Durch das weite Land

Es muss hinter Idaho Falls an einer Tankstelle gewesen sein. Da meinte einer mit Blick auf mein kalifornisches Kennzeichen, ich sei ja weit weg von zu Hause. Wohin ich denn wolle, fragte er. In die UP, die Upper Peninsula von Michigan, antwortete ich. “Are you crazy? Why don’t you fly?”. Ich zeigte auf meine Begleiterin, Käthe, eine vierjährige Schäferhund-Huskie Hündin, die mir ganz interessiert beim Tanken zuschaute. Er lachte nur, “you crazy Californians”.

Geradeaus, immer geradeaus.

2305 Meilen, das sind 3709 Kilometer. Von Oakland nach Twin Lakes, in der Upper Peninsula von Michigan. Einmal quer durchs Land und doch erreiche ich nicht die andere Küste. 1999 bin ich diese Strecke zum ersten Mal gefahren, damals mit einem Isuzu Trooper. Danach mehrmals mit meinem VW Bus, einem Eurovan, den ich 2002 erwarb. Der hat mittlerweile rund 325.000 Kilometer auf dem Buckel, viele Schrammen, die dritte Windschutzscheibe, doch ich liebe diesen Wagen. Er hat sogar noch einen Kassettenrekorder, kein Gefiepe beim Ein- und Ausparken, keine Sitzheizung und nicht allzu viele Lämpchen, die aufleuchten. Er fährt und fährt und fährt.

Mit diesem VW Bus werde ich bald wieder auf die lange Reise gehen, vollgepackt, mein Fahrrad dabei und Käthe liegt auf der hinten umgeklappten Rückbank. Meist döst sie vor sich hin oder schaut aus dem Fenster, manchmal höre ich sie schnarchen. Und dann kommt sie die paar Schritte auch immer mal wieder nach vorne zu mir, so, als ob sie kontrollieren will, ob ich noch fit bin, denn ich fahre diese Strecke fast durch. Um die 40 Stunden brauche ich, darin einbezogen sind etliche “Power Naps”, 30-45 Minuten Schlafeinheiten, um die Augen ruhen zu lassen.

Ich freue mich jedesmal auf diese lange Fahrt. Sie ist anstrengend, doch auch irgendwie befreiend. Der Weg ist das Ziel, gerade wenn man die übervolle San Francisco Bay Area hinter sich lässt. Der Verkehr auf dem Interstate 80 wird hinter Sacramento weniger, rechts geht es ab nach Folsom, wo das berühmte kalifornische Gefängnis liegt und einst Johnny Cash sein berühmtes Konzert hinter den Knastmauern spielte. Vorbei an Auburn und Truckee, dem Lake Tahoe, über die Berge der Sierra Nevada. Dann kommt die Grenze zu Nevada, dahinter gleich Reno, das etwas stiefmütterliche Spielerparadies, bekannt auch durch seine Conventions, die es nicht nach Las Vegas schaffen.

Irgendwo in Nevada.

Etwa 40 Meilen hinter Reno kommt Fernley, hier geht es nach Norden, wenn man zum alljährlichen “Burning Man” Festival in die Black Rock Desert will. Danach wird es richtig ruhig auf dem 80er. Links und rechts des Freeways wird es karg, der Blick weit, Hundert Kilometer und mehr kann man sehen, keine Gebäude, keine Strommasten, es geht nur noch geradeaus. Nevada ist der siebtgrößte Bundesstaat mit gerade mal etwas über drei Millionen Einwohnern. Viel Land in diesem Bundesstaat ist als Militärsperrgebiet ausgeschrieben, darunter auch die berühmt-berüchtigte Area 51.

In Nevada beginnt für mich die eigentliche Fahrt. Den Gedanken nachhängen, Meile für Meile. Die Weite der Landschaft, der ferne Horizont, die stressfreie Fahrt lassen einen tief in sich versinken. Die Schönheit der kargen Landschaft, ja, das ist Amerika. Das ist auch Amerika. Washington, Donald Trump, Skandale, Politik, all das ist ganz weit weg. Irgendwie kommen mir auf dieser Strecke immer die alten Karl May Filme in Erinnerung, der wilde Westen. Ich denke daran, wie es wohl war, damals, in den Westen zu ziehen, in ein unbekanntes Land voller Gefahren. Nicht wissen, wohin es geht, was noch kommen wird. Durch diese öde Landschaft ziehen, immer weiter in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden.

Und doch, hier leben Menschen. Ich fahre gerne von der Interstate ab, um eine Pause zu machen. Manchmal sind es nur ein paar Häuser, die da neben einer Tankstelle stehen, staubig, Tumbleweeds rollen über die Straße. Was macht man hier, wie lebt man hier in der Mitte von Nirgendwo? Auf dieser Strecke quer durch das Land gibt es viele solcher Orte, die wie aus einer Episode der Twilight Zone Serie stammen könnten. Hier will man nicht stranden, nicht lange bleiben, nur weiter auf dem endlos scheinenden Teerband der Interstate. Vorbei an Winnemucca, an Battle Mountain, an Elko bis Wells. Dort fahre ich von der Interstate 80 ab, tanke voll, gehe mit Käthe ein paar Schritte spazieren, bevor es auf dem Highway 93 Richtung Norden, Richtung Idaho geht. Twin Falls erreiche ich meistens in der Nacht, dort geht es wieder etwas Richtung Westen.

Der weite Himmel über Montana.

Es gibt mehrere Möglichkeiten von Oakland in die UP zu fahren, ich wähle immer die nördlichste Route, die ist in den heißen Sommermonaten meist etwas kühler, durch das Farmland von Idaho Richtung Yellowstone National Park, den ich westlich auf einem kurvigen, engen Highway passiere, immer weiter nach Norden. Hier grenzen Idaho, Wyoming und Montana aneinander, hier ragen die Berge der Rocky Mountains auf. Hier ist das konservative “Heartland” Amerikas, hier ticken die Uhren ganz anders. Trump und NRA Aufkleber auf den Autos, “Gun Racks” Gewehrhalterungen, in den Pick-up Trucks. Die Landschaft ist wunderschön, man sieht im Vorbeifahren Bisons und Hirsche, Koyoten und Füchse, nachts haben schon ein paar Bären vor mir die Straße überquert.
Dort liegt Big Sky, eine Ortschaft, die diesen Namen wahrlich verdient. Der Nachthimmel zwischen den hoch aufragenden Bergen ist unbeschreiblich schön, spirituell in seiner ganzen Pracht. Es sind diese Augenblicke, die die Strapazen einer 40 Stunden Fahrt verschwinden lassen. Natürlich könnte ich irgendwo anhalten, mir ein Zimmer nehmen, übernachten, doch ich will ankommen und fahre weiter.

Bei Bozeman treffe ich auf die Interstate 90, die bei Billings in die 94 übergeht, es geht norwestlich weiter, die Grenze zu North Dakota liegt vor mir, hier habe ich schon 1400 Meilen hinter mich gebracht. Vor mir liegt die endlose Weite von North Dakota, der 94er zieht sich schnurgerade durch den Bundesstaat. Links und rechts nur Einöde. In der Mitte von North Dakota liegt Bismarck, die Hauptstadt des Staates. Hier existierte ein Internierungslager, in dem im Zweiten Weltkrieg viele Deutsche untergebracht waren, einer von ihnen war Max Ebel, der schon in den 30er Jahren vor den Nazis aus Deutschland floh, um dann in der Hysterie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor in die Fänge des FBIs zu geraten. Er verbrachte ein paar Jahre im Lager “Fort Lincoln”. Max Ebel lernte ich vor etlichen Jahren kennen, er erzähle mir seine Geschichte, an der er fast zerbrach. Immer wenn ich an Bismarck vorbei fahre, denke ich an ihn. Ich sollte “Fort Lincoln” mal besuchen, bislang, auf all den Fahrten gen Osten und gen Westen hat es noch nie geklappt. Vielleicht verbinde ich das mal mit meinem Traum, von Oakland in die UP nur auf Highways zu fahren, lokale Museen und Sehenswürdigkeiten zu besuchen und viel Zeit auf diesem Weg zu verbringen.

Wenn ich mich mal für eine halbe Stunde hinlege und die Augen schließe passt Käthe auf.

Von Fargo geht es ab von der Interstate auf den Highway 10, dann auf den Highway 210, quer durch Minnesota Richtung Duluth. Meist fahre ich nachts durch Minnesota. Einmal wurde ich gegen drei Uhr morgens von der Highway Patrol angehalten, weil ich einen mir entgegen kommenden Wagen mit meinem Fernlicht angeblinkt hatte, denn dieser blendete mich mit seinem Fernlicht. Es war die Highway Patrol, die ich da angeblinkt hatte. Er stoppte mich auf einer verlassenen Strecke des 210, stieg aus und kam langsam auf der Beifahrerseite zu meinem VW Bus. Im Seitenspiegel konnte ich beobachten, wie er den Verschluss seines Pistolenholsters löste. Das ist Routine, kein Polizist weiß, in welche Situation er in solch einem Augenblick kommt. In einem schwerbewaffenten Land wie den USA ist alles denkbar. Ich öffnete das Seitenfenster und fragte, warum er mich stoppe. Der Beamte sagte, ich hätte ihn angeblinkt, was nicht erlaubt sei. Ich antwortete, seine Scheinwerfer hätten mich geblendet. Er leuchtete mit einer Taschenlampe in meinen vollen Wagen, sah Käthe, die ihn einfach nur anschaute. Er wollte daraufhin meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen und fragte, woher ich komme. Ich sagte, aus Kalifornien und sei auf dem Weg in die UP nach Michigan. Nach der Prüfung meiner Papiere wünschte er mir eine gute und sichere Weiterfahrt. Ich nahm das zum Anlass, mal wieder länger anzuhalten, die Augen ruhen zu lassen.

Die letzte Etappe von Duluth, entlang der Küste des Lake Superior in Wisconsin zur Staatsgrenze nach Michigan zieht sich besonders lang hin. An diesem Punkt bin ich übermüdet, das Ziel quasi schon vor Augen und die Meilen werden nicht weniger. Der Highway ist langsam, kurvenreich, vorbei an Iron River, Ashland, Ironwood. Dort geht es dann wieder nach Norden, endlich in die UP.

Die Upper Peninsula war einst das Ziel vieler Einwanderer aus Europa. Finnen, Italiener, Tschechen, Polen, Deutsche, sie alle kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, um in den Kupferminen zu arbeiten und in der boomenden Region dieser Halbinsel eine neue Heimat zu finden. Noch immer sind in der UP riesige Vorkommen an Kupfer zu finden, hier soll es das reinste Kupfer der Welt geben, doch die Gesteinsbrocken sind so gross, zu teuer, um sie abzubauen. Seit den 1920er Jahren wurde eine Mine nach der anderen geschlossen. Überall findet man hier Geisterstädte, überwucherte Ansiedlungen und Industrieanlagen, die Natur holt sich das zurück, was ihr genommen wurde. Die Region ist eine vergessene Region in den USA. Die Winter sind lang und hart. Im September kann es schon schneien, im Mai fällt der letzte Schnee.

Es ist einsam hier oben an dem kleinen See, der mein Ziel ist. Doch es ist wunderbar, idyllisch, unbeschreiblich. Ein innerer Friede, ein Abschalten, ein in sich gehen. Mit dem Kayak nachts um halb elf auf den See zu paddeln, das Abendrot im hohen Norden zu bewundern, die Ruhe wirken zu lassen. In solchen Momenten weiß ich, warum ich immer wieder hierher komme an den Lake Roland. Der Weg ist das Ziel. Und das Ziel hilft auf dem Weg, der da kommen mag.

Ein Grammy für Pete Seeger

Ich bin kein großer Fan der Grammys, irgendwie wird immer das gleiche und die gleichen ausgezeichnet. Interessant finde ich nur jene Awards, die auf den hinteren Rängen zu finden sind, wie „Best boxed or special limited-edition package“, „Best album notes“ und „Best historical album“. Da sind immer mal wieder außergewöhnliche Veröffentlichungen dabei, wie in diesem Jahr der Grammy für eine Pete Seeger Box.

Pete Seeger, die Stimme der amerikanischen Folk-Bewegung. Vor sechs Jahren, am 27. Januar 2014 verstarb er im Alter von 94 Jahren. Seeger wurde schon zu Lebzeiten als “American Treasure”, als lebender Kulturschatz Amerikas bezeichnet. Meist nur mit seinem Banjo in der Hand, begeisterte er seine Zuhörer, und das weltweit. Pete Seeger war Sänger, Rebell und die Stimme einer ganzen Nation. Er sang von einer besseren Welt und war der Meinung, diese könne nicht überleben, solange das Privateigentum „Gott aller Götter“ sei. Seine Lieder sollten Hoffnung geben. Zu Pete Seeger‘s 100. Geburtstag am 3. Mai 2019 hatte sein langjähriges Label “Smithsonian Folkways” eine umfangreiche 6 CD Box herausgebracht, darunter auch 20 bislang unveröffentlichte Songs. Dazu ein 200seitiges Buch. Und diese opulente Box wurde mit einem Grammy für „Best historical album“ ausgezeichnet.

An Pete Seeger kommt man in den USA nicht vorbei. Bob Dylan und Joan Baez und selbst Musiker von Rage Against the Machine sehen ihn als großen Einfluss auf ihre Musik. Seine Lieder wurden zu einem Soundtrack dieses Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine bekannten Songs sind genauso auf „The Smithsonian Folkways Collection” zu finden, wie Lieder, die ihn einfach am besten beschreiben. Zusammengestellt wurde diese Werkschau von Jeff Place, Kurator und Leiter des Folkways Archivs. „Ich habe einfach versucht, die größte mögliche Retrospektive zusammenzustellen. Von seinen ersten Veröffentlichungen überhaupt bis hin zu den letzten in seinem Leben. Und dann wollte ich auch noch all die Orte aufnehmen, die Pete Seeger mit seiner Musik besuchte. Die Leute sprechen von ihm wie von Woody Guthrie, Woody’s Kinder sind auch Pete’s Kinder…Joan Baez erzählte mal, dass sie als 13jährige ein Konzert von Pete Seeger an ihrer Schule erlebte, und das veränderte ihr Leben.“

Jeff Place berichtet davon, dass Pete Seeger in den 50 Jahren aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei und seinem politischen Einsatz für soziale und gesellschaftliche Initiativen unter politischen Druck geriet. Seeger war auch ein Teil der legendären und sehr erfolgreichen „Weavers“, einem Folk Quartett aus Greenwich Village, das neben traditionellen Folk Songs auch Arbeiter- und Protestlieder sang. Damit machten sie sich in der politisch aufgeheizten McCarthy Ära verdächtig. Seeger und auch andere Mitglieder der „Weavers“ wurden „blacklisted“. Kein Club ließ ihn mehr auftreten, kein Radiosender spielte ihn mehr. Doch das hielt ihn nicht auf, so Jeff Place: „Er lebte also ein Leben im Untergrund, wo er einfach an Colleges und Universitäten auftauchte und ohne große Ankündigung spielte, so konnte man ihn nicht davon abhalten. Es wurde versucht, seine Ideen aufzuhalten, aber er fand einen Weg, um die jüngere Generation zu erreichen, in dem er an Schulen spielte und Platten aufnahm. Darunter auch Platten für Kinder. Er hat all diese Menschen in den Vereinigten Staaten beeinflusst, diese jungen Leute, diese Kinder, die schließlich Teil der großen Folk Bewegung in den späten 50er und 60er Jahren wurden, wie Peter, Paul & Mary und Dylan und all die anderen.“

Pete Seeger wurde durch seine Schul- und Uniauftritte erneut bekannt, erreichte so eine neue, junge Generation. In den 60er Jahren setzten Lehrer in den Schulklassen seine Musik im Unterricht ein. Die Saat, die er mit seinen Konzerten säte, ging auf. Seeger veröffentlichte über 70 Platten auf Folkways Records, darunter “Spoken Word” Alben, Musik für Kinder, Protestlieder, Songs aus anderen Ländern und Kulturen. Überall wohin Pete Seeger reiste, brachte er nicht nur seine amerikanischen Lieder mit, sondern nahm auch Songs von dort mit zurück in die USA. Er war ein musikalischer Grenzgänger und Brückenbauer, der Menschen mit seinen Songs zusammenbrachte. Auf dieser Box ist auch eines der bedeutendsten antifaschistischen Protestlieder überhaupt enthalten, das 1933 im norddeutschen Konzentrationslager Börgermoor geschrieben und mit dem Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt geweht wurde. Pete Seeger liebte dieses kraftvolle Lied und spielte es immer wieder auf seinen Konzerten.

Mit der großen Pete Seeger Werkschau schließt sich für Folkways Records auch der Kreis der wichtigen „Drei“ der amerikanischen Folk-Musik, denn zuvor schon hatte das Label Boxsets von Woody Guthrie und Lead Belly veröffentlicht. „Man muss auch erwähnen, dass Pete Seeger ein enger Freund von Woody Guthry und Lead Belly und einigen anderen war“, meint Jeff Place. „Und er war derjenige, der weitermachte…sie starben leider viel zu jung, doch Pete hielt ihre Musik und ihre Ideen über die Jahre am Leben. Er ist dafür verantwortlich, dass wir Woody Guthrie heute so kennen oder ihn so schätzen.“

„Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ ist nicht nur eine bedeutende Werkschau einer der wohl wichtigsten Jahrhundertmusiker Amerikas, die nun mit einem Grammy geehrt wurde. Beim Durchhören all der Lieder spürt man vielmehr, dass Pete Seeger mit seinem Banjo und seiner warmen Stimme Kraft und Hoffnung in teils schwierigen Zeiten geben wollte und auch konnte. Amerika könnte heute mehr denn je wieder einen Pete Seeger gebrauchen.

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Es ist Sonntag und Trump ist langweilig

Andere  malen, lesen, schreiben ihre Memoiren, spielen Basketball oder lernen ein Instrument. Donald Trump ist nicht bekannt dafür kreativ mit seiner Zeit umzugehen. Ein Familienleben scheint er auch nicht zu haben, denn Bilder von ihm und Melania bei einem Konzert- oder Kinobesuch gibt es nicht, auch sieht man den Präsidenten nicht mal mit seinem jugendlichen Sohn im Rose Garden des Weißen Hauses einen Ball kicken. Er läßt sich lieber von Lobhudeleien belustigen und teilt diese dann nur allzugern auf Twitter. Kritik an ihm und seiner Politik verwirft er als unamerikanisch, unpatriotisch, vom Deep State und den Demokraten initiiert.

Außenminister Mike Pompeo. Foto: AFP.

Heute war mal wieder so ein Sonntag, wo der Präsident der Vereinigten Staaten nichts zu tun hatte. Es gibt keine Krisen in den USA, keine in der Welt, deshalb verbringt er seinen Sonntagmorgen vor dem Fernseher und tweetet sich die Finger wund. Doch diesmal ging er erneut zu weit. Klar, da sind die üblichen „Witchhunt“ Tweets und die Aufforderung das Telefonprotokoll seines Gesprächs mit dem ukrainischen Präsidenten zu lesen (I did, Mister President. You are guilty!). Aber Trump wettert auch erneut gegen die Medien, bezeichnet sie als „korrupt“ und fordert die Einstellung jeglicher finanzieller Unterstützung durch den Staat für NPR, National Public Radio, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den USA.

Und diese Geschichte hat es in sich, denn ein Interview von NPRs Mary Louise Kelly mit Außenminister Mike Pompeo ging wohl total daneben. Pompeo weigerte sich Fragen zur Ukraine zu beantworten und beschimpfte anschließend die anerkannte Journalistin. Auch erklärte er „Do you think Americans care about fucking Ukraine“. Nicht nur das, Pompeo ließ anschließend eine Erklärung verbreiten, in der er der Reporterin unterstellt, sich nicht an Absprachen gehalten zu haben und, dass Kelly selbst die Ukraine nicht auf einer Landkarte finden konnte („It is worth noting that Bangladesh is NOT Ukraine“).

Marie Louise Kelly. Foto: NPR.

Mary Louise Kelly, geboren 1971 in Augsburg, ist eine langjährige Mitarbeiterin von NPR, arbeitete zuvor für die BBC und CNN aus London. Sie berichtete aus Afghanistan und aus Deutschland. Pompeo wirft ihr vor, ihn unerlaubterweise zur Ukraine befragt zu haben und Inhalte des Nach-Interview Gesprächs, in dem er ausfällig wurde, und das er nun im Nachhinein als „off the record“ bezeichnet, veröffentlicht zu haben. Kelly widerspricht dem. Sie habe vorab mit Pompeos Mitarbeitern geklärt, dass sich die Interviewfragen um den Iran und um die Ukraine drehen werden. Und als Pompeo sie nach dem Interview in sein Büro beorderte, war nicht deutlich gemacht oder gesagt worden, dass das, was nun komme „off the record“ sei. Auch wisse sie wo die Ukraine liege und habe diese dem Außenminister auf einer Landkarte gezeigt.

Donald Trump und seine konservativen Kämpfer, wie der Talk Radio Moderator Mark Levin, nehmen das natürlich zum Anlass auf die Medien im Allgemeinen und auf NPR im Besonderen einzudreschen. NPR sei ein linksliberales Medium, das abgeschaltet gehört und dessen staatliche Förderung gestrichen werden sollte, forderte Levin. Und Trump teilte das nur zu gerne. Wiedereinmal unterminiert er die freie Presse in den USA . Wer ihn und seine Administration kritisiert, keine Hofberichterstattung vorlegen will, wer kritische Fragen stellt, wird als Feind gebrandmarkt. Konsequenzen sind diesem Präsidenten egal.

Aufklärende Werbung mit Witz

Es gibt diese Werbeclips, die einfach durchdacht und mehr als gelungen sind und zur richtigen Zeit kommen. Einer davon ist von der Fluggesellschaft „Aero Mexico“. In einem aufwendigen Commercial versucht die Airline der Frage nachzugehen, warum so wenige Amerikaner nach Mexiko fliegen. Vorurteile und sicherlich politische Überzeugungen spielen da mit rein. Deshalb suchte man das Gespräch mit Texanern und bietet Rabatte auf Flugtickets prozentual zu mexikanischen DNA Spuren an. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein unterhaltsamer Clip, der gerade im Einwanderungsland USA zum Nachdenken anregen solte:

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Wild, Wild West in the USA

Gestern wandte ich mich über Twitter an Präsident Donald Trump? Ich fragte ihn: „With all due respect, Mister President, how much time do you spend on your screen every day?“ Denn ich wundere mich schon lange, wie er überhaupt konzentriert arbeiten kann, wenn er ständig da auf seinem Handy rumtippt. Und nicht nur das, er verlinkt ja auch andauernd Ausschnitte aus Fernsehsendungen, meist FoxNews, Artikel und Jubelmeldungen über ihn, was bedeutet, er schaut mehr fern, als Dokumente zu lesen. Da ist die Frage schon berechtigt, wie er eigentlich da noch Zeit zum Regieren findet. Nicht überraschend, ich bekam keine Antwort.

Heute ließ sich Donald Trump wieder feiern. Er war der erste Präsident, der als Redner auf der alljährlichen „March for Life“ Kundgebung auftrat. Trump betonte, dass er der Präsident sei, der am meisten für Kinder, Ungeborene und gegen Abtreibung täte. 2017, 2018, 2019 ließ Trump nur aus Ferne grüßen, diesmal, im Wahljahr, kam er selbst. Die Abtreibungsgegner werden es ihm im November danken.

Der Demokrat Adam Schiff erläutert die Beweise gegen Präsident Trump. Foto: AFP.

Unterdessen, nicht weit vom Auftritt des Präsidenten entfernt wurde im US Senat weiter darüber verhandelt, ob Donald Trump des Amtes enthoben werden soll. Die demokratischen Kongressmanager, quasi die Staatsanwälte in diesem Impeachment Verfahren, legten in den letzten Tagen den Fall dar. Überzeugend, wie ich finde, denn die einzelnen Beweise sind wie ein Puzzle, das hier vor der amerikanischen Öffentlichkeit zusammengefügt wird. Das Bild, das sich da zeigt ist erschreckend. Trump hat wohl auf eine Umfrage von FoxNews reagiert, die im Mai feststellte, dass er bei einem Zweikampf mit Joe Biden 12 Prozentpunkte hinter diesem liege. Die Folge war, er wollte das ändern und eben nicht mit fairen, erlaubten Mitteln, sondern mit einer Schmierkampagne gegen Biden und seinen Sohn. Die Ukraine bot sich da geradezu an.

Nicht nur die Nachrichtenkanäle übertragen live, auch etliche der lokalen Fernseh- und Radiosender in meiner Gegend, der San Francisco Bay Area, haben sich zugeschaltet. Ab morgen wollen dann Trumps Anwälte dagegenhalten. Sie sagen schon jetzt, Trump habe nichts falsch gemacht. Und auch die republikanischen Senatoren stimmen in dieses Lied ein. Der Ausgang des Verfahrens im Senat ist schon jetzt klar. Die notwendige Zweidrittelmehrheit von 67 Senatoren für eine Amtsenthebung wird nicht zustande kommen. Die Folgen sind deutlich, die Spaltung Amerikas wird dadurch nur noch weiter voran getrieben.

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Was ist los mit Hillary Clinton?

Die Demokraten wurde lange Zeit als die Clinton-Partei bezeichnet. Mit Bill Clinton als Präsident, mit Hillary Clinton als Senatorin, Außenministerin und dann Präsidentschaftskandidatin bestimmten die Clintons über Jahrzehnte das Bild und die Politik der Partei. Doch dann kam der Wahlkampf 2016, die Niederlage von Hillary in einer Wahl, die sie eigentlich hätte gewinnen müssen.

Die Clintons waren schon seit dem Wahlkampf 2008 umstritten. Die Tiefschläge von Bill und Hillary Clinton gegen den Kandidaten Barack Obama gingen vielen in den Reihen der Demokraten zu weit. Und doch, die Parteielite unterstützte und manipulierte den innerparteilichen Wahlkampf 2016 zu ihren Gunsten. Bernie Sanders wurde einfach übergangen, hinter den Kulissen demontiert. Das führte dazu, dass unzählige von Sanders Unterstützern nicht auf den Hillary Wagen aufspringen wollten und lieber nicht wählen gingen, als für Clinton zu stimmen.

Nach der Niederlage wurde es still um Hillary und Bill. Die Partei, so schien es, wollte sich neu und ohne die Clintons auf- und ausrichten. Doch die Rechnung wurde ohne Hillary gemacht. Die hat nun in einem Interview erneut kräftig gegen Bernie Sanders ausgeteilt, der in einigen Umfragen führt (Nobody likes him, nobody wants to work with him, he got nothing done. He was a career politician. It’s all just baloney and I feel so bad that people got sucked into it.“). Hillary Clinton erklärte, niemand mag Sanders, niemand will mit ihm zusammenarbeiten, er sei ein Karrierepolitiker und alles von ihm sei nur eine große Show. Das erinnert schon sehr an die Worte von Bill Clinton, der einst über den Wahlkampf von Barack Obama schimpfte, es sei die „größte Märchenerzählung“, die er je erlebt habe.

Hillary Clinton geht da noch einen Schritt weiter und greift in den eh schon desaströsen Wahlkampf der Demokraten von außen ein und versucht Unruhe zu stiften. Doch Sanders ist nicht der einzige, der von ihr was abgekommt. Auch die Abgeordnete Tulsi Gabbard aus Hawaii, die ebenfalls Präsidentschaftskandidatin der Demokraten werden will, wurde von Hillary als „russische Agentin“ bezeichnet. Die läßt sich das nicht gefallen und hat Clinton nun wegen Verleumdung auf 50 Millionen Dollar verklagt. Clinton hat sich mit diesen sinnlosen Angriffen zur falschen Zeit selbst ins Aus katapultiert. In der Partei fragen sich viele, was diese Tiefschläge sollen. Gedient ist damit niemanden, außer dem Ego von Hillary Clinton, die es scheinbar noch immer nicht verkraftet hat, den Zweikampf mit Donald Trump verloren zu haben.

Megalomaniac, Deutschland, Redukt….und dann noch Cheri Cheri Lady

2020 wird ein Konzertjahrt. Da freut man sich als langjähriger Moderator einer Radiosendung, in der nur Musik aus deutsch(sprachig)en Ländern gespielt wird. Die Schweiz kam ursprünglich wegen den Elektroklängen von Yello und Österreich wegen dem abstrusen Rocktheater von Drahdiwaberl mit dazu. In 24 Jahren konnte ich hier einige Bands aus meinen Playlisten live rleben.

Im Jahr 2020 geben sich gleich drei große Namen aus der deutschen Musikszene die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Und das sind nicht irgendwelche Bands, das sind die Großen ihres Genres, die in den USA eine riesige Fangemeinschaft hinter sich haben. Im Juli werden KMFDM aufpielen, sie touren mit Ministry und Front Line Assembly einmal quer durchs Land. Wer die Band nicht kennt, hat etwas verpasst, denn KMFDM ballern seit 35 Jahren ihren ultimativen und kompromisslosen Beat unter die Fans. Live sind sie grandios. Sie gelten als Pioniere des harten Metal-Industrial Sounds. Ein absolutes Muss.

Kurz darauf dann sind Rammstein an der Reihe. Sie haben zum ersten Mal eine Stadiontour ausgerufen, die sie in acht US Städte, nach Montreal und Mexiko City bringen wird. Und zwischen den Terminen sind noch weitere offene Tage, die zu Folgekonzerten führen könnten. Der Hype online ist riesig für die „German Boygroup“, wie sie mir mal von einem weiblichen Fan beschrieben wurden. Und Rammstein live, ein wahres Freudenfest. Was sie auf ihrer Europatournee gezeigt haben, läßt Spannung auf dieser Seite des Atlantiks aufkommen.

Im Oktober dann treten die Einstürzenden Neubauten mit einer neuen Platte im Gepäck die Reise nach Übersee an. Sie haben „The Year Of The Cat“ ausgerufen und zehn Konzerte einmal quer durchs Land gebucht. Es beginnt in Los Angeles und endet in Philadelphia. Die Neubauten sind zweifellos eine der wichtigsten deutschen Bands, denn sie haben mit Klangexperimenten und Klangideen durchaus die Grenzen der Hörgewohnheiten verschoben.

Neben diesen drei kommen noch einige weitere deutsche Gruppen in die USA. Da ist vor allem die SXSW in Austin Texas, alljährlich fördert da die Initiative Musik Auftritte von deutschen Bands, Musikern und Musikerinnen. Das ganze ist als Einstieg in den US Markt gedacht. Etliche der Teilnehmer zieht es nach den Auftritten in Austin noch für weitere Konzerte in den Westen der USA.

Und dann gibt es da auch so seltsame Auftritte, die eigentlich kein Mensch braucht. Denke ich mir zumindest, aber ja, Geschmack ist immer so eine Sache. Ich glaube, wenn David Hasselhoff in Deutschland Erfolg haben kann, dann sollte das auch für Thomas Anders in den USA möglich sein. Zumindest kann ich von mir behaupten, dass in fast 24 Jahren mit Radio Goethe kein einziges Mal Modern Talking in meiner Sendung lief. Das ist doch schon mal was. Aber noch besser, ich bekam auch kein einziges Mal einen Hörerwunsch dahingehend. Da lobe ich mir meine Hörerinnen und Hörer. Na, Modern Talking kommen ja nicht ganz, nur Thomas Anders, der damals mit seiner riesigen Nora Kette um den Hals „Cheri Cheri Lady“ trällerte. Und als Unterstützung bringt er Sandra mit. Gleich sieben Konzerte sind geplant: San Jose, 2x Burbank, Chicago, Elizabeth, NJ, New York und Boston.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal in einen Beitrag KMFDM, Rammstein, Einstürzende Neubauten, Modern Talking und Sandra unterbringen kann. Wahrlich verrückte Zeiten. Es steht einiges an Konzerten in diesem Jahr an. Das nächste kommt schon in dieser Woche für mich. Laurie Anderson spielt mit Mike Patton (Faith No More) im SF Jazz Center. Und dieses Zusammenspiel kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Eine unlösbare Aufgabe

Foto: AFP.

Als Korrespondent in den USA dreht sich in diesen Tagen, Wochen, Monaten eigentlich alles um Donald Trump. Irgendwie passt er in alle Geschichten, die man aufgreift. Amerikanische Innenpolitik sowieso, klar Außenpolitik, doch auch wenn ich in Afrika unterwegs bin oder hier über Ausstellungen mexikanischer Kulturgüter berichte, alles wird unter der Trumpschen Lampe betrachtet. Und das liegt nicht nur an einem selber, dass man nicht mehr fähig ist über den Tellerrand zu blicken. Auch die Redaktionen für die ich arbeite erklären entweder, man soll das in Verbindung mit Trump sehen oder sie sagen ein vorgeschlagenes Thema mit der Begründung gleich ab, es würde schon zu viel über die USA berichtet werden, da sei kein Platz mehr für andere (Trump freie) Themen.

Und da ist auch noch ein dritter Aspekt zu erwähnen. Leser und Hörer meiner Berichte reagieren auf Artikel und Features zu und über Trump ganz anders, sprich viel zahlreicher. Themen, die mir am Herzen liegen, die ich aufgreife, weil ich sie für wichtig halte, die jedoch nur wenig oder gar nichts mit dem amerikanischen Präsidenten zu tun haben, fallen hinter runter, werden kaum beachtet oder registriert. Nein, ich weine nicht darüber, beschwere mich auch nicht, es sollte nur mal ganz klar angesprochen werden, dass die übermäßige Berichterstattung über Donald Trump nicht nur ein Problem der Medien ist, sondern auch eines der Leser, Hörer und Zuschauer.

Der richtige Umgang mit diesem populistischen Präsidenten ist noch nicht gefunden worden. Das eigentliche Problem ist, dass man als Journalist auch Teil der Trumpschen „Fake News“ wird, in dem man das teilt, was er sagt. Das teilt, was zweifellos falsch ist oder von ihm faktisch verdreht wurde. Es langt ja schon, wenn man einfach das wiederholt, was er sagt. Alleine das führt dazu, dass Donald Trumps Falschaussagen in den Medien weit verbreitet werden.

Aber was kann man da tun? Soll und kann man den amerikanischen Präsidenten einfach ignorieren, nicht über ihn berichten oder zumindest weniger? Ich schaue mir die Klickzahlen dieses Blogs an, die Kommentare auf facebook, Twitter, die Rückmeldungen per Email auf Beiträge, die ich veröffentliche. Wenn ich über den amerikanischen Präsidenten, seine Politik, seine Machenschaften, seine teils primitiven Äußerungen, Angriffe, Verunglimpfungen schreibe, gehen die Zahlen nach oben. Wenn es um ganz andere Themen geht, Themen, die mir als Journalist wichtig sind, ist das Interesse deutlich geringer. Trump ist ein Phänomen, dem man sich stellen muss. Doch eine Antwort darauf, wie man am besten mit diesem Populisten umgeht, gerade in einem so wichtigen Wahljahr, habe ich bislang auch noch nicht finden können. Es liegt wohl an uns allen… und das ist leichter gesagt als getan.

“Don’t worry, be happy”

Das Ojai Valley.

Wenn man auf dem 101 von Los Angeles nach San Francisco fährt, kommt gleich hinter Ventura die Abfahrt nach Ojai. Unbedarfte Kalifornienreisende lassen meist das Hinweisschild rechts liegen. Doch den Abzweig sollte man durchaus einmal nehmen. Auf dem Highway 33 geht es an Casitas Springs vorbei, hier lebte einmal Johnny Cash und dann, nach weiteren 15 Meilen, ist man da. An einem Ort, der von vielen als spirituelles Zentrum mit einer besonderen Energie, einem Vortex, geschätzt wird. So ähnlich wird auch über Sedona in Arizona gesprochen.

Ojai kommt aus der Sprache der Chumash und bedeutet “Nest”. Die Kleinstadt liegt in einem Tal am Fuße des “Los Padres National Forest”, einem riesigen, fast 8000 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet, das von Ventura bis nach Monterey County reicht. Ojai ist so eine Stadt, die kaum einer kennt, doch wer schon mal dort war, der verliebt sich in diesen Ort. Hier leben Schauspieler und Filmschaffende, es ist ein Ort der von Citrusplantagen geprägt ist, doch vor allem ist Ojai ein besonderer, ja spiritueller Ort. Man muss nur durch den kleinen Ort fahren, so viele religiöse Gruppen und Organisationen, Kirchen verschiedenster Richtungen, eine Synagoge und Glaubensgemeinschaften aller Art findet man in dieser Dichte wohl selten. Und alle koexistieren mit- und nebeneinander.

Also, irgendwas muss wohl dran sein an dieser Geschichte vom besonderen Energiezentrum in diesem Ost-West Tal. “Ich weiss auch nicht genau, was es ist”, meint Johnny Johnston der Bürgermeister der Kleinstadt. “Ich sage den Leuten immer, wenn sie über Ojai reden, das wirkliche Ojai ist das, in das man sich beim ersten Mal verliebt hat. Und das ist nicht das Ojai, vom dem die sprechen, die seit 50 Jahren hier leben. Wir haben also alle ein unterschiedliche Version davon. Für alle Neuankömmlinge ist es toll, die, die schon länger hier sind sehen die Veränderungen. Und es verändert sich, wie überall auf der Welt.”

Und die Spiritualität ist keine neumodische Geschäftsmacherei, denn Ojai hat seit fast 100 Jahren religiöse Gruppen angezogen. Schon 1926 zog das theosophische Krotona Institut aus dem hektischen Hollywood nach Ojai, um hier Ruhe zu finden. Das Anwesen dieser theosophischen Gemeinde findet man kurz vor dem Ortseingang. Das Gelände wirkt wie ein Park, offen gehalten, Nachbarn gehen hier viel spazieren. Eine erfüllende Ruhe umgibt den Besucher. Maria Parison ist die Leiterin der Krotona Schule, einer Fortbildungseinrichtung für Erwachsene. Sie verweist auf Annie Besant, eine der Gründerinnen des Krotona Instituts. Hier in Ojai, so Parison, hätten sie und ihre Mistreiter vor fast 100 Jahren genau das gefunden, was ihre Gemeinde suchte: “Es hatte eine besondere Energie und sie fühlte, dass dieser Ort für die zukünftigen Generationen eine besondere Rolle spielen wird. Das, was hier passiert, würde zu mehr Menschlichkeit im ganzen führen. Zumindest würden wir hier unseren kleinen Teil dazu beisteuern.” Maria Parison ist eine ältere Dame, die vor 15 Jahren mit ihrem Mann, einem Manager in der Autoindustrie aus dem Mittleren Westen hierher zog. Ihr Mann verstarb vor drei Jahren, doch Maria blieb. Sie führt mich über das Gelände, durch einen theosophischen Park, in dem die Zeichen vieler Religionen zu finden sind und hier bildlich friedlich nebeneinander existieren.

Guru Prasad ist für die Anwohner zuständig, er lebt seit fünf Jahren in Ojai, kennt die Kleinstadt jedoch schon lange durch viele Besuche: “Wir glauben, dass wir nicht das absolute Recht auf die Wahrheit haben. Wahrheit ist etwas Individuelles und jede Person muss das für sich finden. Wenn wir das also glauben, dann müssen wir auch annehmen, dass andere Menschen andere Neigungen, Ideen, Philosophien haben. Denn ich habe nicht das Recht, dass das, was ich fühle der einzig wahre Weg in der Welt ist.”

Die Terrasse des Hauses von Krishnamurti.

Schon vier Jahre vor dem Krotona Institut siedelte sich der indische Philosoph und Theosoph Krishnamurti in Ojai an. Das Haus, in dem er lebte gehört heute der Krishnamurti Stiftung in Amerika. Es liegt am Fuße des Topa Topa Berges, am anderen Ende von Ojai. Dort treffe ich Michael Krohnen, einen Deutschen, der in den 70er Jahren den Ruf bekam, als Koch für den indischen Philosophen zu arbeiten, und das, obwohl er gar nicht kochen konnte. Seitdem lebt Krohnen in Ojai. Beim Gespräch sitzen wir auf der Terrasse des kleinen Hauses, in dem Krishnamurti wohnte, wenn er hier war. Michael Krohnen deutet auf einen Baum gleich neben dem einstigen Wohnhaus Krishnamurtis: “Dieser Pfefferbaum spielte eine gewisse Rolle im Leben Krishnamurtis. Eines Nachmittags sass er unter diesem Pfefferbaum und hatte ein sehr starkes Erlebnis….eine Erleuchtung, dass alles Leben eins ist. Ein paar Tage später schrieb er darüber, dass er eins mit der ganzen Welt war, mit dem Gras und der kleinen Ameise und auch dem Auto, das vorbeifuhr. Er war das alles, so empfand er das.”

Zurück in den Ort. In einer Seitenstrasse liegt das Haus von Kristan Altimus. Sie zog vor 18 Jahren hierher, für sie war Ojai schon von Kindheit an ein großes Lebensziel. Im Fernsehen liefen damals die Fernsehserien “Bionic Woman” und “Six Million Dollar man”, die beide in Ojai spielen. “Der Name Ojai (Nest) fühlte sich nach Zuhause an. Es ist nicht nur ein spiritueller Ort, es ist auch ein beseelter Ort. Deshalb liebe ich Ojai. Der Boden hier erdet mich. Ich glaube, wir alle fühlen Spiritualität als ein Weiterkommen. Ojai hilft mir dabei.”

Im Gongbad sich fallen lassen.

Kristan Altimus hat sich in ihrem Garten einen Traum erfüllt. Ein Gong-Studio, ein kleines Häuschen, in dem acht Gongs hängen, der größte mit gut einem Meter Durchmesser. Hier begongt sie andere, eine spirituelle Reinigung, ein Loslassen, eine gedankliche Leere schaffen. Man liegt auf einer dünne Matte auf dem Boden und läßt dieses Klangbad mit seinen Soundwellen über einen hinwegrollen. Für Altimus ist klar, Ojai ist ein Ort, an dem man eine besondere Energie spüren kann: “Vortexes entstehen durch diese Energie Linien um die Welt. Dieses Tal, das “Ojai Valley” ist etwas besonderes in der Welt, zehn Meilen lang und es geht von Ost nach West. Es gibt auch einen Vortex, der die Menschen ausspuckt. Ich meine damit, wenn du nach einem Ort suchst, an dem es Action gibt, an dem man gesehen wird, dann ist das hier nichts für dich. Hier ist es ein ruhiges Leben. Wer hierher kommt, der erfährt, wie entspannt er hier ist.”

Und da ist was dran. Selten kann ich zur Ruhe kommen, Langeweile kenne ich nicht, zu tun, zu sehen, zu lesen gibt es für mich als Journalisten immer etwas, Abschalten ist für mich schwer. Doch in Ojai ist das ganz anders. Ich kenne den Ort seit mehr als 25 Jahren, bin regelmässig dort. Und immer wieder merke ich, dass es für mich zu einem Platz geworden ist, an dem ich durchatme, innerlich zur Ruhe komme und ja, dieses sprichwörtliche Entschleunigen für mich schaffe, einfach ein paar Gänge zurückschalten kann.

Ganz bewusst wurde mir das hoch droben auf dem Berg, in Upper Ojai. Gleich neben dem früheren Haus von Schauspieler Larry Hagman, das nun der abgeschotteten Scientology Church und ihrem umstrittenen Drogenentzugsprogramm Narconon gehört, findet man “Meher Mount”. Es ist ruhig hier oben auf dem Berg, die Aussicht einfach spektakulär. Man sieht vor sich den Pazifik und die Channel Islands in rund 60 Kilometern Entfernung, hinter einem ragt der „Los Padres National Forest“ mit Topa Topa Mountain auf. Am späten Nachmittag kann man den “Pink Moment” erleben, wenn der Berg sich rosa färbt. Eine seltene Ruhe ist hier zu finden, kein Laubbläser, kein Autoverkehr. Nur Stille. Meher Baba sagte von sich, er sei der Avatar auf Erden, die Reinkarnation von Gott, wie vor ihm schon Zarathustra, Rama, Krishna, Buddha, Jesus, und Mohammed.

Die Weitsicht vom Meher Baba Mount.

Ginger Glasky und ihr Mann Buzz Glasky waren die “Caretaker”, die Verwalter und Betreuer dieses riesigen Grundstückes. Im Sommer beendeten die beiden Rentner nach fünf Jahren diese unbezahlte Aufgabe und zogen weiter nach Arizona. “Meher Baba hatte einst seinen Jüngern aufgetragen, einen Ort etwa eineinhalb Stunden außerhalb einer Großstadt zu finden, an dem er ausruhen könne, wenn er in den Westen der USA reise”, erzählt Ginger Glasky. Das sei 1946 gewesen. Zum ersten Mal sei er erst im Jahr 1956 hier gewesen. “Dieses Grundstück ist ihm gewidmet, denn er war hier, als spiritueller Führer und durch seinen Übersetzer erklärte er seinen Jüngern, Gott durch die Natur zu lieben. Und das machen wir.”

Buzz Glasky ergänzt mit einer tiefen, sonoren Stimme: “Als wir zum ersten Mal hier waren, spürten wir gleich diese besondere Schwingung, wenn man es so nennen will. Wenn man hier dann für fünf Jahre lebt, dann wird es normal. Wir spüren es, wenn wir mal runter ins Tal zum Einkaufen fahren. Manchmal haben wir vor, in fünf Läden zu gehen, doch schon nach dem zweiten sagen wir, lass uns wieder rauf auf den Berg fahren. Denn es fühlt sich einfach so gut an, hier zu sein. Und natürlich für uns als Jünger von Meher Baba, ist es wunderbar an einem Ort zu sein, den er besuchte und wo er umherschritt.”

Wir sitzen bei diesem Gespräch auf einer kleinen Bank. Hinter uns der “Baba Tree”, unter dem Meher Baba am 2. August 1956 sass. Nur damals und nur dieses eine Mal. Der Baum brannte beim großen “Thomas Fire” im Dezember 2017 fast vollständig ab und wird nun mit viel Aufwand und Liebe gepflegt. Vor uns ein Ausblick, der einzigartig ist und der allein schon einen lächeln lässt. Kein Wunder also bei dieser Weitsicht, dass der bekannte Spruch “Don’t worry, be happy” auf Meher Baba zurück geht. “Er kam nicht um zu lehren, sondern um zu erwecken”, erklärt Buzz Glasky. “Man kann es auf diesen einen Satz von ihm reduzieren: Liebe Gott. Es ist so einfach und doch auch so schwer. Und er sagte auch, mach dir keine Sorgen, sei zufrieden. Auch das klingt einfach, aber ist ebenfalls so schwer.”

Am Wochenende ist das Gelände für jedermann geöffnet, es kostet keinen Eintritt, es gibt keinen Buchladen, man wird auch nicht missioniert. Man soll einfach diesen einzigartigen, friedvollen Platz geniessen, der für viele selbst in Ojai unbekannt ist. Auch für mich war es das erste Mal in 25 Jahren, dass ich hier oben war. Aber sicherlich nicht das letzte Mal. Ojai liegt etwas ab von den bekannten kalifornischen Touristenzentren, doch der Weg dahin lohnt sich auf alle Fälle. Es ist für mich einer der besonderen Orte in Kalifornien, an dem man, wie auch immer man sich religiös orientiert, innere Einkehr finden kann. Und das ist etwas ganz besonderes in diesen hektischen, seltsamen Zeiten, in denen wir leben..

Die Jugend wirkt aktiv

Olivia Seltzer hat mit 12 Jahren „The Cramm“ gegründet.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg macht es vor. Sie sah sich von der Politik der Älteren nicht mehr repräsentiert und wurde selbst aktiv. Ihr wöchentlicher Schulstreik jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm zog riesige Kreise. Ihr Bild, auf dem sie ihr Schild „Skolstrejk för klimatet“ in der Hand hält ging um die Welt. Anfangs noch alleine, nahm die Bewegung „Friday’s for Future“ schnell Fahrt auf, auch international ausgeweitet. Die Jungen fordern mehr Mitbestimmung, gerade dann, wenn es um ihre Zukunft geht.

Die Schwedin und Klimaaktivistin ist wohl die bekannteste Vertreterin der sogenannten Gen-Z, der Generation Z. Doch schon vor Greta wurde Olivia Seltzer aus Santa Barbara aktiv. Sie begann als 12jährige nach dem US Präsidentschaftswahlkampf 2016 eine Nachrichtenplattform für Gleichaltrige aufzubauen. Ich konnte mit ihr über ihr Projekt „The Cramm“ sprechen: