In der Krise kreativ sein

Ich lebe in Oakland Montclair, einem Stadtteil am Rande der Stadt. Alles wirkt etwas dörflich, man kennt sich nach einiger Zeit. Ich wohne hier seit fast 21 Jahren, da habe ich so einige Veränderungen miterlebt. Anfangs gab es noch zwei „Hardware Stores“, also Läden, die vom Nagel bis zum Wasserrohr alles hatten. Die gibt es nicht mehr, dafür nun ein gutes Dutzend „Nail Studios“ und drei Sushi Restaurants. Montclair hat sich zweifellos verändert und das nicht gerade zum Besseren.

Was mir zur Zeit aber auffällt ist, wie die einzelnen Ladeninhaber mit der Krise, die uns alle betrifft, umgehen. Da gibt es Cafés, wie Peet’s, die lassen niemanden mehr in ihre Räume. Dennoch verkaufen sie Kaffee, direkt von der Tür. Ein Tisch blockiert den Eingang, darauf ein Kreditkarten und Smartphone Lesegerät. Mit Abstand kann man seine Tasse „Joe“ bestellen, selbst „Low Fat Soy Organic Fair Trade De-Caf“, dreimal umgerührt und mit dem Verweis darauf, dass der Kaffee auch wirklich bei Vollmond geerntet wurde. Aber eben alles von der Tür aus. Das geht.

Auch der Käseladen um die Ecke hat auf, er zählt zu den wichtigen Läden in der Krise, die geöffnet haben dürfen. Man darf einzeln eintreten, seinen Käse bestellen und der Shop hat auch eine Riesenauswahl an Wein. Verdursten muß also niemand während einer Epidemie, die nach einem Plörrebier benannt wurde (oder auch nicht).

Da viele derzeit in ihrem „home office“ arbeiten, aber dennoch Dokumente und auch anderes durch die Gegend schicken müssen, haben sowohl die Post, wie auch der UPS Store geöffnet. Auch hier muß man einzeln in den Laden eintreten, sein Paket auf die Theke legen und dann „six feet“ Abstand nehmen. Wirkt etwas seltsam, aber es geht.

Auch in Oakland wird in diesen Tagen viel aufs Klo gegangen.

Im Supermarkt läuft alles ganz normal. Das Angebot ist noch immer reichhaltig, bis auf die „Essentials“ in dieser Krise, wie Toilettenpapier, Mehl, Nudeln, Tomatensoße. Wie das zusammengeht, weiß ich auch nicht, aber da gibt es wohl einen Schnittpunkt, der noch zu erkennen ist.

Montclair ist in diesen Tagen ruhig. Der Spritpreis an der Tankstelle sinkt und sinkt für eine Gallone fast über Nacht. Vor vier Wochen lag er noch bei 3 Dollar 29, nun sind es nur noch 2 Dollar 73. Auf den Bänken entlang der Einkaufsstraße darf man nicht mehr sitzen, das hat das Gesundheitsamt verboten, viele Ladenfronten sind verwaist. Auch der lokale Buchladen, ein überfüllter Verkaufsraum ist geschlossen. Am Fenster hängt ein Blatt Papier, man habe geschlossen, könne keine Aufträge entgegen nehmen, man solle also bitte auch nicht anrufen und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, denn der sei schnell voll. Ich lese das und denke an den Artikel in der NZ, in dem beschrieben wird, wie ein Buchhändler in Nürnberg die bestellten Bücher per Fahrrad ausliefert. Mir fällt das Gespräch im Deutschlandfunk Podcast „Der Tag“ ein, in dem eine Buchhändlerin aus Köln erzählt, wie sie nach wie vor Bücher in ihrem Kiez ausliefert. Ein Mann, so die Buchhändlerin, sei sogar zu ihr gekommen und habe gesagt, er brauche derzeit kein Buch, aber hier sei ein Scheck, sie solle davon zehn Kinderbücher kaufen und diese an Familien verteilen, die derzeit zu Hause sein müssten. Das nenne ich Kreativität in der Krise, anders als mein Buchhändler hier, der die Schotten dicht macht, dennoch in seinem Laden am Computer sitzt und die Welt draußen vorbei ziehen läßt.

Nicht jeder kann in diesen Zeiten kreativ sein, das ist mir klar. Doch vielleicht kann man es zumindest versuchen, und seinen Tag nicht nur damit verbringen, vor dem Fernseher oder dem Computer zu sitzen, ein schlechtes Tagesprogramm oder die verstörenden Nachrichten zu konsumieren, um schließlich nervige und dämliche Verschwörungstheorien über die sozialen Medien in alle Welt zu verbreiten. Ich sag ja nur, es gibt Möglichkeiten…

Kampf dem Virus

Schlangen vor den Supermärkten, leere Regale in den Läden, Home Office, die Parkplätze an der BART Station sind wie leergefegt, über die Bay Bridge kann man derzeit ungebremst fahren, alles frei. Von der Brücke kann man auch das Kreuzfahrtschiff „Grand Princess“ sehen, das in der San Francisco Bay geankert hat, auf dem noch immer Hunderte von Mitarbeitern sind und dort unter Quarantäne stehen. Und nun auch ein vom „Health Officer“ angeordneter „Hausarrest“. Na ja, nicht ganz, aber mal soll zu Hause bleiben, wenn man nicht unbedingt raus muss. Unbedingt bedeutet, Einkaufen im Supermarkt, zum Arzt gehen oder mit dem Hund raus, das ist erlaubt. Alles andere wird gestrichen.

Von überall sichtbar, die geankerte „Grand Princess“ in der San Francisco Bay. Foto: AFP.

Die Pandemie ist nun auch direkt vor meiner Haustür angekommen. Mein Fitnessclub reagierte spät und dann schrittweise. Erst wurden die Klassen gestrichen, dann die „Social Events“ und schließlich wurden die Türen mit der heute weit verbreiteten Anordung ganz geschlossen. Übers Handy kommt ein „Alert“, laut piept es mehrmals, man soll in den eigenen vier Wänden bleiben. Mein Lieblingsweingut meldet sich per Mail, man komme den Anordungen in Sonoma County nach. Der „Tasting Room“ bleibt vorerst geschlossen. Restaurants, Cafes, Bars machen dicht, wenn sie nicht notwendig sind und Speisen zum Mitnehmen anbieten können. Die Lichter gehen fast überall auf „Main Street“ aus.

Wie es nun weitergeht, das weiß keiner so genau. Präsident Donald Trump scheint so langsam die Kurve gekratzt zu haben und erkennt die große Herausforderung. Sprach er anfangs noch von einem „Media-Hype“, von einer politischen Angstmacherei der Demokraten hat er nun den nationalen Notstand ausgerufen, erklärt vor Pressevertretern auf einer Skala von 1-10 habe er die 10 in Sachen Corona-Bekämpfung verdient. Und auch Trumps Haussender, FoxNews, hat mittlerweile den Ton geändert. Sprachen sie lange Zeit nur von einer Panikmache, einem erneuten Versuch, diesem Präsidenten zu schaden, wird nun ganz offen von einer Krise berichtet. Natürlich in Trumpschen Farben, denn dieser Präsident habe alles unter Kontrolle und sei der richtige Mann zur richtigen Zeit, so Sean Hannity, der erfolgreichste Moderator des Senders.

Nun also wird zu dramatischen Mitteln gegriffen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Zu spät käme es, sagen Gesundheitsexperten. Trump hätte schon längst reagieren müssen, hätte schon längst auf die Gouverneure in den verschiedenen früh betroffenen Bundesstaaten hören sollen. Doch Trump hört nicht zu, wenn es  um sein Image geht. Wie es heißt, kann die Krise Monate dauern, das liegt auch daran, dass das Ausmaß der Ansteckungen noch gar nicht bekannt ist. Viel Zeit wurde verschwendet, gerade von Seiten des Weißen Hauses und dieses Präsidenten, der nicht wahrhaben wollte, was da passiert. Er glaubte wirklich, er könnte die Krise aussitzen. Nun tritt der bittere Alltag ein und FoxNews erklärte am Nachmittag, eine „recession is highly likely“.

„It’s the end of the world“

Gestern im Trader Joe’s. Eigentlich wollte ich nur ein paar Dinge besorgen, aber die Regale waren leer. Zuletzt habe ich sowas in Russland Anfang der 90er Jahre gesehen. Im Tierhandel wollte ich für Käthe Hundefutter kaufen, doch auch da war das Angebot mehr als spärlich. Ich sehe schon, Käthe muss demnächst auf die Jagd gehen, mal sehen, was die Nachbarn dazu sagen werden.

Die Corona Krise scheint auf den Magen zu schlagen.

Heute morgen dann ein ähnliches Bild, ein anderer Trader Joe’s vor dem sich im Regen eine lange Schlange gebildet hatte. Und das um 8 Uhr morgens.Ich fuhr gleich weiter zu Lucky’s. Dort konnte man zumindest in den Laden hinein gehen ohne im Regen zu stehen. Aber das Angebot war auch hier mehr als gering. Lange Regalreihen leer. Ich frage mich sowieso, warum nun alle Klopapier horten.

Und nicht nur das, die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Einige rannten mit Mundschutz, Einweglatexhandschuhen und Feuchttüchern in der Hand durch die Reihen und sahen einen an, als ob man sie gleich umbringen wollte. Kein Lächeln, kein Sinn für Humor am Samstagmorgen. Als ich vor einem leeren Regal stand und so vor mich hin sagte, der dritte Weltkrieg sei ausgebrochen, meinte eine Frau zu mir, die Lage sei sehr ernst und darüber sollte man keine Witze machen.

Soviel dazu. Es gab noch Milch, Eier und Kartoffeln. Na immerhin. Aber die Situation wird nicht besser, gerade sagte Donald Trump in einer Pressekonferenz, dass er durchaus verstehe, dass die Leute alles aufkaufen. Es wäre wohl gut, wenn man mal für zwei Wochen ganz weg ist. Das beruhigt die Lage sicherlich, Trump hat die Situation alles andere als unter Kontrolle. Er bejubelt den Anstieg des Dow Jones Indexes und verkennt, dass er und seine Administration zu lange diese Krise nicht ernst genommen haben. Aber das ist ein anderes Thema.

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Aufklärende Werbung mit Witz

Es gibt diese Werbeclips, die einfach durchdacht und mehr als gelungen sind und zur richtigen Zeit kommen. Einer davon ist von der Fluggesellschaft „Aero Mexico“. In einem aufwendigen Commercial versucht die Airline der Frage nachzugehen, warum so wenige Amerikaner nach Mexiko fliegen. Vorurteile und sicherlich politische Überzeugungen spielen da mit rein. Deshalb suchte man das Gespräch mit Texanern und bietet Rabatte auf Flugtickets prozentual zu mexikanischen DNA Spuren an. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein unterhaltsamer Clip, der gerade im Einwanderungsland USA zum Nachdenken anregen solte:

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Die Aushöhlung des Umweltschutzes

Donald Trump hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er wenig oder gar nichts von Umweltschutzgesetzen hält. Er hatte schon im Wahlkampf betont, dass er die Regularien, die Teile der amerikanischen Wirtschaft „aufgebürdet wurden“ gezielt und massiv abbauen will, falls er gewählt wird. Und Trump ist nun in Amt und Würden und geht daran, den Umweltschutz in den USA außer Kraft zu setzen.

Einfach mal quer durch die Landschaft gebaut. Die Keystone Pipeline von Nord nach Süd. Das soll in Zukunft unter Donald Trump noch weiter erleichtert werden. Foto: AFP.

Die jüngste Ankündigung sollte aufhorchen lassen, gerade vor den dramatischen Bildern, die aus Australien kommen oder den gewaltigen Feuern, die in Kalifornien wüteten. Der Klimawandel  ist im Oval Office noch nicht angekommen. Die Trump-Administration will nun ein 50 Jahre bestehendes Gesetz aushebeln, seinerzeit von Richard Nixon unterschrieben, das besagt, die Umweltverträglichkeit aller baulichen Bundesprojekte müsse vorab geprüft werden. Das soll sich nun gerade im Bergbau, in der Verlegung von Pipelines, in der Öl- und Gasförderung und in vielen anderen Bauvorhaben, die von der Bundesregierung durchgeführt werden, ändern. Und nicht nur das, auch sollen die Einspruchmöglichkeiten von betroffenen Nachbarn und Gemeinden extrem eingeschränkt werden. Die Baumaßnahmen sollen damit beschleunigt werden. Trump will damit Arbeitsplätze schaffen und erklärte bei der Vorstellung am Donnerstag: „Wir werden nicht eher ruhen, bis unsere glänzende neue Infrastruktur in Amerika wieder überall auf der Welt beneidet wird. Wir wurden einst von allen beneidet und heute sind wir wie ein Dritte Welt Land. Das ist sehr traurig“.

Der Zustand der amerikanischen Infrastruktur ist traurig, das stimmt. Doch daran Schuld sind vor allem republikanische Administrationen, die in der Vergangenheit kaum öffentliche Gelder auf bundesstaatlicher und auf Bundesbene zur Verfügung stellten. Ganz gezielt wurden die Haushalte für die öffentliche Infrastruktur gekürzt. Und traurig ist auch, dass Trump einfach die Zeichen der Zeit nicht erkennen will. Die USA unter diesem Präsidenten verschlafen wahrlich die letzten Minuten die bleiben, um den Klimawandel zu bekämpfen. Donald Trump setzt lieber auf ein „Weiter so“, auf eine Energieunabhängigkeit, auf freie Fahrt für freie Bürger, auf die Verlockung eines „American Dreams“, der dem Einzelnen alle Rechte zuspricht, doch kaum soziale Verantwortung und umweltverträgliche Pflichten vorgibt. Trump dreht die Uhren mit seiner Entscheidung zurück, den nun seit 50 Jahren bestehenden „National Environmental Policy Act“ auszuhöhlen. Man kann sich nur noch fragen, was passieren muss, damit er und seine Republikaner endlich aufwachen und merken, die Zeit läuft ab.

Wieviel Platz darf man im Flugzeug haben?

Fluggesellschaften blicken derzeit nach Oklahoma City. Denn dort hat die „Federal Aviation Agency“, FAA, 700 Testpersonen zwischen 18 und 60 Jahren dazu eingeladen, um an einer Untersuchung über die Sicherheit der Sitze in Flugzeugen teilzunehmen. In Gruppen von 60 wird getestet, ob man bei einer schnellen Evakuierung des Fliegers noch schnell genug aus seinen Plätzen kommt und sich in Sicherheit bringen kann.

Über den Wolken wird es immer enger. Foto: AFP.

Eigentlich heißt es, dass ein Flieger innerhalb von 90 Sekunden oder weniger evakuiert sein muss. Bei allem, was ich auf meinen Flügen so erlebt habe, glaube ich, dass das bei einem vollbesetzten Flieger nicht möglich ist. Die Testreihe der FAA stößt daher auch schon auf heftige Kritik. Denn „nur“ 60 Personen sind in jeder Gruppe und, wie es heißt, repräsentieren diese nicht unbedingt die Mehrheit der Amerikaner. Seit den 1960er Jahren hat sich das Gewicht eines durchschnittlichen Amerikaners um 30 Pfund auf nun 198 Pfund vergrößert. Auch die durchschnittliche Frau hat um 30 Pfund auf 170 Pfund zugelegt. Etwa 40 Prozent der Amerikaner ist übergewichtig, 2030 sollen es schon 50 Prozent sein.

Die Sitze und auch die Beinfreiheit hingegen haben sich verringert. Die Sitzfläche von 18,5 auf 17 Inches (47 auf 43 cm) und die Entfernung von Rückenlehne zu Rückenlehne von 35 auf 31 Inches (89 auf 78 cm), wobei manche Airlines diesen Abstand noch auf 71 cm verkürzt haben.

Bislang gibt es keine offiziellen Vorgaben, wie breit ein Sitz zu sein hat, wie groß oder klein der Abstand zum Vordersitz sein muss. Es heißt lediglich, dass der Flieger bei einer Evakuierung in weniger als 90 Sekunden geräumt sein muss. Was Kritiker an diesem FAA Test auch beanstanden ist, dass zum einen nicht beachtet wird, wieviel Handgepäck Reisende heutzutage mit ins Flugzeug nehmen, aufgrund der veränderten Gepäckregeln und -gebühren. Zum anderen reisen viel mehr Tiere in der Flugkabine mit. Hinzu kommt, dass weder ältere noch behinderte Passagiere in diesen Tests auftauchen. Kongressabgeordnete, wie der Demokrat Steve Cohen, meinen denn auch, dass diese Versuche nun nur dazu führen sollen, den aktuellen Stand festzuschreiben, der jedoch eigentlich mehr als unsicher ist und nicht mehr der Realität in den Flugzeugen entspricht.

Und die Lichter gehen aus

Fast eine Million Menschen sind von den Stromabschaltungen in Nordkalifornien betroffen. Dabei geht es nicht nur darum, ob das Licht im Kühlschrank ausgeht, auch wichtige medizinische Geräte in Privatwohnungen, Alarmanlagen, Straßenlichter, Ampeln, lokale Läden, Aufladegeräte und so weiter fallen aus. Mein Fitnessclub hat die Türen geschlossen, denn ohne Strom laufen keine der Ausdauermaschinen und im Dunkeln zu Pumpen ist auch kein Spass.

Bis zu fünf Tage sollen die Abschaltungen dauern, denn der Stromversorger PG&E muss Leitungen reparieren und will „Inch by Inch“ die Kabel kontrollieren. Gouverneur Gavin Newsom spricht von einem Skandal, immerhin sind wir im 21. Jahrhundert und das in einer Gegend, die als Zukunftsschmiede, als Zentrum der High Tech Industrie gilt. Der Schaden für die Allgemeinheit wird schon jetzt auf weit über eine Milliarde Dollar geschätzt.

Die Lichter gingen aus im High Tech Country. Foto: AFP.

PG&E sieht sich allerdings im Recht. Prävention heißt das Mantra, man wolle Feuer wie im vergangenen Jahr verhindern, bei dem ganze Ortschaften wie Paradise ausgelöscht wurden, Dutzende Menschen starben, ein Schaden von nahezu 20 Milliarden Dollar entstand. Damals wurde fehlerhaftes Equipment von PG&E als Grund für die massiven Feuer ermittelt. Doch das Problem ist hausgemacht. Der Stromversorger hat es über die Jahre versäumt seine Leitungen zu erneuern, zu sichern und teils unter die Erde zu verlegen. Vielmehr wurden riesige Gewinne an die Aktionäre ausgezahlt, die eigene Infrastruktur litt unter dieser Unternehmenspolitik.

Nun will man retten, was nicht mehr zu retten ist. PG&E hat das Ansehen in der Bevölkerung verloren. Das Geld fehlt nun, um sich aus der Krise herauszuarbeiten. Deshalb geht man radikale Wege, schlägt Schneisen in Wohngebieten, in dem man ganze Baumgruppen fällt, weil ja ein Ast auf eine Leitung fallen könnte. Und man schaltet bei etwas heftigerem Wind den Strom für Hunderttausende von Konsumenten einfach ab. Nach dem Motto, wo kein Strom fließt, ist auch keine Gefahr, zumindest nicht für den Konzern. Brände durch Kerzen sind nicht das Problem von PG&E.

So lebt es sich also in Kalifornien, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat in den USA, dem Wirtschaftsmotor des Landes, eine der für sich größten Wirtschaftsmächte der Welt. Apple, Google, Facebook und all die anderen High Tech Giganten bereiten die Zukunft vor, natürlich mit eigenen Backup Generatoren, auf den Straßen rund um ihre Headquarters allerdings gehen die Lichter aus wie in einem Dritte-Welt-Land. Das ist die bittere Realität in der San Francisco Bay Area im Jahr 2019.

Der Morgenkaffee im Trump Zeitalter

Irgendwas hat ihn heute mal wieder geritten. Vielleicht hat er schlecht geschlafen, vielleicht hat er Stress mit Melania, irgendwas lief jedenfalls schief am Morgen des Donald Trump. 22 Tweets haute er bis 8:30 PST raus, vieles davon „retweeted“. Und die Themen sind vielfältig. Breitseiten gegen Abgeordnete der Demokraten Ilhan Omar und Rashida Tlaib. Mal wieder, diesmal allerdings greift er damit in internationale Politik ein. Dann hat er „gute“ Ratschläge für den chinesischen Präsidenten, unterstützt ihm freundlich gesinnte Unterhaltungskünstler, erwähnt ein neues Buch, das, klar, seine Weltsicht unterstützt. Sowieo nennt Trump viele Bücher, eigentlich müsste man denken, er liest viel, was aber ja allgemein bekannt ist, dass er das nicht tut. Dann geht es auch noch um die Wirtschaft. Im Handelsstreit mit China läuft alles hervorragend, so Trump. Wenn denn doch was schieflaufen sollte, wäre nicht er, sondern der Vorsitzende der Fed, Jerome Powell, dafür verantwortlich. Donald Trump ist einfach unfehlbar.

Auffällig an seinem Tweet-Storm ist, was nicht erwähnt wird. Der Skandal um Jeffrey Epstein, die Verhaftung und nun der Tod des einstigen engen Freundes von Trump kommt in seinen Tweets kaum vor. Und das, obwohl es da sehr viele offene Fragen gibt. Zum einen zu dieser Freundschaft, zu den Parties von Epstein, auf denen auch Trump war und dann zum anderen auch der Tod in einem Bundesgefängnis in New York. Letzteres übernimmt FoxNews, allen voran sein „Buddy“ Sean Hannity. Doch der geht nicht der Frage nach, ob Präsident Donald Trump damit irgendetwas zu tun haben könnte, nein, Hannity kramt in der Verschwörungskiste und bringt mal wieder die Clintons ins Gespräch, die sicherlich irgendetwas mit dem Tod von Epstein zu haben. Also, ganz im Sinne von Trump.

Eigentlich müsste ich bei all den Morgentweets Kaffee mit Schuss trinken, denn im nüchternen Zustand ist das alles kaum noch zu ertragen. Hier ist ein Präsident der tagtäglich zündelt, der Feuer anheizt, der lügt, Verschwörungstheorien verbreitet und dann schlichtweg erklärt: „people are talking.“ Nach Trump wird es kein Zurück mehr geben. Was er mit seiner „alternativen Realität“ geschaffen hat, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ein Teil der Bevölkerung in den USA – und leider auch in anderen Ländern – glaubt nicht mehr das, was wirklich passiert. Sie vertreten und verteidigen das, was ein Mann wie Donald Trump verbreitet. Mit oder ohne Trump, da warten düstere Zeiten auf uns.

„We’re doomed!“

Gestern Nachmittag war ich für einen Zahnarzttermin in San Francisco. Gegen 16:45 Uhr machte ich mich auf den Rückweg von der Marina, entlang des Embarcadero in Richtung Bay Bridge. Bis dahin ging es noch. Doch dann kam Harrison Street. Nichts ging mehr, für vier Häuserblocks brauchte ich eine Stunde. Und das bei über 30 Grad Hitze. Ich hoffte nur, dass mein in die Jahre gekommener VW Bus gerade jetzt nicht den Geist aufgeben würde.

Doch als ich da so mit anderen genervten, hupenden und nur an ihren Vorteil denkenden Autofahrern in der Schlange stand, dachte ich mir, „we’re doomed“. Wie soll das noch mal anders werden? Der Verkehr ist ein riesiges Problem, gerade in Ballungsräumen wie der San Francisco Bay Area. Wer hier über eine Brücke muss, quasi durch eines der etlichen Nadelöhrs, der hat tagtäglich ein Problem. Hinzu kommen ungewollte Autobahnparkplätze wie der 80er zwischen Albany und der Bay Bridge, da rollt meist gar nichts. Ganz zu schweigen von den Problemen in der Süd Bay rund um das vielgepriesene Silicon Valley. Allein die Verkehrssituation in der Bay Area ist Grund genug wegzuziehen.

Schöne Ausblicke gibt es an den Brücken in der Bay Area.

Doch hier setzt man nicht auf den verstärkten Ausbau und Umbau des öffentlichen Nahverkehrs, mit dem Ziel einer neuen und auch umweltbewussteren Verkehrspolitik. Nein, hier wird weiterhin der motorisierte Individualverkehr vorangetrieben. Fahrdienste wie „Ueber“ und „Lyft“ entlasten die Situation nicht, sie verschlimmern nur noch die Lage auf den Straßen. Und dann sind in der Bay Area gleich ein gutes Dutzend und mehr Firmen damit zugange, die fahrerlosen Autos auf die Straßen zu kriegen, die schon jetzt total überfüllt sind. Wo soll das noch enden?

Präsident Donald Trump, der einfach alles rückgängig macht, was sein Vorgänger durchgesetzt hat, ließ nun die Meilen Standards für PKW zurückdrehen. Barack Obama wollte die Autoindustrie dazu verpflichten, an Fahrzeugen zu arbeiten, die 50 Meilen pro Gallone schaffen. Donald Trump halbiert das kurz mal. Auch der Hype mit Hybrid- und Elektroautos kann keine Lösung sein. Sie sind zwar sparsamer in ihrem Energieverbrauch, aber sie verstopfen genauso die Straßen und damit den öffentlichen Raum wie Benzinkutschen. Und mal ganz ehrlich, auch die Energie für das Laden eines Elektromotors und die Produkton von aufladbaren Akkus kostet einiges an Energie.

All das ging mir durch den Kopf, als ich da im Stau stand. Ich hatte ja Zeit, eine Stunde lang für vier Blocks, die Einfahrt zur Bay Bridge immer vor Augen. Man kann nun sicherlich sagen, dass Donald Trump kein Visionär in Sachen Umwelt-, Verkehrs- und Energiepolitik ist. Doch ihm allein die Schuld zuzuschieben, wäre falsch. Hier in der sehr liberalen Bay Area gibt es genügend kluge Köpfe, die durchaus Visionen haben. Das zeigen sie immer wieder zu genüge. Doch es sind Visionen, so scheint es mir zumindest, bei denen am Ende viel Geld zu verdienen ist. Fahrdienste, fahrerlose Autos, Elektrofahrzeuge, Verkehrsleitsysteme, smarte Parkuhren, Innenstadt Apps für die Parkplatzsuche. Mir fehlt bei allem der Mut und der politische Willen wirkliche Veränderungen durchzuführen. Denn das zahlt sich wohl nicht in Geld und Macht aus.

Es ist nicht alles rosig in Trump-Country

Donald Trump spielt ja gerne Posaune in den höchsten Tönen. Amerika werde international wieder respektiert, die Wirtschaft boomt, der Dow Jones Index sei so hoch wie noch nie zuvor, die Arbeitslosigkeit mit vier Prozent so niedrig wie seit 60 Jahren nicht mehr. Seit er, Donald Trump, im Weißen Haus sitze, sei Amerika „great again“.

Dass das nicht ganz so stimmt, zeigen nun Daten der „Federal Reserve Bank“ in New York. Mehr als sieben Millionen Amerikaner sind drei und mehr Monate im Verzug bei ihren Auto Ratenzahlungen. Das sind eine Million mehr, als in der Wirtschaftskrise von 2010, und damals lag die Arbeitslosenquote bei zehn Prozent. Für die Fachleute der Fed ist das ein Warnsignal, das hell leuchtet, denn diese Ratenzahlungen sind eigentlich die ersten, die viele begleichen, damit sie weiter überhaupt zur Arbeit fahren und notfalls auch im Auto schlafen können. Wenn diese „Car Payments“ ausbleiben heißt das, die finanzielle Lage ist äußerst kritisch.

Drei Monate Verzug bedeutet auch, dass viele Amerikaner ihren Wagen verlieren werden. Und wohl nicht nur das. Das gelobte Land von Donald Trump mit seinen Steuererleichterungen für Millionäre und Milliardäre gerät in Schieflage. Die rote Warnleuchte wollen Trump und seine Gefolgschaft aber nicht sehen, vielmehr schwafeln sie weiter von Vollbeschäftigung und neuen Jobs. Doch die zahlen sich nicht aus, um die monatlichen Rechnungen von Millionen von Amerikanern zu bezahlen. Es droht eine soziale Krise in den USA. Das wird wohl auch das Erbe von Donald Trump sein. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird damit genug zu tun haben, den wirtschaftlichen und sozialen Scherbenhaufen, den er hinterlassen hat zu überwinden. Und Trump selbst wird auf seine fetten Präsidentschaftsjahre hinweisen, wo die Arbeitslosenquote niedrig und der Dow Jone Index hoch. Schuld haben immer die anderen. Es war doch alles prima, oder?