Wie laut kann man schreien?

“I heard Kim Guilfoyle’s speech and my TV’s not even on“, kommentierte Chuck Ross für die rechtslastige und von FOX News‘ Tucker Carlson gegründete News Webseite „Daily Caller“ diese Rede. Guilfoyle, die jetzige Partnerin von Donald Trump Junior schrie sich die Seele aus dem Leib, so, als ob sie in einem Stadion auch den entferntesten Platz erreichen wollte. Doch vor ihr war niemand, sie stand im leeren Andrew W. Mellon Auditorium in Washington, D.C. Ihre Worte hallten brutal und verstörend von den Wänden zurück. Aber schreien wir mal, damit Joe in Montana und Cathy in Louisiana auch wirklich zuhören und die frohe Trumpsche Botschaft auch mitbekommen.

Hört Ihr die frohe Botschaft auch dahinten? Kim Guilfoyle während ihrer Rede. Foto: AFP.

Doch das war typisch für diesen ersten Tag des republikanischen Wahlkonvents. Sowieso fragte ich mich, ob es bei den Rednern eine Vorgabe gab, wie oft sie den Namen Donald Trump erwähnen und wie sehr sie ihn ohne mit der Wimper zu zucken lobpreisen müssen. Manche der Lobhudeleien erinnerten schon sehr an Trumps Wahlfreundschaften Erdogan und Kim. Der große Führer wird gehuldigt, die Geschichte verfälscht, die Tatsachen so hingebogen, wie man es braucht und da steht er, der Retter unserer Zeit mit überlanger Krawatte, kompliziert hingekämmten Haaren und der orangenen Gesichtsfarbe.

Es ist schon erstaunlich, und für mich auch nach fast 25 Jahren noch immer wieder so, wie hier in den USA Wahlkampf geführt wird. An diesen über-patriotischen Ton muß man sich gewöhnen. Das ist so bei den Demokraten und erst recht bei den Republikanern. Die „Stars & Stripes“ kann man schon gar nicht mehr zählen und irgendwann wird selbst Gott im Himmel müde und genervt davon sein, dass er ständig dazu aufgefordert wird, die Amerikaner und Amerika zu schützen. Man kann es auch übertreiben. Denn eigentlich hätten die es ja selbst in der Hand. Ständig wird betont, dass die USA das schönste, tollste, stärkste, reichste, wichtigste Land der Welt seien. „God’s Country“, wie die Vereinigten Staaten auch gerne genannt werden, von einigen Amerikanern wohlgemerkt. Doch wenn man sich die Politik und die letzten dreieinhalb Jahre unter Donald Trump ansieht, dann ist da nicht viel zu sehen von der Bewahrung der Schöpfung, von einem Einklang mit der Natur, von einem sozialen, gerechten und friedlichen Miteinander, weder im Land noch mit dem Rest der Welt. Das soll nicht heißen, dass vorher unter Obama alles besser war, aber immerhin gestand sich #44 ein, dass er es „versuchen“ will, Amerika auf den richtigen Kurs zu bringen. #45, der sich selbst gern auch als „your favorite president“ bezeichnet, meint dagegen unumwunden, er und nur er kann die USA retten. Vor was auch immer.

Das schon inflationäre Herausposaunen von Begriffen wie „Kommunismus“, „Sozialismus“, „Anarchismus“ am ersten Tag des Wahlkonvents der einstigen republikanischen Partei, die man eigentlich in Trump-Partei umbenennen sollte, war schon erstaunlich. Wen man damit erreichen will, ist fraglich, denn so doof kann die Mehrheit der Amerikaner nicht sein, um diesen Schwachsinn zu schlucken. Es fehlte nur noch, dass der politische Gegner als „Faschist“ bezeichnet wurde, weil in einer weltweiten Pandemie strenge Regeln aufgestellt werden. Aber auch das ist schon passiert, nur eben am gestrigen Montag nicht. Ein bekennender Demokrat in den USA ist in den Augen eines Trumpianers mittlerweile alles: Kommunist, Sozialist, Anarchist, Faschist, ja, auch Anti-Christ.

Und so schrie denn Kim Guilfoyle in die Runde, dass man Venezuela, Kuba und Kalifornien, ihren früheren Heimatstaat, in einer Linie zu sehen hat. Guilfoyle war einst auch mit Gavin Newsom veheiratet, der damals Bürgermeister von San Francisco war und nun Gouverneur von Kalifornien ist. Wer die Zustände an diesen drei Orten nicht haben wolle, der könne nur für Donald Trump stimmen, so Guilfoyle. Well, Frau Möchtegern-Trump, ich höre ja gerne zu und weiß auch, dass hier in Kalifornien nicht alles so ist, wie es sein sollte und könnte. Aber den Golden State mit Venezuela und Kuba zu vergleichen, damit die politischen Systeme in den zwei Ländern mit dem größten und wichtigsten Bundesstaat der USA gleichzusetzen, grenzt schon sehr an die bescheuerte Argumentation ihres wahrscheinlich baldigen Schwiegervaters Donald Trump, der ja derzeit wieder einen auf Oberförster macht und die Kalifornier zum besseren Harken der Wälder auffordert. Es kann durchaus sein, dass ich mit meinen Einschätzungen über die USA, mit meinen politischen Sichtweisen, mit meinem Verständnis für das Land, in dem ich nun fast die Hälfte meines Leben verbracht habe, so ganz falsch liege. Aber irgendwie graust es mir davor, vier weitere Jahre in einem Land zu leben, in dem solch ein Führerkult zur Normalität geworden ist.

 

Ein seltsames Gefühl… Normalität!

Da schaue ich mir am Montagabend den Wahlkonvent der Demokraten an und auf einmal trifft es mich, das sind normale politische Reden. Vieles davon patriotisch und teils kitschig, aber so sind sie nun mal diese Wahlveranstaltungen. Diesmal findet alles online statt, keine Menschenmassen, kein Getröte und Gejubel, keine fallenden Luftballons. Und dennoch, das ist Amerika, wie ich es kenne.

Im Vergleich dazu, der Lügenbaron, seines Zeichens Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, auf einer Wahlkampftour durch mehrere Swingstates. Er erklärt, dass die Corona Situation in den USA nicht so schlimm sei, man müsse nur nach Neuseeland (!) blicken, dort gebe es einen riesigen Zuwachs an Covid-19 Fällen. Am Montag meinte Trump in Minnesota: „Big surge in New Zealand. It’s terrible. We don’t want that.“ Tatsache ist, nach 102 Corona freien Tagen vermeldete Neuseeland neun neue Fälle.

Bernie Sanders mit seiner wichtigen Rede für Joe Biden.

Da tat es richtig gut am Abend die Reden und Videos der Demokraten zu sehen. Wohlfühlfernsehen in einer verrückten Zeit, in einem ver-rückten Land. Die wichtigsten Reden kamen wohl von Michelle Obama und vor allem von Bernie Sanders. Hatte der sich noch 2016 bei der Unterstützung von Hillary Clinton deutlich zurück gehalten, machte er nun klar, dass es trotz inhaltlicher Differenzen zwischen ihm und Joe Biden nur ein Ziel geben dürfe, die Abwahl von Donald Trump. Sanders erklärte, Trump sei nicht nur eine Gefahr für die amerikanische Demokratie, für die Umwelt, sondern auch für den gesamten Planeten. Vier weitere Trump-Jahre hätten fatale Folgen. Von daher rufe er alle seine Unterstützer auf, das Team Biden/Harris zu wählen.

Bernie Sanders, das betonte er auch, hat in den letzten fünf Jahren die amerikanische Gesellschaft verändert. Die Bewegung, die er angestoßen hat, wurde anfangs als radikal verunglimpft. Doch mittlerweile sind viele dieser Positionen im „Mainstream America“ angekommen. Das sieht man auch an der politischen Plattform von Joe Biden. Bernie Sanders, so sagte er, kann das unterschreiben, was da steht. Der Auftritt von Bernie war mehr als wichtig, denn wie es aussieht, kann eigentlich nur die Linke der Partei den Wahlsieg von Joe Biden noch stoppen. Wenn jetzt im Vorfeld des Wahltages mit unsinnigen und inhaltlichen Debatten und Forderungen begonnen wird, hilft das nur Donald Trump.

Die Mehrheit der Amerikaner ist nicht auf Trump-Kurs. Das war 2016 schon so, das ist auch 2020 noch immer so. Einziges Ziel kann derzeit nur sein, vier weitere Trump Jahre zu verhindern, denn eine zweite Amtszeit hätte weitreichende Folgen für die Demokratie, die amerikanische Gesellschaft, die Medien, die Umwelt, die internationalen Beziehungen, die Rechtssprechung, den bürokratischen Apparat und vieles mehr. Man braucht am 3. November nicht für Joe Biden zu stimmen, wenn man ihn und seine Politik nicht mag. Das kann man laut und deutlich erklären, wenn man sein Kreuzchen hinter Biden/Harris setzt. Aber man muß am 3. November gegen Donald Trump votieren.

Seit nunmehr 34 Jahren darf ich wählen, in Deutschland, seit ein paar Jahren auch in den USA. Noch nie war eine Wahl in dieser Zeit so wichtig. So sehe ich das, denn das, was vier weitere Jahre mit Donald Trump als Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika bringen würden, für die USA und für die internationale Gemeinschaft, kann man nicht einfach mit einem Schulterzucken abtun. Trump würde weiter das Fundament der amerikanischen Gesellschaft und Demokratie unterhöhlen, mit weitreichenden und noch gar nicht abzusehenden Folgen. Nichtwählen ist hier keine Option und keine Alternative. Es geht um zu viel am 3. November.

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