Ein Stück Kongo in der Hosentasche

Was schreibt man über ein Buch, das einen tief beeindruckt, bewegt, fasziniert? Es ist schwer, das in Worte zu fassen, was David Van Reybrouck mit „Kongo – Eine Geschichte“ gelungen ist. Der Belgier hat über Jahre hinweg den Kongo bereist, Gespräche geführt, Interviews aufgezeichnet, alle Ecken des Landes kennengelernt, sich umfassend mit der Geschichte dieses Landes im Herzen des Kontinents auseinander gesetzt. Der Kongo ist nicht weit weg, er war und ist Spielball Amerikas, Europas und nun Asiens. Die Belgier, die Deutschen, die CIA, Che Guevara, im Kongo war im 20. Jahrhundert die Bühne, auf der die Welt verrückt spielte.

Den Kongo zu beschreiben ist unmöglich. Was dort passiert, gerade in den letzten 20 Jahren, ist nicht zu verstehen. Es ist ein Land in der Größe Westeuropas. Ein Land ohne Infrastruktur, man kann nicht von der Hauptstadt Kinshasa in den Osten des Landes fahren. Es existieren keine Straßen (mehr), keine Kanalisation, keine Trinkwasser- und Stromversorgung. Als das Land nach 80 Jahren brutalster Ausbeutung unabhängig wurde, hinterließen die Belgier ein funktionierendes Infrastrukturnetz. Doch von dem ist nicht mehr viel übrig. Was folgte ist das Abgleiten eines ganzen Landes ins Chaos.

David Van Reybrouck beschreibt lesenswert die Geschichte und die Geschichten des Kongo. Seine Politik, seine Kultur, seine Ethnien. Er geht darauf ein, wie dieses wunderbare Land zwischen Ost und West, zwischen den verschiedensten Machtinteressen in der Region und in Übersee aufgerieben wurde. Seit nunmehr 130 Jahren wird der Kongo ausgebeutet. Und es ist nicht einfach so, dass all das weit weg ist, uns nichts angeht. Was Van Reybroucks Buch so besonders macht, ist, dass er zeigt, wie sehr der Kongo eigentlich in unserer Mitte ist. In jedem Handy in unserer Hosentasche, in jedem Computer auf unserem Schreibtisch steckt ein Stück aus der Erde dieses reichen Landes. Es geht uns an, was dort passiert, wie die Ressourcen dort geplündert werden. Wie eine korrupte Regierung, wie Rebellengruppen die eigene Bevölkerung unterdrücken, plündern, vergewaltigen, ermorden, in Armut verkommen lassen. Im Kongo ist Krieg und wir tun so, als ob es uns nichts angeht. Das Land könnte aufgrund seiner Bodenschätze, seiner Lage und seines kraftvollen Flusses in seiner Mitte zu den reichsten Ländern der Welt gehören, doch es ist das Armenhaus des Kontinents.

Die größte UN Friedensmission ist im Kongo. Jedes Jahr verschlingt sie eine Milliarde Dollar. Doch geändert hat sich nichts. Das Land versinkt weiter im Chaos. Das Buch von David Van Reybrouck wirft Fragen auf, vor allem warum. Warum schreitet die Weltgemeinschaft hier nicht tatkräftiger ein? Rund fünf Millionen Tote in den letzten 15 Kriegsjahren sollten nicht einfach übersehen werden. Warum? Man sollte sich auch fragen, wie die Kongo Strategie der Bundesrepublik, der Europäischen Gemeinschaft, der USA, der UN aussieht. Sie scheint nicht zu existieren und man fragt sich nach dem Lesen dieses Buches, warum eigentlich nicht?

Am Ende bleibt für mich nur eine Frage an den Autoren. Hat er Hoffnung, dass sich im Kongo etwas ändern wird? Im Buch beantwortet er diese nicht. Ich habe ihm geschrieben, die Antwort steht noch aus.

„Kongo – Eine Geschichte“ von David Van Reybrouck ist nun auch als Taschenbuch erschienen.

Sein Leben lieben lernen

Besuch im Ostkongo     

© Johanniter

Im Osten des Kongos herrscht seit 15 Jahren Krieg. Mehrere Rebellengruppen kämpfen gegen die nationale Armee und untereinander. Das Ergebnis sind Millionen Tote, Hunderttausende Menschen auf der Flucht, die zum Teil in notdürftigen Flüchtlingslagern untergebracht sind. Die Bevölkerung versinkt im Elend, in Armut, in der Not. Hoffnung auf ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Der Staat selbst ist unfähig und unwillig dem ganzen Chaos ein Ende zu setzen. Korruption, Vergewaltigung, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Im Ostkongo herrscht Anarchie.

Auf meiner kürzlichen Reise in die Region traf ich Arne Schaudinn von der Johanniter Unfallhilfe und die deutsche Journalistin Simone Schlindwein und konnte beide für ein paar Tage in ihrem Leben dort begleiten.

Lunch mit dem Rebellenpräsidenten

Vier Stunden lang ging es über die Holperpiste in Richtung Osten. Die Straße war mal vor etlichen Jahren gut ausgebaut, es war eine wichtige Verbindungsstraße zwischen Goma und Uganda. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Man wird gut durchgeschüttelt im M23 Gebiet, auch wenn die Rebellen versuchen, einige der Löcher notdürftig zu flicken. Kein Wunder also, dass unser Geländewagen nach einiger Zeit einen platten Reifen hat.

Es ist eine Schüttelpartie auf dem Weg nach Bunagana, dem Sitz des M23 Präsidenten, direkt an der Grenze zu Uganda. Er hat ein internationales Reiseverbot, darf noch nicht einmal an den Friedensverhandlungen im ugandischen Kampala teilnehmen. Daher freut er sich über jeden Besucher, besonders wenn es Journalisten sind. Denen steht er gerne Rede und Antwort. Kurz nach dem Flughafen Goma beginnt der Machtbereich der M23. Eine Holzschranke markiert den Beginn. Entlang der Straße patroullieren schwerbewaffnete Soldaten der Gruppe.

Unser Kommen ist bekannt, als wir da sind, wird noch einmal hin und her telefoniert, dann werden wir in einen Raum geführt, dort sitzt Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero auf einer Couch, ein mittelgroßer Mann im Anzug. Vor der Tür schwerbewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer. Auf einem kleinen Fernseher drinnen läuft eine Game Show von RAI, dem italienischen Sender, hier per Satellit zu empfangen. Die heile Welt im Kriegsgebiet. Runiga Lugerero freut sich, schüttelt jedem die Hand und lädt uns erst einmal zum Mittagessen ein. Es gibt Fisch, Reis, Nfundi und Gemüse. Es wird etwas geplauscht, bevor es danach zum Interview geht.

Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero will mit seiner M23 Bewegung den Kongo verändern. Er wettert gegen Korruption, die katastrophalen Verhältnisse im Land, erinnert an das Elend und die Not der Bevölkerung. Man habe in den Friedensverhandlungen in Kampala ernstzunehmende Vorschläge gemacht, doch die Antwort der Regierung in Kinshasa war fast immer gleich: M23 habe keine Berechtigung über gemeinsame Kommissionen, über Wahlen, über Untersuchungen, über Verträge zu verhandeln… Und M23 spreche nicht für die Bevölkerung. Runiga Lugerero hofft, dass die internationale Gemeinschaft endlich die Rebellenbewegung anders einschätze, denn die Sicherheit in diesem Teil des Landes sei wieder hergestellt. Man arbeite an der Infrastrukutur, und, so behauptet es der Präsident der M23, die Menschen in dieser Region stehen zu den neuen Machthabern.

Nach rund zwei Stunden in Bunagana ist es Zeit zum Aufbruch, um noch vor Einbruch der Dunkelheit in einer sicheren Herberge anzukommen. Runiga Lugerero verabschiedet sich mit Handschlag und lädt mich ein, doch mal wieder vorbei zu kommen. „You are welcome any time“. Der Pressesprecher fährt uns in einem schweren Geländewagen Marke Lexus zu unserem Wagen, ausserhalb des abgesperrten Bereiches und meint: „Den haben wir von Kabila bekommen“ und lacht. Gemeint ist die Übernahme Gomas im November, als die M23 neben Waffen, Munition, Lebensmittel, Gerätschaften, Fahrzeuge auch die Privatvilla des kongolesischen Präsidenten Josep Kabila plünderten und nun mit dessen Privatlimousinen im Osten des Landes herumfahren. Man erlebt schon seltsames in diesem Land.

Geht nicht gibts nicht

Die Dinger heißen Chukudu und rollen überall durch Goma. Besser gesagt, sie werden durch die Straßen geschoben. Von einem, zwei oder auch drei zumeist jungen Leuten und Kindern. Damit wird eigentlich alles in der Stadt transportiert. Latten, Rohre, Mehl- und Zementsäcke, Autoreifen, Ersatzteile, Bierkästen im Dutzend, Schreibtische, Betten und Matratzen. Bis zu einer Tonne können die Chukudus tragen, die es in verschiedenen Größen gibt.

Es ist eine Knochenarbeit, die Dinger durch Goma zu schieben. Denn nicht nur das Gewicht als solches ist schon schwer genug, die Straßen sind alles andere als eben für diese Riesenroller. Aber die Chukudus sind aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken, es ist der einfachste und praktischste Weg, Güter von A nach B zu transportieren. Am Rande des Stadtzentrums wurde sogar eine goldene Statue für die Chukudu Fahrer errichtet.

Heute war ich an einer anderen Universität, die zum Teil von der evangelischen Kirche in Deutschland finanziert wird. Dort traf ich einen deutschen Informatiker, der seit eineinhalb Jahren hier ist. Es sei eine Herausforderung, mit den Mitteln und den Möglichkeiten, die hier existieren, das zu verwirklichen, für was er hier sei. Die Universität zahle allein 1000 Dollar im Monat für den Internetzugang, habe damit aber nur eine Bandbreite, die einem Zehntel von dem entspreche, was in Deutschland einem normalen Haushalt zur Verfügung stehe.

Doch auch damit ließe sich leben, man versuche eben das beste mit dem zu machen, was man habe. Sowieso sind alle, die man hier trifft voller Energie, Motivation und Ausdauer. Der Job in der humanitären und der Entwicklungshilfe ist alles andere als leicht. Es ist kein 40 Stunden Job, die Abschaltmöglichkeiten nach Dienstschluß sind so gut wie nicht existent, die Sicherheitslage nach wie vor prekär. Schüsse haben hier schon alle gehört. Man sollte vorher wissen, auf was man sich in Goma und im Ost-Kongo einläßt. Und dennoch, all jene, die ich in den letzten Tagen getroffen und gesprochen habe, würden diesen Schritt hierher wieder gehen. Der Kongo hat eine tiefe und bewegende Faszination…und irgendwie läßt einen dieses Land nicht mehr los.

Ein Stück weit Normalität

Erst eine Pizza aus dem Holzofen, dazu ein Bierchen und danach geht es zum Fußballschauen. Borussia Dortmund spielt im Achtelfinale der Champions League gegen den ukrainischen Meister Shakhtar Donezk. In Goma werden an diesem Abend nicht viele dieses Spiel verfolgt haben, zeitgleich lief ja Real Madrid gegen Manchester United. Doch das Satellitenfernsehen macht es möglich, dass man auch am entferntesten Örtchen der Welt – und das ist Goma irgendwie – vertrauten Fußball sehen kann. Ein kleines Stück Normalität, die einem erst wieder nach dem Spiel auf dem Weg zurück ins Hotel bewußt wird.

Gebt den Kindern das Kommando

Wenn man durch Goma fährt, wenn man durch eines der Flüchtlingslager läuft, dann fallen einem sofort die vielen Kinder auf. Sie sitzen im Dreck, kauen auf Zuckerrohr, beobachten Vorbeikommende, spielen mit selbstgebautem Spielzeug. Ein kleiner Junge hatte aus einer Plastikflasche ein Fahrzeug gebaut, die Verschlüsse dienten als Räder. Oder dieser Junge hier, der einen aufgeschnittenen Kanister als Bollerwagen hinter sich herzog.

In einem Gesundheitszentrum der Johanniter kommen monatlich rund 50 Säuglinge zur Welt. Familien mit zehn Kindern sind keine Ausnahme, auch wenn der Vater von vornherein weiß, leisten kann er sich das eigentlich nicht. Als Besucher taucht unweigerlich die Frage auf, welche Zukunft diese Kleinen haben werden?

Heute hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einer deutschen Journalistin, die seit eineinhalb Jahren für die Hilfsorganisation ‚Heal Africa‘ arbeitet. Auf die Frage, ob sie Hoffnung für die Stadt, die Region, das Land habe, antwortete sie mit ja. Durch ihre Arbeit komme sie mit vielen jungen Leuten zusammen, die ihr Hoffnung geben. Die Fragen stellen, die sehen, was hier schief läuft. Es ist schwer im heutigen Kongo kritisch zu denken, schon der kleinste Protest wird unterdrückt und zerschlagen. Doch die Jugendlichen von heute wissen, was woanders passiert, wie das Leben auch gelebt werden könnte. Sie fragen, warum man hier so sehr von den Hilfsorganisationen abhängig sei, obwohl die Region reich ist, mit Bodenschätzen aller Art gesegnet ist, eine unfassbar schöne Umgebung hat, die eigentlich ein Touristenziel sein müßte. Hoffnung sei da, meinte die Deutsche, aber es werde wohl noch Generationen dauern, bis die Gesellschaft hier funktionieren kann und wird. Die Zukunft liege in der Hand der jungen Leute.

Ein „Muzungu“ auf dem Moped

Am Tag als der Papst seinen Rücktritt erklärt, stehe ich vor einer Wandmalerei im Gefängnis von Goma. In diesem Raum waren rund 150 Häftlinge untergebracht. Ab und an wurde hier auch ein Gottesdienst gefeiert. Unchristlicher könnte kein Ort sein. Verdreckt, elendig, zerstört. Wer hier hauste, hier untergebracht war, der war vergessen. Im November wurden die Gefängnistore geöffnet, von wem ist unklar, den Regierungssoldaten oder den M23 Rebellen.

Heute ging es am Morgen zuerst mit dem Mopedtaxi in einen Randbezirk von Goma, dort werden ehemalige Kämpfer und Opfer von zumeist sexueller Gewalt geschult. Es ist wie eine Berufsschule, es gibt eine Schreinerei, eine Autowerkstatt, Näherei, Maurerei. Finanziert wird das ganze von norwegischen und finnischen Hilfsorganisationen. Hier arbeiten, und zum Teil leben, Täter und Opfer nahe beieinander. Ein einmaliger Versuch, der jedoch zu funktionieren scheint.

Wieder zurück in die Stadt, mit dem Moped Taxi. Der schwarze Lavastaub setzt sich in allen Poren fest, nach jeder Fahrt hat man ein schwarzes Gesicht, man sieht deutlich die Ränder der Sonnenbrille um die Augen. Wie die Mopedfahrer den Parcours auf Gomas Straßen bewältigen ist einzigartig. Geschickt wird um steinige Hügel aus Lavagestein auf den Strassen und tiefe Schlaglöcher herum manövriert. Und immer sind andere Mopeds um einen rum. Ein „Muzungu“, ein Weißer auf einem Mopedtaxi kommt nicht so oft vor. Da bleiben schon mal einige stehen, wie gestern, als meinem Fahrer der Sprit ausging. Er rief einen anderen herbei und versuchte mir auf Französisch klar zu machen, was ich zu zahlen habe. Und ich antwortete auf Englisch, dass das viel zu viel sei…währenddessen wurde die Gruppe um uns herum immer größer. Einige lachten über den Muzungu, andere hörten dem sicherlich bizarren hin und her einfach interessiert zu. Schließlich einigten wir uns, ein paar Scheine wechselten die Hand und weiter ging es.

Heute morgen ein ähnliches Schauspiel. Diesmal fuhr mein Mopedtaxi nach ein paar Hundert Metern mit plattem Hinterreifen. Der Fahrer hielt also an, rief einen anderen Fahrer herbei. Schaulustige machten sich über den etwas größeren und sicherlich auch schwergewichtigeren Muzungu im Vergleich zu den schmalen Kongolesen lustig. Der sei wohl schuld am platten Reifen, machten sie mir mit Gesten klar. Ich zeigte auf einen bäuchigen Kongolesen auf einem anderen Moped, also an mir konnte es wohl nicht gelegen haben. Einmal herzhaft gelacht und weiter ging es.

Goma ist eine seltsame Stadt. Am Ufer große Villen und Hotels, Motorboote der Reichen düsen vorbei, dahinter junge Frauen auf Wasserski. Und dann ist da der Rest von Goma, eine Stadt, die eigentlich nicht existent ist, also zumindest nicht so, wie wir uns eine Stadt vorstellen. Die Stromversorgung mangelhaft, kaum fliessend Wasser in den Häusern, Straßen nicht existent. Armut, Elend, Not. Und das hier, wo Goma der Umschlagplatz für Gold, Diamanten, Coltan, Wolfram und viele andere Erze ist. Jeden Tag werden hier Bodenschätze im zig stelligen Millionenbereich vertickt und über die Grenze geschafft. Einige leben sehr gut davon, die Rebellengruppen finanzieren ihre Kämpfe damit, doch in der Bevölkerung kommt vom Reichtum der Region und des Kongos nichts an.

Ich sitze hier auf dem Balkon meines Hotelzimmers, schaue auf den Kivu See, in der Ferne die Berge, der mächtige Vulkan Nyiragongo. Eine Traumlandschaft….gerade startet wieder lautstark ein UN Flugzeug vom Flughafen Goma. Eine Erinnerung daran, dass dies hier keine normale Stadt am beschaulichen Seeufer ist.

Modern Talking im Kongo

Ja, muß das denn wirklich auch noch sein? Modern Talking plärrte auf der nächtlichen Taxifahrt durch Goma aus dem Radio. Von einem Ende der Stadt ans andere. Die Millionenstadt war wie ausgestorben, kaum eine Menschenseele auf den Straßen. Überall war es dunkel. Der Taxifahrer hielt an einer Ecke. Kein Sprit mehr, meinte er, doch hier war keine Tankstelle. Er stieg aus, lief zu einem jungen Kongolesen hinüber. Der schüttete erstmal aus einem gelben Kanister Benzin in zwei Plastikwasserflaschen und leerte diese anschließend in den Tank. Weiter ging die nächtliche Fahrt über das holprige Lavagestein, hier auch Straße genannt. Und dazu „Cherie, Cherie Lady“….und danach „You’re my heart, you’re my soul“. Modern Talking im Doppelpack geht gar nicht, erst recht nicht in einem nächtlichen Goma, das für jeden Horrorstreifen als Kulisse herhalten könnte. Mir gruselte es!

Zwei Ecken weiter zieht ein Bewaffneter eine Holzlatte mit Nägeln über die Fahrbahn. Straßenkontrolle. Aussteigen, Rucksack öffnen. Das Auto wird durchsucht. Nichts zu finden. Ein weiterer Soldat kommt von hinten und meint „Muzungu, give me money“. Ich bin schon eingestiegen, weiter geht die Fahrt zum Gästehaus der Caritas, direkt am Lake Kivu.

Der Tag hatte schon früh begonnen. Die Nacht in Gisenyi auf ruandischer Seite verbracht, dann morgens zu Fuß über die Grenze, kurz einchecken im Hotel und weiter zu CARE International. Die Hilfsorganisation hatte angeboten mich in einige Flüchtlingslager mitzunehmen, mir ihre Projekte zu zeigen. Quer durch die Stadt ging es, eine einzige Holperpiste aus Lavagestein und tiefen Schlaglöchern. Links und rechts Barracken, Wohnhütten, kleine Geschäfte und überall Kleinkinder. Im ersten Lager sassen wir mehrere Stunden in einem Bretterschuppen, der das Büro des Lagerpräsidenten war. In der Nebenhütte surrte eine Nähmaschine, immer mal wieder wehte der Geruch der nahen Behelfstoiletten herüber. Der Präsident berichtete von den täglichen Schwierigkeiten, den Übergriffen, dem Versagen der kongolesischen Regierung. Danach saßen an dem kleinen Tisch zwei junge Frauen, die von sexueller Gewalt sprachen. Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gehören zum Alltag der Frauen im Kongo.

Auf dem Weg zum Auto begleiteten uns Dutzende von Kindern. Einige waren mutig und kamen ganz nahe, um dem Muzungu über die Haare an den Armen zu streichen. Sie lachten dabei. In dem Moment konnte man sogar das ganze Elend um einen herum vergessen.

Das amerikanische Jahr

Eigentlich ist jedes Jahr ein amerikanisches Jahr. Zumindest, wenn man sich die Nachrichtenlage ansieht. Als Korrespondent in Amerika kann man über alles berichten, alles ist berichtenswert, alles ist wichtig und interessant für Leser und Hörer. In diesem Jahr stand der Wahlkampf im Vordergrund. Erst die Vorwahlen der Republikaner, dann das Aufeinandertreffen von Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney.

Daneben berichtete ich über Gangs in Los Angeles, den Drogenkrieg gleich an der Grenze zu Nordmexiko, über Fahrraddemonstrationen und Nackte in San Francisco, über die Todesstrafe in Kalifornien und natürlich den Monstersturm Sandy. Und, und, und…..Das Interesse an dem, was in den USA passiert ist riesig. Und auch, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene, frage ich mich oft, woher dieses Interesse an all dem kommt, was in Amerika vor sich geht, passiert, wichtig und unwichtig ist. Gerade wenn man einmal auf andere Regionen in der Welt blickt.

Nehmen wir doch mal den Ostkongo. Seit 1998 sind dort geschätzte 5,4 Millionen Menschen umgebracht worden, der tödlichste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. Hunderttausende sind auf der Flucht, von einem Lager in das nächste. Es gibt Massenvergewaltigungen, Kinder werden als Soldaten rekrutiert, die Menschen hungern in einem Land, das eigentlich eines der reichsten Länder der Welt sein könnte. Und was passiert? Nichts. Selbst Korrespondenten, die vor Ort sind, ihr eigenes Leben riskieren, erklären, es gibt kein Interesse an diesem Krieg gegen die kongolesische Bevölkerung. Die Vereinten Nationen sind seit Jahrzehnten mit Truppen vor Ort, doch viel geschieht nicht, ausser, dass pro Monat rund eine Milliarde Dollar an Geldern verbraten werden.

Heute lese ich vom Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik. Auch dort sind Rebellengruppen aktiv. Die Hauptstadt Bangui wird wohl demnächst in einem blutigen Kampf in die Hände der Aufständischen fallen. Die Zivilbevölkerung leidet, die UN ruft dazu auf, die Zivilisten zu verschonen. Das ist alles. Die USA und Frankreich haben sich bereits zurück gezogen. Was in diesem Teil Afrikas passiert, soll, wie mir jüngst eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen erklärte, noch schlimmer sein, als das was im Osten der Demokratischen Republik Kongo abgeht. Sie meinte, nach Goma und in die Kivu-Region der DRC würden immer mal wieder Journalisten mitreisen. Doch was in der Zentralafrikanischen Republik passiert, wird völlig vergessen, übersehen, ignoriert.

Am Jahresende frage ich mich, was macht eine Nachricht aus, was macht sie lesenwert, wann hört man hin? Wie kann es sein, dass die westliche Welt – durchaus zurecht – trauert, wenn in einem Amoklauf in Newtown 20 Schulkinder ermordet werden, doch gleichzeitig das Leid, das Elend, das Morden im Herzen Afrikas und in anderen Teilen der Welt vergessen wird? Was interessiert die Deutschen daran, ob Barack Obama in der ersten Fernsehdebatte unkonzentriert wirkt? Warum blicken sie weg, wenn Zehntausende auf der Flucht sind, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne ein Ende in Sicht?

Nachrichten sind mein Geschäft, doch ich verstehe die Zusammenhänge nicht.

Amerika kämpft an mehreren Fronten

Gleich in vier afrikanischen Ländern sind Spezialeinheiten der amerikanischen Streitkräfte eingesetzt. In Uganda, dem Kongo, dem Süd-Sudan und der Zentralafrikanischen Republik versuchen die US „Special Forces“ die Machenschaften der „Lord’s Resistance Army“ von Joseph Kony zu stoppen. Bislang erfolglos.

Den Einsatz gab nun der Flottillenadmiral, Brian L. Losey, bekannt, der die US Einsätze auf dem afrikanischen Kontinent leitet. Zwar sei der Einfluß der LRA zurückgegangen, erklärte Losey, doch nach wie vor sei die Rebellenarmee eine Gefahr für die Region. Immer wieder würden Dörfer überfallen, geplündert und abgebrannt, Männer getötet, Frauen und Kinder verschleppt. Die LRA ist bekannt dafür, dass sie Kinder gegen deren Willen zu Soldaten ausbildet.