Patriotisch sollt‘ Ihr sein!

Ich habe keine Kinder. Aber ich weiß, ich hätte damit ein großes Problem, wenn mein Kind schon im Alter von drei Jahren die „Pledge of Allegiance“, den Fahneneid ablegen müßte. Und das Tag für Tag im Kindergarten, in der Grundschule, in der High School. Donald Trump will nun sogar noch einen Schritt weiter gehen, er will „patriotischen Unterricht“ in den Schulen einführen lassen. Die Jungen und Mädchen sollen mit einem „pro-amerikanischen  Lehrplan“ unterrichtet werden, der „die Wahrheit über die große Geschichte unserer Nation feiert“.

Donald Trump nennt seinen Plan „1776 Commission“ in Anlehnung an ein Projekt der New York Times „1619 Project“, eine Sammlung von Artikeln und Essays, in denen erklärt wird, die eigentliche Gründung der USA sei eher 1619 gewesen, mit der Ankunft der ersten Sklaven. Trump meint, so eine Sichtweise beschreibe die Vereinigten Staaten als ein Land der „Unterdrückung“ nicht der „Freiheit“. Dehalb will er die Geschichte schön schreiben lassen. Neben dem Fahneneid sollen die Kultur und all die Errungenschaften in den USA vermittelt werden. Was auch immer das heißen mag. Man stelle sich vor, Kanzerlin Merkel forderte, dass man im Geschichstunterricht das Dritte Reich mal außen vor läßt oder in dem Kapitel über die 1930er Jahre nur vom Autobahnbau, der geringen Arbeitslosigkeit, den vielen Jugendlagern, der Sicherheit auf deutschen Straßen spricht. Was in so einer Betrachtung nicht angesprochen werden würde, weiß wohl jeder.

Präsident Trump unterzeichnet die präsidiale Anordnung, um eine Kommission für patriotischen Schulunterricht ins Leben zu rufen. Foto: AFP.

Donald Trump hat eigentlich nichts dabei mitzureden, was in amerikanischen Schulen unterrichtet wird. Aber es ist Wahlkampf und er will punkten, gerade bei jenen, die es nicht gerne sehen, dass Statuen von Südstaatengenerälen abmontiert werden, dass über systemischen Rassismus in der Gesellschaft gesprochen wird, dass die Vereinigten Staaten als ein Land dargestellt werden, in dem eben nicht jeder die gleichen Chancen hat. Er verkündete am Donnerstag die Gründung einer Kommission, weil „patriotische Mütter und Väter nicht länger einer hasserfüllten Verbreitung von Lügen über dieses Land“ zusehen wollten. “Amerikanische Eltern werden keine Indoktrination in unseren Schulen akzeptieren, einer „cancel culture“ in der Arbeit oder einer Unterdrückung des traditionellen Glaubens, der Kultur und den Werten im öffentlichen Raum. Nicht länger“, so Trump.

Das sind Worte, die an seine Basis gerichtet sind. Sie entsprechen der „Make America Great Again“ Philosophie, in der davon geschwärmt wird, wie die USA einst eine große Nation waren. Das MAGA-Bild von den 40er, 50er Jahren wird dabei gerne herangezogen. Damals, als Amerika gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg kam. Damals, als Afro-Amerikaner nicht in derselben öffentlichen Toilette pinkeln durften wie weiße Amerikaner. Damals, als die Wirtschaft boomte und die Vereinigten Staaten weltweit beneidet wurden. Damals, als Schwarze in den Südstaaten noch gelyncht wurden, nur weil sie eine weiße Frau ansahen. Damals, als die USA beim Aufbau von Deutschland mithalfen. Damals, als im eigenen Land Afro-Amerikaner nicht in Frieden, nicht in Freiheit und schon gar nicht in einem gerechten Land lebten.

Aber das soll, so Donald Trump, in seinem „patriotischen Lehrplan“ gar nicht zur Sprache kommen. Amerika ist für ihn ein Land auf der Sonnenseite, da gibt es weder dunkle Wolken, noch Gewitter und schon gar keine finstere Nacht. So kann man auch Geschichte erzählen, aber so eint man kein Land, in dem gerade eine wichtige und tiefgehende und mehr als zeitgemäße breite Debatte über Gleichberechtigung und gleiche Chancen im Land geführt wird.

Das laute Schweigen von Donald Trump

Der Westen brennt. Kalifornien, Oregon, Washington, überall fliehen Menschen vor den lodernden Flammen. Der kalifornische Gouverneur, Gavin Newsom, hat die Brände im Golden State „historisch“ genannt, denn noch nie brannte es so oft, so intensiv und so verbreitet. In Oregon, einem Bundesstaat mit 4,2 Millionen Einwohnern, wurden 500.000 Menschen zur Evakuierung aufgefordert. Und auch in Washington sind die Feuer nicht zu übersehen.

Der aussichtslose Kampf gegen die Flammen. Foto: Reuters.

Und was macht Donald Trump, immerhin Präsident auch dieses Teiles der USA? Er schweigt. Und das ziemlich auffallend, denn Trump gibt eigentlich zu allem seinen Kommentar ab. Die Katastrophe am Pazifik sollte eine Chefsache sein, doch es ist Wahlkampf, da passt es mehr, dass Trump dämliche Vorschläge wie das Harken von Wäldern verbreitet. Doch er schweigt wohl vor allem deshalb, weil Wissenschaftler betonen, dass die immer heftiger werdenden Waldbrände im Westen des Landes Hand in Hand mit dem Klimawandel gehen. „Climate Change“ ist ja etwas, was Donald Trump noch immer verächtlich abtut. Ein Hirngespinst der Demokraten. Er warnt in seinen Reden, in Interviews und auf Twitter vor dem „Green New Deal“, den Teile der Demokraten einfordern. Der aber kommen muß, der kommen wird.

In den betroffenen Bundesstaaten ist man sich einig, in Kalifornien, Oregon und Washington sieht man ganz deutlich die Folgen des Klimawandels. Trump und seine Zweifler und Leugner können da noch so sehr abwinken, die Fakten sprechen hier für sich. In einem Tweet lobte der Präsident die Einsatzkräfte, doch kein Wort des Mitgefühls für die vielen Familien, die Angehörige in den Flammen, die ihre Häuser, ihre Existenz verloren haben. Kein Wort davon, dass Millionen Amerikaner seit Wochen schon unter einer gesundheitsgefährdenden Rauchglocke leben müssen. In Kalifornien brannte bislang eine Fläche ab, die 54 mal so groß ist wie das Stadtgebiet von Nürnberg. Und es ist nicht das erste Mal, dass es hier in der Amtszeit von Donald Trump brennt. Weite Flächen des Bundesstaates sind „National Forest“, also Bundeswald, der unter der direkten Kontrolle der Regierung in Washington steht. Von daher müsste es eigentlich auch dahingehend einen Anreiz für Trump geben, diese Waldgebiete zu schützen. Aber nichts. Vielleicht liegt es auch nu daran, dass diese drei westlichen Bundesstaaten demokratisch regiert werden. Donald Trump sieht also nur die Katastrophen, wenn sie seine Wählerbasis betreffen. Ansonsten schweigt er.

Was bleibt nach Trump?

Biden/Harris liegt in den Umfragen weit vor Trump/Pence. Das ist die gute Nachricht. Ob es am Ende zu einer Wachablösung kommen wird, hängt davon ab, wer sich in den hart umkämpften „Swing States“ durchsetzen kann. Donald Trump spricht gerne von der „silent majority“, von der „enthusiastischen Stimmung“ in den Reihen der Republikaner. Manchmal frage ich mich schon, ob ich das, was ich hier sehe, höre, mitbekomme richtig einschätze.

Doch die Ära Trump wird auch am 3. November nicht vorbei sein. Wenn er verliert wird er noch zweieinhalb Monate im Amt sein, bevor Joe Biden den Platz im Oval Office einnehmen kann. Genug Zeit, um großen Schaden anzurichten. Sowieso hat Donald Trump die Grundfesten der amerikanischen Demokratie auf viele Jahre hinaus beschädigt. Seine Kritik, seine fast täglichen Angriffe gegen Kritiker, gegen jene in der Justiz, in der Politik, in der Presse, in der Bürokratie, die nicht mit ihm überein stimmen, das alles hat dazu geführt, dass man sich fragt, wem man eigentlich noch trauen kann. Der jüngste unverhüllte, politische Angriff auf die US Mail, auf die Post, macht das ganz deutlich. Trump schürt schon seit Monaten Zweifel an der Fairness und Rechtssicherheit einer Briefwahl. Nun weigert er sich, der hochverschuldeten Post finanziell zu helfen. Damit geht er sicher, dass keine Briefwahl funktionieren kann. Die US Mail erklärte, in 46. der 50 Bundesstaaten könnte eine ordnungsgemäße und pünktliche Zustellung der „Ballots“, der Wahlunterlagen nicht garantiert werden. Damit hat Donald Trump diese Schlacht gewonnen. Das Wahlergebnis wird so oder so angezweifelt werden.

QAnon Gläubige auf einer Trump Veranstaltung. Foto: AFP.

Trump hat ganz bewußt und gezielt die USA verändert. Er regiert nicht wie ein demokratisch gewählter Präsident, er sieht sich viel lieber als Machthaber, Herrscher, Autokrat. Sein Wort ist Gesetz, nur seine Meinung zählt, immerhin ist er ja der „very smart and stable genius“. Er hat seit seinem Wahlkampf 2016 Zweifel geschürt, der Glaube an den „Deep State“, an mächtige, geheime Kräfte, die er und nur er bekämpfen kann, das treibt ihn an. Donald Trump wird denn auch von Rechtsnationalen, christlichen Fundamentalisten, Verschwörungstheoretikern, Waffennarren, „America First“ Vertretern, Rassisten und Ewiggestrigen unterstützt und gefeiert. Auf seinen Massenveranstaltungen, die Gott sei Dank derzeit nicht stattfinden können, treffen sich all diese Bekloppten. Ich sage damit nicht, dass alle republikanischen Wählerinnen und Wähler solchen Wahnsinnstheorien und Ideologien anhängen, aber die Stimmen innerhalb der GOP sind brutal leise, wenn es um eine deutliche Distanzierung zu diesen radikalen und extremistischen Einstellungen geht. Wer „Q“ Schilder der QAnon Anhänger auf seinen Veranstaltungen erlaubt, wer die Verunglimpfung und Beschimpfung von Andersdenkenden zulässt, der macht sich auch mitverantwortlich an der Unterminierung der amerikanischen Demokratie. Alleine das sollte schon Grund genug sein nicht für Donald Trump zu votieren. Da kann Trump noch so „pro Wirtschaft“, „pro Amerika“, „pro konservative Werte“ sein. Wer keine deutlichen Grenzen zu Extremisten zieht, die ein Miteinander in der Gesellschaft nicht haben wollen, der kann nicht Präsident dieses Landes sein. Aus Trump sollten die Amerikaner lernen, doch ich befürchte es wird wieder passieren. Vielleicht nicht am 3. November, aber „down the road“.

Gibt es den Masterplan?

Donald Trump liegt in den Umfragen weit zurück. Nicht nur in den US weiten, in denen das sowieso anzunehmen ist, sondern mittlerweile auch in etlichen „Swing States“, also Bundesstaaten, die mal so und mal so wählen und die er im Zweikampf gegen Hillary Clinton 2016 noch für sich entscheiden konnte. Und nicht nur das, selbst in Texas ist aus dem einst sicheren Vorsprung von Trump ein Kopf an Kopf Rennen mit dem demokratischen Herausforderer Joe Biden geworden.

All das wird im Trump Lager die roten Warnleuchten aufleuchten lassen. Der Präsident und sein Team waren bislang fest davon überzeut, dass ihr „Make America Great Again“ Zug, auch diesmal als erster ins Ziel einlaufen wird. Mit einer florierenden Wirtschaft, mit einer festen Basis im Rücken, mit einem zerstreuten demokratischen Feld sah alles nach einem Selbstläufer aus. Doch dann kam Corona, dann kam „Black Lives Matter“. Trump sank immer tiefer in den Umfragen, gerade eben auch, weil er unfähig in den nationalen Krisen war.

Donald Trump findet, er sieht mit Mund-Nasen-Schutz wie der „Lone Ranger“ aus. Foto: Reuters.

Doch es ist Wahlkampf und Trump macht genau das, was er am besten kann, er schlägt wild und scheinbar unüberlegt um sich, greift den politischen Gegner genauso an wie Kritiker in den eigenen Reihen und internationale Partner. Er stellt sich als „Law & Order“ Präsident dar, stellt sich für seine Anhänger schön ins Bild und erzählt das gleiche einfach weiter, was er Anfang des Jahres schon gesagt hat. Doch Amerika und die Welt sind nicht mehr die gleichen. Das Chaos in den USA wird von Trump selbst geschürt und es scheint, es gibt diesen „Masterplan“, wie er auf Biegen und Brechen seine Wiederwahl doch noch erreichen kann.

Beispiel 1: Trump läßt in verschiedenen Städten, in denen zumeist friedlich protestiert wird, Bundespolizisten aufmarschieren, die die Lage vor Ort eskalieren lassen. Demokratische Bürgermeister und Gouverneure wehren sich gegen diese Einsätze, doch der Präsident schickt einfach weitere Einheiten. Ihm scheinen die Bilder von brutalen Kämpfen und Auseinandersetzungen zu gefallen, passen sie doch genau in sein Bild. Immer wieder betont er, dass die Städte von Demokraten regiert werden, wer für Biden stimme, der wolle, dass solche Zustände überall im Land herrschen.

Beispiel 2: Seit Monaten wettert Trump fast täglich gegen die allgemeine Briefwahl bei der kommenden Abstimmung am 3. November. Briefwahlen seien anfällig für Manipulation, seien nicht fair, ungenau, das Ergebnis würde nur schleppend und mit großer Verzögerung („maybe years“) bekannt gegeben werden. Trump will auch trotz Coronakrise die Wahlen direkt in den Wahllokalen haben, denn eine allgemein niedrige Wahlbeteiligung käme ihm zugute. Er weiß, dass seine Anhänger ihre Stimme abgeben werden, sie zweifeln ja schon lange ganz oder zum Teil an der Gefährlichkeit von Covid-19.

Und falls es doch zur Briefwahl kommen sollte, gibt es da nun auch einen Plan B. Trump hat im Juli einen neuen Postmaster General eingesetzt, einen ehemaligen Großspender von Trump, der einen Millionendollarbetrag für ihn 2016 überwiesen hat. Und genau dieser neue Leiter der US Post verlangsamt nun den Ablauf im Postsystem, ganz gezielt und mit weitreichenden Folgen. Arbeitnehmervertreter erklären schon jetzt, dass damit der schnelle Versand von Briefen kaum noch möglich ist. Die Briefberge werden größer und größer, im Angesicht einer großangelegten Briefwahl drohe ein Chaos, so warnende Stimmen bei den Briefzustellern. Das scheint aber gewollt zu sein, denn genau das paßt ja ins Bild von Donald Trump.

Beispiel 3: Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika redet von einer Verlegung der Wahl, was verfassungswidrig wäre. Der Aufschrei ist groß, in den eigenen Reihen jedoch eher verhalten. Trump testet damit erneut die Lage per Twitter und mit einer Bemerkung aus, wie weit er sich vorwagen kann, um die Wahl am 3. November als solche zu unterminieren, hinauszuzögern, um wieder in „normale“ Zeiten zu gelangen, wo die Trumpsche Welt noch in Ordnung ist. Denn Corona und BLM setzen seinem Wahlkampfteam zu. Trump spricht zwar von der „Silent Majority“ in den USA, die hinter ihm stehe, doch wer genau das sein soll, das ist unklar. 2020 ist nicht 2016. Joe Biden nicht Hillary Clinton, denn der steigt in den Umfragen, selbst dann, wenn er kaum öffentliche Auftritte hat. Das Votum am 3. November, das wird immer deutlicher, wäre denn auch nicht unbedingt eine Wahl für Joe Biden, sondern eher eine Abwahl von Donald Trump, wenn der das nicht noch irgendwie verhindern kann. Amerika hat vom „stable genius“ im Weißen Haus die Nase gestrichen voll.

Um was es im November geht

Zwei Meldungen am heutigen Freitag machen ganz deutlich, um was es am Wahltag geht. Die 87jährige Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg ließ vermelden, dass bei ihr erneut Metastasen gefunden wurden. Diesmal an ihrer Leber. Sie lasse sich behandeln, könne aber weiterhin ihr Amt als Richterin am höchsten US Gerichtshof wahrnehmen. Und dann verbreitete Donald Trump die Nachricht, dass er wieder die Unterstützung der „National Rifle Association“ (NRA) erhält. Die Waffenlobby steht auch weiterhin zu ihm.

Die Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg will bis zum Wahltag durchhalten. Foto: Reuters.

Allein diese beiden Meldungen zeigen, um was es geht. Die 87jährige Bader Ginsburg will ihren Platz nicht räumen, denn sie weiß, dass Trump und seine republikanische Mehrheit im Senat umgehend einen konservativen Richter nominieren würden, um so die konservative Mehrheit auf der Richterbank für Jahrzehnte hinaus zu zementieren. Die Gefahr ist groß, wie ein Blick zurück zeigt. Im Februar 2016 starb überraschend Antonin Scalia, die Leuchtfigur der Rechten am Verfassungsgericht. Damals blockierte die republikanische Senatsmehrheit den Kandidaten von Barack Obama. Es hieß, im Wahljahr sei das nicht fair, der neue Präsident solle diese Aufgabe erhalten, die Lücke zu füllen. Was damals galt, gilt heute nicht mehr. Der Führer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, erklärte schon kurz darauf, dass das sicherlich nicht gelte, wenn im Weißen Haus ein Republikaner sitzt. Und genau diese Worte halten Ruth Bader Ginsburg in ihrem Amt.

Und dann die NRA, die erneut ganz offiziell den Schulterschluß mit Präsident Trump sucht. Der bedankt sich und erklärt, so lange er im Amt ist, werde er das (vermeintliche) Grundrecht eines jeden Amerikaners und jeder Amerikanerin auf Waffenbesitz verteidigen. Die NRA und Trump sind gute Partner, denn beide leben in der Vergangenheit, haben die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Massenschießereien, Amokläufe in Schulen, Fabriken und selbst in Kirchen führten bislang zu keiner Veränderung im Waffenrecht. Man fragt sich jedes mal nach solch einer Horrortat, was passieren muß, damit republikanische Abgeordnete und Senatoren endlich einsehen, genug ist genug. Nach wie vor schwafeln die Waffennarren in diesem Land davon, dass man nur mit Knarren sicher leben könne. Statistiken, die genau das Gegenteil beweisen, werden als gefälscht abgetan. Trump bejubelt nun die Unterstützung der NRA und der gestrigen Bekundung einer Polizeiorganisation, denn damit kann er sich als „Law & Order“ Präsident darstellen. Zumindest für seine Wahlklientel, die mit ihm gerne ein Amerika der 1950er Jahre zurück hätte.

Natürlich geht es noch um viel mehr in dieser Wahl. Gestern ließ sich Trump im Weißen Haus dafür feiern, dass er seit Amtsübernahme eine Unzahl an Umwelt- und Arbeitsschutzgesetzen außer Kraft gesetzt hat. Die Folgen sind weitreichend und werden die USA u.a. im Kampf gegen den Klimawandel weit zurück werfen. Aber das ist diesem Präsidenten egal, er glaubt nicht an die Wissenschaft, er weiß, wie er es oft genug bekundet, eh alles besser als Experten und Naturschützer. Der Schutz der Umwelt hat für ihn nichts mit „America First“ zu tun.

Die Wahl am 3. November ist alles entscheidend für dieses Land. Klar, vor jeder Wahl heißt es, diese oder jene Stimmabgabe sei mehr als wichtig. Doch nach fast vier Jahren Donald Trump im Amt muß man sagen, die Folgen von vier weiteren Trump Jahren wären für die USA und für die Welt eine Katastrophe. Dieser Mann ist angetreten, um die Grundfesten Amerikas und der amerikanischen Demokratie zu zerlegen, ja, zu zerstören. Das zeigt er Tag für Tag aufs Neue. Vielleicht ist noch was zu retten, nach vier Jahren Trump. Im Falle einer Wiederwahl Trumps, nach acht Jahren…. ich will gar nicht daran denken.

„I know it best“

Wer in diesen Wochen ins Weiße Haus möchte, der muß sich einem rigiden Prozedere unterwerfen. Die Körpertemperatur wird gemessen, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist vorgeschrieben, Pressevertreter, das sieht man auf den regelmäßigen Pressekonferenzen, müssen Abstand halten. Doch all das gilt nicht für die Mitarbeiter von Donald Trump. Seine Pressesprecherin und ihre Entourage tragen ganz bewußt keine Maske, denn, wie Präsident Donald Trump es klar gemacht hat, die Maske sei mittlerweile ein politisches Statement. Wer MNS trägt ist gegen Trump.

Da ist es auch egal, dass sich ein White House Reporter in dieser Woche angesteckt hat, obwohl er eine Maske trug. Da ist es egal, dass Secret Service Beamten und selbst die Freundin von Donald Trump Jr. infiziert wurden. Wichtig ist, dass Donald Trump es besser weiß als alle anderen und sich sogar bewußt gegen die Vorschläge zur Bekämpfung der Corona Krise seiner Wissenschaftler des „Center for Disease Control“(CDC) stellt. Die müssen nun ihre Berichte umschreiben, damit sie vom allwissenden Präsidenten abgesegnet werden können.

Das Virus kommt Trump im Wahlkampf gar nicht recht. Die Wirtschaft und das öffentliche Leben leidet. Er kann noch so viel davon faseln, dass er alles richtig gemacht hat, dass die Welt neidisch ist auf die vielen Tests, die hier in den USA durchgeführt wurden, dass andere Länder lange nicht so viel testen würden, wie Amerika, deshalb sehe die Situation auf dem Papier und nur dort so schlimm aus. „America First“ bekommt in diesen Tagen eine ganz andere Bedeutung und das sehen auch die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner.

Trump will Normalität, deshalb fordert er die Öffnung der Wirtschaft und die Rückkehr zum amerikanischen Alltag, ohne Rücksicht auf Verluste, sprich, weiteren Infektionen sind einkalkuliert. Er glaubt es anscheinend selbst, dass die hohen Zahlen nur daran liegen, dass in den USA mehr getestet wird als in anderen Ländern. So kann man auch seine Forderung nach Öffnung von Schulen und Universitäten im Sommer und Herbst lesen. Er droht ganz offen, dass Gelder gekürzt werden, wenn die Bildungseinrichtungen weiterhin auf ausschließlich Online-Klassen setzen. Da ist es egal, dass die Bundesstaaten und der CDC dagegen sind, vorsichtig sein wollen, einen Coronaplan erstellen möchten, Trump will einfach die Türen öffnen und los gehts. Und klar, er wirft auch noch eine Rauchbombe, dass die Universitäten und Schulen sowieso politisch links seien und die Kinder indoktrinieren würden.

Da passt auch die Anordnung, dass fortan ausländische Studierende in den USA in den Klassenzimmern sein müssen, ansonsten wird ihnen ihr Visum entzogen. Das trifft viele Universitäten hart, denn gerade diese erhöhten Studiengebühren finanzieren den Einrichtungen. Oftmals sind an den Hochschulen ein Viertel und mehr der Studierenden aus dem Ausland.

Normalität heißt für diesen Präsidenten, dass die Schutzregeln für ihn und seine näheres Umfeld zwar gelten, aber nicht für alle anderen im Land. Trump lebt einfach in einer Parallelwelt mit alternativen Fakten. Das war von Anfang an klar und wird so kurz vor dem Wahltag noch deutlicher. Er und auch sein Umfeld erklären ja immer und immer wieder, dass der Präsident alles besser wisse, „I’m the only one“, „no one knows it better“. So kann man auch verstehen, warum Trump sich in Fragen der Öffnung von Schulen, Universitäten und dem öffentlichen Leben gegen die Aussagen der Experten und Wissenschaftler stellt. Trumps Wort, so hätte er es gerne, ist Gesetz. Hoffentlich nur noch bis zum 3. November.

 

Das Ende ist in Sicht

Es sollte eine monumentale Rede vor einem nationalen Monument werden. Die Bilder passten, die Menge jubelte und doch, Donald Trump ist am Ende seiner Präsidentschaft angekommen. Erst flog Air Force One über Mount Rushmore, dann kam die Trump Familie mit Marine One zum Veranstaltungsort. Jubelreden verschiedener Politiker, die Blue Angels donnerten über den Nationalpark und Trump war sichtlich mit seinem Auftritt vor 7500 Fans zufrieden.

Er sprach von seinen Amerikanern, die er vor diesen anderen Amerikanern schützen wird, die da an der Geschichte Amerikas kratzen, die einen Kulturkrieg über Denkmäler, über die Erinnerung an die Gründungsväter angefangen haben. Trump hat ganz bewusst keine Rede an die Nation gehalten, auch wenn diese Veranstaltung als ein offizielles Event des Weißen Hauses dargestellt wurde. Der Auftritt war eine Wahlkampfveranstaltung, eine Jubelfeier, eine Wohlfühlversammlung für ihn und seine Unterstützer.

Abstand halten, Maskenpflicht, all das war nicht wichtig an diesem Tag, auch wenn die Präsidententochter Ivanka fast zeitgleich in einem Tweet darauf hinwies. Man kann sich da nur fragen, in welchem Land die Trump-Beraterin eigentlich lebt.

Was in dieser Rede und diesem symbolischen Auftritt von Donald Trump aber ganz deutlich wurde, ist, der Präsident ist am Ende seiner Amtszeit angekommen. Mit seinen Angstbildern, mit seinen Rufen nach „Law & Order“, mit seiner bewußten Spaltung der Gesellschaft, mit seinem schlichtweg Übergehen der Corona Krise, mit seiner Verallgemeinerung der Proteste auf den Straßen, mit all dem machte Donald Trump deutlich, dass seine Zeit abgelaufen ist. Die USA sind nicht mehr das gleiche Land wie noch zu Jahresanfang.

Trump versteckt sich hinter der Wirtschaft und erkennt nicht, dass dieses Land in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Durch die Covid-19 Krise und eine längst überfällige breite Diskussion über systemischen Rassismus. Er stellt sich schützend vor Denkmäler, vor das, für was sie stehen, schwafelt von Freiheit, Gleichheit und der besten Nation auf der Erde, erkennt aber nicht, dass das bei einem Großteil der Amerikaner schon lange nicht mehr so gesehen wird. Es ist symbolisch, dass Trump einfach zu dieser heuchlerischen Veranstaltung einflog und so nicht die Proteste der „Native Americans“ sehen mußte, die lautstark darauf hinwiesen, dass ihr Land gestohlen wurde, dass Mount Rushmore eigentlich ein heiliger Ort für sie ist, dass Trump genau hier seine Jubelmesse abhält.

Die Vereinigten Staaten erleben derzeit eine tiefgreifende und bislang noch nie in ihrer Bedeutung und Breite dagewesene gesellschaftliche Debatte über Geschichte, Symbole, Rassismus. Trump in seiner Rede beschwerte sich erneut über Sportler, die während der Nationalhymne niederknien, um so gegen Polizeigewalt zu protestieren. Gleichzeitig wird im ganzen Land darüber gesprochen, dass sich Teams, wie die „Washington Redskins“, aber auch High School und College Teams umbenennen, um so endlich mit dem sprachlichen Rassismus aufzuräumen. Der Sportartikelhersteller Nike ging sogar in der vergangenen Woche so weit und entfernte seine Angebote mit dem „Redskins“ Logo aus seinem Online Shop. Kein Wort davon in Trumps Rede.

Selbst in den Reihen der Republikaner erkennen immer mehr, dass Donald Trump nicht für die Partei spricht, sondern mehr für die Trump-Partei, nicht die amerikanische Sichtweise vertritt, sondern das Trumpsche Weltbild. Amerika unter Donald Trump ist nicht mehr das Amerika vor zehn, zwanzig oder auch fünfzig Jahren. Trump hat erreicht, dass sich die USA von ihren einst gefeierten Grundwerten verabschiedet haben. Diese Grundwerte waren zwar nur auf dem Papier zu finden und waren noch nie Realität im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber es wurde daran geglaubt. Nun aber wird uns allen genau das vor Augen geführt, dass dieser „American Dream“ wohl wirklich nur ein Traum war. Trump hat es geschafft, dass Amerika aufwacht, sieht und erkennt, dass vieles von dem, was als „great“ gefeiert wurde und wird, gar nicht so „great“ für alle war und ist. Trump jedoch träumt weiter, am 3. November wird er deshalb ein hartes Erwachen erleben.

 

War da was?

Krisen, Konflikte, Chaos. So sehe ich das, was seit Januar 2017 aus dem Weißen Haus kommt. Nun kommt noch eine weltweite Pandemie dazu, eine neue „Civil Rights“ Bewegung in den USA, eine aufkommende Wirtschaftskrise. Doch all das führt nicht zu einem Umdenken bei Präsident Donald Trump. Ganz im Gegenteil, Trump zieht im Wahlkampf auf die Gegenfahrbahn und macht mehr als gefährliche Überholmanöver.

Es muß ihn schon sehr wurmen, dass Joe Biden in allen Umfragen weit vor ihm liegt. Biden macht Wahlkampf aus seinem Keller raus, Trump versucht erneut das Bad in der Menge. Doch nichts läuft so für #45, wie er sich das gedacht hat. Auf die Proteste in den amerikanischen Straßen reagiert er mit einer präsidialen Verfügung, die Randalierer für zehn Jahre hinter Gittern bringen wird. Auf seinen Wahlveranstaltungen spricht er von sich und seinen Taten, erwähnt das, was Amerika derzeit beschäftigt überhaupt nicht. Und auf die steigenden Covid-19 Zahlen im ganzen Land reagiert er nur mit einem Schulterzucken und der Forderung, „we must open America again“. Er ist im Wahlkampf mit dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.

Das ist die Hoffnung Donald Trumps.

Der Sonntagmorgen zeigte erneut, dass Trump in einer Parallelwelt lebt. Er tweetete sich die Finger wund, griff Joe Biden mit kindischen Videos an und verbreitete die Aussage, dass die „Silent Majority“, also die stille Mehrheit in den USA hinter ihm stehe und sich seit 2016 sogar noch verdoppelt habe. Er übersieht dabei ganz bewußt, dass er 2016 keine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler hinter sich hatte, sondern nur durch das veraltete und eigentlich überholte Wahlsystem ins Weiße Haus gehievt wurde.

Trump erkennt die Lage der Nation nicht. Die USA sind nicht nur tief gespalten, sie sind auch zutiefst verletzt. Das zeigt sich ganz deutlich nach dem brutalen Tod an George Floyd, an dem systemischen Rassismus in den USA, der nun auf breiter Basis angesprochen und debattiert wird, eben auch daran, dass vor allem „black and brown communities“ in den USA von Covid-19 betroffen sind. Amerika braucht Lösungsvorschläge und -ansätze, doch die kommen nicht vom „Commander in Chief“.

Donald Trump ist zu sehr mit sich und seiner erwünschten Wiederwahl beschäftigt. Er ist nicht in der Lage zu erkennen, dass es hier nicht um eine Person geht, sondern die Zukunft eines Landes. Trump spricht oft und gerne über die nationalen Symbole. Er will den Kniefall während der Nationalhymne verbieten lassen, das Verbrennen der Fahne unter Strafe stellen, er plant am 3. Juli ein riesiges Feuerwerk am Mount Rushmore. Trump und seine Anhänger besetzen nur zu gerne die „Stars & Stripes“. Doch für was die Fahne, die Hymne, die Freiheitsstatue, der Urgedanke hinter dem „American Dream“ stehen, was dieses Land der Immigranten groß gemacht hat, das übersehen sie oder legen es so aus, dass es für sie und nur für sie passt. Doch Amerika ist nicht Trump Country, es sind vielmehr die Vereinigten Staaten von Amerika, die derzeit allerdings mehr als ungeeint sind. Die Hoffnung liegt auf dem 3. November und darauf, dass die stille Mehrheit in den USA genau das sieht, was derzeit passiert.

Eigentlich müsste die Sache klar sein

Mal ehrlich, wen hat Donald Trump noch nicht provoziert, nieder gemacht, beschimpft und verunglimpft? Die Liste ist lang und wird immer länger. Vieles davon hat er in seinen Aktionismus ge- und versteckt, alles von seinem Vorgänger Barack Obama zu beenden, auszulöschen, umzuändern. Nun zuletzt einen Anti-Diskriminierungsschutz für Trans-Personen im Gesundheitswesen. Im zuständigen Ministerium, so heißt es, werde nun das Geschlecht nur noch als „männlich“ oder „weiblich“ anerkannt. Punkt. Das war das Ende für einen mutigen und wichtigen Vorstoß der Obama Regierung im Jahr 2010.

Trump räumt auf und macht vor nichts und niemand Halt. Egal, was Obama unterschrieben hat, Trump macht Schluß damit. Umweltgesetze, Anti-Diskriminierungsgesetze, Arbeitsschutzgesetze, Wahlgesetze und so weiter  und so fort. Trump dreht die Uhren zurück, das ist sein „Make America Great Again“, er träumt und spricht von Vereinigten Staaten, die es vielleicht mal in den 50er Jahren gegeben hat und unterschlägt dabei den brutalen und feindsamen Alltag jener Zeit. Sein MAGA Ruf bezieht sich einzig und allein auf eine boomende Wirtschaft in einem weißen Land. Farbig und vielseitig, gerecht und fair ist das Trump-Country nicht.

Man sollte sich mal genauer ansehen, wen Donald Trump durch seine Worte und Taten schon alles verunglimpft hat. Natürlich sind da die verhassten Demokraten, Einwanderer, Intellektuelle, Wissenschaftler, Europäer, eigene Parteimitglieder und immer mal wieder auch, wie nun, LGBTQ Menschen. Kritiker kriegen es besondes ab. Er selbst stellt sich ja immer als den „Law & Order“ Präsidenten dar, der sich für ein starkes Militär und eine hart durchgreifende Polizei einsetzt. Doch auch die bleiben nicht verschont. Anfangs lobte Trump noch in höchsten Tönen seine „Generäle“ im Kabinett. Doch einer nach dem anderen schied aus und kritisierte danach den Präsidenten. Und der holte aus, tat langgediente Soldaten als „Weichlinge“, „überbewertet“, „ahnungslos“ ab. Wer Soldat in den amerikanischen Streitkräften ist, sollte am Wahltag an diese Worte denken und vor allem auch daran, was Trump über John McCain gesagt hatte, in seinem Weltbild würden Helden nicht gefangen genommen. Trump ist alles andere als ein „Commander in Chief“.

Donald Trump und seine Republikaner sind ein weiteres Beispiel. Trump hat nicht nur im Wahlkampf 2016 unsägliche Lügen und Verschwörungstheorien gegen republikanische Mistreiter verbreitet, man denke da nur an die Aussage, dass der kubanische Vater von Ted Cruz am Attentat auf John F. Kennedy beteiligt war. Entschuldigt hat er sich für diese ungeheuerlichen Aussagen nie. Das ist nicht Trump Stil. Kandidat und dann Präsident Trump holte gegen jeden aus, der ihn kritisierte oder ihm zu nahe kam. Und die auch als „Grand Old Party“ bezeichneten Republikaner waren alles andere als „Grand“, sie gaben klein bei, entschuldigten und verziehen ihm alles und ließen den selbsternannten „Stable Genius“ einfach machen. Die Republikaner sind zu einer Schießbudenpartei verkommen, in der jeder fallengelassen und abgeschossen wird, der dem Parteiführer nicht huldigt.

Und nicht zuletzt die Christen im Land. Auch die hat Trump schon provoziert. Sicherlich, die fundamentalistischen Evangelikalen stehen weiterhin zu „Big Don“, den sie als von Gott gesandt ansehen. Doch auch sie müssten erkennen, dass Trump mit seinen Foto Einlagen vor der St. John’s Episcopal Church am Lafayette Park und vor der Statue von Papst Johannes Paul einen Tag später Religion und Christentum als Showeinlage nutzt. Selbst die Bibel, die heilige Schrift, die jeder Evangelikale im Land immer bei sich führt und zitiert, hielt Trump verkehrt herum nach oben. Dieser Mann ist nicht hier auf Erden, um „God’s Country“ zu retten, er ist vielmehr da, um die USA mit seinem ultimativen Egotrip noch tiefer zu spalten. Es ist ein teuflisches Spiel, was er hier veranstaltet. Amerika wird nach Donald Trump nie mehr so sein wie vorher. Das hat er erreicht, die Narben von vier Jahren Trump werden auf Jahrzehnte hinaus zu spüren sein. Leider.

Darauf ein Glas Wein

Gestern war ich in Sonoma County, um meine „Futures“ bei meinem Lieblingsweingut abzuholen. Wein, den ich im letzten Jahr im Fass probiert und dann bestellt hatte. Nun abgefüllt, gelagert, „ready to drink“. Die „Tasting Rooms“ sind ja derzeit geschlossen, die Krise trifft die Region hart. Nach den gewaltigen Bränden im letzten Jahr, die damit verbundenen Schließungen ist nun erneut ein Nullpunkt erreicht.

In einem Lagerhaus in Windsor holte ich meine Kisten ab, mit Mundschutz und auf Distanz wurde alles in den VW Bus eingeladen. Wir standen dann noch zusammen und unterhielten uns. Es sieht nicht gut aus, für die kalifornische Weinindustrie. Einige „Tasting Rooms“ werden nicht mehr öffnen, hieß es, viele der Angestellten mußten entlassen werden, Weingüter sind bereits in finanzielle Schieflage geraten. Das Ende sieht nicht gut aus.

Das „Dry Creek Valley“ per Fahrrad erleben.

Der „County“, der Bezirk, hat nun angekündigt, nach Wochen der Schließung wieder langsam zu öffnen. Wie das aussehen soll, ist allen noch unklar. „Wine Tasting“ mit Maske, mit Distanz, mit Latexhandschuhen und Desinfektionsmitteln? „Well, I don’t have an answer?“, wurde mir gesagt. Abwarten, sehen, was passiert, hoffen, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle und erneuten Totalschließungen kommen wird.

Vom Lagerhaus fuhr ich nach Downtown Healdsburg, der Kleinstadt im Zentrum des Weinanbaugebietes in Sonoma County. Am zentralen Platz, an dem riesige Redwoods aufragen, war alles leer. Nur wenige Geschäfte hatten geöffnet. Ich parkte meinen Wagen, holte mein Fahrrad raus und fuhr los Richtung „Dry Creek Valley“, von dort kommen „meine“ Weine, dort gibt es den besten Zinfandel. Eine 30 Kilometer Rundfahrt, entlang der Reben, vorbei an geschlossenen Weingütern, der Himmel war bewölkt. Wenig Verkehr, ein paar Arbeiter zwischen den Rebstöcken. Das Valley ist ganz besonders, eine schöne, ruhige Atmosphäre und ideal für den Weinanbau, denn es wird tagsüber oft heiß, doch nachts zieht eine Nebeldecke vom Pazifik kommend kühlend über die Landschaft.

An einigen Stellen kann man noch Schilder finden, auf denen den Einsatzkräften nach den Feuern gedankt wurde. Damals konnte durch den schnellen und kontrollierten Einsatz der Feuerwehren schlimmeres für das Valley verhindert werden. Doch wochenlang hing eine dicke Rauchglocke über der Region, der 101 war geschlossen, weite Teile des Counties evakuiert und natürlich war die Weinindustrie davon besonders betroffen. Gestern lag das Tal ganz friedlich vor mir. Ich radelte voran und dachte mir „strange times“. Später dann, ein Glas Wein auf die kalifornischen Winzer. Zumindest kann man sie so etwas in all dem Irrsinn unterstützen. Cheers!