Im Sonderzug nach Karl-Marx-Stadt

Heute lag dieser Brief im Kasten. Ein grauer Umschlag, keine Adresse darauf. Aufgerissen und da stand „Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“. Alles klar, da hatte ich vor ein paar Monaten hingeschrieben, einen Antrag eingereicht, hier in San Francisco beim Generalkonsulat abstempeln lassen, um nachzuweisen, dass ich auch wirklich der bin, der den Antrag stellt.

Eigentlich wollte ich das schon lange gemacht haben. Damals schon, als mir mein Freund aus dem sächsischen Freiberg erzählte, dass er in seinen Unterlagen Kopien der vielen Briefe fand, die wir damals hin und her über die innerdeutsche Grenze geschickt hatten. Ich fragte mich, was da wohl noch so aufgelistet war und ob da mehr über mich steht? Denn in den letzten Jahren vor dem Mauerfall war ich regelmäßig im Amtsbezirk Karl-Marx-Stadt unterwegs. Das waren keine subversiven Treffen, das war ein Teilnehmen an der Arbeit kirchlicher Umweltgruppen. Ich war fasziniert von dem, was ich da erleben konnte und durfte. Die ersten überregionalen Treffen, die Diskussionen, die Ideen, die Ziele, die Träume von einer anderen, einer „besseren“ DDR. Alles harmlos im Nachhinein.

Und nun dieser Brief, der nichts besonderes ist. Auch das, was da in den Akten zu finden sein wird, ist nichts besonderes. Was mich mehr interessiert ist, ob ich rauslesen kann, wer da was gesagt hat. Vor allem, ob da ein Jemand in Nürnberg etwas zu gesprächig war. Wundern würde es mich nicht, bei allem, was ich über die Arbeit und die Kontakte der Stasi gelesen habe.