein bißchen Solidarität zeigen kann.

Der Klang von damals

Zwischen 1925 und 1955 wurden auf 107 Stationen in den Vereinigten Staaten von Amerika jiddische Radioprogramme ausgestrahlt. Die Hochzeit war in den 30er und 40er Jahren, als immer mehr Radiostationen on-air gingen und die jüdischen Gemeinden in den USA anwuchsen. Ein Kulturschatz, der nie richtig ergründet und archiviert wurde, fast vergessen schien, doch von einem Sammler in New York durch Zufall entdeckt und zum Teil neu veröffentlicht wurde.

Henry Sapoznik ist Autor, Radio- und Plattenproduzent, Gründer des “Yiddish Radio Project” und ein Sammler alter jüdischer Aufnahmen. Für ihn steht fest, dass diese Art von Radioprogrammen nur in den USA stattfinden konnte. “Wie in allen Ländern kontrolliert die Regierung die Radiolizensen, aber hier wurden sie verkauft. Daraus entstand eine Art Marktplatz, der auch kleinere Stationen on-air brachte. Das lief dann so, das jemand eine Lizenz kaufte und Sendezeit an andere vermietete, die für ihre zwei Stunden dann eine eigene Finanzierung finden mussten.”

Die amerikanische Radiolandschaft ist etwas besonderes, denn neben den kommerziellen Sendern und Programmen, gibt es auch Stationen, die zum einen Sendezeit verkaufen, zum anderen sogenannte “Community stations”, eine Art offene Kanäle mit Programmen, die meist von Freiwilligen produziert werden. Sie werden “cultural producers” genannt, Kulturproduzenten. Das sind dann teils fremdsprachige oder kulturelle Programme, die im Mainstream Hörfunk keinen Platz finden. Und die jüdischen Sendungen von damals fielen genau in diese Kategorie. “Viele der jiddischen Programme waren so aufgebaut, dass sie einen tiefer in die Community brachten, betonten, wer man als Hörer und als Mitglied der religiösen, sozialen und nationalen Gemeinschaft war. Die Programme waren keine Western, keiner Gangster Shows, keine “Mystery” Shows. Die Programme waren vor allem Unterhaltung. Besonders Musikshows, jiddisches Gesangstheater, dazu so Schlager und religiöse Musik”, umschreibt Sapoznik die Sendungen.

Mitte der 80er Jahre hatte Henry Sapoznik für das “YIVO Institute for Jewish Research” in New York gearbeitet und gründete dort ein Sound-Archiv. Vor allem Klezmer Musik wurde archiviert. Und bei seiner Suche nach Schellackplatten stieß er immer wieder auf Aluminium Platten, sogenannte Instagram Discs. “Die wurden hergestellt, weil die Sender dokumentieren können mussten, was sie gesendet hatten. Falls es Beschwerden gab, hatte man so eine Kopie der Show, aber diese Discs waren eben nur für eine kurze Zeit gedacht.”

Aluminium Platten als Belegexemplare, auf denen Radiosendungen und Klangaufnahmen, Live-Auftritte und Radiowerbung festgehalten wurden. Nirgends sonst gab es ein Klangarchiv für diese Sendungen, schon gar nicht bei den einzelnen Radiostationen. Der Großteil von ihnen, so Sapoznik, wurde wahrscheinlich während der Kriegsjahre vernichtet, denn Aluminium war ein wichtiges Material. “Niemand wiederholte eine Sendung, das gab es damals nicht. Alles war live, deshalb wurden diese Discs als Altmetall von den Stationen abgegeben. Und einige Kopien überlebten nur deshalb, weil ein paar Leute sie aufhoben, die in den Sendungen vorkamen, sie produzierten oder als Sponsor auftraten.”

Auf diesen Platten, die Sapoznik auszugsweise neu veröffentlichte, ist mitreißendes Radio zu hören, das auch eine wichtige Epoche des jüdischen Lebens gerade in New York dokumentierte. “Die Sprache in den Shows war wie eine Fremdsprache in Amerika. Da gab es Yiddish, wie es von den Juden aus der alten Welt gesprochen wurde. Da waren Leute, die ganz bewusst Yiddish und Englisch in ihrer Sprache vermischten.” Unter den Produzenten dieser Sendungen war auch Nahum Stutchkoff, ein im heutigen Polen geborener jüdischer Autor und Schauspieler, der u.a. das umfassendste jiddische Wörterbuch “Ojzer fun der jidischer schprach” schrieb, das je veröffentlicht wurde. In zahlreichen jiddischen Theaterstücken und Radiosendungenn machte er von sich reden.

Das besondere an Henry Sapozniks CD-Veröffentlichungen für das “Yiddish Radio Project” und seine Arbeit über die jüdischen Radiosendungen ist, dass er zeigen kann, welche Bedeutung diese Hörfunkprogramme für die jüdischen Gemeinden in den USA hatten. Die meisten dieser “Kulturprogramme” – fremdsprachig oder mit anderem ethnischen Hintergrund – wurden nie archiviert. Mit dem Verkauf eines Senders, mit dem Ausscheiden eines Moderators ging auch immer ein Stück der hörbaren Kultur, der Vielseitigkeit im “melting pot” USA verloren. Diese historischen jiddischen Radioprogramme machen jedoch deutlich, wie reich die Vereinigten Staaten von Amerika waren und auch noch sind.

Donald Trumps „great people“

“These are great people. Look. They call it cabin fever — they’ve got cabin fever. … Their life was taken away from them. These people love our country. They want to get back to work.” Präsident Donald Trump fügte in seiner Pressekonferhinzu, dass er die Berichterstattung im Fernsehen gesehen habe und nur amerikanische Flaggen erkennen konnte. Wie auch 2017 in Charlottesville, marschierten auch am Wochenende verschiedene Milizen in einigen Bundesstaaten auf, um diesmal gegen die Ausgangsbeschränkungen im Kampf gegen das Corona Virus zu protestieren. Viele der Teilnehmer trugen nicht nur eindeutige Schilder und Abzeichen, sondern auch „Make America Great Again“ Baselballmützen. Trump kann sich im Wahlkampf 2020 auf seine Basis verlassen.

Proteste gegen Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer. Foto: AFP.

 

Auch Donald Trump behauptete mal, dass Impfungen zu Autismus führen. Protestierende gegen die Corona Shutdowns. Foto: AFP.

 

„Great American Patriots“, so beschreibt Donald Trump die Protestierende. Foto: AFP.

 

Eine Niederlage für Amerika

Bernie Sanders beendet seinen Wahlkampf. Foto: AFP.

Bernie Sanders ist draußen. Er hat gestern verkündet, dass sein Wahlkampf zu Ende ist und gleichzeitig betont, dass er bei den noch anstehenden Vorwahlen auf dem Stimmzettel bleiben wird. Also, Bernie Sanders kann auch weiterhin gewählt werden und „Wahlmänner/-frauen“ auf sich vereinen.

Das hat das Ziel, dass Sanders so die Demokraten um ihren Präsidentschaftskandidaten Joe Biden unter Druck setzen kann. Nicht großartig, aber hier und da schon, wenn es um bestimmte Politideen geht, vor allem, wenn es um die Einheit der Partei im Kampf gegen Donald Trump geht. Bernie Sanders hat erkannt, dass es für ihn keine Möglichkeit mehr gibt, Joe Biden noch zu überholen. Gerade auch in Corona Zeiten, in denen ein direkter Wahlkampf nicht möglich ist. Nun also, zieht sich Sanders zurück, doch eine Niederlage ist es für ihn nicht.

Es ist vielmehr eine Niederlage für Amerika. Viele stellten Sanders und seine Forderungen nach einer kostenfreien Gesundheitsversorgung, nach einem kostenlosen Bildungssystem als Sozialist dar. Das sei unamerikanisch, hieß es immer wieder. Doch die Realität hat alle sehr schnell eingeholt. In dieser Covid-19 Krise sehen die Amerikaner, was es bedeutet ein Gesundheitssystem zu haben, das nicht funktioniert. Die großen Töne, gerade dieses Präsidenten, der immer wieder erklärt, Amerika habe das beste System der Welt, fällt zusammen wie ein Kartenhaus. Derzeit dürfen sich zwar Infizierte mit dem Corona Virus kostenlos behandeln lassen, doch wer mit einem gebrochenen Bein oder einer Krebserkrankung bei seinem Doktor vorstellig wird, der wird zuerst nach seiner Krankenversicherung oder seiner Kreditkartennummer gefragt. Rund 40 Millionen Amerikaner sind nicht versichert, 40 weitere Millionen unterversichert.

Bernie Sanders ist sicherlich kein Kandidat, der eine Mehrheit in den USA hinter sich hätte bringen können, dafür sind amerikanische Wahlkämpfe zu sehr eine Fehlinformationskampagne, in der es nicht um Fakten, sondern um viel Geld geht. Die Brandmarkung „Sozialist“ oder „Kommunist“ ist noch immer ein politisches Todesurteil in Amerika, zumindest auf nationaler Ebene. Hier gibt es noch zu viele, die diesem „American Dream“ Gedanken nachhängen und daran glauben, dass Amerika „God’s Country“ sei. Der Staat solle sich aus allem raushalten, aus der Bildung und Erziehung, daraus, was ich auf meinem Land machen kann und mir schon gar nicht vorschreiben, dass ich mich krankenversichern muss. Das nämlich, so die Meinung vieler, sei „sozialistisch“. Was sie übersehen ist, dass Bernie Sanders nichts forderte, was unmöglich war. Er baute vielmehr auf den gesunden Menschenverstand, auf die Logik in der Politik.

Man kann nur hoffen, dass die Amerikaner etwas aus der Corona Krise lernen werden und das auch an der Wahlurne zeigen. Wahrscheinlich ist das aber wohl nicht.