Die Kathedrale steht noch

Vor fast zwei Jahren hatte ich Besuch von guten Freunden aus Berlin. Ich wollte ihnen etwas zeigen, was hier vor der Tür zu finden ist, etwas ganz besonderes hier in diesem riesigen Ballungsraum. Redwoods, diese gewaltigen Bäume, die sich schnurgerade nach oben recken und alles unter ihnen klein erscheinen lassen. Es war ein mehr als anstrengender Spaziergang, vor allem bergauf am Ende. Aber ich glaube, der Augenblick am Fuße dieser Bäume hat alles entschädigt, zumindest sagten sie mir das. Am Abend spielten die beiden ein Konzert und ich schwöre, sie wirkten ganz und gar nicht ausgelaugt von dem beschwerlichen Ab- und Aufstieg.

Seitdem ich 1999 von San Francisco nach Oakland zog, bin ich eigentlich jeden Tag mit einem Hund im East Bay Regional Park unterwegs gewesen. Es gibt so viele wunderschöne Ort dort zu entdecken, viele mit einem unglaublichen Ausblick, doch mich zieht es immer wieder zurück an diesen Ort, der für mich wie eine Kathedrale wirkt. Oftmals bin ich dort alleine mit „man’s best friend“, wie auch heute, kein Mensch weit und breit zu sehen. Die schlechte, doch langsam bessere werdende Luft, hielt viele Spaziergänger in den letzten Tagen und Wochen fern. Am schönsten ist es dort, wenn der dicke Nebel sich über den Wald legt und alle Geräusche schluckt. Der Boden feucht und weich, die frische Luft. Die unglaubliche Ruhe in all dem Tumult, vergleichbar für mich mit der St. Klara Kirche in Nürnberg, die ich bei jedem Besuch in meiner Heimatstadt aufsuche.

Heute war ich mal wieder seit langem dort unten. Die Luftqualität war deutlich besser. Meine Käthe hat durchgeatmet und hat sich nicht bremsen lassen. Und diese Redwoods stehen noch immer da, unbeeindruckt von all dem, was um uns herum passiert, was uns aufregt, was uns wütend, verärgert, traurig macht. Das gibt in dem Augenblick eine ganz andere Perspektive. Sie zieht es weiter nach oben, dem Licht entgegen. Und diese Ruhe ist unglaublich erholsam. Entschleunigend. Die Redwoods in den Oakland Hills sind noch nicht so alt, zwischen 100 und 150 Jahren. Früher standen auch hier diese gewaltigen Bäume, die 500 und mehr Jahre auf den Wurzeln hatten. Es heißt, sie waren so hochgewachsen, dass sie Seefahrern auf dem Meer eine Hilfe waren, das Golden Gate nicht zu verpassen. Doch all diese Redwoods wurden seinerzeit abgeholzt für den Aufbau und dann den Wiederaufbau von San Francisco nach dem Erdbeben von 1906. Nur noch einer der ganz alten ist in den East Bay Hills übrig geblieben, an einem schwer zugänglichen Ort. Er wurde damals und wird heute wohl noch immer übersehen.

Atmen ist gesundheitsgefährdend

Kalifornien kommt nicht zur Ruhe. Nach wie vor brennt es an Dutzenden Orten, zum Teil sind es gewaltige Feuer, die noch wochenlang ausbrennen werden. Die Feuerwehreinsatzkräfte machen nur geringe Fortschritte. Auch in Oregon und Washington State brennt es und die Feuersaison im Westen der USA hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die Luft in Oakland war heute „gesundheitsgefährdend“.

Täglich werden Dutzende von Pressekonferenzen der verschiedenen Feuerwehrleitstellen im ganzen Bundesstaat übertragen. 2018 war das bislang verheerendste Feuerjahr in der aufgezeichnten Geschichte von Kalifornien. Vor zwei Jahren verbrannte im Golden State eine Fläche rund dreimal so groß wie Luxemburg. Doch diese Marke wurde in diesem Jahr bereits am „Labor Day“, dem ersten Montag im September deutlich überschritten. Schon viermal brannte hier 2020 die Grundfläche von Luxemburg ab. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom spricht denn auch von einer historischen Marke: “Historisch ist ein Begriff, den wir hier in Kalifornien anscheinend sehr oft benutzen, aber diese Zahlen bestätigen genau das, es ist historisch, das ist die größte Feuer Saison bezüglich der betroffenen Fläche, die je registriert wurde.”

Die Statistiken zeigen auch auf, dass die Brandgefahr in Kalifornien immer weiter steigt. Die Top Five der gewaltigsten Feuerjahre seit Anfang des 20. Jahrhunderts liegen in den letzten 13 Jahren: 2007, 2008, 2017, 2018 und nun 2020. An 29 Stellen in Bundesstaat brennt es noch immer. Mehr als 20 Tausend Feuerwehrleute sind im Einsatz. Was ihnen derzeit hilft, ist das Wetter, es wird kühler, die starken Winde lassen etwas nach, gerade im Küstenbereich zieht Nebel auf. Doch genau das ist das Problem in Ballungsräumen wie der San Francisco Bay Area, die bekannt für ihre Nebeldecke gerade im Sommer ist. Die Bilder gingen am Mittwoch um die Welt: Der Tag an dem die Sonne nicht aufging. Dicker Rauch von den umliegenden Feuern und sogar von Waldbränden aus Oregon sammelte sich unter der Nebeldecke und konnte nicht abziehen. Ein orangenes Dauerdämmerlicht war den ganzen Tag zu sehen, als ob man sich auf dem Mars aufhält. Die Autos waren mit einer Ascheschicht bedeckt. Experten warnten vor der schlechten Luftqualität und riefen dazu auf, sich möglichst nicht draußen aufzuhalten. Fast jeder, den man sprach, beschrieb die Situation als “apokalyptisch”, “verrückt”, “surreal”, wie in einem schlechten Traum, aus dem man nicht aufwacht.

Auch am Donnerstag wurde es nicht besser. Einige der Brände, gerade die in der näheren Umgebung der San Francisco Bay wurden fast vollständig unter Kontrolle gebracht, doch dafür sank die Luftqualität weiter. Als “gesundheitlich gefährdend” wurde sie eingestuft, wer länger draußen sein mußte, merkte schnell ein Kratzen im Hals, brennende Augen, Probleme beim tiefen Einatmen.

Ein Ende der Feuergefahr ist noch lange nicht in Sicht, denn die eigentliche “Fire Season”, die Feuersaison in Kalifornien steht im Frühherbst noch bevor. Dann ziehen vom Landesinneren die „Santa Ana Winds“, starke, sich ständig drehende und warme Winde über den Bundesstaat, schon der kleinste Funke kann dann zu einer Katastrophe führen…einer weiteren im Golden State. Unterdessen breiten sich riesige Waldbrände in Oregon und Washington aus. Im nördlichen Nachbarstaat von Kalifornien mussten 500.000 evakuiert werden. Oregon hat nur 4,2 Millionen Einwohner.

„I can’t stress enough the importance of being prepared to leave“

Keine guten Aussichten, eine dicke Rauchglocke hängt über allem.

Wenn man solche Worte von der Einsatzleiterin Shana Jones von CAL Fire hört, dann wird es ernst. „If that tingling on the back of your neck says ‚I need to leave,‘ then please do so. Do not wait to be ordered to do so.“ Wenn man das Kribbeln im Nacken spürt, man sollte lieber los, dann solle man das tun. Nicht erst warten, bis offiziell zur Evakuierung aufgerufen wird. Wenn die Einsatzkräfte zum Verlassen des Hauses von Tür zu Tür gehen oder über Lautsprecher dazu auffordern, dann muß alles schnell gehen. Fünf, maximal zehn Minuten bleiben dann. Diese Brände sind schnell, die Flammen fressen sich innerhalb einer Sekunde ein Fußballfeld voran.

Kein Zugang zu den Parks aufgrund der hohen Feuergefahr.

Freunde von mir meinten, sie packen gleich mal ein paar Koffer, damit sie bereit sind, falls es dazu kommt. Als ich das hörte, schaute ich mich hier um. Was muß mit, Unterlagen, Dokumente, Fotos….problematisch könnte es mit der Platten- und CD Sammlung werden. Was ist mit meinen Büchern? Ich glaube, ich werde gleich mal einiges zusammensuchen, rauslegen, den Wagen checken, gestern habe ich noch vollgetankt. Ich lebe in den Oakland Hills, fast direkt am East Bay Regional Park, dem größsten regionalen Parkverbund in den USA. Hier bin ich eigentlich jeden Tag mit meiner Käthe unterwegs. Seit Dienstag nicht mehr, der Park ist aufgrund der Feuergefahr gesperrt.

Im Laufe des Tages werden heftige Winde erwartet, die „dry lightning“ mit sich bringen sollen. Also, trockene Gewitter, die natürlich auf dem ausgedorrten Waldboden zu weiteren Bränden führen können. An über 600 Stellen brennt es bereits in Kalifornien, die Kapazitäten der Einsatzkräfte sind ausgelastet. Am Wochenende kamen nun „Fire Crews“ aus den Bundesstaaten Oregon und Washington im Golden State an. Gouverneur Gavin Newsom bat sogar bei Feuerbrigaden in Kanada und Australien um Unterstützung. Und das inmitten einer Pandemie. Evakuierte meiden derzeit die Sammelunterkünfte, viele von ihnen schlafen lieber in ihren Autos. Ich weiß, all das hätte verhindert werden können, wenn wir hier in Kalifornien nur mehr auf den „very stable genius“ gehört und endlich die Wälder besser geharkt hätten. Gleich morgen schultere ich mir Schaufel und Harke…passend zum republikanischen Wahlkonvent!

Darauf ein Glas Wein

Gestern war ich in Sonoma County, um meine „Futures“ bei meinem Lieblingsweingut abzuholen. Wein, den ich im letzten Jahr im Fass probiert und dann bestellt hatte. Nun abgefüllt, gelagert, „ready to drink“. Die „Tasting Rooms“ sind ja derzeit geschlossen, die Krise trifft die Region hart. Nach den gewaltigen Bränden im letzten Jahr, die damit verbundenen Schließungen ist nun erneut ein Nullpunkt erreicht.

In einem Lagerhaus in Windsor holte ich meine Kisten ab, mit Mundschutz und auf Distanz wurde alles in den VW Bus eingeladen. Wir standen dann noch zusammen und unterhielten uns. Es sieht nicht gut aus, für die kalifornische Weinindustrie. Einige „Tasting Rooms“ werden nicht mehr öffnen, hieß es, viele der Angestellten mußten entlassen werden, Weingüter sind bereits in finanzielle Schieflage geraten. Das Ende sieht nicht gut aus.

Das „Dry Creek Valley“ per Fahrrad erleben.

Der „County“, der Bezirk, hat nun angekündigt, nach Wochen der Schließung wieder langsam zu öffnen. Wie das aussehen soll, ist allen noch unklar. „Wine Tasting“ mit Maske, mit Distanz, mit Latexhandschuhen und Desinfektionsmitteln? „Well, I don’t have an answer?“, wurde mir gesagt. Abwarten, sehen, was passiert, hoffen, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle und erneuten Totalschließungen kommen wird.

Vom Lagerhaus fuhr ich nach Downtown Healdsburg, der Kleinstadt im Zentrum des Weinanbaugebietes in Sonoma County. Am zentralen Platz, an dem riesige Redwoods aufragen, war alles leer. Nur wenige Geschäfte hatten geöffnet. Ich parkte meinen Wagen, holte mein Fahrrad raus und fuhr los Richtung „Dry Creek Valley“, von dort kommen „meine“ Weine, dort gibt es den besten Zinfandel. Eine 30 Kilometer Rundfahrt, entlang der Reben, vorbei an geschlossenen Weingütern, der Himmel war bewölkt. Wenig Verkehr, ein paar Arbeiter zwischen den Rebstöcken. Das Valley ist ganz besonders, eine schöne, ruhige Atmosphäre und ideal für den Weinanbau, denn es wird tagsüber oft heiß, doch nachts zieht eine Nebeldecke vom Pazifik kommend kühlend über die Landschaft.

An einigen Stellen kann man noch Schilder finden, auf denen den Einsatzkräften nach den Feuern gedankt wurde. Damals konnte durch den schnellen und kontrollierten Einsatz der Feuerwehren schlimmeres für das Valley verhindert werden. Doch wochenlang hing eine dicke Rauchglocke über der Region, der 101 war geschlossen, weite Teile des Counties evakuiert und natürlich war die Weinindustrie davon besonders betroffen. Gestern lag das Tal ganz friedlich vor mir. Ich radelte voran und dachte mir „strange times“. Später dann, ein Glas Wein auf die kalifornischen Winzer. Zumindest kann man sie so etwas in all dem Irrsinn unterstützen. Cheers!

Oakland in den News

Seit 21 Jahren lebe ich in Oakland, eine Stadt, die mir ans Herz gewachsen ist. Auch, wenn Oakland immer im Schatten der strahlenden „City by the Bay“ San Francisco steht. Und doch Oakland ist voller Geschichte und Geschichten. Das versuche ich immer wieder auch in diesem Blog darzulegen. Oak-Town, wie man hier auch die Stadt nennt, wird aber meistens von außen mit schlechten News in Verbindung gebracht.

Die „Grand Princess“ nimmt Kurs auf Oakland. Foto: AFP.

Als ich ich 1999 hierher kam, lag die Mordrate bei über 160 Opfern pro Jahr, die Ganggewalt, die Schießereien gerieten außer Kontrolle. Dazu kam, dass die Stadt die drängenden Probleme nicht unter Kontrolle bringen konnte. Aber Oakland war und ist auch immer eine Künstler- und Subkultur Stadt gewesen, hier wurden viele der gewaltigen Burnin-Man Kunstwerke erstellt, denn hier gab es in der einstigen Arbeiterstadt viel Platz in alten Produktionsstätten. Oakland ist eine Musikstadt, Jazz, Hip Hop, Punk und Noise ließen international aufhorchen. Über all die Jahre, seidem ich das Geschehen hier aus der Nähe beobachten kann, hat sich viel getan. Oakland boomt und hat mit Libby Schaaf eine Bürgermeisterin, die sich schon mehrmals öffentlich mit Präsident Donald Trump gefetzt hat, die Warriors haben Basketballgeschichte geschrieben, die Restaurant- und Kneipenszene ist aufgeblüht. Das alles vor dem Hintergrund der folgenschweren Gentrifizierung in der Stadt.

Und nun ist Oakland mal wieder in den internationalen News. Die „Grand Princess“, das Kreuzfahrtschiff mit 3500 Passagieren an Bord, das seit zwei Wochen vor der Küste des Golden Gates auf eine Hafeneinfahrt wartet, wird am Montag im zweitgrößten Hafen an der Westküste, in Oakland, andocken. Eigentlich sollte die „Grand Princess“ in San Francisco Anker werfen, doch da steht nur ein Pier zur Verfügung, das fast direkt an Downtown angrenzt. Eine weiträumige Isolation ist dort nicht möglich. In Oakland steht der Container- und „Deep Sea“ Hafen zur Verfügung, der für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Von hier sollen die 3500 Menschen an Bord aufgeteilt werden. Die 21 Erkrankten werden umgehend in spezielle Einrichtungen gebracht, die 1000 kalifornischen Passagiere in Kalifornien beobachtet, die anderen weiter in ihre Heimatbundesstaaten transportiert. Und alles unter Ausschluß der Öffentlichkeit, denn der Hafen in Oakland ist absolutes Sperrgebiet.

Morgen also werden die Bilder aus Oakland um die Welt gehen, ein Kreuzfahrtschiff im Hafen, im Hintergrund die Bay Bridge und San Francisco. Ich kann nur hoffen, dass man danach Oakland nicht als Virenschleuder betrachtet. Ich lebe etwa zehn Kilometer Luftlinie vom Hafen entfernt, mal sehen, ob ich morgen von hier oben das Schiff sehen kann.

“Don’t worry, be happy”

Das Ojai Valley.

Wenn man auf dem 101 von Los Angeles nach San Francisco fährt, kommt gleich hinter Ventura die Abfahrt nach Ojai. Unbedarfte Kalifornienreisende lassen meist das Hinweisschild rechts liegen. Doch den Abzweig sollte man durchaus einmal nehmen. Auf dem Highway 33 geht es an Casitas Springs vorbei, hier lebte einmal Johnny Cash und dann, nach weiteren 15 Meilen, ist man da. An einem Ort, der von vielen als spirituelles Zentrum mit einer besonderen Energie, einem Vortex, geschätzt wird. So ähnlich wird auch über Sedona in Arizona gesprochen.

Ojai kommt aus der Sprache der Chumash und bedeutet “Nest”. Die Kleinstadt liegt in einem Tal am Fuße des “Los Padres National Forest”, einem riesigen, fast 8000 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet, das von Ventura bis nach Monterey County reicht. Ojai ist so eine Stadt, die kaum einer kennt, doch wer schon mal dort war, der verliebt sich in diesen Ort. Hier leben Schauspieler und Filmschaffende, es ist ein Ort der von Citrusplantagen geprägt ist, doch vor allem ist Ojai ein besonderer, ja spiritueller Ort. Man muss nur durch den kleinen Ort fahren, so viele religiöse Gruppen und Organisationen, Kirchen verschiedenster Richtungen, eine Synagoge und Glaubensgemeinschaften aller Art findet man in dieser Dichte wohl selten. Und alle koexistieren mit- und nebeneinander.

Also, irgendwas muss wohl dran sein an dieser Geschichte vom besonderen Energiezentrum in diesem Ost-West Tal. “Ich weiss auch nicht genau, was es ist”, meint Johnny Johnston der Bürgermeister der Kleinstadt. “Ich sage den Leuten immer, wenn sie über Ojai reden, das wirkliche Ojai ist das, in das man sich beim ersten Mal verliebt hat. Und das ist nicht das Ojai, vom dem die sprechen, die seit 50 Jahren hier leben. Wir haben also alle ein unterschiedliche Version davon. Für alle Neuankömmlinge ist es toll, die, die schon länger hier sind sehen die Veränderungen. Und es verändert sich, wie überall auf der Welt.”

Und die Spiritualität ist keine neumodische Geschäftsmacherei, denn Ojai hat seit fast 100 Jahren religiöse Gruppen angezogen. Schon 1926 zog das theosophische Krotona Institut aus dem hektischen Hollywood nach Ojai, um hier Ruhe zu finden. Das Anwesen dieser theosophischen Gemeinde findet man kurz vor dem Ortseingang. Das Gelände wirkt wie ein Park, offen gehalten, Nachbarn gehen hier viel spazieren. Eine erfüllende Ruhe umgibt den Besucher. Maria Parison ist die Leiterin der Krotona Schule, einer Fortbildungseinrichtung für Erwachsene. Sie verweist auf Annie Besant, eine der Gründerinnen des Krotona Instituts. Hier in Ojai, so Parison, hätten sie und ihre Mistreiter vor fast 100 Jahren genau das gefunden, was ihre Gemeinde suchte: “Es hatte eine besondere Energie und sie fühlte, dass dieser Ort für die zukünftigen Generationen eine besondere Rolle spielen wird. Das, was hier passiert, würde zu mehr Menschlichkeit im ganzen führen. Zumindest würden wir hier unseren kleinen Teil dazu beisteuern.” Maria Parison ist eine ältere Dame, die vor 15 Jahren mit ihrem Mann, einem Manager in der Autoindustrie aus dem Mittleren Westen hierher zog. Ihr Mann verstarb vor drei Jahren, doch Maria blieb. Sie führt mich über das Gelände, durch einen theosophischen Park, in dem die Zeichen vieler Religionen zu finden sind und hier bildlich friedlich nebeneinander existieren.

Guru Prasad ist für die Anwohner zuständig, er lebt seit fünf Jahren in Ojai, kennt die Kleinstadt jedoch schon lange durch viele Besuche: “Wir glauben, dass wir nicht das absolute Recht auf die Wahrheit haben. Wahrheit ist etwas Individuelles und jede Person muss das für sich finden. Wenn wir das also glauben, dann müssen wir auch annehmen, dass andere Menschen andere Neigungen, Ideen, Philosophien haben. Denn ich habe nicht das Recht, dass das, was ich fühle der einzig wahre Weg in der Welt ist.”

Die Terrasse des Hauses von Krishnamurti.

Schon vier Jahre vor dem Krotona Institut siedelte sich der indische Philosoph und Theosoph Krishnamurti in Ojai an. Das Haus, in dem er lebte gehört heute der Krishnamurti Stiftung in Amerika. Es liegt am Fuße des Topa Topa Berges, am anderen Ende von Ojai. Dort treffe ich Michael Krohnen, einen Deutschen, der in den 70er Jahren den Ruf bekam, als Koch für den indischen Philosophen zu arbeiten, und das, obwohl er gar nicht kochen konnte. Seitdem lebt Krohnen in Ojai. Beim Gespräch sitzen wir auf der Terrasse des kleinen Hauses, in dem Krishnamurti wohnte, wenn er hier war. Michael Krohnen deutet auf einen Baum gleich neben dem einstigen Wohnhaus Krishnamurtis: “Dieser Pfefferbaum spielte eine gewisse Rolle im Leben Krishnamurtis. Eines Nachmittags sass er unter diesem Pfefferbaum und hatte ein sehr starkes Erlebnis….eine Erleuchtung, dass alles Leben eins ist. Ein paar Tage später schrieb er darüber, dass er eins mit der ganzen Welt war, mit dem Gras und der kleinen Ameise und auch dem Auto, das vorbeifuhr. Er war das alles, so empfand er das.”

Zurück in den Ort. In einer Seitenstrasse liegt das Haus von Kristan Altimus. Sie zog vor 18 Jahren hierher, für sie war Ojai schon von Kindheit an ein großes Lebensziel. Im Fernsehen liefen damals die Fernsehserien “Bionic Woman” und “Six Million Dollar man”, die beide in Ojai spielen. “Der Name Ojai (Nest) fühlte sich nach Zuhause an. Es ist nicht nur ein spiritueller Ort, es ist auch ein beseelter Ort. Deshalb liebe ich Ojai. Der Boden hier erdet mich. Ich glaube, wir alle fühlen Spiritualität als ein Weiterkommen. Ojai hilft mir dabei.”

Im Gongbad sich fallen lassen.

Kristan Altimus hat sich in ihrem Garten einen Traum erfüllt. Ein Gong-Studio, ein kleines Häuschen, in dem acht Gongs hängen, der größte mit gut einem Meter Durchmesser. Hier begongt sie andere, eine spirituelle Reinigung, ein Loslassen, eine gedankliche Leere schaffen. Man liegt auf einer dünne Matte auf dem Boden und läßt dieses Klangbad mit seinen Soundwellen über einen hinwegrollen. Für Altimus ist klar, Ojai ist ein Ort, an dem man eine besondere Energie spüren kann: “Vortexes entstehen durch diese Energie Linien um die Welt. Dieses Tal, das “Ojai Valley” ist etwas besonderes in der Welt, zehn Meilen lang und es geht von Ost nach West. Es gibt auch einen Vortex, der die Menschen ausspuckt. Ich meine damit, wenn du nach einem Ort suchst, an dem es Action gibt, an dem man gesehen wird, dann ist das hier nichts für dich. Hier ist es ein ruhiges Leben. Wer hierher kommt, der erfährt, wie entspannt er hier ist.”

Und da ist was dran. Selten kann ich zur Ruhe kommen, Langeweile kenne ich nicht, zu tun, zu sehen, zu lesen gibt es für mich als Journalisten immer etwas, Abschalten ist für mich schwer. Doch in Ojai ist das ganz anders. Ich kenne den Ort seit mehr als 25 Jahren, bin regelmässig dort. Und immer wieder merke ich, dass es für mich zu einem Platz geworden ist, an dem ich durchatme, innerlich zur Ruhe komme und ja, dieses sprichwörtliche Entschleunigen für mich schaffe, einfach ein paar Gänge zurückschalten kann.

Ganz bewusst wurde mir das hoch droben auf dem Berg, in Upper Ojai. Gleich neben dem früheren Haus von Schauspieler Larry Hagman, das nun der abgeschotteten Scientology Church und ihrem umstrittenen Drogenentzugsprogramm Narconon gehört, findet man “Meher Mount”. Es ist ruhig hier oben auf dem Berg, die Aussicht einfach spektakulär. Man sieht vor sich den Pazifik und die Channel Islands in rund 60 Kilometern Entfernung, hinter einem ragt der „Los Padres National Forest“ mit Topa Topa Mountain auf. Am späten Nachmittag kann man den “Pink Moment” erleben, wenn der Berg sich rosa färbt. Eine seltene Ruhe ist hier zu finden, kein Laubbläser, kein Autoverkehr. Nur Stille. Meher Baba sagte von sich, er sei der Avatar auf Erden, die Reinkarnation von Gott, wie vor ihm schon Zarathustra, Rama, Krishna, Buddha, Jesus, und Mohammed.

Die Weitsicht vom Meher Baba Mount.

Ginger Glasky und ihr Mann Buzz Glasky waren die “Caretaker”, die Verwalter und Betreuer dieses riesigen Grundstückes. Im Sommer beendeten die beiden Rentner nach fünf Jahren diese unbezahlte Aufgabe und zogen weiter nach Arizona. “Meher Baba hatte einst seinen Jüngern aufgetragen, einen Ort etwa eineinhalb Stunden außerhalb einer Großstadt zu finden, an dem er ausruhen könne, wenn er in den Westen der USA reise”, erzählt Ginger Glasky. Das sei 1946 gewesen. Zum ersten Mal sei er erst im Jahr 1956 hier gewesen. “Dieses Grundstück ist ihm gewidmet, denn er war hier, als spiritueller Führer und durch seinen Übersetzer erklärte er seinen Jüngern, Gott durch die Natur zu lieben. Und das machen wir.”

Buzz Glasky ergänzt mit einer tiefen, sonoren Stimme: “Als wir zum ersten Mal hier waren, spürten wir gleich diese besondere Schwingung, wenn man es so nennen will. Wenn man hier dann für fünf Jahre lebt, dann wird es normal. Wir spüren es, wenn wir mal runter ins Tal zum Einkaufen fahren. Manchmal haben wir vor, in fünf Läden zu gehen, doch schon nach dem zweiten sagen wir, lass uns wieder rauf auf den Berg fahren. Denn es fühlt sich einfach so gut an, hier zu sein. Und natürlich für uns als Jünger von Meher Baba, ist es wunderbar an einem Ort zu sein, den er besuchte und wo er umherschritt.”

Wir sitzen bei diesem Gespräch auf einer kleinen Bank. Hinter uns der “Baba Tree”, unter dem Meher Baba am 2. August 1956 sass. Nur damals und nur dieses eine Mal. Der Baum brannte beim großen “Thomas Fire” im Dezember 2017 fast vollständig ab und wird nun mit viel Aufwand und Liebe gepflegt. Vor uns ein Ausblick, der einzigartig ist und der allein schon einen lächeln lässt. Kein Wunder also bei dieser Weitsicht, dass der bekannte Spruch “Don’t worry, be happy” auf Meher Baba zurück geht. “Er kam nicht um zu lehren, sondern um zu erwecken”, erklärt Buzz Glasky. “Man kann es auf diesen einen Satz von ihm reduzieren: Liebe Gott. Es ist so einfach und doch auch so schwer. Und er sagte auch, mach dir keine Sorgen, sei zufrieden. Auch das klingt einfach, aber ist ebenfalls so schwer.”

Am Wochenende ist das Gelände für jedermann geöffnet, es kostet keinen Eintritt, es gibt keinen Buchladen, man wird auch nicht missioniert. Man soll einfach diesen einzigartigen, friedvollen Platz geniessen, der für viele selbst in Ojai unbekannt ist. Auch für mich war es das erste Mal in 25 Jahren, dass ich hier oben war. Aber sicherlich nicht das letzte Mal. Ojai liegt etwas ab von den bekannten kalifornischen Touristenzentren, doch der Weg dahin lohnt sich auf alle Fälle. Es ist für mich einer der besonderen Orte in Kalifornien, an dem man, wie auch immer man sich religiös orientiert, innere Einkehr finden kann. Und das ist etwas ganz besonderes in diesen hektischen, seltsamen Zeiten, in denen wir leben..

Kalifornien hol die Rechen raus

Das Tweet kam von ganz oben. Von ganz, ganz oben. Der Präsident tweetete am Sonntagmorgen zum ersten Mal über die katastrophalen Brände in Kalifornien. Und was kam, ein Angriff auf Kalifornien, auf Natur- und Klimaschützer und auf Gouverneur Gavin Newsom. Trump forderte mal wieder, den Waldboden zu „säubern“, sprich Newsom solle eine Rechenbrigade aufstellen, um das Laub aufzukehren. Und wenn das nicht passiere, dann würde die Bundesregierung auch keine Hilfsgelder mehr nach solchen Katastrophen nach Kalifornien schicken.

Gouerneur Newsom reagierte perfekt in seinem Antworttweet, etwas lax übersetzt: „Sie glauben nicht an den Klimawandel. Von daher machen Sie sich vom Acker“. Newsom hatte in der vergangenen Woche mehrfach darauf hingewiesen, dass die gewaltigen Feuer ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren sind. Das Energieunternehmen PG&E und seine veraltete Infrastruktur, der Klimawandel und dazu noch mehr und mehr Menschen, die in ländlichen, abgelegenen Gegenden leben. Vom Laubkehren hat er nicht gesprochen.

Was Trump mal wieder in dieser Attacke vergisst ist, dass rund 60 Prozent der Wälder in Kalifornien Bundeswald sind und damit unter der Kontrolle der Regierung in Washington, der Trump Adminstration, stehen. Er ist also selbst für die idiotischen Rechenbrigaden zuständig, die er da fordert und die, seien wir mal ehrlich, nichts bringen würden. Selbst in Finnland nicht. Und auch die Ankündigung, Kalifornien keine Hilfsgelder mehr auszahlen zu wollen, übersieht, dass der Golden State der größte Einzahler in den Bundeshaushalt ist. Ohne Kalifornien würde die „Union“ alt ausschauen. Aber das scheint Trump und seine Unterstützer nicht zu interessieren. Der morgendliche Angriff auf Kalifornien war hingegen typisch für Trump. Zuvor kein Wort zu den Feuern und dann so etwas. Trump enttäuscht einfach nicht, mehr kann man von ihm nicht erwarten.

Unglaubliche Stille

Es gibt diese Orte, an denen man einfach bleiben möchte. „Meher Mount“ ist so ein Ort. Über die Sulphur Mountain Road kommt man aus dem Ojai Tal auf diese Anhebung. Die Straße windet sich den Berg hinauf. Hinter jeder Kurve wartet ein neuer Ausblick auf das Valley und den Los Padres National Forrest. Und dann biegt man links in die Einfahrt ein. „Welcome“ steht am Eingang.

Meher Mount ist ein, so heißt es, spiritueller Platz. Einer von vielen in diesem kleinen Tal, das ungewöhnlich von Westen nach Osten reicht. Hierher kam am 2. August 1956 Avatar Meher Baba. Schon in den 40er Jahren suchten seine Anhänger einen Ort, „ein bis zwei Stunden außerhalb einer Großstadt“, so die Vorgabe. Gefunden wurde ein über 200 Hektar großes Gelände, das einzigartig ist. Vor einem der Blick auf den Pazifik mit den Channel Islands, hinter einem erhebt sich Topa Topa, ein Gebirgszug, der bis ans Ojai Valley langt.

Hier oben ist nichts und doch so viel. Ruhe, wirklich absolute Ruhe. Kein Auto ist zu hören, kein Lärm von irgendeinem Laubpuster, kein nerviges Radiogedudel. Nichts. Nur die Vögel zwitschern, manche kreischen, ein paar singen harmonisch. Der Wind streicht durch die Bäume und durch das Gras. Und dann dieser Blick auf dem Meher Mount, direkt vor dem „Baba Tree“, unter dem der Avatar an diesem einen Tag 1956 gesessen hatte. Die Eiche wurde im Thomas Fire im Dezember 2017 fast völlig zerstört und wird nun mit viel Liebe wieder aufgerichtet.

Ein unendlicher Blick. Vor einem das ehemalige Hagman Anwesen, das nun der Scientology „Kirche“ gehört.

Auf einer Bank sitze ich und lasse es einfach wirken. Kalifornien hat einfach wunderbare Orte, wie diesen hier. Das Nachbarhaus ist von hier gut zu sehen und gehörte dem Schauspieler Larry Hagman, bekannt durch seine Rolle des J.R. in Dallas. Vor vielen Jahren war ich einmal dort, traf ihn, sprach mit ihm über seine Arbeit. Er unterstützte viele Projekte in seiner Community Ojai. Das Anwesen wurde nach seinem Tod verkauft. Und die neuen Eigentümer haben eine Festung daraus gemacht. Die Scientology Organisation hat das abgelegene Grundstück erworben und genau hier ein elitäres Behandlungszentrum ihres umstrittenen Narconon Programmes eingerichtet. Bewaffnete Wächter passen auf, dass keiner rein und keiner raus kommt. Doch davon sieht man zum Glück nichts an diesem Ort, nur das Haus, kein freier Blick darauf wird von den Scientologen zugelassen.

Meher Mount ist ein besonderer Ort. Die Ruhe, der Weitblick, die Zeit scheint hier still zu stehen. Irgendwie ist man draussen aus dem, was da weit unter einem passiert und vorbeizieht. Dieser Platz wird Teil einer meiner Geschichten über den spirituellen Ort Ojai, einer kleinen Gemeinde, die viele als ein Zentrum der fließenden Energien, als Vortex sehen, bezeichnen, erfahren. Es ist so eine ganz andere Geschichte, als das, über was ich normalerweise berichte. Aber eine, die sehr nachhallt.

Die Geschichte der Eisenbahn durch die USA

Immer weiter westwärts. Der Eisenbahnbau durch die USA. Foto: Andrew J. Russell, OMCA.

Es ist eine Geschichte, die nur in diesem Land geschrieben werden konnte. Der Bau der Eisenbahn von der amerikanischen Ostküste Richtung Westen. In vielen Hollywood-Filmen wurden die Kämpfe um Land und Strecke erzählt. Einer der für mich besten Spielfilme zu diesem Thema ist der Italowestern „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone mit Charles Bronson und Henry Fonda in den Hauptrollen.

Vor 150 Jahren, 1869 wurde die Landverbindung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik fertiggestellt. Anlässlich dieses Datums werden im Oakland Museum of California die einzigartigen Fotos von Andrew J. Russell gezeigt, der damals im Auftrag der Eisenbahngesellschaft den Bau dokumentieren sollte. Doch seine Bilder zeigen viel mehr als nur die reine Eisenbahnstrecke, die sich Meter für Meter weiter vorschiebt. Russell hielt auch die Herausforderungen der Arbeiter fest, die Veränderungen der Landschaft, die mit dem Eisenbahnbau für die fast noch unberührten westlichen Bundesstaaten kamen und auch, was die „Railroad“ für die Native Americans bedeutete, deren Bedenken, Einsprüche und Warnungen nicht beachtet wurden.

Andrew J. Russells Fotos zeigen ein Land im Auf- und Umbruch. Mit dem Verlegen der Schienen Richtung Westen wurde das Land endgültig verändert, erobert, geeint. Russell zeigt die Schönheit dieses Landes genauso wie den harten Kampf der Arbeiter. Sein Verdienst ist es, dass er nicht einfach nur seinen Job als Dokumentarfotograf erfüllte, sondern auch Zeit fand, das zu sehen und festzuhalten, was neben den Gleisen passierte, was der Bau für Amerika bedeutete. Die Ausstellung „Pushing West: The Photography of Andrew J. Russel“ ist vom 4. Mai bis 1. September 2019 im Oakland Museum of California zu sehen.

Ost trifft auf West. Der Bau der Trasse ist vollendet. Foto: Andrew J. Russell, OMCA.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nazis in den USA

20.000 Anhänger des German-American Bund kamen im Februar 1939 in den Madison Square Garden.

Am 20. Februar 1939 war der Madison Square Garden Schauplatz eines gewaltigen Nazi-Aufmarsches. Es war als „Pro American Rally“ angekündigt, doch hier marschierte der BUND, eine von Deutschland aus gesteuerte US Nazi-Organisation, die im ganzen Land aktiv war. Die Machtdemonstration in New York City sollte die Amerikaner beeindrucken und sie für die Politik Hitlers gewinnen. Doch es hatte Konsequenzen für alle Deutschen, die in den USA lebten.

 

Die deutschen Vereine zwischen New York und San Francisco waren nach der Anti-Deutschen Stimmung in den Jahren 1914 bis 1918 kaum wieder erstarkt, hatten wieder zueinander gefunden, waren erneut im öffentlichen Leben von San Francisco mit Festen, Umzügen und Veranstaltungen präsent, als mit der Machtübernahme Hitlers 1933 eine deutliche Zeitenwende eingeläutet wurde. Gerade die politischen Vereine, wie der Arbeiterbildungsverein San Francisco waren davon betroffen. In der vereinseigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen, kontroversen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen. Befeuert wurde der auch von organisierten Auslandsdeutschen, die ihre Befehle direkt aus Berlin erhielten.

Knute Berger ist Journalist in Seattle, für das Newsmagazin “Crosscut”, er hat intensiv über die Aktivitäten der Nazis in den 1930er Jahren an der Westküste recherchiert: „Mir wurde gesagt, dass es einen Generationenschnitt gab. Jene Deutsche, die vor dem ersten Weltkrieg gekommen waren, waren nicht unbedingt für Hitler. Einige der Jüngeren glaubten an diese Idee des neuen Deutschlands an die wirtschaftlichen Fortschritte, die gemacht werden. Da gab es sicherlich einen Bruch.“

Karl Hartmann kam kurz nach dem Ende es zweiten Weltkrieges nach San Francisco und war langjähriger Präsident des Arbeiterbildungsvereins. Er lernte noch viele der alten Mitglieder kennen und hörte, was sie über diese schwierige Zeit im Verein berichteten: „Das war auch das Ende vom Arbeiterbildungsverein, von seiner Blütezeit. Denn von ’33 an, da ist das nur noch ein Vegetieren gewesen. Da haben ja die meisten Angst gehabt. Ein Freund von mir, ich weiss, der war beim BUND, der war immer stolz, dass er im Madison Square Garden reinmarschiert ist, in seinem weißen Hemd und der Hakenkreuzbande. Genau wie bei der SA. Ich fragte ihn, wie viele seid ihr denn gewesen und er: 20.000. Ich sag, du hast doch einen Vogel. 20.000, sagt er, glaub es oder nicht, was denkst du, wie wir marschiert sind, was da los war.“

Bereits im Mai 1933 gab Rudolf Hess Heinz Spanknöbel den Auftrag in den USA eine Nazi-Organisation aufzubauen. Spanknöbel kam 1929 als Pastor der Adventisten in die USA. Er gründete die “Freunde des Neuen Deutschland”, die dann im März 1936 in den “Amerikadeutschen BUND” übergingen. Deren Bundesführer wurde Fritz Julius Kuhn, der in 20er Jahren in die USA kam und 1934 amerikanischer Staatsbürger wurde. Kuhn versuchte, die deutschen Vereine in den USA zu einen und auf Kurs für Hitler-Deutschland zu bringen. Mit Paraden und Massenveranstaltungen wollte man die Deutschen begeistern. Und nicht nur in New York marschierte der BUND ganz im Sinne der Nazis auf. Auch in San Francisco war man aktiv. Unterstützung bekamen sie direkt aus dem Deutschen Generalkonsulat, wie Knute Berger berichtet: „In den späten 30ern, ungefähr 1937, gab es einen Generalkonsul in San Francisco, der auch noch weitere Kollegen in anderen Westküstenstädten hatte. Er hieß Manfred Freiherr von Killinger und war ein erklärter Nazi der ersten Stunde. Er unterstützte die engen Verbindungen zwischen Nazi-Deutschland und dem Deutsch-Amerikanischen Bund. Einige warfen ihm vor, das zu aggressiv betrieben zu haben. Das San Francisco Konsulat war auch für die Spionage im gesamten Westen der USA bis nach Salt Lake und runter an die mexikanische Grenze zuständig. Und man warb für Gruppen wie den Bund, die “Silver Shirts” und in Mexiko die “Gold Shirts”, alles Braunhemden. Das jedoch führte zu Widerstand. Von Killinger wurde vorgeworfen zu weit zu gehen und den Bund in eine Richtung zu drängen, was dazu führte, die Loyalität vieler Deutsch-Amerikaner zu hinterfragen und den Bund nicht als kulturelle sondern als politische Gruppe zu sehen.“

Lange Zeit schauten die Amerikaner dem offenen Treiben der Nazis einfach zu. Zu sehr glaubte man an die größere Gefahr durch die Unterwanderung der Kommunisten. Die marschierenden BUND Anhänger, ihre Jugendlager ganz im Sinne der HJ, auch in den Oakland Hills wurde gecampt, wurden einfach nicht richtig ernst genommen. In San Francisco wuchs jedoch der Widerstand gegen die Aktivitäten des BUND und des Generalkonsuls und Hitlervertrauten von Killinger. Gerade auch, weil die deutsche Gemeinde in der Stadt groß und einflussreich war. Das Deutsche Haus im Zentrum, unweit der City Hall gelegen, war vielen ein Dorn im Auge. Sie fragten sich, was spielt sich eigentlich hinter den Mauern dieses Gebäudes wirklich ab. Die Musiker Gewerkschaft in San Francisco, die “American Federation of Musician’s Local Six”, verabschiedete in ihrer Sitzung vom 9. Juni 1938 die folgende Resolution. Interessant dabei ist, dass viele der Mitglieder der Musikergewerkschaft, darunter auch ihr Präsident Walter A. Weber, selbst Immigranten aus Deutschland waren.

Angesichts dessen: In Europa gibt es mehrere Länder, deren Systeme direkt unserer Theorie von Demokratie entgegen stehen, in denen Arbeitnehmervertretungen aufgelöst und verboten wurden und Eigentum beschlagnahmt wurden; und
Angesichts dessen: In etlichen dieser Länder wird gegenwärtig eine Kampagne geführt, die auf religiöser Intoleranz, Rassenhass und Verbitterung basiert; und
Angesichts dessen: In San Francisco soll während des Memorial Day Wochenendes ein Treffen des Deutsch-Amerikanischen Bundes, einer Nazi Organisation in diesem Land stattfinden; und
Angesichts dessen: Organisationen wie die “American Legion”, “Veterans of Foreign Wars”, verschiedene jüdische und andere religiöse Gruppen haben gegen dieses Treffen der Embryo “Sturmtruppen” protestiert und ihre Ablehnung veröffentlicht; und
Angesichts dessen: Der San Francisco Gewerkschaftsbund hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt, man ist gegen jegliche Form von ausländischen “isms”, die eine Bedrohung für unsere amerikanische Demokratie sind, deshalb soll es sein
Beschluss: Der San Francisco Gewerkschaftsbund spricht sich gegen dieses Treffen aus und erneuert seinen Eid für den Kampf um den Erhalt der amerikanischen Demokratie; und weiterhin
Beschluss: Dass Kopien dieser Resolution an die Presse von San Francisco weitergegeben werden.

Die Deutschen in der San Francisco Bay Area versuchten gegenzusteuern, zu zeigen, dass sie zwar deutsche Wurzeln haben, ihre Sitten und Gebräuche pflegen, aber dennoch Amerikaner sind. Im Protokoll der Sitzung der Hermann Söhne, einer einflussreichen und alten Loge deutscher Einwanderer, heisst es vom 12. Mai 1941:

“Resolution: Eine der ersten Handlungen der Grossloge war die Annahme der folgenden Resolution, die für sich selbst spricht:
Be it resolved that we, the Order of Hermann Sons, an American Organization, in existence One Hundred years do hereby reaffirm our support of our Federal Government, our Constitution and our American way of life.
Be it further resolved that our Order condemns all un-American activities and pledges its united support in stamping out such activities.
Be it further resolved that we, the members of the Order of Hermann Sons, using our rights as free men and women citizens of the United States of America, respectfully protest against any actions which may involve us in the present European conflict, thus endangering our freedom and peace.
Be it further resolved that copies of the foregoing resolution be forwarded to the members of Congress and to the press.

Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass die Hermann Söhne ihre Veranstaltungen immer auf Deutsch abhielten und auch ihre Protokolle auf Deutsch verfassten. Hier jedoch wurde ganz bewusst eine Ausnahme gemacht, das Englische gewählt, um deutlich zu machen, wo man sich als deutscher Immigrant in den USA positioniert.

Mit dem Angriff der Japaner auf den Militärstützpunkt Pearl Harbor und der anschließenden deutschen Kriegserklärung gegen die USA vier Tage später, am 11. Dezember 1941, änderte sich das Leben für die Deutschen im ganzen Land, vor allem jedoch in den Küstenregionen. Mit Hilfe eines Gesetzes, das bis ins Jahr 1798 zurückreicht, könnten bei der Gefahr einer Invasion Amerikas, die Staatsbürger von verfeindeten Nationen verhaftet und für die Dauer des Krieges interniert werden. Im Bundesanzeiger, dem Federal Register, ließ Roosevelt die verstärkte Kontrolle von Japanern, Italienern und Deutschen verkünden. Dabei berief er sich auf das 143 Jahre alte Gesetz. Die Japaner und Japan-Amerikaner traf es deutlich stärker als die Deutschen. Weit über 100.000 wurden interniert. Doch das FBI verhaftete in den Folgemonaten auch Tausende von Deutschen, insgesamt etwa 12.000, die in den USA, in Mexiko und sogar Mittelamerika lebten und brachte sie in Internierungslager in die USA, darunter Crystal City, Texas, Fort Lincoln, North Dakota und auch Pacifica, südlich von San Francisco. Die Bewegungsfreiheit von Deutschen am Golden Gate wurde eingeschränkt, tägliche Kontrollen zur Normalität. Erneut brach eine Hysterie im ganzen Land aus. Im Staatsgefängnis von San Quentin wurde sogar von den Gefangenen ein massives Stahlnetz konstruiert, dass vor die Golden Gate Bridge gehangen wurde, um so eine Abwehr gegen deutsche U-Boote zu bieten.

Professor William Insel von der San Francisco State University, der viel über die Immigranten in San Francisco geforscht hat, beschreibt die Loyalitätsfrage in jenen Tagen so: „Ich habe das einmal von einem Italiener gehört, der 1889 in Piedmont, Italien geboren wurde, als 11jähriger nach San Francisco kam, 1915 nach seinem Studienabschluss als Rechtsanwalt Amerikaner wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er vom FBI überprüft, denn man warf ihm vor ein faschistischer Agent zu sein. Das Tenney Kommittee, die kalifornische Version der Anti-Amerikanischen Aktivitäten, fragte ihn, ob er Amerikaner oder Italiener sei. Und er antwortete, “schauen Sie, ich denke über Amerika und Italien genau so wie ich über meine Frau und meine Mutter denke. So lange meine Frau und meine Mutter sich vertragen, so lange muss ich nicht an sie denken. Aber wenn sie sich streiten, oder schlimmer, wenn sie nicht mehr miteinander reden und zu Feinden werden, dann halte ich zu meiner Frau, nicht zu meiner Mutter. Denn meine Frau ist heute und in Zukunft.” Das war seine Erklärung, wie er sich im Zweiten Weltkrieg verhalten würde, nach dem 10. Dezember 1941, als Italien den USA den Krieg erklärte. Und dieser Frage mussten sich auch deutsche Einwanderer im ersten Weltkrieg und einige auch im zweiten Weltkrieg stellen.“

Die deutschen Gemeinden und Vereine haben sich nie mehr so richtig von dieser zweiten Anti-Deutschen Bewegung in den USA erholt. Man zog sich zurück, pflegte die Sprache, die Kultur, die gemeinsamen Feste. Doch politisch traten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr auf. Damit verschwand auch der Einfluss und die Bedeutung der deutschen Immigranten in den USA.