Unruhige Nacht in Nordkalifornien

Karte des U.S. Geological Survey.

Karte des U.S. Geological Survey.

3:20 Uhr. Mein Bett wackelt. Und nicht nur das, das ganze Haus wackelt. Ein paar Sekunden, dann ist der Spuk vorbei. Während es rumpelt, das Haus knarzt und der Erdboden sich bewegt, liegt man da und wartet. Rappelt es noch länger, soll man aufstehen, sich unter den Türrahmen stellen, kommt noch was? Dann ist es vorbei, man dreht sich wieder um, aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Ein Erdbeben mit Epicenter American Canyon bei Napa Valley. Es ist mit 6.0 das größte Beben seit 1989 und rüttelt Nordkalifornien wach. Strom- und Gasausfall in einigen Bereichen der Bay Area, gebrochene Wasserleitungen, Gebäude- und Straßenschäden.

Gebäudeschäden nach dem Beben in Napa.

Gebäudeschäden nach dem Beben in Napa.

Über Twitter werden die ersten Bilder verbreitet. Lyall Davenport aus Napa postet ein Bild eines demolierten Hauses. Mitarbeiter von Tankstellen senden Fotos von umgestürzten Regalen.

Das Beben führt einem mal wieder vor Augen, wo man eigentlich lebt und was hier passieren kann und passieren wird. „The Big One“ wird kommen. Experten gehen davon aus, dass in den nächsten 30 Jahren ein gewaltiges Beben Kalifornien erschüttern wird. Nur wann? Etwa eineinhalb Kilometer von mir entfernt liegt die Hayward Spalte, im Meer vor San Francisco die San Andreas Spalte. Hinzu kommen noch etliche kleinere „Earthquake Faults“. Jeden Tag wackelt hier die Erde, man spürt es nur nicht. Dieses Beben jedoch erinnert einen wieder daran, dass die Gefahr immer da ist.

 

Wenn die Erde bebt

Am dritten Jahrestag des Erdbebens von Japan wachsen in Kalifornien die Sorgenfalten. Sonntagabend war es mal wieder soweit. Um 22:18 bebte die Erde. Gemessen wurde ein Beben mit der Stärke 6,8. Ein guter Rüttler, doch das Epizentrum lag zum Glück rund 80 Kilometer vor der Küste von Eureka und etwa 16 Kilometer unter dem Meeresboden. Ein Ruck und danach eine etwa 30 Sekunden anhaltende Welle, das war es. Keine Schäden wurden vermeldet, lediglich ein paar Bücher und Krimskrams flog in Humboldt County hier und da von den Regalen. Danach kamen noch 20 kleinere Nachbeben in der Stärke von 3,5 und geringer.

Wer in Kalifornien lebt, lebt mit Erdbeben. Man spürt sie immer mal wieder und das zu den unpassendsten Zeiten. Man sitzt, man steht, man liegt, spürt den Rucker, spürt die Welle kommen und wartet…und wartet….kommt noch was. Nein, das wars, also ganz normal weiter.

Das Beben am Sonntag war kein außergewöhnliches. Seit 1980 wurden in der Gegend vor Eureka 10 „Earthquakes“in der 6er Stärke gemessen. In Gesamtkalifornien gab es im gleichen Zeitraum sieben Beben mit der Stärke 6,9. Wissenschaftler der USGS erklärten nun, dass die Wahrscheinlichkeit eines größeren Erdbebens in der Folgewoche um 5-10 Prozent gestiegen ist. Man sammelt Daten und Informationen, rechnet und kummelt da rum, aber genaueres weiß man bis heute nicht. Die Erde bebt in Kalifornien, wann sie will. Sie hält sich nicht an Kalendertage, Tageszeiten, Wetterbedingungen oder wie der Mond steht. Es ist passiert einfach. Das ist Normalität in Kalifornien.

Keine Panik, es kommt nur „etwas“ Strahlung

Am 11. März 2011 bebte vor Japan die Erde. Das Ergebnis ist bekannt, die Nuklerakatastrophe von Fukushima ist nach Tschernobyl die bislang größte. Nicht alleine das 9.0 Beben war ein Schocker, vor allem der anschließende Tsunami hob alles in seinem Weg aus den Angeln und setze das Atomkraftwerk und all seine Sicherheitsvorrichtungen unter Wasser. Das gesamte Ausmaß des Super GAUs ist noch lange nicht bekannt.

Vor einem Jahr trieben erste Boote, Holzlatten, Türen und allerlei Kram vor der amerikanischen Westküste. Schnell erkannte man, dass das nicht einfach Müll war, sondern dass diese Dinge vom Tsunami vor Japan ins Meer gerissen wurden. Ein Jahr trieben sie westwärts, um dann an Stränden in Kalifornien, Oregon und Washington State angespült zu werden.

Und nun heißt es, auch die Strahlung aus dem AKW Fukushima erreiche so langsam die Küste der USA. Aber man solle sich nicht aufregen oder sorgen, die Strahlung sei „niedrig“. Keine Gefahr für Mensch und Umwelt. Das zumindest sagen Wissenschaftler, die aber im nächsten Satz erwähnen, dass sie eigentlich kein Geld für Wassertests haben. Washington zumindest stellt keine Finanzen für zusätliche Untersuchungen in den verschiedenen Küstenregionen bereit. Ist ja alles nicht so schlimm, die Strahlung wird durch das Salzwasser und die große Entfernung bestimmt toootal verdünnt an „Baker Beach“, „Ocean Beach“, „Stinson Beach“ oder „Point Reyes“ ankommen. Keine Gefahr. Das sagten sie ja damals 1986 auch, als die Brennstäbe in Tschernobyl an zu dampfen fingen. Nur Pilze sollte man nicht essen. Und auch keine Waldbeeren. Frischmilch wäre gerade auch nicht so gut. Ach ja, die Kinder sollten auch nicht im Sandkasten spielen, bis der Sand ausgewechselt wird. Das bißchen Strahlung ist doch nicht so schlimm. Alles klar auf der Andrea Doria.

Montagmorgen in San Francisco

Und die Erde bebt. Um 5:33 Uhr gibt es zwei kräftige Rüttler. Ich sitze schon am Schreibtisch, der Jetlag treibt mich aus dem Bett. Von Nordwesten kam die Welle. Das Fundament des Hauses wird durchgeschüttelt, die Holzwände knarzen. Kurze Pause, dann der zweite Rüttler, etwas stärker. Man sitzt da und überlegt sich, ob noch was kommt. Ganz viel geht einem in so einem Moment durch den Kopf. Was ist zu tun, wenn es „The Big One“ ist?

War es aber nicht, nur 4.0, also keine Panik, ganz ruhig das weitermachen, was man vorher getan hat. Ein ganz normaler Montagmorgen in Nordkalifornien.

Es rappelt im Karton

In der San Francisco Bay Area wird man langsam nervös. Dass ein großes Erdbeben kommen wird, ist jedem klar, auch wenn das im Bewußtsein ganz weit nach hinten geschoben wurde. Wer hier lebt, lebt mit den „Earthquakes“. Erdstöße gibt es eigentlich  jeden Tag, nur die meisten spürt man nicht. Doch seit einer Woche wird man wieder verstärkt daran erinnert, wo man lebt. Gleich zwei Erdbeben gab es am letzten Donnerstag, 4,0 und 3,8 auf der Richterskala. Heute morgen um kurz nach halb sechs erneut ein heftiger Rappler mit der Stärke 3,6. Die Hayward Spalte, die unterhalb von Oakland und Berkeley liegt, knapp einen Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt, ist in diesen Tagen mehr als aktiv. Mein Haus liegt auf Fels, was bedeutet, man merkt bei einem Erdstoß keine Welle ankommen, sondern erlebt einen kräftigen Rüttler. Da fliegen dann schon mal Bücher aus dem Regal und das gesamte Gebäude wird durchgeschüttelt. Man wartet kurz, ob noch was kommt und macht dann mit dem weiter, was man gerade gemacht hat. Heute morgen eben schlafen, umdrehen und nochmal eindösen. „The big one“ kommt, das ist klar, nur eben wann?

Erdbeben auf breiter Flur

Gestern Nacht und heute Morgen bebte die Erde in der San Francisco Bay Area. Zwei kräftige Schüttler, etwas über 3 auf der Richterskala. Nach Colorado und Washington DC war man nun auch wieder in Kalifornien vorgewarnt, dass „The Big One“ bevorsteht. Wann und wo genau weiß keiner, aber dass es kommt ist klar.

Und dann am Mittag gab es ein anderes Beben, das weitreichende Folgen haben könnte. Steve Jobs, der Kopf hinter dem Erfolg des Apple Konzerns, nahm seinen Hut als CEO der Firma. Fortan wird er „nur“ noch als Vorsitzender des Aufsichtsrats auftreten. Sein Nachfolger im Chefsessel wird Tim Cook, der seit 13 Jahren bei Apple ist und bislang für den weltweiten Verkauf und den täglichen reibungslosen Ablauf des Unternehmens verantwortlich war. Jobs selbst hat in seinem Rücktrittsschreiben seinen Nachfolger vorgeschlagen. Die Aktie von Apple stürzte erst leicht ab, erholte sich dann aber kurz vor Börsenschluß. Unklar ist noch, wie sich diese Veränderung in der Führungsriege des Unternehmens langfristig auf die Produkte und den Aktienwert von Apple auswirken wird. Steve Jobs ist sowohl der Retter der Firma, die ihn Mitte der 90er Jahre zurück holte, wie auch der kreative Kopf hinter den Produkten wie iPhone, iPod und iPad.

Washington rappelt

Ungewöhnlich und ein Schocker für die Ostküste. Um 13:51 Uhr Ortszeit bebte die Erde unweit der Hauptstadt Washington DC. Der Erdstoß wurde sogar in New York City gefühlt. Die Flughäfen der Region wurden geschlossen, das Pentagon und viele öffentliche Einrichtungen wurden geräumt.

Die amerikanische Ostküste erlebt immer wieder kleinere Erdstöße, aber keinen in dieser Größe von 5.9 auf der Richterskala. Im Vergleich zu Kalifornien oder Alaska ist auch niemand im Osten des Landes auf Erdbeben vorbereitet. Zur Zeit des Bebens war gerade eine Pressekonferenz im Pentagon im Gange. Einige ältere Reporter erinnerten sich bei dem Stoß an den 11.9.2001. Es war nicht das erste Beben in dieser Woche in den USA, bereits gestern rappelte die Erde in Colorado und New Mexico.

Auch die Medien berichteten sofort über das „Earthquake“ und stellten gleich die Verbindung mit 9/11 her. Ich hoffe nur, dass nun keiner auf die Idee kommt, Obama auch dafür verantwortlich zu machen. Er ist im Urlaub und überläßt die Amerikaner hilflos der kontinentalen Plattentektonik.

Atomkraft Ja, Bitte!

Die Atomstromdiskussion, die es in Deutschland gibt, geht den Amerikanern am Allerwertesten vorbei. Aus allen politischen Lagern ist zu hören, dass die Nuklearenergiegewinnung ein wichtiger Teil für das Energiekonzept Amerikas ist und bleiben wird. Ausserdem, so wird immer wieder betont, seien die US Kraftwerke sicher.

Doch auch hier gibt es Pannen. Im Erdbebengebiet Kalifornien stehen gleich mehrere Atomkraftwerke, direkt am Pazifikstrand. 1968 wurde mit dem Bau des Kraftwerks Diablo Canyon, unweit von San Luis Obispo, begonnen. Der Standort wurde für sicher befunden. 1973, kurz nach Fertigstellung, entdeckte man eine neue Erdspalte nur wenige Meilen von Diablo Canyon entfernt. Daraufhin unternahm man zusätzliche Baumaßnahmen, um das Kraftwerk vor Erdbeben bis zur Stärke von 7,5 auf der Richterskala zu schützen.

Aber von sicher kann man auch hier nicht sprechen. Erst 2009 mußte man eingestehen, dass Techniker bei Reparaturabeiten Ventile verschlossen hatten, die im Falle einer Reaktorüberhitzung sich nicht hätten öffnen lassen. Heraus kam diese Panne nach 18 (!) Monaten, als bei Routinetests der Fehler im System entdeckt wurde. Der Betreiber PG&E erklärte später, das Problem sei eigentlich keines gewesen, denn die Ingenieure hätten im Ernstfall die Ventile auch noch manuell öffnen können. Beruhigend, noch bis 2025 soll Diablo Canyon am Netz bleiben.

Wo ist Waldobama?

MIA…Missing In Action. Barack Obama ist derzeit überall und nirgends. Man sieht ihn, man hört ihn, aber eigentlich nicht da und für was er eigentlich gewählt wurde. Obama beim Golfspielen, Obama bei netten Empfängen und am Donnerstag steht der St. Patrick’s Day an, also auch da wird gefeiert. Etwas unpassend war auch am Samstag seine „Weekly Radio Address“, die wöchentliche Radioansprache des Präsidenten. Sie drehte sich, nein, nicht um die Katastrophe in Japan, sondern um den Weltfrauentag….wichtig, aber wirklich so wichtig einen Tag nach dem verheerenden Erdbeben in Japan und dem brutalen Vorgehen von Gaddafis Truppen in Libyen in der vergangenen Woche?

Nicht nur die Republikaner werfen Barack Obama mittlerweile vor, dass er auf die dringenden Probleme keine Antworten hat und sie wohl lieber aussitzen möchte. Vom Weißen Haus hatte man eine klare Haltung bezüglich der Situation in Nordafrika und im Nahen Osten erwartet. Fehlanzeige! Das Erdbeben, der Tsunami und nun die Gefahr eines Super-Gau…auch hier ist Obama auffallend unauffällig. Vielleicht meint der „leader of the free world“, dass, wenn er eher abtaucht ihm niemand Fehlverhalten vorwerfen kann. Ich weiß, vieles geschieht ja in geheimen Gesprächen, in Hinterzimmern und durch diplomatische Kanäle. Aber so abwesend war schon lange kein amerikanischer Präsident mehr vom Tagesgeschehen, wie derzeit Obama. Zumindest nicht seit George W. Bush. Doch auch der lernte sehr schnell, dass Fernsehbilder von seinen entspannten Aufenthalten auf seiner Ranch in Texas nicht so gut beim Volk ankommen, während im Irak und in Afghanistan junge Soldaten verheizt werden.

Also, wo ist Obama?

Könnte es hier passieren?

In den USA stehen 104 Atomkraftwerke. Alle wurden 1974 oder davor gebaut. Ein paar neue sollen dazu kommen, doch fraglich ist, ob das nun durchgesetzt werden kann. Republikaner und Demokraten sind sich eigentlich einig darüber, dass die Atomkraft ein Teil der alternativen Energiegewinnung ist und auf die langfristig gebaut werden sollte. Die GOP fordert schon lange, den Weg für neue Bauprojekte freizumachen, und auch Präsident Obama sieht die Nukleartechnik als zukunftsweisend.

Der deutsche Botschafter in Washington, Klaus Scharioth, widersprach dem letzte Woche bei einem Vortrag in San Francisco. Scharioth meinte, in Deutschland setze man auf regenerierbare Quellen, Solar, Wind und Biomasse. Die Energiegewinnung aus der Atomkraft sei in Deutschland langfristig nicht zu halten. Ein paar Tage später, werden die Gäste des Vortrags an die Worte des deutschen Diplomaten gedacht haben. Die Katastrophe in Japan hat die ganze Diskussion über das für und wider der Atomkraft neu angeheizt. Ist die Technik beherrschbar, können Kraftwerke sicher sein?

Amerikanische Patrioten erklären, die US Technik sei die beste der Welt. Und es gäbe keine absolute Sicherheit. Das ist nicht gerade beruhigend, Japan ist auch kein Entwicklungsland in Sachen Technik. Hinzu kommen die Standorte der Atomkraftwerke in den USA. Auf dem Photo sieht man das Kraftwerk in San Onofre, südlich von Los Angeles, direkt am Pazifikstrand gelegen. Erdbeben und auch Tsunami Wellen sind hier mehr als denkbar. Bei einem Unfall wären Millionen von Menschen von Los Angeles bis San Diego betroffen.

Die Atom-Lobby in den USA hat nach dem Wochenende einen sehr schwierigen Stand, die Öffentlichkeit für neue Kraftwerke zu begeistern, ja, die bestehenden AKWs am Netz zu halten. Doch was in den USA leider fehlt, ist eine breite Diskussion über Energiesparmaßnahmen. Man kann nur hoffen, dass nun ein längst fälliges Umdenken auch hier stattfindet und man nicht länger auf Sprechblasentrommler wie Sarah Palin hört, die nach „Drill, Baby, Drill“ und Atomkraft schreien.