AMERICA FIRST….who cares about Africa

Südsudan, Nigeria, Jemen und Somalia. Vier Länder, in denen eine gewaltige Hungerkatastrophe droht. Betroffen wären etwa 20 Millionen Menschen. In drei der Länder sind für den Hunger vor allem Krieg und Terror verantwortlich. Am Horn von Afrika, in Somalia, hier vor allem in der unabhängigen Republik Somaliland und der semi-unabhängigen Republik Puntland, regnete es schon seit zwei Jahren nicht mehr. Die Felder verdorren, Ziegen und selbst Kamele verenden elendlich. Sie finden kaum noch Nahrung und kein Wasser mehr.

„America First“. Während die Welt gebannt nach Washington blickt und jedes Tweet von Präsident Donald Trump ausführlich debattiert, sterben in den drei afrikanischen Ländern und Jemen die Menschen. Der neue Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat für diese Länder ganz offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Es müsse umgehend gehandelt werden, so Guterres. Bis Ende März brauche die UN für Hilfsprogramme 5,6 Milliarden Dollar. Bislang stehen gerade mal zwei Prozent davon zur Verfügung. Der Leiter des „World Food Programs“, Arif Husain, erklärte: „Wenn man eine Hungersnot ausruft, dann sind schon schlimme Dinge passiert. Menschen sind schon gestorben.“

Bilder, die wir sehen sollten: Foto: Reuters.

Ein „Famine“, eine Hungersnot, wird nicht einfach so erklärt. Drei Fakten müssen zusammen kommen: wenn einer von fünf Haushalten in einer spezifischen Region unter extremer Nahrungsknappheit leidet. Wenn mehr als 30 Prozent der Bevölkerung unter akuter Unterernährung leiden. Wenn mindestens zwei Menschen von 10.000 pro Tag an den Folgen von Unterernährung sterben.

Und die USA unter Präsident Trump äußert sich bislang dazu nicht. Amerika ist der größte Geldgeber der Vereinten Nationen, doch Trump machte im Wahlkampf mehrmals deutlich, dass sich das ändern werde, wenn er ersteinmal im Weißen Haus sitzt. Bei der Übergabe im Außenministerium erklärten denn auch die Trump-Leute, dass nun ein neuer Wind auf der internationalen Bühne wehen wird. Fragen zu Afrika kamen, doch es waren Fragen wie, was bestimmte Einsätze, wie die Anti-Terror Aktionen gegen die Al-Shabaab Milizen in Somalia und die Jagd auf Joseph Kony in Uganda und Kongo mit den USA zu tun hätten. Alle amerikanischen Ausgaben, darunter auch die Finanzierung wichtiger Hilfsprojekte in Afrika, werden ab sofort auf den Prüfstand gestellt. „America First“. Was auch von den Leuten im „State Department“ gefragt wurde, gibt den Ton der Trump-Regierung weltweit vor: „Wie konkurrieren U.S. Unternehmen mit anderen Nationen in Afrika? Verlieren wir gegen die Chinesen?“

Es geht um Business, um Gewinne, um Absatzmärkte. Gelder für Hilfs- und Notprogramme bringen keinem Amerikaner etwas. Wichtig sind Jobs im eigenen Land, damit gewinnt man Wahlen. Verhungernde Menschen in Ländern, die sowieso kein Amerikaner besucht, interessieren da wenig. Sogar Gesundheitskrisen, wie der Ebola Ausbruch in Guinea, Sierra Leone und Liberia, werden unter Trump neu bewertet. Nicht die Frage wurde gestellt, was vor Ort zu tun sei, um so eine Katastrophe mit 10.000 Toten in Zukunft zu verhindern, sondern: „Wie können wir verhindern, dass der nächste Ebolaausbruch nicht die U.S. trifft? „America First“…doch das ist nicht mein Amerika!

 

 

 

 

„Mein Kind hat Fieber“

22 Betten in einem Saal, die Fenster sind geöffnet, um etwas Luft in den warmen Raum zu lassen. Einige Babies schreien, Frauen liegen auf den Matratzen, dösen vor sich hin. Ein paar beobachten die Weißen, die sich die Gesundheitsstation ansehen. Ein weiterer Morgen im südlichen Niger, Bezirk Maradi. Nach 45 Minuten Autofahrt über eine Holperstraße kommen wir in Madarounfa an, diesmal begleitet von einem Pickup mit Soldaten.

Im Büro des Krankenhausleiters erhalten wir die Zahlen, die die Krise ausdrücken. In der 41. Woche des Jahres 2016 sind 283 Kleinkinder mit moderater und 307 mit schwerer Unterernährung eingeliefert worden. Sieben Babies starben. Im gleichen Zeitraum vor einem Jahr wurden 197 Kinder mit moderater und 632 mit schwerer Unterernährung behandelt, 12 starben an den Folgen des Hungers. Diese traurigen Zahlen zeigen dennoch auf, dass der Kampf gegen die Unterernährung Erfolg hat.

Eine Mutter sagt, ihr Kind habe Fieber, deshalb sei sie hier. Eine andere meint, sie sei schon einmal hier gewesen. Beide halten Kleinkinder im Arm, die viel jünger aussehen, als sie sind. Die Unterernährung führt zur Unterentwicklung. Ich stehe in diesem Saal und nehme auf. Als Radiojournalist macht man das, still dastehen für mehrere Minuten und die Töne aufnehmen, die man um sich herum hört. In diesem Fall ein Saal mit Betten, auf denen Frauen sitzen, liegen, dösen, Kinder mit großen Augen umher blicken, schlafen, schreien. Und in so einem Moment frage ich mich schon, was ich hier eigentlich mache, wer das eigentlich lesen und hören will, was hier im südlichen Niger passiert?

Hirse, Wasser, Milch, Erdnußöl ergeben den Brei für Kinder.

Hirse, Wasser, Milch, Erdnußöl ergeben den Brei für Kinder.

Die Fahrt geht weiter in ein Dorf, in dem CARE an der Wurzel des Hungerelends arbeitet. Ein Projekt mit dem Namen „Mütter des Lichts“. Im Dorf wurden Helfer angelernt, die regelmäßig Familien mit Kleinkindern aufsuchen, über Gesundheits- und Hygienefragen sprechen und vor allem die Kleinsten in der Familie „vermessen“. Also den Umfang der Arme mit einer dreifarbigen Schablone abmessen. Grün, Gelb, Rot sind die Farben und jeder weiß, für was sie stehen. Bei Gelb werden die Kleinen an die Gruppe der „Mütter des Lichts“ im Dorf verwiesen. 15 Tage lang kommt die Mutter dann mit ihrem Kind zu den täglichen Treffen. Dort tauscht man sich über Ernährung aus, wird geschult, die Kinder gewogen und der Armumfang gemessen und vor allem gemeinsam gegessen. Ein Brei aus Hirse, Milch, Erdnussöl und Wasser wird zusammen gerührt. Viele der Kinder sind gerade deshalb unterernährt, weil sie nur die Hirse bekommen. Doch das langt nicht, Mangelerscheinungen und Unterernährung sind die Folgen.

Genau da wird angesetzt, Aufklärung und Bildung über die richtige Ernährung. Und wenn das Kind nach 15 Tagen nicht zugenommen hat oder in den roten Bereich abrutscht, wird es in eines der 22 Gesundheitszentren im Bezirk oder direkt in das Krankenhaus nach Madarounfa geschickt.

Es ist ein scheinbar einfaches Projekt, das jedoch erfolgreich ist, gerade, weil es sich unproblematisch und direkt an die Mütter wendet, den Kleinkindern sofort hilft und vor allem Präventionsmaßnahmen gegen die Unterernährung vermittelt. Derzeit ist man jedoch nur in 31 Dörfern aktiv, eine Ausweitung wäre nötig, um besser flächendeckend arbeiten zu können. Doch dafür fehlen die Mittel. CARE hat mit Spenden die Infrastruktur für die 22 Zentren aufgebaut, ist mit einer Partnerorganisation in den Dörfern aktiv, die die „Mütter des Lichts“ geschult haben. Aber es sind nur 31 Dörfer in einem Bezirk, in dem es mehrere Hundert Dörfer gibt. Es kann etwas getan werden, ganz einfach, ganz direkt…

„Wir haben nicht genug zum Essen“

Was sagt man da, wenn man so etwas hört? „Wir haben nicht genug zum Essen“. Die Ernte war schlecht, wiedereinmal. Vor 20 Jahren gab ein Hektar Land in dieser Region im südlichen Niger noch 100 Büschel Hirse her, heute sind es gerade noch 30 Büschel. Der Regen kommt immer seltener und wenn, dann ist es zu wenig.

Ein Hirsefeld im Süden des Niger.

Ein Hirsefeld im Süden des Niger.

Doch viele, mit denen man hier spricht, sind davon überzeugt, dass man diese und zukünftige Krisen meistern kann. Es geht um Anpassung, um Umstellen, um neue Ideen verwirklichen, um Bildung. Die traditionelle Art der Landwirtschaft erreicht ihre Grenzen, die Erträge reichen nicht aus, um die Familien in den Dörfern zu ernähren. Diese Gegend um Maradi im Süden des Niger ist eine der großen Problemregionen. Hier ist die Kindersterblichkeit hoch, so hoch, wie nirgends sonst. Das ist statistisch betrachtet die bittere Realität. Trockene Zahlen drücken das Ausmaß der Krise aus. Kinder sind unterernährt oder sterben an den Folgen der falschen Ernährung. Und es ist nicht so, dass man hier in den Dörfern die große Wahl hat, was es zum Essen gibt. Meist ist es ein Brei aus gestampfter Hirse und Ziegenmilch, wenn überhaupt. Und wenn die Ernte nicht genügt… ein Kreislauf mit unvorstellbaren Folgen.

CARE unterstützt in einigen dieser Dörfer verschiedene Projekte, man arbeitet hier mit lokalen Organisationen zusammen. Eines dieser Projekte ist die Datensammlung. Mitten auf einem sandigen Feld, gleich neben dem Schulraum steht ein Metallpfosten, oben angebracht ein Gefäß, in dem der Niederschlag gesammelt und gemessen wird. Der Regenmann ist ein großer, hagerer Mann, er lacht verlegen während des Gesprächs, so, als ob er nicht weiß, wie er meine wohl naiven Fragen beantworten soll. Um uns herum eine Gruppe von Männern, die interessiert zuhören. Der Regenmann heißt Ibrahim und erzählt, dass er über jeden Tropfen der vom Himmel fällt Buch führt. Von der Menge des Regens hängt es ab, ob und was die Farmer im Dort aussäen. Anpassung heißt das. Anpassung an die erschwerten Bedinungen zu überleben.

So werden die NIederschlagsdaten gesammelt.

So werden die NIederschlagsdaten gesammelt.

Die Daten werden gesammelt und weitergereicht. Solche Messstellen gibt es nun mehrere, damit vergleicht man auch die Situation vor Ort mit den allgemeinen Messungen im Niger und West-Afrika. Hier in diesem Dorf arbeitet CARE an der Umstellung der Landwirtschaft, dem Schulen der Frauen und Männer. Es geht um anderes Saatgut, Weideplätze, die Bodennutzung. Anpassung ist ein Wort, das immer wieder fällt. Anpassung an den Klimawandel erzählt mir eine Bäuerin und ich muß dabei an die politische Debatte in den USA denken, wo nach wie vor viele, darunter auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump, den Klimawandel anzweifeln. Im US Kongress werden Gelder für Forschung und Hilfsprojekte blockiert, weil alles ein „Klimaschwindel“ sei und man diesem Betrug nicht aufsitzen wolle. Das sollten sie dem Regenmann Ibrahim erzählen, der in seinem Buch nicht viel zu schreiben hat.

Was in den vielen Gesprächen in den Dörfern immer wieder auffällt ist die Zuversicht der Menschen. Der Klimawandel sei eine große Herausforderung, die jedoch angenommen wird. Eine ältere Frau in einem buten Kleid sagt lachend auf Hausa, sie seien Bauern und werden das auch bleiben. Und auch das ist bemerkenswert in diesem Land. Es will keiner weg. Auch wenn der Niger als Durchgangsland für viele Flüchtlinge aus West-Afrika zählt, Agadez der letzte Halt vor der großen Wüste ist, die Menschen im Niger bleiben. Sie wollen nicht weg, sind verbunden mit ihren Dörfern, mit dem Boden, mit ihrer Kultur. Das sollte man hören und sehen und vor allem unterstützen.

Im Endloslager

Bohnen zum Mittag. Im Kreis sitzen sie um den großen Teller.

Bohnen zum Mittag. Im Kreis sitzen sie um den großen Teller.

Heute ging es in das Flüchtlingslager Dosseye. Zuvor meldeten wir uns noch bei der Präfektur an, muß man, wenn man hier ist. Die Nacht über hatte es heftigst geregnet, ich dachte schon das Dach fliegt vom Gästehaus. 30 Kilometer über eine rotfarbene Matschstraße lagen vor uns. Am Flüchtlingslager angekommen ging es zuerst in eine Einrichtung für Kleinkinder, eine Art Vorschule. Die Kinder lernen hier das ABC, singen, spielen und erhalten eine Mahlzeit. Und gerade die überzeugt die Eltern, ihre Kinder auch wirklich hierher zu bringen.

Anschließend sprachen wir mit einer 17jährigen, die in Bangui ihre gesamte Familie verlor. Sie war zum Brot kaufen gegangen, als sie zurück kam, hatten die Anti-Balaka ihre Geschwister und Eltern umgebracht, das Haus zerstört. Sie flüchtete sich in die Moschee und wurde von dort in den Tschad gebracht.

Einen 70jährigen Mann besuchten wir in seinem kleinen Haus. Mit einem kleinen Betrag hat er ein Geschäft aufgebaut und konnte so einfache Verbesserungen an seinem Haus fertigstellen. Er lebt schon seit Jahren im Lager, doch möchte unbedingt zurück in die Zentralafrikanische Republik. Wann, das sei ihm egal, auch wenn er 20 Jahre warten müßte. Hier sind viele heimisch geworden, die die Flucht in den südlichen Tschad nur als vorübergehend ansahen. Doch aus Tagen und Wochen wurden Monate und Jahre.

Nur einen Steinwurf von seinem Haus entfernt ist das Gebäude einer Frauengruppe. Hier wird genäht und gestrickt. Gerne würde man das kleine Projekt zu einem Business ausbauen, meinten die Frauen, doch es fehlt an Geld für ein paar Nähmaschinen mit Fußpedal und Stoff. Kleinstbeträge, die hier die Welt bedeuten.

Ein Chor und eine Art tschadischer "Chicken Dance" am Brunnen.

Ein Chor und eine Art tschadischer „Chicken Dance“ am Brunnen.

Care ist im Lager sehr im Bereich der Wasserversorgung aktiv. 42 Brunnen wurden angelegt, bis zu 60 Meter tief gebohrt, Abflußrinnen gelegt und die Pumpen mit Zement umfaßt, damit die Sauberkeit garantiert werden kann. Als wir zu einer dieser Pumpen kamen, wurden wir schon von einem Chor und den Betreuern des Brunnens erwartet. Es wird versucht, lokale Mitarbeiter zu schulen und so die Instandhaltung vor Ort zu garantieren. Ein scheinbar einfaches Projekt, ein Brunnen, hier im Tschad ist der Zugang zu sauberem Wasser allerdings nicht selbstverständlich. Die Bevölkerung weiß das zu schätzen.

Morgen geht es weiter mit Besuchen, Interviews und Unmengen an Eindrücken, die ganz langsam sacken und die ich jetzt noch gar nicht in Worte fassen kann.

Im Tschad sind die Borussen Fans

Mit der Flugbereitschaft der UN in den Süden des Tschad.

Mit der Flugbereitschaft der UN in den Süden des Tschad.

Sechs Uhr aufstehen, es geht ins „Feld“. Nicht auf den Acker, ins Feld bedeutet zu den Einsatzorten von Care. Mit der Flugbereitschaft der UN, unterstützt u.a. auch von der Bundesregierung, fliegen wir nach Moundou. Unter uns der Tschad, flach und grün, immer mal wieder kleine Dörfer und einzelne Häuser. Es ist drückend heiß. Am Flughafen warten schon zwei SUVs der Organisation auf uns. Nach einer Fahrt durch die Stadt halten wir an einem nobleren Hotel. Hier sollen wir warten. Die lokalen Care Mitarbeiter müssen noch einiges für ihren Außenposten einkaufen.

Nach fast drei Stunden geht es weiter, die beiden Wagen sind vollbepackt. Die geteerte Straße wandelt sich schon bald zu einer Huppelpiste. Ich sitze mit den beiden anderen Besuchern hinten im Wagen. Die Sicherheitsvorkehrungen schreiben das vor. Westliche Besucher sollen so wenig wie möglich gesehen werden, denn jüngst wurden Fahrzeuge der UN gewaltsam gestoppt und entführt. Ohne Personen, na immerhin. Der vordere Wagen ist mit unserem SUV per Funk verbunden und gibt jedesmal durch, wenn uns ein Auto, ein Bus oder ein Motorrad entgegenkommt. Sicher ist sicher.

Drei Stunden dauert die Fahrt von Moundou nach Gore. Der Südtschad ist grün, die rote Sandstraße geht fast schnurgeradeaus Richtung Süden. Immer mal wieder ein paar kleine Dörfer. Kühe, Schafe und Ziegen weiden am Straßenrand. Ein paar ausgezehrte Hunde rennen über die Fahrbahn. Ich muß sagen, im Tschad scheint es viele Borussia Dortmund Fans zu geben. Die Trikots der Borussen sind weit verbreitet in dieser Gegend.

In Gore liegt eines der Compounds von Care, unweit der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Von hier werden wir in den nächsten paar Tagen in verschiedene Lager aufbrechen. Ansiedlungen für Rückkehrer und Camps für Flüchtlinge aus CAR. Die Care Besucher sind im eigenen Gästehaus untergebracht. Es ist ruhig, kein Verkehrslärm, ein Hund bellt, ein Hahn kräht, Vogelgeschrei. Ein dicker schwarzer Käfer wackelt vorbei und verschwindet in einem Loch. Noch immer ist es drückend warm, Zeit für ein kühles Bier. Ja, auch das gibt es hier.

Hunger in der Hauptstadt

Ein Gesundheitszentrum für unterernährte Kinder in N'Djamena.

Ein Gesundheitszentrum für unterernährte Kinder in N’Djamena.

Vor kurzem habe ich das Buch „Tschad – Land ohne Hoffnung“ gelesen, die Erzählung eines Missionarsehepaars. Land ohne Hoffnung, eine Frage, die eigentlich schon die Antwort birgt. Das Ehepaar kam in den 50er Jahren in den Tschad und blieb fast 30 Jahre. Am Ende zweifelten sie an ihrem Lebenswerk.

Ich bin erst ein paar Tage in N’Djamena, doch Gespräch nach Gespräch wird deutlich, die Lage hier ist dramatisch. Der Tschad liegt in einer Region, die schon bald explodieren könnte. Lager für Flüchtlinge im Süden, Osten und Westen des Landes, dazu die vielen „Rückkehrer“, ehemalige Tschadbürger, die aus der Zentralafrikanischen Republik geflohen sind, stellen den Tschad vor eine riesige logistische, soziale und finanzielle Probe. Hinzu kommen die „normalen“ Probleme, wie die Ausbreitung der Wüste, die Versteppung einst fruchtbaren Bodens. Das Militär ist aufgerüstet, rund 23 Prozent des Staatshaushalts gehen in die Rüstung. Weite Teile der Grenzen zu den Nachbarländern sind abgeriegelt.

Heute besuchte ich eine Gesundheitsklinik, in der unterernährte Kinder behandelt und betreut werden. Für viele kommt die Behandlung zu spät, ausgemergelt, nur noch Knochen und Haut, sie sterben in der Hauptstadt an Unterernährung. Die Mitarbeiter bemühen sich um jedes Kind, die schlimmsten Fälle werden gleich auf die Intensivstation gebracht, die alles andere wie eine Intensivstation in deutschen Kliniken aussieht. Ganz schlicht und einfach, ohne viele Maschinen. Die Zahlen sind höher, als sie von der Regierung und selbst Hilfsorganisationen geschätzt wurden. Eine Mischung aus hohen Lebensmittelpreisen, fehlender Hygiene und mangelnder Kenntnis führen zu einer katastrophalen Lage in N’Djamena und im Rest des Landes. Und die Aussichten auf Besserung sind nicht gegeben. Ganz im Gegenteil, die Regierung würde dieses Problem gerne unterdrücken. Verhungernde Kinder in den Straßen sind kein gutes Selbstbildnis.

Der Tschad ist ein Land in der Dauerkrise. Ein Land, dass von der internationalen Gemeinschaft vergessen wurde. Nur 19 Prozent der benötigten finanziellen Mittel kommen an. Eigentlich brennt es an allen Ecken. Terrorgefahr an den Grenzen, Umweltzerstörung, Ausbreitung der Wüste, Armut, Elend, Not. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Land ohne Hoffnung? Land ohne Hoffnung!

Die Armut steigt

Die San Francisco Bay Area ist eine teure Gegend. Mieten und Immobilienpreise sind überhöht und auch die Lebenshaltungskosten sind extrem hoch. Hier gibt es die Superreichen, Millionäre sind keine Seltenheit. Und doch, in dieser Weihnachtszeit wird sich jeder zehnte Haushalt in der Gegend an eine „Food Bank“ wenden, um Nahrungsspenden zu erhalten. Das sind 40-45 Prozent mehr Anfragen als noch vor drei Jahren.

Erschreckend ist vor allem, dass mittlerweile nicht nur Alte und Behinderte auf die Unterstützung angewiesen sind, immer mehr Leute nutzen das Angebot der gemeinnützigen Organisationen, die noch vor ein, zwei Jahren einen gut bezahlten und festen Job hatten. Die Arbeitslosigkeit und Kürzungen bei der Arbeitnehmerschaft haben in der Bay Area voll zugeschlagen.

Das Problem für die „Speisekammern“ ist auch, dass die öffentlichen Gelder aus Washington vom Kongress drastisch gekürzt wurden und viele Firmen weniger finanzielle Unterstützung leisten können. Mehr Nachfrage und ein kleineres Budget machen das Helfen nicht einfacher. Für die Mitarbeiter der „Food Banks“ ist klar, dass das Problem der Armut längst in der früheren Mitteschicht angekommen ist. „Wenn es einen Notfall gibt, ruft man 911. Wenn man nichts zu essen hat, ruft man uns an“, meint ein Mitarbeiter und fügt hinzu, dass es schon sehr viel Kraft und Überwindung koste, sich in einer Warteschlange für die Lebensmittelausgabe anzustellen. „Es ist einfach nur schockierend das mit ansehen zu müssen.“

Die Bären sind los

Klare Worte der Wissenschaflter und Park Ranger. Wer im Herbst in den Yellowstone Nationalpark will, sollte auf Begegnungen mit Grizzly Bären vorbereitet sein. Der Grund ist ganz einfach, die Bären sind hungrig. Eine ihrer Lieblingsspeisen, Nüsse einer Kiefernart, sind kaum noch vorhanden in höheren Lagen. Die Temperaturen haben sich verändert, Käfer, die normalerweise in kalten Wintern dezimiert werden, überleben und fressen sich durch die Kieferbestände. Bis zu 70 Prozent der Bäume sind bereits zerstört.grizzly

Und die Bären gehen nun in den Gegenden von Montana und Wyoming auf Suche, um für die Wintermonate Speck anzufressen. Die Tiere verhungern nicht, nur kommt es auf den Wanderungen nun immer häufiger zu Konfrontationen mit Menschen. 22 Bären wurden bereits in diesem Jahr im Yellowstone Nationalpark erschossen oder umgesiedelt. Und man sollte bei einem solchen Bärentreffen vorbereitet und mehr als vorsichtig sein, denn ein ausgewachsener Bär kann über 1,80 Meter groß sein und bis zu 600 Pfund wiegen.

„In Za, in Zaire“

„Goma ist ein Dreckloch“, meinte einer zu mir. Am Ende der Promenade von Ginsenyi liegt ein Grenzübergang. Villa neben Villa und dann der Grenzposten. Formular ausfüllen auf ruandischer Seite, Pass zeigen, dann rüber laufen. DRC Grenzposten, 30 Dollar zahlen, ein paar dämliche Fragen beantworten und man bekommt ein Din A 4 Visum ausgestellt. Ganz toll! Darf man das nun falten? Egal, muss in die Tasche rein.goma2

Ein Fahrer von UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, holt mich ab. Mit dem Jeep geht es durch die Stadt. Nur wenige Minuten später ein kleiner Zwischenfall an einer Strassenecke, ein aufgebrachter Pulk von Menschen, Sicherheitsleute dazwischen. Der UN Fahrer haut die Linkskurve rein, fährt auf der anderen Strassenseite schnell vorbei. Warum, wieso, weshalb…kein Kommentar. Hundert Meter weiter meint er, dass hier 2002 der Lavastrom entlang floss, als der Vulkan Nyiragongo ausbrach. Die frühere Strasse liegt zwei Meter unter der jetzigen Asphaltdecke, der einzigen geteerten Strasse in Goma.

Die UN ist seit den 60er Jahren in Goma präsent, versucht hier unmögliches zu leisten. Ein Ende ist nicht in Sicht. Flüchtlingsströme haben sich verschoben. Nach dem Genozid in Ruanda begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen, die noch immer in Teilen von Nord-Kivu anhalten. Erst der erste Kongo Krieg, dann der zweite. Hutu Milizen versuchen sich erneut zu formen, ihr Ziel ist die gewaltsame Rückkehr nach Ruanda. goma3Der Osten des Kongos gleicht in weiten Teilen einem Chaos. Die Hauptstadt Kinshasa im Westen ist weit weg, und was dort beschlossen wird, kommt nicht unbedingt in dieser Region im Osten an.

Rund 40 Hilfsorganisationen sind vor Ort, darunter auch die GTZ, die deutsche „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“. Wenn man durch die Strassen von Goma läuft fragt man sich ernsthaft, wie man hier technisch zusammen arbeiten kann. Alles scheint ein reiner Moloch zu sein. Es ist dreckig, Abfall überall. Gebäude, Strassen in einem desaströsen Zustand. Doch die Leiterin des UNHCR Büros in Goma zeigt sich optimistisch. Sie meint, es sei nicht einfach, aber man müsse mit den Gegebenheiten hier arbeiten. Was sie damit sagen will ist klar. Es gibt in Goma und der Nord-Kivu Region verschiedene Machtzentren, die teils gegeneinander arbeiten, verschiedene Interessen haben und nicht leicht zu durchschauen sind. Aber man mache Fortschritte, meint sie. Die Flüchtlingslager seien fast vollständig aufgelöst worden, nun versuche man mehr mit lokalen Führungen am Wiederaufbau zu arbeiten. In Goma braucht man Optimismus, ansonsten versinkt man in Hoffnungslosigkeit.

Ein altes, aber zeitloses Photo

Dorothea Lange "Migrant Mother"Es heisst „Migrant Mother“ und dieses Bild steht für die schlimmen Jahre der Depression in den 30ern. Aber es steht auch für den Mut und den Willen einer Mutter, für ihre Kinder zu sorgen. Die deutschstämmige Photographin Dorothea Lange hatte es damals im Auftrag einer Bundesbehörde geschossen. Sie dokumentierte die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Farmarbeiter. Damit war sie nicht alleine, etliche deutsche Photographen, wie Hansel Mieth und Otto Hagel, schufen mit ihren Bildern ebenfalls wichtige Dokumente für die Nachwelt.

Doch „Migrant Mother“ wurde ein Sinnbild für diese Zeit. Und dieses Bild wird jetzt wieder hervorgekramt, denn Amerika erlebt eine neue schwierige Zeit. Die Armut wächst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Kalifornien erlebt eine Arbeitslosenquote wie seit der grossen Depression nicht mehr. Viele Menschen verlieren ihren Job, ihr Haus, ihren Besitz, ihre Hoffnung.

Das kleine Mädchen auf der linken Seite des Photos von Dorothea Lange ist die heute 77jährige Katherine McIntosh aus Modesto, die bis zu ihrer Rente in Fleischverarbeitungsbetrieben arbeitete . Heute muss sie noch sechs bis sieben Tage die Woche zum Putzen gehen, um so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie erinnert sich noch an diesen Tag, als die Photographin sie in Nipomo traf. Die besorgten Blicke der Mutter zogen sie an. Die Kinder fürchteten sich etwas, deshalb kuschelten sie sich an die Mutter. McIntosh bedauert bis heute, ihre Mutter nicht mehr über diese schlimmen und schwierigen Jahre befragt zu haben. 1983 starb die „Migrant Mother“ Florence Thompson an Krebs. Sie ist in Hughson, im kalifornischen Farmland von Stanislaus County beerdigt. Ihr Bild ist unvergänglich, es war die Vorlage für eine Briefmarke der US-Post und wurde auch in die kalifornische „Hall of Fame“, die Ehrenhalle, als wichtiges geschichtliches Zeitdokument Kaliforniens aufgenommen.

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