Eine Stimme der Hoffnung

Emel Mathlouthi lebt in New York. Ich erreiche sie telefonisch in Paris. Sie ist für ein paar Konzerte in Europa, Kopenhagen, Stockholm, Barcelona. Die in Tunesien geborene und aufgewachsene Emel legt nun mit „The Tunis Diaries“ ein ganz besonderes Album vor. Es ist ein Doppelalbum, das ersteinmal nur als Download erscheinen wird.

Sie selbst bezeichnet die beiden Seiten als Tag und Nacht. Der Tag sind ihre eigenen Lieder, die sie neu und „unplugged“ einspielte. Auf die Idee für dieses Album kam sie, als sie nach einem Konzert in Jena Anfang März kurz ihre Familie in Tunis besuchen wollte. Aus ein paar Tagen wurden Monate. Emel war gestrandet, nichts ging mehr. Sie nahm es anfangs gelassen, half ihrem Vater, räumte auf, spielte mit ihrer Tochter und mistete alte Kartons mit Tapes und Schulbüchern aus. Doch dann kam der Punkt, wo sie merkte, die Musik ruft. Sie begann zum ersten Mal vor der Kamera zu spielen und zu singen, alles wurde im Internet gestreamt. „Ich nahm mich auch selbst auf, um zu sehen, was ich falsch mache. Aber mir gefielen einige der Songs richtig gut und ich dachte, ich habe noch nie Lieder akustisch eingespielt und aufgenommen, alles war bislang produziert und arrangiert. Ich dachte mir, das ist vielleicht gute Möglichkeit, produktiv zu bleiben, aber auch mich zum ersten Mal ganz allein aufzunehmen, wie es eben kommt.“

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Die Sängerin und Musikerin, die 2006 von Tunis nach Paris zog, nachdem die tunesische Regierung ihre Lieder im Radio und Fernsehen verboten hatte, genoss die Zeit in ihrer Heimat. Sie ist eine bedeutende Stimme in Tunesien, die immer wieder zurückkam und sich mit ihren Liedern in den arabischen Frühling in Tunesien einmischte. Ihre Lieder wurden zu Hymnen. Im März 2011 sang sie während der Proteste im Herzen von Tunis “Kelmti Horra”, My Word is free. Und dann nahm sie den Joan Baez Song „Here’s to you“ auf Arabisch auf und widmete ihn Mohamed Bouazizi, dem Straßenhänder, der sich nach der willkürlichen Beschlagnahmung seiner Waren im Dezember 2010 in Brand setzte und so die breiten Proteste in Tunesien lostrat, die zum „Arabischen Frühling“ in der Region führten. Musik als Zeichen der Hoffnung.

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Emel ist eine wichtige Stimme zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen. Sie singt auf Arabisch, auf Französisch, auf Englisch und auf der neuen Platte auch auf Deutsch, ein Lied von Rammstein (Frühling in Paris). Nicht nur, dass sie ihre eigenen Songs auf „The Tunis Diaries“ neu betrachtete und aufnahm, sie hörte sich durch alte Platten und kam auf die „Nacht“ Idee, den zweiten Teil dieses Albums: „Ich habe bewußt mal die Songs rausgesucht, die für mich wichtig waren, die mich als Sängerin und Musikerin beeinflusst haben. Für mich war diese Covid-Zeit genau das, ein Wiedersehen mit all den wichtigen Gefühlen und menschlichen Emotionen. Ich wollte dabei kreativ bleiben, aber auch den Grund der Songs finden. Nach drei veröffentlichten Alben, war ich da, wo ich nicht wusste, was mit der Welt passiert. Ich glaube, ich habe da für mich eine sehr gesunde Plattform gefunden.“ Sie nahm neben dem Rammstein Song auch Lieder von David Bowie, Nirvana, Placebo, Leonard Cohen, Jeff Buckley, The Cranberries, System of a Down und Black Sabbath auf. Gerade „Sabbath Bloody Sabbath“ ist ein unglaublicher Hörgenuss.

Es ist ein bewegendes und sehr nahegehendes Album. Emel schafft es aus diesen bekannten Songs etwas ganz neues zu machen. Ihre Art der Herangehensweise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erinnerte mich an Johnny Cash und seine „American Recordings“. „Stripped down versions“, die ganz neue Seiten eines Liedes offebaren. „The Tunis Diaries“ ist ein mehr als hörenswertes Ergebnis einer gestrandeten Musikerin. Es zeigt vielmehr eine bedeutende, kraftvolle Stimme, die in diesen verrückten Zeiten Hoffnung gibt.

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Solch eine Stimme fehlt

Es gibt Platten, die kommen einfach zur richtigen Zeit. „Long Time Passing“, das neue Album des Kronos Quartets, ist so eine. Die Gruppe aus San Francisco hat nun Lieder von Pete Seeger neu veröffentlicht, dem legendären Folk Sänger, der sicherlich kein erklärter politischer Barde war, aber mit seinen Liedern Menschen bewegte und beeinflußte und allein dadurch schon politisch hochbrisant wurde.

„Pete Seeger ist schon lange ein Teil meines Lebens“, meint David Harrington vom Kronos Quartet. „Es gibt eigentlich keine Zeit, in der ich nicht von seiner Musik wußte oder beeinflußt wurde.“ David Harrington ist Gründungsmitglied und Violinist des in San Francisco ansässigen Kronos Quartets. Obwohl ich in Oakland lebe, also auf der anderen Seite der Bay, müssen wir das Interview Corona bedingt telefonisch führen. Harrington ist Frühaufsteher, um 8 Uhr morgens haben wir den Termin, um über die neue Platte des Quartetts zu sprechen: „Long Time Passing, Kronos Quartet and friends celebrate Pete Seeger“. Und es ein wunderbares und nahegehendes feiern von Seegers Liedern. „Als Kind hörte ich ihn im Fernsehen. Später hatte ich selbst Kinder und die ersten Platten, die wir ihnen vorspielten, waren Pete Seeger Platten. Eine unserer Lieblings LPs war Pete Seeger zu Gast in der Sesamstraße. Auch für unsere Enkel spielten wir Pete Seeger. Später habe ich dann erfahren, dass meine Tochter, die schon lange Grundschullehrerin ist, seine Musik in ihrem Klassenzimmer einsetzt.“

“Long Time Passing” erscheint in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten tief gespalten sind. David Harrington sagt, Pete Seeger schaffte es immer wieder, durch gemeinsames Singen die Menschen zusammen zu bringen. Die USA, das wird beim Hören dieses Albums ganz klar, könnten jemanden wie Seeger in diesen Tagen wahrlich gebrauchen, der die tiefen Gräben musikalisch überwinden könnte. “Long Time Passing” ist aber durchaus eine politische Platte, die ganz bewußt vor der Wahl am 3. November erscheinten mußte, das betont David Harrington: „Wir haben alles daran gelegt, um diese Platte vor dem Wahltag zu veröffentlichen. Ende Juli hatten wir “Where have all the flowers gone” rausgebracht. Zum republikanischen Wahlkonvent kam dann die Single „which side are you on?“ Und am 16. September wird „the president sang amazing grace“ veröffentlicht. Die Vorstellung, dass Trump in einer afro-amerikanischen Kirche “Amazing Grace” singen würde ist einfach unmöglich, absolut unmöglich.“

“The president sang Amazing Grace” ist ein Lied von Zoe Mulford, die es nach dem Kirchenmassaker in Charleston 2015 und dem Besuch des damaligen Präsidenten Barack Obama bei den Gläubigen in der Kirche schrieb. Obama sang mit ihnen “Amazing Grace”, ein inniger, hoch emotionaler Moment. Mulfords Lied, das der im Januar 2014 verstorbene Pete Seeger gar nicht kannte, passt dennoch auf dieses Album. David Harrington glaubt, der legendäre Folksänger, hätte es in diesen hochexplosiven Tagen gesungen

Es ist also eine Platte, die zur richtigen Zeit erscheint, denn sie zeigt auf, was Amerika eben auch groß und bedeutend für viele gemacht hat. Der reiche Klangschatz dieses Landes, die die umfangreiche Liedersammlung von Pete Seeger repräsentiert, der Songs und Songideen von seinen vielen Reisen in aller Welt mit nach Hause brachte und hier teilte, wie „Mbube“, besser bekannt als „Wimoweh“ oder “The lion sleeps tonight”. Über Alan Lomax stieß Seeger einst auf dieses Lied.

„Es ist schon interessant, wenn man drüber nachdenkt, dass es im Weißen Haus keine Musik gibt“, meint Harrington. „Zum ersten Mal in meinem Leben ist das so, glaube ich. Trump hat Angst davor. Und wenn er auftritt, klauen seine Leute die Musik von Künstlern, ohne deren Erlaubnis einzuholen. Mit diesen Songs will er sich bedeutender darstellen als er ist.“

David Harrington glaubt an die Kraft der Musik. Im Begleittext zu diesem Album beschreibt er ein Treffen mit dem amerikanischen Historiker, Howard Zinn. Der erklärte ihm, dass mächtige Männer Angst vor Musikern und Künstlern hätten. Darauf baut David Harrington, der mit diesem Album seinen Teil zur Abwahl von Donald Trump beitragen will.
Musik als Fundament einer lebendigen, starken und kritischen Gesellschaft. “Long Time Passing – Kronos Quartet and friends celebrate Pete Seeger” erscheint auf Smithsonian Folkways.

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Die Musik macht es

Denk ich an die USA in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. So in etwa könnte man die derzeitige Stimmung in diesem Land auf den Punkt bringen. Die Corona Krise, der systemische Rassismus, ein brutaler Wahlkampf und dazu noch ein selbstverliebter Präsident der Tag für Tag ganz bewußt mit dem Feuer spielt und die Probleme im Land durch Worte und Taten nur noch größer werden läßt.

Und da ich nicht schlafen kann, sitze ich hier zu dieser späten Nachtstunde in einem Sendestudio in San Jose, das ist die größte Stadt in der San Francisco Bay Area, eine gute halbe Stunde von Oakland entfernt. Einmal im Monat, jeden ersten Freitag, lege ich hier von Mitternacht mit 3 Uhr morgens einen etwas anderen Musikmix auf, viel elektronische und experimentelle Musik, Musik, die man sonst nie so im Radio hört. Doch KKUP ist ein Community Sender, der mit einer starken UKW-Frequenz die weitere Region gut abdeckt und Programmmachern wie mir die Möglichkeit bietet, ganz anderes zu spielen. Das ist gewollt. Denn nicht jeder hört die Charts rauf und runter.

Aber ich merke gerade, während ich hier sitze und die Anna von Hausswolff von ihrer jüngsten Veröffentlichung auf Kassette (!) läuft, dass das hier ein richtig schönes Stück Freiheit ist. Fernab von all dem täglichen Wahnsinn, den ich so seit einiger Zeit als Korrespondent behandele. Musik hat wirklich eine heilende Wirkung. Auch heute morgen fiel mir das wieder auf, als ich mit David Harrington vom Kronos Quartett sprach. Sie bringen eine Platte mit Pete Seeger Songs heraus, ganz starke, ganz wichtige Songs für diese Zeit. Und Harrington schwärmte von den Liedern des großen Folk Sängers.

Doch zurück zu meiner Sendung hier. Musik, die so ganz anders ist, in einem Radio-Freiraum, der in der amerikanischen Hörfunklandschaft keine Ausnahme ist. Solche Stationen gibt es überall, noch, doch sie sind gefährdet. Und das wäre ein riesiger Verlust für die Medien in den USA, denn auf solchen Stationen kann man nicht nur ausgefallene Musik aus aller Herren Länder und aller Genres hören. Diese Sender bringen vielmehr die vielen Gesichter, Sprachen, Kulturen, Menschen einer „Community“ zusammen. Auch andere Meinungen. Das eben on-air, die Welt ganz nah zum Hören. Und mit der Möglichkeit des online Streamings wird Lokalfunk grenzenlos. Da sitze ich hier in San Jose in einem Sendestudio, schlage mir die Nacht um die Ohren und bekomme Rückmeldungen von Hörern die entweder nicht schlafen können oder ihren Freitagmorgen neugierig auf das sind, was ich hier so spiele. Danke. Genau das, brauche ich zur Zeit.

„Drive, she said“

Es war im Nürnberger Dröhnland, 1986, da hörte ich zum ersten Mal Stan Ridgways „Salesman“. Sowieso hörte ich in der legendären Disco in der Humboldtstraße vieles, was mich prägte und was mich bis heute begleitet. Aber Ridgway ist eine besondere Geschichte. Seine erste Soloplatte „The Big Heat“ nach seiner Zeit mit „Wall of Voodoo“ kaufte ich mir glaube ich gleich am nächsten Tag. Und die ist noch immer eine meiner Lieblingsscheiben.

Im November 1986 fuhr ich dann mit einer Freundin im Renault 12 meiner Eltern nach München. Ridgway spielte in der Alabamahalle. Ein nicht zu vergessenes Konzert. Draußen war es arschkalt, wir standen in der Schlange, bis die Türen endlich geöffnet wurden. Ich glaube, viel war nicht los, doch Stan Ridgway beeindruckte das nicht, er schien Spaß zu haben, immer wieder wedelte er mit dem Mikrofonkabel durch die Gegend, so, als ob er ein Cowboy beim Einfangen eines Rindes war. Gerade höre ich eine alte Aufnahme von genau dieser „The Big Heat“ Tour, die ein paar Tage später in Wien entstanden ist. Good times…!

Stan Ridgway und seine Musik begleiteten mich in den folgenden Jahren. Jede neue Platte legte ich mir zu. Nach meinem Umzug nach San Francisco sah ich ihn mehrmals live, bei Slim’s, im Cafe Du Nord und noch einem Club, dessen Namen mir gerade nicht einfällt, den es aber schon lange nicht mehr gibt, interviewte ihn vor einem der Konzerte für ein deutsches Musikmagazin. Und dann hatte ich die Idee, ein Spotlight auf KUSF über Stan Ridgway zu produzieren, eine, dieser großartigen Zweistundensendungen am Sonntagnachmittag auf dem einstigen legendären Collegesender der „University of San Francisco“. Ich schrieb Stan Ridgway an, ob ich ihn für diese Show interviewen könne und er schrieb zurück, freute sich über mein Interesse und lud mich für ein Treffen nach Venice ein.

Ein paar Wochen später stand ich da an einer Ecke nur einen Block vom Strand in Venice Beach entfernt. Ein blauer Minivan hielt neben mir, das Seitenfenster ging runter, „Are you Arndt?“. „Yes, I am“. Stan Ridgway saß am Steuer, wir unterhielten uns, während er durch die Gegend fuhr und mir die Nachbarschaft zeigte, dies und das erklärte. Schließlich hielt er an einem Diner, wir hatten erstmal Lunch. Danach meinte er, wir könnten doch das Interview im Auto machen. Stan Ridgway ist ein Geschichtenerzähler, das hat mich schon immer an ihm beeindruckt. Seine Liedtexte sind Kurzgeschichten, die das amerikanische Leben beschreiben. Gut beobachtet, manchmal seltsam, aber immer ein Grund zum Nachdenken. Sein „Camouflage“ oder sein „Drive, she said“, aber auch das „Mexican Radio“ aus den Wall of Voodoo Zeiten, tolle Stories.

Das Spotlight wurde gesendet und ich blieb mit Stan Ridgway lose in Kontakt, denn kurz darauf begann ich mit der Produktion des Country, Folk und Americana Inflight Programmes für eine große deutsche Airline. Ich hatte die Freiheit, meine Playlist selbst zu bestimmen und mußte mich nicht nach den Charts richten. Das bot mir die Möglichkeit das weite Feld des Country und Folk Sounds zu erkunden. Und da kam ich wieder auf Stan Ridgway, diesen großartigen amerikanischen Songschreiber, Sänger, Musiker, der offen für Einflüsse ist und durchaus auch immer wieder in seinen Songs durch den Reichtum des wahren amerikanischen Sounds stapfte. Stan Ridgway war also immer mal wieder auf 30,0000 Fuß zu hören. Er fand das gut. Ich auch. Nach zehn Jahren war für mich Schluß mit der Sendung. Seitdem lege ich immer mal wieder eine Platte von ihm auf. Gestern Abend ganz laut „The Big Heat“, für mich sein Meisterwerk. Und da kamen eben all die Erinnerungen hoch, Dröhnland und Alabama Halle, KUSF, Venice und über den Wolken. Musik ist einfach wunderbar.

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Als die Perle noch glänzte

Mogadischu mit Blick Richtung Triumphbogen, ca. 1982. Foto: Duwendag.

Es gibt diese Städte, die ich gerne einmal besucht hätte, bevor sie zerstört wurden. Beirut, Kabul und eben Mogadischu. Städte, die in ihren Hochzeiten kulturelle Hochburgen waren. Gerade arbeite ich an einem Manuskript über die Bedeutung der Musik in der somalischen Kultur. Mogadischu war so eine Stadt am Indischen Ozean, in der Einflüsse von überallher zusammen kamen. Aus Indien, der arabischen Halbinsel, aus den früheren Kolonialmächten Italien und England, aus den Nachbarländern Äthiopien, Kenia, Sudan und natürlich nicht zu vergessen die musikalischen Einflüsse der Schwarzen in Amerika – Funk, Reggae, R&B.

Hier traf sich die Welt, Mogadischu wurde ein Treffpunkt der Kulturen. Zu hören ist dies auf den unglaublich kraftvollen Alben „Sweet as broken dreams“ von Ostinato Records und „Mogadisco“ von Analog Africa. Sie lassen eine Stadt erklingen, die so ganz anders ist, als das was wir heute von Mogadischu kennen, hören, sehen. Diese Alben könnten auch durchaus der Soundtrack für das neue Buch von Hans-Ulrich Duwendag sein – „Mogadischu, als die Perle noch glänzte„.

Lokomotive auf Drehscheibe am neuen Hafen in Mogadischu, November 1933. Foto: Duwendag.

Duwendag ist ein ehemaliger Diplomat des Auswärtigen Amtes. Er arbeitete Ende der 80er Jahre bis zum Sturz des Diktators Siad Barre in der deutschen Botschaft in Mogadischu, mußte dann, nur mit seinem Hemd am Körper und einer leichten Aktentasche überstürzt das Land verlassen. Und wie überall auf seinen Posten zuvor fotografierte Duwendag das Leben in seinem Einsatzort. Darüberhinaus suchte er auch dort den Kontakt mit Missionaren, die seit Jahrzehnten vor Ort lebten. Sie hatten ein „einzigartiges Archiv mit Dokumenten und Fotos aus der italienischen Kolonialzeit“ erstellt und bewahrt. Der deutsche Diplomat erhielt Zugang und durfte sogar 1989 einen Koffer voll mit Negativen für einen Heimaturlaub mit nach Deutschland nehmen, um dort Papierabzüge von den Negativen machen zu lassen. Nach der Rückkehr notierte der Archivar, Pater Venanzio, auf den Rückseiten der Fotos all das, was darauf zu sehen war. Ulrich Duwendag erwies Weitsicht, als er die nun beschrifteten Bilder der deutschen Botschafterin auf ihrer Reise nach Deutschland mitgab, wo sie anschließend gelagert und so vor der Vernichtung 1991 bewahrt wurden.  Aufgrund all dem konnte Duwendag einen historischen Fotoschatz zusammentragen und sichern, der eine faszinierende Stadt, die Perle am Indischen Ozean, vor ihrer totalen Zerstörung zeigt. All diese Bilder und seine Berichte kann man in diesem Buch, erschienen im agenda Verlag, finden.

Ich bin bislang nur mehrmals nach Somaliland und Puntland gekommen, jeder riet vor einer Reise nach Mogadischu ab. Auch für mein aktuelles Thema hieß es, in Mogadischu würde ich kaum noch was finden, vieles von dem, was ich suchte, könnte ich in Hargeisa, der Hauptstadt S0malilands entdecken. Es lohne sich nicht, die Mühen und die Gefahren eines Trips nach Mogadischu auf sich zu nehmen. Doch die Fotos von Hans-Ulrich Duwendag schüren nur erneut meine Neugier auf eine Stadt, die es so schon lange nicht mehr gibt.

Der positive Gangsterrap

Meine Oma hätte sicherlich gesagt: Dat sind doch alles Gangsta im Knast. Stimmt schon irgendwie, alle wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Doch dieser Gangsterrap ist anders. Positiv, mit einer Message, Therapie hinter den dicken Mauern.

Johnny Cash spielte schon dort, genauso wie Metallica, B.B. King und Carlos Santana. San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien, hat aber nicht nur musikalische Besucher von draußen bekommen. Hinter den dicken Mauern des einst gefährlichsten Gefängnisses westlich des Mississippis waren auch immer wieder Musiker inhaftiert. Das reicht vom Komponisten Henry Cowell über Jazz Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan und Dexter Gordon bis hin zum Country Musiker Merle Haggard. Seit über 25 Jahren beschäftigt ich mich und berichte über San Quentin, nun habe ich David Jassy kennengelernt, einen Musiker aus Schweden, der wegen Mordes zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, nach San Quentin kam und im Frühjahr begnadigt wurde. Jassy hat nun die “San Quentin Mixtapes” veröffentlicht.

David Jassy erreiche ich per What’s App in Stockholm. Seit März lebt er wieder in seiner Heimatstadt. Er war Mitglied des erfolgreichen schwedischen Hip Hop Duos “Navigators”, er produzierte in Deutschland Songs für die No Angels und Janet Biedermann und war im November 2008 in Los Angeles, um am Album von Britney Spears mitzuarbeiten. Dann passierte es, auf dem Nachhauseweg geriet er mit einem anderen Verkehrsteilnehmer in Streit, er schlug zu, der Mann verstarb an den Folgen. Jassy wurde für einen Mord angeklagt und 2010 zu 15 Jahren bis zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Nach dem LA County Jail kam er erst nach Solano und dann nach San Quentin: „Und ich komme in dieses Gebäude und es war wie aus einem Film. Es war der West Block. Es war verrückt. Leuten liefen durch die Gegend, es schien keine Struktur zu geben, sie liefen die Eisentreppen hoch und runter. Und ich hatte dieses panische Gefühl in mir, lebenslang. Ich dachte mir, wie um alles in der Welt soll ich das überleben. Aber ich hab’s überlebt.“

Der heute 46jährige überlebte es nicht nur, er half vielen anderen im Gefängnis. Er selbst ist schwarz, sein Vater stammt aus Gambia, seine jüdische Mutter floh aus Estland nach Stockholm, wo er geboren wurde. Seine Geschichte stieß auf Interesse, gerade auch, weil viele im kalifornischen Knast nicht wußten, dass es in Schweden auch Schwarze gibt. David Jassy hielt sich fern von den Gangs und den Drogen im Knast, organisierte sein Leben hinter Gittern, konzentrierte sich auf seine Musik und begeisterte damit auch andere um ihn herum. Er schaffte es, einen Synthesizer in seine Zelle geschickt zu bekommen, ein Musikprogramm hinter den dicken Mauern zu starten. In einem Anbau wurde sogar ein kleines Tonstudio eingerichtet.

„
Musik war meine Therapie. Als ich mit dem “San Quentin Mixtape” anfing, wollte ich ein Album mit den Youngsters machen, auf dem sie über ihr Leben und ihren Mühen sprechen, aber ohne obszöne und abfällige Sprache, und doch authentisch. Du kennst San Quentin, Du weißt wie das hier ist, da ist nichts zum Schönreden und es ist auch nicht cool im Gefängnis zu sein. Da aufzuwachen und es jeden Morgen zu bereuen, dass man jemanden umgebracht hat. Ich wollte, dass sie das mitteilen.“

Und genau das kann man in diesen 17 Songs hören, authentische Stimmen, die durch Musik und Rap einen Weg gefunden haben, sich mitzuteilen. Es war nicht leicht, dieses “Mixtape” Album zu realisieren und dann zu veröffentlichen. Als er schon die Zusage hatte, zog ein anderer Beamter die wieder zurück. Doch Jassy gab nicht auf, über bekannte Unterstützer, wie MC Hammer und Kim Kardashian, hörte Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom von dem Projekt und gab scließlich grünes Licht.

In den Texten werden Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle im Leben der Youngsters draußen und hinter Gittern beschrieben. Ein Song sticht für David Jassy ganz besonders heraus, der von Dinero G, einem 19jährigen Mexikaner, der in einer Gang war. Eigentlich, so David Jassy, wären sie im Gefängnisalltag nie zusammen gekommen, aber die Musik brachte sie zusammen. „
Eines Tages kam er ins Studio und er fing an diesen Song zu rappen. Und dabei sagte er “I’m in the same prison as my grandfather”, ich bin im gleichen Gefängnis wie mein Großvater. Und ich stoppte ihn und fragte, was war das. Und er, yeah, ich bin im selben Knast. Nicht nur, dass sein Opa auch in San Quentin war, er war im selben Zellenblock, auf der selben Ebene, nur ein paar Zellen weiter. Und ich, was für eine verrückte Geschichte. Er sprach von diesem Generationentrauma, seine Mutter war gerade 13 als sie mit ihm schwanger war, ihr Vater war in San Quentin und konnte nicht da sein für seine Tochter. Und jetzt ist er im selben Gefängnis und er kann selbst nicht für seine Tochter da sein.“

Nach zehn Jahren in San Quentin, einem der notorischen Gefängnisse in den USA, beginnt nun für David Jassy ein neues Leben, den Kontakt mit seinen “Mixtape” Mitstreitern will er halten und sie von außen unterstützen. Er sagt von sich, er sei ein neuer Mensch: „
Es hat mich in vielen Bereichen verändert. Es hat mich wohl dankbarer gemacht, am Leben zu sein. Ich schätze Dinge nun mehr wert, wieder hier in Stockholm zu sein, ich sehe Sachen in meiner Stadt, die mir nie aufgefallen sind. Ich sehe die Schönheit an Orten, die ich nie beachtet habe…ich bin dankbar zu leben.“

Die „San Quentin Mixtapes“ sind auf allen digitalen Plattformen, wie amazon, iTunes und Spotify zu finden.

Kultur in Corona Zeiten

Alles nicht so einfach, wenn von jetzt auf gleich die Stop Taste gedrückt wird, das öffentliche Leben mit einem kräftigen Ruck angehalten wird. Keine Konzerte, kein Theater, kein Kino, keine Ausstellungen, keine geöffneten Museen. Die Aussichten sind nicht gut. Veranstaltungen, Festivals, Tourneen wurden abgesagt. Eigentlich sollte es ein gutes Jahr werden, ich freute mich hier in Kalifornien gleich auf mehrere Konzerte von Bands aus dem deutschsprachigen Raum: Das Ich, Kraftwerk, KMFDM, Rammstein, The Young Gods, Einstürzende Neubauten. Und wahrscheinlich wären noch ein paar mehr dazu gekommen. Ein Satz mit X, das war nix.

Claire M. Singer ist auf dem Touch „Isolation Exclusive“ Album vertreten.

Kreativität ist in diesen Zeiten von den Kreativen gefragt. Manche wollen abwarten, andere werden aktiv, reagieren gleich, schalten um. Schon kurz nach der Ankündigung, dass Corona alles verändere, kündigte das kleine Independent Label Touch an, eine Online Compilation über Bandcamp zu veröffentlichen: Touch – Isolation Exclusive. Zweimal die Woche wurden seitdem Songs von Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, die man sonst nirgends finden kann.

Und auch andere Musikerinnen und Musiker zogen nach, wie Danielle de Picciotto und Alexander Hacke, die Archivmaterial, Drucke und anderes anboten. Auch Bandcamp selbst hat in den vergangenen Wochen schon mehrmals auf ihren Anteil an Verkäufen verzichtet, um so den auf ihrem Portal vertreteten Künstlerinnen und Künstlern zu helfen.

Es geht um Ideen, wie man in der Krise weiterhin präsent sein und auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Künstlerinnen und Künstler müssen in diesen Tagen zeigen, dass sie nicht nur flexibel sind und auf die Anforderungen schnell reagieren können. Sie müssen vor allem als Geschäftsleute auftreten, neue Verkaufswege erkunden und verfolgen. Und Musikfans können helfen.

Interessant wird das kommende Wochenende. Nach etlichen Online Konzerten, wie das von Corvus Corax auf einem Bauernhof vor Berlin, finden nun Online Festivals statt. Bands wie Subway to Sally, Letzte Instanz und die Erlangener Fiddler’s Green treten beim „Online Musik Festival“ auf. Zeitgleich wird auch das „Dark Stream Festival“ ausgestrahlt, das an Stelle des abgesagten „Wave Gotik Treffens“ in Leipzig organisiert wird. Mit dabei Bands wie Coppelius, Umbra et Imago und Herbst in Peking. Die etwas anderen „Eintrittsgelder“, um mit dabei zu sein, erinnern an Spenden. Gezahlt wird, wieviel man sich leisten kann und will. Es sind keine einfachen Zeiten. Für niemand. Die Kulturschaffenden wurden leider anfangs etwas zu sehr vergessen. Doch sie zeigen, dass Kreativität genau das ist, was nun gefragt ist. Wer kann, sollte hinsehen, zusehen, hinhören und unterstützen.

Der Tanz mit den Teufeln am Horn von Afrika

Wenn man an das Horn von Afrika denkt, dann fallen einem vor allem Krieg, Chaos, Terror, Hunger und Seepiraten ein. Die Hochzeiten der Kulturmetropole Mogadischu sind lang her, lang vergessen. An eine spannende, reiche und vielseitige Musikszene in der Region denkt wohl kaum jemand. Doch die gibt es, wie das neue Album von Ostinato Records “The Dancing Devils Of Djibouti” zeigt

Neun von zehn Befragten haben noch nie etwas von Dschibuti gehört, der kleinen Republik am Horn von Afrika, zwischen Eritrea, Äthiopien und Somaliland gelegen. Das kleine Land mit noch nicht einmal einer Million Einwohnern liegt strategisch, wie es Vik Sohonie von Ostinato Records beschreibt: „Wenn wir an Dschibuti denken, dann an die Militärbasen. Daran, dass die USA von dort ihre Drohnen starten, um Somalia zu bombardieren.“

Vik Sohonie hatte zuvor mit seinem Label Ostinato Records die Platte “Sweet as broken Dreams” veröffentlicht, Musik aus der boomenden somalischen Metropole Mogadischu, bevor sie zerstört wurde. Dafür waren er und sein Mitstreiter wochenlang vor Ort, hörten sich durch Klangarchive bei Radiosendern und Kultureinrichtungen und suchten auf den Märkten der Region alte Kassetten. Und bei den Recherchen stießen sie auch auf die Musik im Nachbarland Dschibuti, am Golf von Aden gelegen, einem Knotenpunkt der Schifffahrt. „Ähnlich wie das auch in Somalia war, trafen und vermischten sich hier die verschiedenen Kulturen der Händler, denn ist so ein strategischer Punkt der Welt. Wenn man das alles zusammenfasst, dann versteht man, dass Dschibuti nicht nur heute ein Ort des globalen Interesses ist. Vielmehr ist es ein Ort, an dem sich all diese Kulturen von überallher trafen.“

Vik Sohonie und sein Label Partner reisten erneut nach Dschibuti, um dort Musik ganz neu aufzunehmen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Musikindustrie in dem kleinen Land wird seit der Unabhängigkeit 1977 staatlich kontrolliert. Und alles wurde im Studio des Nationalen Rundfunks aufgenommen. Es ging den beiden diesmal nicht darum, einfach nur Archivmaterial zu kopieren und zu veröffentlichen. Sie wollten an diesem Ort, in diesem alten Studio alte Songs ganz neu aufnehmen. Nach langem hin und her bekamen sie die Erlaubnis zehn Songs aufzuzeichnen, die nun auf dem Album “The Dancing Devils of Djibouti”, eingespielt von der Groupe RTD, zu finden sind. „Als wir die Band zum ersten Mal hörten, war das in diesem Aufnahmestudio. Hier hatte zuvor jeder gespielt, hier wurden Tausende von Songs eingespielt. Da ist diese Energie im Raum, diese historische Energie, auch wenn das Studio nicht mehr im besten Zustand ist. Aber da ist auch eine grandiose Akustik. Wenn die Band da spielt, ist es einfach atemberaubend.“

Es ist wahrlich ein musikalischer Schatz, der hier gehoben wurde. Musik zwischen Funk und Reggae, Harlem Jazz, indischem Bollywood und arabischen Einflüssen. Eine mitreißende Mischung, die bislang kaum bekannt war und nun sicherlich ein ganz neues Interesse finden wird. Und das mehr als verdient. Zehn Songs, die den musikalischen Reichtum dieser Region ausdrücken. Für Vik Sohonie drückt ein Lied das besonders aus, das übersetzt “You Are the One I Love” heißt: „Er gibt sehr gut dieses Ost-Afrika Gefühl wieder. Über diesen Song bekommt man einen Einstieg in die Musik Dschibutis. Da ist amerikanischer Funk und Jazz, ein bißchen Äthiopisch, ein bißchen Somalia, ein bißchen Indisch, ein bißchen von allem…. I think it’s the perfect stew for people to appreciate the music of Djibouti.”


Auf der Bandcamp Seite des Labels kann man schon mal in zwei Songs reinhören.

Alles in allem

Eine neue Platte der Einstürzenden Neubauten. Lange hat es gedauert, bis dieses neue Studioalbum erschien. 2007 wurde „Alles wieder offen“ veröffentlicht, 2014 folgte die Auftragsarbeit „Lament“. Dazwischen ein paar Tourneen. Und nun eben „Alles in allem“. Der erste Eindruck, alles in allem etwas ruhiger. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

Die Einstürzenden Neubauten sind eine Band, die einem viel eröffnet. Schon immer. Früher war es diese brutale Mischung aus Punk und Industrial, da wurde gesägt, gehackt, geschlagen, gedröhnt. Dazu schrille Schreie von Blixa Bargeld und Texte, die man erst mal setzen lassen mußte. Vieles ist geblieben, aber die Rohheit, dieser direkte Schlag auf die 12, der ist weg. Alles wirkt beim ersten Höreindruck eingänglicher, aber so einfach ist es dann doch nicht, denn wir reden hier von einer Band, der nie die kreativen Ideen ausgehen. Es ist ein unglaubliches Zusammenspiel von Musikern, die alle für sich Klangkünstler sind. Die Neubauten sind einfach keine Band, die nur leicht bekömmliches Liedgut darbietet. Man muß auch weiterhin hinhören, genau zuhören, ihrem teils verwinkelten und verwobenen Soundpfaden folgen. Da passiert so viel, scheinbar ganz nebenbei. Es ist eine Klangreise mit wunderschönen Bildern.

Die Mitglieder der Einstürzenden Neubauten sind älter geworden, sie sind in die Jahre gekommen, aber sie spielen immer noch in ihrer eigenen Liga. Kopieren kann man diese tüftelnden Handwerker nicht. Sie sind Meister in dem was sie machen, kommen hier zusammen, um grandiose Dinge zu kreieren. „Alles in allem“ wirkt beim ersten Durchhören ruhiger, um dann doch in Songs wie „Zivilisatorisches Missgeschick“ in einem Krachbad aufzugehen. Das lädt ein bewußt zu hören, die vielen Zwischentöne, Unterschichten, Seitenklänge zu erkunden. Die Neubauten wie eh und je. Dieses Zusammenspiel der Ideen ist nach wie vor für mich erstaunlich. Da passiert so viel. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, einen halben Meter links, einen halben Meter rechts stehen Lautsprecher in Kopfhöhe. Die Musik durchfährt mich, setzt sich, erfüllt mich. Diese Feinheiten sind besonders. Unglaublich. Musik, die Grenzen versetzt.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltweit bekannt und geschätzt. Auf „Alles in allem“ präsentieren sie sich als Berliner Band. Gleich mehrere Songs drehen sich um die Hauptstadt und bieten so einen ganz anderen Soundtrack der Metropole. Die Texte von Bargeld wirken manchmal wie Beobachtungen an der Straßenecke. Die Platte wächst und wächst beim Hören und ich freue mich schon jetzt, wenn ich die Einstürzenden Neubauten endlich wieder live erleben kann. Die Tour ist nur verschoben. Mit dieser Platte machen sie deutlich, dass sie auch nach 40 Jahren nicht müde geworden sind, sich nicht wiederholen, noch immer Maßstäbe setzen können. „Alles in allem“ wird sicherlich zu meinen Lieblingsplatten 2020 gehören.

Journalistischer Corona Alltag

Ich weiß, ich kann mich in diesen Tagen und Wochen glücklich schätzen. „Home Office“ ist für mich seit fast 25 Jahren ganz alltäglich und normal. Für mich wäre es wohl eine große Umstellung, wenn ich nun jeden Morgen in ein Büro fahren müsste. Von Daheim zu arbeiten hat für mich den Vorteil, dass ich mir die Zeit selbst einteilen kann. Auch mal frühmorgens, abends oder am Wochenende arbeite, dafür dann sonnige Tage für lange Spaziergänge nutzen kann.

Auch sind die Restriktionen nicht so groß in Oakland, ich kann also noch jeden Tag mit meinem Hund die Wege und Pfade im East Bay Regional Park unsicher machen. Viel hat sich also für mich in diesen Corona Zeiten nicht geändert, zumindest vom täglichen Ablauf her.

Thematisch sieht das ganz anders aus. Einige Features wurden verschoben oder angefragt, ob ich die auf die aktuelle Situation umschreiben könnte. Das geht nicht so einfach, denn oftmals hängen damit ja auch Reisen zusammen. Sowieso muß derzeit alles irgendwie einen Corona-Dreher bekommen. Ein anderer Beitrag, über die Zusammenarbeit eines Tierheims in Marin County und dem Staatsgefängnis von San Quentin, ist derzeit überhaupt nicht zu realisieren, denn Töne vor Ort kann ich nicht aufnehmen. Das Gefängnis steht unter Lock-Down, keine Besucher sind erwünscht.

Milizen in den USA sind im Wahljahr 2020 ein aktuelles Thema. Foto: AFP.

Sowieso ist das derzeit mehr als schwierig. Rausgehen, Interviews vor Ort führen, Feldaufnahmen machen, sich einen eigenen Eindruck schaffen. Ich hatte Glück, dass ich vor der Krise und den Ausgangsbeschränkungen noch einiges hier auf dem Schreibtisch hatte, was ich abarbeiten konnte. Nun kam vor kurzem eine größere Anfrage vom Bundesamt für politische Bildung für ein Podcast zum Thema Milizen in den USA. Eigentlich war eine Veranstaltung über Freiräume rechter Gruppen geplant, doch die mußte abgesagt werden. Stattdessen wird nun alles in Podcasts aufgearbeitet. Da ich schon mal ein längeres Feature über die Milizen in den USA produziert habe, wurde ich angefragt. Ein paar aktuelle Interviews kann ich über What’s App Audio oder Skype führen, viele der Töne für solch eine Sendung habe ich bereits vorliegen.

Hinzu arbeite ich noch an Musikbeiträgen, gehe Stories nach, die ich eventuell aktualisieren könnte und überlege, wie ich trotz Corona an Töne, Aufnahmen, Interviews vor Ort komme, denn nur per Telefon, Skype und andere Audiodienste…das ist nicht so ganz das Wahre. Zumindest nicht für mich. Und ich spreche noch nicht einmal von meinen Reisen in Gegenden, von denen ich hier in diesem Blog immer wieder berichtet habe. Es sind seltsame Zeiten und die Aussicht auf das, was da kommt oder kommen mag, sind ungewiss. Auch, wie sich das alles noch auf meine Arbeit, auf den Journalismus allgemein auswirken wird.