No Spectators: The Art of Burning Man

Ich war mehr als gespannt auf diese Ausstellung – „No Spectators: The Art of Burning Man„. Burning Man kommt also ins Museum, ins Oakland Museum of California. Und da war für mich gleich die Frage, wie man das machen, wie man das schaffen kann. Denn das alljährliche Treffen, dieser ungewöhnlichen und kreativen Community in der Wüste von Nord-Nevada wurde mir einmal von einem Künstler als „die größte Galerie der Welt“ beschrieben. Wie also kann man das auf so einen beschränkten Raum bringen?

Ein Kostüm aus Leder und Nieten.

Nun also sind einige Kunstobjekte, gereinigt und entstaubt, in den Museumsräumen in Oakland zu sehen. Dazu Videofilme, Fotos, Gegenstände und die Geschichte dieses Festivals zum Nachlesen. Ich könnte nun ausholen und hier schreiben, was alles fehlt. Da ist zuallerst diese Weite auf dem ausgetrockneten Seebett, da ist der feine Staub, der in alle Poren reinkriecht, die Hitze. Doch vor allem sind da die Menschen, die man auf Playa in Black Rock City trifft.

Das alles kann eine Ausstellung gar nicht einfangen, umfassen, darstellen. Und der Versuch wurde auch gar nicht erst unternommen. Ein Museum ist kein Spiegel, diese Ausstellung bietet vielmehr den Versuch Burning Man zu verstehen, einen Blick hinter all den „Dust“ zu werfen. Und der gelingt. Gezeigt wird die Kreativität im Kleinen, wie angefertigte Kostüme für die Playa. Ein paar größere Objekte sind auch Teil von „No Spectators“, sogar ein Tempel im Kleinformat wurde im Außenbereich des Museums nachgebaut.

Burning Man war bei meinen Besuchen immer die faszinierende Kunst, die Kreativität der Teilnehmer, das Eintauchen in diese ganz andere Welt, wo Grenzen verschoben, wo Dinge einfach machbar gemacht wurden. Wenn auch nur für ein paar Tage, Burning Man ist ein besonderes Erlebnis, eine tiefe Erfahrung mit diesen ganz speziellen, eigenen und sehr persönlichen Burning Man Momenten. Am Eingang zur Black Rock City wird man mit „Welcome home“ begrüßt. Auch in der Ausstellung im Oakland Museum of California hängt solch ein Schild. Die Faszination von Burning Man ist nicht einfach zu beschreiben. Irgendwie muss man dort gewesen sein, das alles mal selbst erlebt haben, um diese ganze Dimension zu erfahren. Morgens mit dem Fahrrad über die Playa fahren und erstaunt sein, wie über Nacht neue Kunstobjekte aus dem sandigen Seebett aufgetaucht sind. Oder nachts ganz weit draußen auf der Playa stehen und tief bewegt auf das Lichter- und Feuerspektakel vor einem zu blicken. Hier, wo vor ein paar Wochen nichts war und wenige Tage später nichts mehr sein wird.

Das alles kann in einer Ausstellung nicht nachempfunden werden, doch „No Spectators“ unterstreicht zum einen den Einfluss und die Bedeutung dieser besonderen Kunstcommunity. Zum anderen macht sie neugierig darauf, wie das wirklich ist in Black Rock City. Diese Museumsshow ist daher auch wie eine Einladung zu verstehen, in diese andere, zeitlich begrenzte amerikanische Kleinstadt – für eine Woche die drittgrößte Kommune in Nevada – zu reisen, dort zu leben und Teil dieser eigenwilligen Gemeinschaft zu werden. „No Specators“, kein Zuschauer eben zu sein.

Foto: Reuters.

Terrorgefahr im Wüstensand

Wer nach Black Rock City fährt, lässt den Alltag hinter sich. Es ist ein einwöchiges Utopia, was da im Wüstensand von Nevada entsteht. Kunst, Kultur, Anderssein, Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung, ein Zusammensein, ein Miteinander ohne Geld, in dem geteilt und aufeinander zugegangen wird. Bislang, doch das soll sich ändern.

Natürlich gibt es auch Kritikpunkte am alljährlichen Burning Man Event, doch die Organisatoren haben endlich erkannt, das etwas getan werden muss, um dieses einzigartige Treffen der Burners in seiner Grundform und mit den gesetzten Werten zu erhalten.

Da passt so gar nicht rein, was nun in einem 372seitigen Umweltbericht des „Bureau of Land Management“ (BLM) veröffentlicht wurde. Die Behörde, die die Aufsicht über „Federal Land“ hat, damit also auch die Aufsicht über die Black Rock Desert in Nevada, wo das Burning Man Fest stattfindet, will nun unglaubliche Auflagen durchsetzen. Darunter auch die Terrorabwehr. Burning Man sei zu einem Ziel geworden, so heisst es. Die internationale Popularität, die mangelnde Kontrolle der Besucher, die fehlende Absicherung nach draussen, all das würde es leicht machen, dort einen Anschlag in welcher Form auch immer duchzuführen. Gefordert werden deshalb feste Zäune, die das riesige Areal umgrenzen, dazu eine eigene private Sicherheitsfirma, die jeden Besucher und jedes Vehikel genauestens kontrollieren soll. Die Kosten für Burning Man würden explodieren, die Ticketpreise noch weiter ansteigen.

Nach der Massenschiesserei auf ein Country Musikfestival in Las Vegas glaubt man bei BLM nun also auch sich im Wüstensand auf etwas vorbereiten zu müssen, was wohl im Jahr 2019 zur Normalität geworden ist. Alles und jeder ist zu einem Anschlagsziel geworden. Angst regiert das Leben. Ein Zaun und verstärkte Kontrollen sollen also die vermeintliche Sicherheit bieten, die es nicht gibt, nicht geben kann. Black Rock City soll also in eine Reihe mit Paris, London, Berlin, Madrid, New York und Las Vegas gestellt werden. Das Schild am Eingang von Burning Man „Welcome Home“ wird damit zum Rückspiegel zu den Orten, aus denen man kam. Ade Utopia! Dem Alltag unserer Zeit kann man damit auch für eine Woche nicht mehr entkommen.

Burning Man im Wandel

Ein tonnenschwerer Bär mit einem Fell aus Cent Stücken.

Viermal schon habe ich mich auf den langen Weg von Oakland nach Black Rock City gemacht. Es sind nicht nur die paar Hundert Meilen Freeway und dann ein schmaler Highway, der einen zu „Burning Man“ führt, es ist auch die Vorbereitung, der Ticketkauf, die Planung, die Platzsuche, das Aufbauen des Camps und die Teilnahme an diesem wohl einzigartigen Fest in der Wüste von Nevada, das diese Reise zu mehr als nur einer Autofahrt macht.

Angefangen hat alles Ende der 80er Jahre mit ein paar Dutzend Leuten an Baker Beach in San Francisco, bis der Park Service den Feiernden erklärte, dort dürfe das eigentlich nicht stattfinden. Also schaute man sich um und fand in der Nähe von Gerlach ein im Sommer ausgetrocknetes Seebett, das sich ideal für die Pläne dieser einwöchigen Community eignen würde. „Burning Man“ ist Geschichte. Aus den anfänglichen paar Dutzend Männern und Frauen wurde eine weltweite Bewegung. Heute unternehmen alljährlich bis zu 70.000 Menschen diesen langen Treck aus der Zivilisation in ein selbstgestaltetes Utopia im Wüstensand. „Burning Man“ ist Party, ist Anderssein und es ist auch, wie es mir einmal jemand beschrieben hat, die größte Galerie der Welt. Hier kann (fast) alles ausgelebt, dargestellt, verwirklicht werden.

Doch seit einigen Jahren gibt es die Vorwürfe, dass „Burning Man“ immer mehr Hipster, Techies, Reiche und „Influenzer“ (beklopptes Wort) anzieht, die auf der Playa eigentlich gegen die Grundprizipien der „Burning Man Culture“ arbeiten. Mit Gesichts- und Alterskontrolle bei Parties, Themencamps und auf „Mutant-Vehicles“, mit klimatisierten und eingezäunten Zelten, die von eigenem „Personal“ aufgebaut wurden. Mit Produktpräsentationen auf der Playa von sogenannten Youtube und Instagram „Influencern“. Der Höhepunkt der antiklimatischen BM Verhaltensweisen waren sicherlich Google Mitarbeiter, die sich per FedEx frischen Hummer einfliegen ließen.

In der Zentrale von BM hat man nun genug und will das ändern. Marian Goodell, die CEO der gemeinnützigen Organisation, hat nun erklärt, man wolle einiges ändern. Nachdem ihr Team einen 55seitigen Bericht mit Missständen vorlegte, war klar, etwas muss getan werden. Nun setzt man beim Ticketverkauf an, um sicherzugehen, dass wieder der eigentlich Geist von „Burning Man“ durch die Wüste weht. Wer kommen will, soll und, ja, muss teilnehmen, sich vorbereiten, planen, sein Camp aufbauen. Black Rock City soll eben nicht ein Freaky Las Vegas, ein Glitzer Hollywood, ein einwöchiges Fantasia werden. Vielmehr sollen die Wurzeln dieser eigenwilligen, eigenartigen und einmaligen Community bewahrt und gestärkt werden. Dieses Jahr wird es für mich nicht klappen, aber ich hoffe im nächsten Jahr wieder den langen Weg von Oakland nach Black Rock City antreten zu können.

Von einer Wüste in die andere

Eine weitere Reise steht an. Eine, der etwas anderen Art. „Black Rock City“ ist das Ziel, eine Woche lang, die drittgrößte Stadt im Bundesstaat Nevada. Von hier in Oakland sind es ein paar Stunden bis Reno, dann geht es noch ein Stückcken weiter auf dem Interstate 80, bis zum Highway 447 Richtung Gerlach. Durch Indianergebiet auf einem endlos langen Highway. Das Ziel ist das „Burning Man“ Festival, alljährlich findet es in der Woche vor dem Labor-Day statt.

Gerade habe ich die nächste Radio Goethe Sendung produziert, den passenden Soundtrack für die Playa. Deutscher Elektrosound, harte, treibende Beats. Etwas für die Anreise. Das letzte Mal war ich 2013 bei diesem einzigartigen Festival, 2014 und 2015 klappte es nicht mit den Tickets. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, die 60.000 Karten sind innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Pressetickets gibt es sowieso nicht, auch, wenn ich Jahr für Jahr über „Burning Man“ berichtete. Aber dieses Jahr bin ich wieder dabei, auch wieder zum Berichten. Zumindest einmal noch will ich es sehen.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was einen immer wieder in den Staub, die Hitze, auf die Playa zieht. Für einige ist es die konstante Rave-Party. Man findet dort gigantische Soundanlagen, Weltklasse DJs, die unterm Sternenhimmel ihren Klangmix auflegen. Dazu diese schrille Mischung aus Love-Parade und apokalyptischen Mad Max Filmszenen, Themencamps, Freiheiten und ein Community-Gedanke, den man nirgends sonst in den USA findet. Und es ist ein Stück Gegenkultur, Amerika präsentiert sich auf diesem ausgetrockneten Seebett ganz anders. Was mich jedoch immer wieder dorthin zieht, sind die eigenwilligen Kunstprojekte, die manchmal über Nacht aus dem Playaboden zu wachsen scheinen. Mir sagte mal jemand, „Burning Man“ ist die größte Galerie der Welt, hier könne man als Künstler fast alles realisieren. Der Fantasie sind in dieser Woche wahrlich keine Grenzen gesetzt.

In der kommenden Woche geht es los, ein krasser Gegensatz zu meiner aktuellen Arbeit über die weibliche Genitalbeschneidung in Somaliland. Von einer Wüste in die andere. Von einer Kultur in die andere. Von einem Extrem zum anderen. Aber ich bin mir sicher, ich werde da draußen ein paar ruhige Momente finden, um mal in mich zu gehen. Auch das ist „Burning Man“, die Seelen-Tankstelle im gestressten Alltag.

Burning Man….ohne mich

Es ist wie ein Warten auf Godot. Ticketvorverkauf für Burning Man.

Es ist wie ein Warten auf Godot. Sinnloser Ticketvorverkauf für Burning Man.

Ich begreife es nicht. Wie kann man nur so ein blödes System online stellen? Burning Man vereint eigentlich die Kreativen mit den Tech-Freaks, Künstler mit Musikern, Normalsterbliche mit Kulturschaffenden. Jedesmal ist man fasziniert von der Energie, vom Ideenreichtum und den unterschiedlichsten Perspektiven. Und dann schaffen sie es nicht, ein Kartensystem aufzubauen, das funktioniert. Ich weiß, ich weiß….ommmmmm…. diese Energie ist nicht burningmangerecht…..ich beruhige mich, tief ein- und wieder ausatmen….

Um Punkt 12 Uhr mittags sollte es losgehen, ich war da….auf der Couch, Kreditkarte neben mir. Doch da kam kein grüner Knopf, wie angekündigt, auf den man drücken konnte. Dann brach das Kartenverkaufssystem „ticketfly“ zusammen. Alles wurde auf Pause gesetzt. Und nun warte ich da in einer Warteschleife, an deren Ende ein „Sorry“ stehen wird. Denn irgendwie kamen andere doch durch. Wie, keine Ahnung. Und nein, ich werde kein Ticket auf dem Schwarzmarkt für 1000 und + Dollar erwerben.

Schade, schade, ich wäre gerne wieder dabei gewesen, um über dieses einmalige Ereignis in der „Black Rock Desert“ von Nevada zu berichten. Auch als teilnehmender Journalist bekommt man kein Presseticket, man muß es sich kaufen. Also, genauso in der virtuellen Schlange anstellen, wie jeder andere auch.

Der Klang von Burning Man

Audiobeitrag zum Burning Man Festival 2013     

Über die USA wird in diesen Tagen viel berichtet. Und das sind nicht immer die besten Nachrichten. Abhörskandal und drohende militärische Einsätze, riesige Waldbrände und Wirtschaftskrisen….bei all den News bleibt kaum Platz mal über etwas anderes aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu berichten. Doch in dem obigen Audiobeitrag geht es um ein ganz außergewöhnliches, ja, einmaliges Ereignis, das jährliche „Burning Man“ Festival, das in der vergangenen Woche erneut in der Wüste von Nevada stattgefunden hat. Ich war dort, hier sind meine Eindrücke.

 

Burning Man zum Hören

Ich bin ausgeschlafen, entstaubt und frisch geduscht. Die Tage bei Burning Man in der Black Rock Desert von Nevada waren etwas extrem….wenig Schlaf, überall Staub und Sand und auf eine warme Dusche habe ich mich schon lange nicht mehr so sehr gefreut. Aber es hat sich wieder gelohnt, die Eindrücke und Erlebnisse waren einzigartig und ich kann es eigentlich nur jedem empfehlen, einmal nach Black Rock City zu pilgern.

Hier nun ein Audio Bericht zu Burning Man 2011:

Burning Man 2011     

Die Wüste lebt

Hitze, Staub, Sand und weit über 50.000 Menschen. So könnte man Burning Man kurz und knapp beschreiben. Doch da ist auch Kunst, Kultur, Gemeinschaft, friedliches Beisammensein, Teilen, Phantasie, Kreativität und vieles mehr. Inmitten eines gewaltigen trockenen Seebettes wird Jahr für Jahr das Burning Man Festival abgehalten. Die Ansiedlung aus Zelten, Campingwagen und Camper nennt sich dann für eine Woche „Black Rock City“, hier in der Black Rock Wüste von Nevada. Und es wird in dieser Woche eine der größten Städte des Bundesstaates.

Am Eingang stehen vier Splitternackte, drei Männer, eine Frau, die einen erst einmal mit einer Umarmung begrüßen. Alles ist anders in Black Rock City. Ein paar einleitende Worte, ein paar Warnungen. Der nackte Herr, so um die 50, einen Cocktailbecher in der Hand, warnt, dass die Polizei, die hier auch patroulliert, aufpasst, dass man auch im Wagen angeschnallt ist. OK!

VW Bus parken, Camp aufbauen und dann aufs Fahrrad schwingen, um das riesige Gebiet abzufahren. Von überallher dröhnt Musik. Meist Technomusik. Überall wird getanzt, gelacht, genossen. Wie ein Hufeisen ist Black Rock City angelegt. Außen die Camps in Straßen, man orientiert sich nach der Uhrzeit, also z.B. „L“ Street zwischen 7:30 und 7:45. Der Mittelbereich nennt sich Playa, von einer Seite zur anderen sind es sicherlich drei Kilometer, bis ans offene Ende des Hufeisens noch weiter. Dort im Zentrum steht der „Man“, der „Burning Man“. Er überwacht und überblickt alles. Riesig groß steht er da und wartet auf seinen „Burn“. Um ihn herum Kunstprojekte. Alles ist möglich. Von einem riesigen Tempel, der von jedem aufgesucht wird, der beschriftet wird mit Namen von und Grußbotschaften an Verstorbene und der am Ende auch abgefackelt wird. Bis hin zu einem Pier mit Meeresrauschen in den ausgetrockneten See.

Die eigens gegründete „Burning Man Foundation“ unterstützt zum Teil größere Kunstprojekte finanziell. Aus guten Grund, manche Kunstobjekte wiegen mehrere Tonnen und müssen mit Tiefladern hierher gekarrt werden. Dennoch tauchen Nacht für Nacht kleinere und auch größere Dinge auf. „Burners“, wie sich die Bewohner von Black Rock City nennen, bereiten sich fast das ganz Jahr über auf diese Woche vor.

Manche Kunst ist kreativ, arbeitet mit der Umgebung, fügt sich ein in die heiße und staubige Wüstenlandschaft. Bei manchem steht man davor und denkt sich, „Jaaaaa, ähm, was wollte uns der Künstler damit sagen?“ Dutzende und Dutzende von Kunstprojekten gibt es hier mit dem Fahrrad abzufahren. Alles soll möglichst interaktiv sein, der Betrachter soll Kunst erfühlen, erspüren, erfahren und erleben. Man wird eingeladen, darauf herum zu klettern, oder sich im Schatten auszuruhen. Kunst ist hier vergänglich, nur für eine Woche bleiben die Objekte hier. Danach werden sie abgebaut, verstaut oder wieder verwertet.

Doch Burning Man ist mehr, viel mehr. Hunderte von Themencamps gibt es und das gibt es wahrlich keine Grenzen. Radiostationen in Black Rock City, Weinbar, Brauerei, Massagecamps, Tanztempel. Schulungen aller Art werden angeboten, vom sicheren Fesseln bis hin zum T-Shirt bemalen. Am Eingang bekommt man ein gebundenes Buch in die Hand gedrückt mit einer Auflistung der Themencamps….und alles ist enthalten. Die Camps laden Besucher ein, einfach anzuhalten und vorbei zu schauen. Hier in Black Rock City zahlt man für nichts, hier teilt man, nimmt Teil am ganzen. Es gibt kostenloses Frühstück oder jemand steht am Straßenrand und besprüht Vorbeifahrende mit kühlem Wasser. Schenken und Teilen sind ein Grundsatz der „Burners“.

Burning Man ist laut, intensiv, man wird überschüttet mit Eindrücken und Erfahrungen. Und es gibt für jeden wohl diese persönlichen Burning Man Momente, die dieses Festival zu etwas ganz außergewöhnlichem werden lassen, was man nicht erklären kann. Für mich war es am Freitagmorgen. Ein Mann um die 70 hielt an meinem VW Bus an und fragte mich, ob einer meiner Camping Nachbarn die Trommelgruppe aus Austin sei. Ich verneinte und meinte, ich habe hier auch noch nie Trommeln gehört. Er hörte gleich meinen deutschen Akzent heraus und wir unterhielten uns über Deutschland. Er war dort in den 70er Jahren stationiert, begeistert von Land, Leute und Kultur. Er kaufte sich damals einen Porsche, genoß die Autobahn (als Deutscher in den USA muß man immer über Autos und Autobahn sprechen). Und dann meinte er, er sei damals in der Nähe von Frankfurt stationiert gewesen und was er wirklich am meisten vermisse, sei dieses tolle Bier, was er damals immer trank: Henninger. Ich grinste ihn an, öffnete meine Kühlbox und reichte ihm eine Dose Henninger. Er fiel fast aus allen Wolken, nicht nur, endlich wieder ein Henninger trinken zu können, sondern unter den 50.000 + Menschen hier im Wüstensand den gefunden zu haben, der ihm das anbieten kann.

Dieses Zusammenfinden von Menschen und Dingen und Erlebnissen….das ist Burning Man. Für eine Woche in der Wüste von Nevada.

In der Wüste brennt ein Mann

Heute Nacht geht es los. In aller Herrgottsfrühe aufstehen und dann über Reno in die Wüste von Nevada fahren. Seit Montag schon treffen sich dort in der „Black Rock Desert“ die „Burner“.

Jedes Jahr in der Woche vor dem „Labor Day“ wird hier das Burning Man Festival gefeiert, erlebt, durchlebt, zelebriert. Es ist wie eine Mischung aus Mad Max meets Love Parade. Schräg, schrill, einzigartig. Es geht um Kunst und Kultur, um Gemeinschaft und Sein.

Alles ist möglich. Alles kann sein. Man ist erstaunt und fasziniert, begeistert und nachdenklich. Man erlebt Grenzen und überschreitet diese auch. Kunst ist ein dehnbarer Begriff, der hier in der Wüste ganz neu definiert wird. Und auch die Menschen, die für eine Woche „Black Rock City“ erschaffen, sind ein besonderer Schlag Mensch. Ich bin gespannt, was mich dieses mal erwarten wird. Auch wenn ich dienstlich dort hin muß, manche „Jobs“ sind gar nicht so schlecht.

Wenn ich eine Internetverbindung irgendwo da draußen finde, werde ich mich reinmelden. Ein kleines Lebenszeichen aus der Wüste von Nevada nach Nürnberg.

„Burning Man“ – Wüstenerlebnis der anderen Art

BM16.jpg„Don’t drink and drive“ meinte der verstaubte Mitzwanziger am Eingang mit einem breiten Grinsen. Die Haare, das Gesicht und die Klamotten total weiss vom Sand. Dann ging es in das riesige Areal von Black Rock City, einem ausgetrockneten Seebett inmitten von Nevada. Für eine Woche wird Black Rock City die siebtgrösste Stadt im Bundesstaat sein. Fast 50.000 Menschen zieht es Jahr für Jahr hierher, um etwas zu erleben, was man kaum in Worte fassen kann. BM8.jpg

„Burning Man“ ist ein Festival der Andersartigkeit. Es geht um neue Formen des miteinander Lebens, es geht um Kunst, um Selbstdarstellung. Nichts muss, aber alles geht…alles ist denkbar. Wenn man nackig durch die Gegend laufen will, dann tut man das. Wenn man als rosa Häschen verkleidet durch den Sand hüpfen möchte, dann hält einen niemand und nichts zurück. Man findet wahrscheinlich sogar noch weitere Teilnehmer an dieser Bunny-Hüpf-Parade.

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„Burning Man“ wurde vor 22 Jahren in San Francisco gegründet. Irgendwann Anfang der 90er zog man in die Wüste an diesen Ort, der etwas Spirituelles hat. Es ist ein Kampf der Extreme. Die Hitze, der Sand….soweit das Auge reicht nur Sand. Umrandet ist das Seebett von einer Bergkette. Man muss alles mitbringen, es gibt nichts zu kaufen. Vom Wasser bis zum Essen, von Sonnencreme bis was man eben so braucht, alles muss eingepackt werden. Und das ist nur, wenn man als „Normalo“ dabei sein will. Die Kunstprojekte, Pyro-Shows, Tanztempel, ausgefallene Projekte, auch das muss alles rangekarrt werden. Es gibt keine Strom- und Wasserversorgung, daran muss man vorher denken. Und hier in Black Rock City teilt man, wird eingeladen, tauscht man, alles ohne Geld.BM6.jpg

An Duschen ist nicht zu denken, man versucht sich mit etwas Wasser zu reinigen, aber auch das wird nach ein paar Tagen müssig. Irgendwie wird man eins mit dem Sand und dem Staub, der überall ist….

Doch genug von dem harten Umfeld…“Burning Man“ ist ein Festival der Superlative…es ist wie eine Mischung aus „Mad Max Movie“, „Love Parade“ und einem schrillen Zirkus in der Nacht vor dem Weltuntergang. Gefeiert wird rund um die Uhr. Doch vor allem nachts ist es ein Erlebnis. Überall bunte Lichter, Light Shows, Pyro Performances. Ich musste ständig daran denken, wie passend es wäre, wenn Rammstein hier auf einem Tieflader abrocken und den Nachthimmel mit ihrer Flammenshow erhellen würden. BM23.jpg

Es hat etwas Surreales an sich, wenn man sich da mal inmitten der Nacht in die Mitte der Playa setzt. Über einem der klare Sternenhimmel und dazu die lauten, harten Beats der Musik. Lichter blinken, Flammen zucken. Immer mal wieder kommt ein skuriles Fahrzeug vorbei, von dem einem freundliche Menschen zuwinken. Eine Woche vorher war nichts hier, und in einer Woche wird nichts mehr von all dem da sein. Zum Beispiel der zehn Stockwerke hohe „Tower of Babel“, eine Stahlkonstruktion, von der man einen Wahnsinnsausblick hat. Oder der Tempel, der aus Recyclingmaterialien entstanden ist und am Ende abgefackelt wird. BM18.jpgOder die gewaltigen Technodome, die lautstark die „Burner“ beschallen. Oder die Bar in drei Meter Höhe, die man nur besuchen kann, wenn man auf Stelzen läuft.

Oder die Bowling Bahn „Dust Bowl“, oder das Audio-Projekt von zwei jungen Deutschen, die seit Jahren hierher kommen und einmal selbst mit einem Kunststück vor Ort sein wollten. Sie erklärten mir, ihre Idee war, etwas mit Sound zu machen…und es war klasse. Ein Experiment aus Frequenzen und Tönen, gespeist mit Solarenergie. Und mitten auf der Playa, hoch oben, der „Burning Man“, der am Ende in Flammen aufgehen wird. Von überallher ist er sichtbar, wacht über dem ganzen.BM1.jpg

„Burning Man“ ist ein Erlebnis der Sinne, unbeschreiblich und überwältigend. Die Eindrücke stürzen auf einen herab und egal wohin man sich dreht, es gibt immer neues zu sehen und zu erleben. Dort ein gespanntes Seil, über das man balancieren kann. Da drüben ein „Barbie Concentration Camp“ („We put the BARbie in BBQ“), bei dem rund eintausend Barbiepuppen in einen aufgestellten Ofen wandern. Und da hinten ein riesiges Stahlkonstrukt, eine Hand, die man mit der eigenen Hand bewegen kann. Es gibt viel ausgefallene Kunst, teils faszinierend, beeindruckend und wunderschön. Teils natürlich auch etwas zu ausgefallen für meinen Geschmack. Aber Kunst ist nicht alles, was „Burning Man“ ausmacht, ist vor allem das Miteinander.

BM19.jpgUnvergesslich der Moment an einer aufgestellten Bar, die ganz am Rande, fernab des Trubels aufgestellt war. Die Theke war leer, schien wie vergessen. Ein einmaliger und ungestörter Blick auf die Weite des Seebetts und die Berge drum herum. Ich setzte mich hin, so als ob ich einen Drink bestellen wollte, aber es war ja keiner da. Nicht weit davon entfernt stand ein Mann mit einer Frau, die einen Bollerwagen und darauf eine Kühlbox dabei hatten. „Willst Du einen Drink?“. „Klar, was gibt es denn“. Ich wollte nicht nach Tequila fragen, denn danach war mir gerade, aber wer hat schon Tequila hier in der Pampa….“Ich habe hier einen extraguten Tequila, wäre das was?“ Und er öffnete die Kühlbox, holte ein kleines Eichenfässchen heraus und kam zur Theke, schenkte mir ein Gläschen ein und wir tranken auf diesen ungewöhnlichen Moment. Man muss dazu sagen, er gehörte nicht zu diesem „Thekenprojekt“. Die beiden zogen einfach mit ihrem Bollerwagen durch die Gegend und luden Menschen zum Tequila trinken ein. Sie waren aus Manhattan Beach bei Los Angeles, das zehnte mal schon bei „Burning Man“ und genossen diese friedliche Umgebung. BM26.jpg

Solche Augenblicke sind „Burning Man“. Man bekommt überall ein Lächeln, nette Worte, hin und wieder auch Umarmungen….einfach so. Obwohl man hier in der prallen Hitze vom Staub umgeben ist, ständig Durst hat und schon nach kurzem alles andere als frisch wirkt, es ist ein einmaliges Erlebnis, das einen total ausfüllt. Klar, man freut sich auf der Nachhausefahrt auf eine Dusche, sein Bett, aber die Eindrücke kommen hoch, immer wieder…und auch hier, während ich das schreibe, ist es schwer, das Erlebte in Worte zu fassen, denn es passiert bei „Burning Man“ so viel auf ganz verschiedenen Ebenen.

BM9.jpgEs gibt noch so vieles darüber zu berichten….z.b. keine Firmenlogos oder Sponsoren sind erlaubt. Oder am Ende wird alles wieder aufgeräumt, keine einzige Zigarettenkippe bleibt zurück. Die Wüste wird danach wieder so leer sein wie vorher. Und auch, dass „Burning Man“ eine eigene Stiftung gegründet hat, mit der verschiedene Kunstprojekte finanziert und realisiert werden…Ich denke, ich werde nochmal drüber schreiben. Aber ich muss ja auch noch einen Radiobeitrag produzieren, den man hier hören kann. BM7.jpg