Megalomaniac, Deutschland, Redukt….und dann noch Cheri Cheri Lady

2020 wird ein Konzertjahrt. Da freut man sich als langjähriger Moderator einer Radiosendung, in der nur Musik aus deutsch(sprachig)en Ländern gespielt wird. Die Schweiz kam ursprünglich wegen den Elektroklängen von Yello und Österreich wegen dem abstrusen Rocktheater von Drahdiwaberl mit dazu. In 24 Jahren konnte ich hier einige Bands aus meinen Playlisten live rleben.

Im Jahr 2020 geben sich gleich drei große Namen aus der deutschen Musikszene die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Und das sind nicht irgendwelche Bands, das sind die Großen ihres Genres, die in den USA eine riesige Fangemeinschaft hinter sich haben. Im Juli werden KMFDM aufpielen, sie touren mit Ministry und Front Line Assembly einmal quer durchs Land. Wer die Band nicht kennt, hat etwas verpasst, denn KMFDM ballern seit 35 Jahren ihren ultimativen und kompromisslosen Beat unter die Fans. Live sind sie grandios. Sie gelten als Pioniere des harten Metal-Industrial Sounds. Ein absolutes Muss.

Kurz darauf dann sind Rammstein an der Reihe. Sie haben zum ersten Mal eine Stadiontour ausgerufen, die sie in acht US Städte, nach Montreal und Mexiko City bringen wird. Und zwischen den Terminen sind noch weitere offene Tage, die zu Folgekonzerten führen könnten. Der Hype online ist riesig für die „German Boygroup“, wie sie mir mal von einem weiblichen Fan beschrieben wurden. Und Rammstein live, ein wahres Freudenfest. Was sie auf ihrer Europatournee gezeigt haben, läßt Spannung auf dieser Seite des Atlantiks aufkommen.

Im Oktober dann treten die Einstürzenden Neubauten mit einer neuen Platte im Gepäck die Reise nach Übersee an. Sie haben „The Year Of The Cat“ ausgerufen und zehn Konzerte einmal quer durchs Land gebucht. Es beginnt in Los Angeles und endet in Philadelphia. Die Neubauten sind zweifellos eine der wichtigsten deutschen Bands, denn sie haben mit Klangexperimenten und Klangideen durchaus die Grenzen der Hörgewohnheiten verschoben.

Neben diesen drei kommen noch einige weitere deutsche Gruppen in die USA. Da ist vor allem die SXSW in Austin Texas, alljährlich fördert da die Initiative Musik Auftritte von deutschen Bands, Musikern und Musikerinnen. Das ganze ist als Einstieg in den US Markt gedacht. Etliche der Teilnehmer zieht es nach den Auftritten in Austin noch für weitere Konzerte in den Westen der USA.

Und dann gibt es da auch so seltsame Auftritte, die eigentlich kein Mensch braucht. Denke ich mir zumindest, aber ja, Geschmack ist immer so eine Sache. Ich glaube, wenn David Hasselhoff in Deutschland Erfolg haben kann, dann sollte das auch für Thomas Anders in den USA möglich sein. Zumindest kann ich von mir behaupten, dass in fast 24 Jahren mit Radio Goethe kein einziges Mal Modern Talking in meiner Sendung lief. Das ist doch schon mal was. Aber noch besser, ich bekam auch kein einziges Mal einen Hörerwunsch dahingehend. Da lobe ich mir meine Hörerinnen und Hörer. Na, Modern Talking kommen ja nicht ganz, nur Thomas Anders, der damals mit seiner riesigen Nora Kette um den Hals „Cheri Cheri Lady“ trällerte. Und als Unterstützung bringt er Sandra mit. Gleich sieben Konzerte sind geplant: San Jose, 2x Burbank, Chicago, Elizabeth, NJ, New York und Boston.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal in einen Beitrag KMFDM, Rammstein, Einstürzende Neubauten, Modern Talking und Sandra unterbringen kann. Wahrlich verrückte Zeiten. Es steht einiges an Konzerten in diesem Jahr an. Das nächste kommt schon in dieser Woche für mich. Laurie Anderson spielt mit Mike Patton (Faith No More) im SF Jazz Center. Und dieses Zusammenspiel kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Kulturbanause oder Kulturfeind?

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran scheint sich zu deeskalieren. Und doch, viele Fragen bleiben weiterhin offen. Als der amerikanische Präsident Donald Trump den Iranern per Twitter drohte, gezielt Kulturstätten im Iran zu beschießen und zu zerstören, war der Aufschrei groß, zumindest außerhalb der republikanischen Reihen. Eine rote Linie sei dabei vom US Präsidenten überschritten worden, hieß es. Wie konnte Trump nur öffentlich zu einem Kriegsverbrechen aufrufen, denn das wäre die Zerstörung von Kulturstätten in kriegerischen Auseinandersetzungen, fragten sich etliche.

Allerdings kommt diese Androhung nicht überraschend. Trump war noch nie ein Freund der Kultur und ich rede jetzt noch nicht einmal darüber, dass er im Weißen Haus bei Empfängen Big Macs servierte oder seine „Trump Tempel“ in kitschigem Gold und Glanz dekorieren läßt oder seinen Golf Club Mar-a-Lago als „Winter White House“ bezeichnet. Donald Trump hatte im Wahlkampf bereits angekündigt, dass er die staatlichen Förderungen für Kunst, Kultur und Museen aussetzen möchte. Als gewählter Präsident verfolgte er seitdem regelmäßig in Haushaltsentwürfen diesen Ansatz. Gelder für die Kunst- und Kulturförderung sollten ersatzlos gestrichen werden.

Bislang gab es noch genug Gegenwind aus dem Kongress und das überparteilich. Die Fördergelder für die „Humanities“ blieben erhalten. Doch das ist keine langfristige Absicherung, gerade nicht unter diesem Präsidenten, der nicht viel von Kultur hält und gleichzeitig behauptet, er habe mehr Ahnung von Kultur als all jene, die sich damit berufsmäßig beschäftigen. Die Androhung wertvolle, historische Kulturstätten im Iran bombardieren zu lassen, war also kein verbaler Ausrutscher von Donald Trump, vielmehr drückt sie seine Haltung gegenüber Hochkultur, anderen Kulturkreisen und auch Geschichte als solche aus. Die USA haben derzeit jemanden als „Commander in Chief“ der einfach nicht über den eigenen Tellerrand blicken kann und blicken will.

Nach dem Rückblick der Ausblick

2020 steht vor der Tür. Übermorgen ist es so weit und ich habe keine Ahnung, was das kommende Jahr bringen wird. Viel Donald Trump, das zumindest weiss ich. Denn es ist Wahljahr und es geht ums Weiße Haus. Aber was da in den kommenden Monaten auf uns alle zukommen wird, ist noch völlig unklar. Wobei man schon jetzt vermuten kann, dass der Wahlkampf alles andere als „Friede, Freude, Eierkuchen“ werden wird.

Natürlich werde und, ja, muss ich auch darüber berichten. Viel Wahlkampf, wer setzt sich bei den Demokraten durch, wie stellt sich die Partei damit auf, wie reagiert Donald Trump, was wird er tun, um an der Macht zu bleiben? Viele offene Fragen, auf die noch niemand eine Antwort weiß. Aber ich hoffe, ich kann auch im kommenden Jahr einiges fernab des Politalltags und des Trumpschen Wahnsinns berichten.

Anfangen wird das Jahr für mich mit einer neuen Sendung. Auf KKUP, einer Community Station in San Jose mit einer starken UKW Frequenz, werde ich eine monatliche Nachtsendung moderieren. Angedacht ist Mittwoch von 00:00 bis 3 Uhr (in Deutschland 9 bis 12 Uhr). Ich habe Lust darauf wieder live zu senden. Spielen will ich experimentelle, ausgefallene und elektronische Musik. Manches wird ein wahres Klangbad zu früher Stunde sein, anderes eine Herausforderung für die Hörer. Ich freue mich darauf.

Eine Sendung über die Area 51, Ufos und Außerirdische kommt noch.

Gleich mehrere Features sind in der „Pipeline“, darunter die Ausarbeitung des Themas „Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden“ für das ich im Niger und in Somaliland war. Daneben kommt eine Sendung über UFOs und Außerirdische in den USA. Dann arbeite ich mit einer Kollegin in Afrika an einem international brisanten Politikthema. Sie dort, ich hier, und ja, es geht dabei auch um Trump. Ich will etwas zu Flüchtlingen und „undocumented immigrants“ machen, auch mal ganz, ganz hoch hinaus, wenn ich dafür einen Abnehmer finden kann. Ich hoffe, ich werde etwas mehr in den USA unterwegs sein, aus Gegenden berichten, die oftmals außen vor gelassen werden. Dann plane ich ein oder zwei weitere Reisen nach Afrika, sowohl in Somaliland wie auch im Sudan warten sehr interessante und spannende Geschichten.

Natürlich werde ich auch wieder Musik- und Religionsgeschichten suchen und finden und für Radio Goethe im Jahr 24 will ich ein paar thematische Sendungen produzieren. Ein Hörspiel über San Quentin und die Death Row schwebt mir vor, in dem ich all die Aufnahmen, Briefe, Kontakte, Erfahrungen, Besuche und auch Emotionen und Eindrücke aus den letzten 25 Jahren einbauen könnte. Mal sehen, ob ich dafür die Zeit und die Ruhe finde. Ach ja, dann arbeite ich auch noch mit an einer größeren Ausstellung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und in die Bay Area. Dafür werde ich Audio Files für Hörstationen und eine Webseite produzieren.

Hier stapeln sich die Bücher, die gelesen werden wollen. Daneben viel neue und alte Musik, die gehört, entdeckt und wiederentdeckt werden will. 2020 ist sicherlich ein Jahr, in dem es als USA Korrespondent nicht langweilig werden wird. Doch für mich ist es wichtig, dass ich dabei genau wie in diesem Jahr auch anderes bearbeiten kann, eben nicht nur den Wahlkampf, Trumps Tweets und langweilige Debatten. Das wird schon. Allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und gutes neues Jahr…Happy New Year aus Kalifornien.

Musik in Zeiten der Krise

Wir trafen uns in einem Garten in Niamey.

Musik spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Da ist meine eigene Radiosendung, Radio Goethe, mit der ich seit 23 Jahren die Zuhörer vor allem in Nordamerika mit Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschalle. Zehn Jahre lang produzierte ich daneben eine Country- und Folksendung für eine Airline über den Wolken.

Da ist aber vor allem auch die Musik, die ich fast bei allen Themen, die ich behandele finde. Sei es in San Quentin, wo mir ein Todeskandidat auf der Death Row per Telefon ein selbstgeschriebenes Lied vorsingt. Oder die Geschichte der deutschen Einwanderer in die USA mit alten Originalaufnahmen aus den 1920er Jahren unterlegt wird.

Seit 1996, habe ich mich intensiv mit der Folkmusik und ihrer Geschichte beschäftigt. Man muss nur an Musiker wie Woody Guthrie oder Pete Seeger denken, um Musik als Sprache und kraftvolle Ausdrucksform zu erkennen. Gerade Pete Seeger öffnete für mich mit seiner Musik den internationalen Blickwinkel. Er war eng mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs und den internationalen Brigaden verbunden. In einem Interview sagte er einmal, dass das Lied der Moorsoldaten, geschrieben im KZ Börgermoor 1933, eines der wichtigsten und bedeutendsten anti-faschistischen Songs überhaupt sei. Dieses Lied wurde durch die internationalen Brigaden in alle Welt, alle Kulturen und alle Sprachen verbreitet. Die Kraft dieses Liedes war nicht nur für die internierten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder im KZ Börgermoor bedeutend, sondern wurde auch eine Stütze, eine Hoffnung für gepeinigte, unterdrückte und benachteiligte Menschen in den verschiedensten Ländern:

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!

Das Lied der Moorsoldaten     

Auf einem leeren Grundstück, vor ein paar Zelten, unter einem Stoffdach.

Und dann ist da die Musik, die ich auf so einigen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden kennerlernen durfte. Mit einem Recherchestipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und der Robert Bosch Stiftung konnte ich vor kurzem nach Somaliland und in den Niger reisen, in zwei Länder, in denen die Musik ganz wichtige Rollen spielte und noch immer spielt.

Es gab auf diesen Reisen diese Momente, an denen ich mich glücklich schätzte, das tun zu können, was ich mache. Orte zu sehen, Menschen zu sprechen, Geschichten zu hören, wunderbare Musik zu finden. In einem Garten in Niamey verschwand im Klang der Musik der ganze Lärm, der Stress, die Anstrengungen, der Alltag. Und dann liegt man an einem warmen Freitagabend auf einer Sandbank eines Zuflusses des Nigers. Eine Gruppe junger Tuareg entfacht ein Lagerfeuer, backt Brot, grillt Fleisch. Einige greifen zur Gitarre, zu einer Kalabasse als Rhythmusinstrument und sie fangen an unter einem sternenklaren Himmel zu spielen, zu singen….und dabei ist ein 51jähriger Deutsch-Amerikaner, der sich (nach dem Aufnehmen) und nach zwei Wochen unterwegs entspannt, zufrieden und dankbar zurücklehnt, den Nachthimmel betrachtet und in diesem Moment mal wieder spürt, warum er Journalist geworden ist.

No Spectators: The Art of Burning Man

Ich war mehr als gespannt auf diese Ausstellung – „No Spectators: The Art of Burning Man„. Burning Man kommt also ins Museum, ins Oakland Museum of California. Und da war für mich gleich die Frage, wie man das machen, wie man das schaffen kann. Denn das alljährliche Treffen, dieser ungewöhnlichen und kreativen Community in der Wüste von Nord-Nevada wurde mir einmal von einem Künstler als „die größte Galerie der Welt“ beschrieben. Wie also kann man das auf so einen beschränkten Raum bringen?

Ein Kostüm aus Leder und Nieten.

Nun also sind einige Kunstobjekte, gereinigt und entstaubt, in den Museumsräumen in Oakland zu sehen. Dazu Videofilme, Fotos, Gegenstände und die Geschichte dieses Festivals zum Nachlesen. Ich könnte nun ausholen und hier schreiben, was alles fehlt. Da ist zuallerst diese Weite auf dem ausgetrockneten Seebett, da ist der feine Staub, der in alle Poren reinkriecht, die Hitze. Doch vor allem sind da die Menschen, die man auf Playa in Black Rock City trifft.

Das alles kann eine Ausstellung gar nicht einfangen, umfassen, darstellen. Und der Versuch wurde auch gar nicht erst unternommen. Ein Museum ist kein Spiegel, diese Ausstellung bietet vielmehr den Versuch Burning Man zu verstehen, einen Blick hinter all den „Dust“ zu werfen. Und der gelingt. Gezeigt wird die Kreativität im Kleinen, wie angefertigte Kostüme für die Playa. Ein paar größere Objekte sind auch Teil von „No Spectators“, sogar ein Tempel im Kleinformat wurde im Außenbereich des Museums nachgebaut.

Burning Man war bei meinen Besuchen immer die faszinierende Kunst, die Kreativität der Teilnehmer, das Eintauchen in diese ganz andere Welt, wo Grenzen verschoben, wo Dinge einfach machbar gemacht wurden. Wenn auch nur für ein paar Tage, Burning Man ist ein besonderes Erlebnis, eine tiefe Erfahrung mit diesen ganz speziellen, eigenen und sehr persönlichen Burning Man Momenten. Am Eingang zur Black Rock City wird man mit „Welcome home“ begrüßt. Auch in der Ausstellung im Oakland Museum of California hängt solch ein Schild. Die Faszination von Burning Man ist nicht einfach zu beschreiben. Irgendwie muss man dort gewesen sein, das alles mal selbst erlebt haben, um diese ganze Dimension zu erfahren. Morgens mit dem Fahrrad über die Playa fahren und erstaunt sein, wie über Nacht neue Kunstobjekte aus dem sandigen Seebett aufgetaucht sind. Oder nachts ganz weit draußen auf der Playa stehen und tief bewegt auf das Lichter- und Feuerspektakel vor einem zu blicken. Hier, wo vor ein paar Wochen nichts war und wenige Tage später nichts mehr sein wird.

Das alles kann in einer Ausstellung nicht nachempfunden werden, doch „No Spectators“ unterstreicht zum einen den Einfluss und die Bedeutung dieser besonderen Kunstcommunity. Zum anderen macht sie neugierig darauf, wie das wirklich ist in Black Rock City. Diese Museumsshow ist daher auch wie eine Einladung zu verstehen, in diese andere, zeitlich begrenzte amerikanische Kleinstadt – für eine Woche die drittgrößte Kommune in Nevada – zu reisen, dort zu leben und Teil dieser eigenwilligen Gemeinschaft zu werden. „No Specators“, kein Zuschauer eben zu sein.

Foto: Reuters.

Das Klangbild eines unbekannten Landes

Das Weltmusiklabel Smithsonian Folkways ist für teils ungewöhnliche Veröffentlichungen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen bekannt. Nun erscheint mit “Sound Portraits from Bulgaria” eine zwei CDs umfassende Box, die sich der bulgarischen Musik der 60er und 70er Jahre widmet. Begleitet wird sie von einem umfassenden Bildband, der Musiker und Aufnahmesituationen von damals portraitiert. Es ist wie ein tiefer Einblick in eine scheinbar längst verschwundene Zeit.

Am Anfang dieser Box steht die Melodie des Schäfers, einer gefühlvollen und durchaus nahegenden Musik- und Fotosammlung, die den Hörer behutsam in die Klangwelt Bulgariens führt. Aufgenommen und gesammelt wurde diese Musik in allen Teilen Bulgariens von dem Musikethnologen Martin Koenig, der in den 60er und 70er Jahren dorthin reiste, in einer Zeit, in der Bulgarien ein eher abgeschottetes, verarmtes Land im damaligen Ost-Block war. Koenig kam, um sich vor Ort über die Tänze zu informieren und, um die Musik aufzunehmen.

Martin Koenig reiste damals mehrmals durch das Land, einem Land, das von den verschiedensten Einflüssen geprägt wurde. Gleich fünf Länder grenzen an Bulgarien, dazu noch das Schwarze Meer. Bulgarien sei wie eine Kreuzung, meint Koenig. „Jede Armee aus dem Osten kam durch Bulgarien, jede aus dem Westen auf dem Weg in den Nahen Osten kam durch das Land. Und jede Armee, jede Volksgruppe, die durchkam, denn es gab auch diesen konstanten Migrationsfluss, jeder brachte seine Musik mit, seine eigenen Klänge. Und das alles beeinflusste das, was schon da war.“

Die CD-Box “Sound Portraits from Bulgaria” gibt dem Hörer einen tiefgehenden Eindruck von der Vielfalt und der Ausdruckskraft der bulgarischen Kultur. Die vielen Bilder in dem 143 Seiten umfassenden Begleitbuch lassen die Musik auf diesen CDs lebendiger werden, denn man erfährt, wie sie aufgenommen wurde. Martin Koenig hat damals mit seinen tragbaren Aufnahmegeräten wahre Klangwunder erschaffen. „Als ich damals in diese bulgarischen Dörfer kam, gab es überall mehrere Leute, die diese Lieder singen konnten. Es ist, wie ein Fenster auf einen verschwundenen Lebensweg zu öffnen, der so reich an Darbietung und kulturellen Traditionen war, und den es nicht mehr gibt. In diesen 50 Jahren ist das alles verloren gegangen.“

Seit den 60er Jahren hat Bulgarien ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Mit ihr verschwand vieles von dem, was in dieser CD-Box zu sehen und zu hören ist. Der kulturelle Verlust ist immens, um so wertvoller ist diese Sammlung einzuordnen. Das konnte Martin Koenig auch erfahren, als er vom Label beauftragt wurde, vor einer Veröffentlichung noch einmal nach Bulgarien zu reisen, um die Rechte von den Musikern und ihren Nachfahren einzuholen, wenn sie überhaupt gefunden werden konnten. Bei den Besuchen in den verschiedensten Dörfern stieß er vor allem auf Dankbarkeit, dass die Musik und diese Fotos aus einer längst vergangenen Zeit bewahrt wurden.

Einen Klangeindruck von “Sound Portraits from Bulgaria” kann man hier bekommen.

Momente wie diese

Zweifel habe ich oft. Ob ich die Geschichte, über die ich berichten will, auch wirklich erzählen kann, ob ich die Interviews, die Töne, die Musik bekomme, die ich für ein klangvolles Feature brauche. Manchmal geht es einfach nicht voran, manchmal sehe ich den roten Faden nicht, der sich durch die Story ziehen soll, manchmal klappt hinten und vorne einfach nichts. Bei dieser Geschichte über die Bedeutung von Musik in Konfliktgegenden und Zeiten der Krise, an der ich gerade arbeite, ist das nicht anders. Ich musste meinen Flug nach Somaliland für 700 Euro umbuchen, weil derjenige, mit dem ich vor Ort unbedingt reden musste, der mir viele Interviewpartner vor Ort vermitteln wollte, mir wenige Tage vor dem Abflug in einer Mail schrieb, ich solle doch einen Tag vorher fliegen, da er an meinem eigentlichen Anreisetag nach London fliege. Es war kein Notfall und er wusste seit Mai, dass ich an diesem Tag im September ankomme.

Vieles was sein sollte, ergab sich dann nicht und ich begann innerlich etwas zu rotieren. Wie sollte ich die Geschichte nun erzählen? Ich suchte nach anderen Interviewpartnern in Somalia. Einer, der von sich behauptet, er setze sich sehr für die somalische Kultur ein, dafür, dass die Menschen in den westlichen Nationen Somalia und Somaliland verstehen lernen, ließ mir über seinen Manager in London mitteilen, dass er nur für einen Vorabbetrag von $400 mit mir sprechen würde. Soviel zum Kulturaustausch.

Ein musikaliscer Bilderbuchmorgen in Niamey.

Die Zweifel an dieser Story waren da, auch wenn ich wunderbare Menschen treffen und mit ihnen sprechen konnte, aber diese rote Linie fehlte noch für mich. Dann ging es weiter nach Niamey. Interviews und Eindrücke, die mir die Größe, diese Übergröße dieses Themas vor Augen führen, auch, dass ich das Thema nur ankratzen werde. Musik ist eine wunderbare Sprache, komplex, tief, vielseitig und vielleicht auch unbeschreibbar.

Gestern erlebte ich diese Augenblicke, die dann ganz anders waren. Am Morgen wurde ich quer durch die Stadt zu einem Grundstück gefahren, hohe Mauern, eine gewaltige Metalltür. Dahinter ein offener Platz, ein paar Zelte, Behausungen, ein Schaf blöckte laut, ein paar Ziegen liefen herum, Kinder spielten im Sand. Vom Nebenhaus war Gehämmere zu hören. Es war schon sehr heiß an diesem Morgen, mir lief der Schweiß runter. Eine Frau winkte uns heran, breitete unter einem niedrigen Dach aus Stroh zwei Matten aus, darauf legte sie eine Decke. Moussa, mein Begleiter, und ich setzten uns auf ein paar niedrige Stühle und warteten. Nacheinander kamen drei Tuareg Musiker, die mir Fragen beantworten und ein paar Lieder spielen wollten. Ich sass schließlich da und merkte mal wieder, dass ich einen wunderbaren Job habe, der mich in andere Länder bringt, der mir neue Kulturen zeigt, der mich zu Menschen führt, denen ich Fragen stellen kann, die oftmals beantwortet werden, dass ich Eindrücke erhalte, Augenblicke erlebe, die einzigartig, die bereichernd sind. So auch dieser auf diesem offenen Gelände unter dem Strohdach. Am Schluss noch ein Liedgeschenk, ein traditionelles altes Tuareglied.

Musik, Lagerfeuer, Wetterleuchten und frisch aufgebrühter Tee.

Am späten Nachmittag brachte mich Moussa dann zu seiner Band. Junge Leute sassen in einem Hof zusammen und spielten, sangen, jammten. Unglaublich, welche Kraft Musik ausdrücken kann. Danach fuhren alle raus aus der Stadt zu einem Seitenarm des Niger, unterwegs hielten wir noch an, um Mehl, Wasser und Holz einzukaufen. Auf einer Sandbank dann wurden kleinere Lagerfeuer entfacht, eins zum Tee kochen, eins zum Brot backen, eins für eine Fleischsoße. Während alles zubereitet wurde, griffen zwei zu Gitarren und begannen zu spielen, einer nutzte eine Kalebasse als Percussioninstrument, es wurde gesungen, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Am Himmel braute sich ein Unwetter zusammen, ein gewaltiges Wetterleuchten erhellte die sich auftürmenden Wolken, doch es blieb trocken, der aufkommende Wind war angenehm bei dieser drückenden Hitze. Ich legte mich zurück und ließ die Musik einfach wirken. Irgendwo im Niger lag da ein zufrieden lächelnder Berufszweifler, der in diesem Moment erkannte „life’s good“.

 

Der Niger tönt

Ich bin in Niamey, der Hauptstadt des Niger. Es ist heiß, ich weiss gar nicht, wie ich immer noch Flüssigkeit in mir haben kann, denn hier ist Dauerschwitzen angesagt. Selbst am Abend kühlt es nicht viel ab. Gestern sass ich nach meiner Ankunft noch in einer Bar, direkt am Niger und ölte nur so vor mich hin bei einem kühlen Bier aus Burkina Faso.

Heute morgen dann im Garten von Sakina, der quasi Managerin von Studio Shap Shap. Dort, unter einem Pavillon aus Holz und Stroh, stand heute eine Bandprobe an. Eine entspannte Atmosphäre mitten im Grünen. Eine Ente watschelte durchs Bild, eine Henne grub sich ein Loch und legt sich hinein, der Straßenlärm versank in der Ferne. Und dann begann die Band zu spielen. Traditionelle Instrumente aus dem Niger, ein E-Bass, ein unglaublicher Percussionist, der seine Kalabassen mit Händen und Füßen bearbeitet, Sound Einspielungen vom Laptop und ein Synthesizer. Das alles geht im Klang von Studio Shap Shap auf, ein offenes Bild, zwischen Tradition und Moderne entsteht.

Die Band ist untypisch für den Niger, auch wenn bekannte musikalische Anspielungen einfließen. Doch das ist ganz bewusst so gehalten, es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen im Niger. Dazu noch die der Expats. Und das ergibt diese unglaubliche Mischung zwischen Verweilen und vom Rhythmus mitgerissen zu werden. Und das ganze hier in Niamey live zu erleben, in diesem Garten, in dieser Hitze, öffnet die Musik noch einmal ganz neu für mich. Direkt vor mir wird der Sound zu einem spürbaren Erlebnis.

Am Nachmittag ein Besuch im „Centre de Formation et de Promotion Musicales“, ein Interview mit dem Direktor der Institution. Er erzählt über den Vielvölkerstaat Niger und die Bedeutung der Musik in dieser Gesellschaft, die Rolle der Musiker in der Übergangszeit von der einstigen französischen Kolonie zur Unabhängigkeit. Ein spannendes Gespräch, in dem ich meinem Thema wieder ein Stückchen näher komme. Morgen stehen dann eine weitere Bandprobe und etliche Interviews an. Ich hoffe, ich zerfliesse hier nicht.

Goodbye Somaliland

Eine Woche Recherche in Somaliland neigen sich dem Ende zu. Es ging um die Musik, um die Kultur in dieser Region am Horn von Afrika. Eigentlich dachte ich, ich müsste für dieses Thema auch nach Mogadischu reisen, denn die Hauptstadt Somalias galt gerade in den 1970er Jahren als ein Zentrum der Musik. Hier kamen Einflüsse aus Afrika, der arabischen Welt, aus Europa, Indien und China zusammen und vermischten sich mit dem, was die somalische Musik seit Jahrhunderten ausmacht.

Laufen ist nicht einfach in Hargeisa, Bürgersteige gibt es kaum. Und wenn da ein Weißer durch die Gegend läuft, ist das mehr als auffalend.

Es ging nicht nach Mogadischu, auch wenn es eine dieser Städte ist, in die ich gerne reisen würde. Doch jeder, mit dem ich sprach, riet man davon ab. Es sei zu gefährlich, vor allem für einen „Westener“ und außerdem sei das, was ich finde wollte, in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands zu finden. Einiges fand ich, anderes nicht. Musik ist wichtig in der somalischen Kultur, aber eben auch nicht so wichtig, dass man dafür zahlt. Aber vielleicht ist das auch nur ein westliches Denken. Die Wertschätzung ist da, unbezweifelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Somaliland bin. Doch diesmal erlebte ich vieles ganz neu. Bekam Einblicke in das Leben, auch das Privatleben der Menschen hier. Immer wieder stieß ich auf freundliche Menschen, die das Gespräch suchten, die Fragen hatten, oftmals meine Antworten aber nicht verstanden. Sprache kann eine ziemliche Barriere sein. Mit viel Lachen wurde das allerdings übergangen.

Wenn man in solche Länder reist, die nicht zu den typischen Reisezielen gehören, dann ist es oftmals sehr schwer, das zu beschreiben, was man sieht, erfährt, riecht, schmeckt, erlebt. Es sind tiefe Eindrücke von Menschen und Situationen, Lebensumständen und Gegebenheiten. Von Hoffnung genauso wie vom Schicksal. Hier wird vieles im Vorfeld oder auch nachdem es schon passiert ist mit „Inschallah“ erklärt, so Gott will. Die Verantwortung wird abgegeben, man fügt sich in das, was war, ist und sein wird. Das kann charmant sein, das kann aber auch verstörend wirken, wenn es um Lebensveränderungen geht, die man selbst in der Hand hat.

An den Müll, der überall herumliegt, werde ich mich auch nie gewöhnen können.

Ich stoße hier in Somaliland oftmals an meine Grenzen. Wie das verarbeiten, was ich sehe und erlebe, wie darüber schreiben, berichten, es erzählen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, es nie ganz zu schaffen, das alles in Worte auszudrücken. Man hilft sich hier, doch dann sind da die Cousins, Onkel, die sehr weitgefasste Familie, zu der man gehört. Ein Sicherheitsnetz, doch auch eine deutliche Abschottung. Das zu durchdringen und zu verstehen ist nicht gerade eine leichte Herausforderung. Hier der Reichtum so einiger, da die bittere Armut anderer. Und dann sind da die Tiere. Wie mit Hunden, Katzen und Eseln umgegangen wird, das ist – zumindest für mich – sehr nahegehend, macht mich betroffen, berührt mich sehr tief. Ich habe hier schon Leute lautstark angesprochen, die mit Steinen auf Hunde und Katzen schmissen und bekam nur ungläubige Blicke als Antwort. Was will der schwitzende Weiße denn von uns? Ich musste mitansehen, wie Esel vollbepackt mit einem unglaublichen Gewicht mit harten und brutalen Schlägen zum schneller Laufen angetrieben wurden. Solche Erfahrungen treffen mich in all der menschlichen Not und dem Elend, die ich hier auch sehen muss.

Heute geht es weiter nach Niamey. Ein anderes Land, eine andere Kultur, eine andere Musik. Ich bin gespannt, doch ich weiß, auch dort warten viele Bilder und Eindrücke, die ich nicht so leicht erklären kann, für die es Zeit braucht….vielleicht daheim in Oakland bei einem Spaziergang mit meinem Hund unter den Redwoods.

Auf der Suche nach dem Buch

Dieses Reisestipendium, das ich erhalten habe heißt „Grenzgänger„. Dort heißt es: „Das Programm Grenzgänger fördert internationale Rechercheaufenthalte von Autoren, Filmemachern und Fotografen, die relevante gesellschaftliche Themen und Entwicklungen aufgreifen und sich differenziert mit anderen Ländern und Kulturen auseinandersetzen wollen.“ Organisiert wird es vom Literarischen Colloquium Berlin und finanziert von der Robert Bosch Stiftung.

Kein Schild am Eingang deutet auf die Nationalbibliothek Somalilands hin.

In meiner Bewerbung erklärte ich, dass Musik eine wichtige Sprache gerade in Zeiten der Krise und in Konftliktregionen war und ist. Lieder in der somalischen Musik entstehen meist auf Grundlage eines Gedichts. Um die Worte wird die Musik gelegt. Das schien die Jury überzeugt zu haben. Nun bin ich also schon ein paar Tage in Somaliland, am Sonntag geht es weiter in den Niger. Somalia, so wurde mir mehrfach erklärt, ist eine „oral culture“, das gesprochene Wort ist hier wichtig, nicht so viel wurde niedergeschrieben. Lieder, Geschichten, Gedichte und Erzählungen wurden in der Vergangenheit vor allem mündlich weitergegeben.

Als ich erfuhr, dass es eine „National Library“ in Hargeisa gibt, die 2016 eröffnet wurde, wollte ich unbedingt dahin. Doch keiner wusste so richtig, wo sie ist. Nur grob, sie liege an der Hauptstraße 1, hieß es. Nach mehrmaligem um den Block fahren, stieg ich schließlich aus und machte mich zu Fuss in der brütenden Hitze auf die Suche. Nichts war da zu finden, wo sie sein sollte. Auf meine Fragen, wo denn die Bibliothek sei, wurde entweder der Kopf geschüttelt „sorry“ oder in eine Richtung gezeigt, aus der ich gekommen war.

Im Lesesaal der Nationalbibliothek Somalilands.

Und dann traf ich Ahmed, der mich hinführen wollte. Auf dem Weg dahin fragte er nach Angela Merkel und dem Brexit, wer deutscher Fußballmeister werden wird und wie ich denn Hargeisa so fände. Wir sprachen auf Englisch, Ahmed war interessiert, wollte sich schließlich noch per facebook mit mir verbinden. Von der Haupstraße gingen wir in eine buckelige Nebenstraße, entlang einer Mauer. Dann noch rechts und wir standen vor einem Eisentor. Kein Schild deutete daraufhin, dass das hier die nationale Bücherei sein soll. Mitten auf dem Areal stand ein nicht gerade ansehnliches Gebäude. Innen dann reihenweise Regale, auf denen vor allem englischsprachige Bücher zu finden waren. Doch es gab auch eine Sammlung mit somalischer Literatur, ein paar Kinderbücher, Erzählungen, vor allem in somalischer Sprache. Nur wenig ist davon übersetzt, doch das, was es gibt, zeigt Autoren, Dichter und Denker, die ganz bewusst, kritisch und mit Stolz auf ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Leben blicken. Ich kramte durch das Regal und fand ein paar Übersetzungen.

Und diese Bibliothek ist nicht die einzige in Hargeisa. Auf einem viel kleineren Niveau kann man auch im Kulturzentrum von Hargeisa Bücher finden. Auf zwei Stockwerken ist Literatur aufgereiht, auch hier sind somalische Werke zu finden. Und dann ist da auch noch die Bibliothek auf dem Uni-Gelände, etwas durcheinander sind hier Bücher auf den Regalen gestapelt, man braucht Zeit, um sich durch zu suchen. Auch hier ist der Großteil der Literatur englischsprachig. Das ist erstaunlich, denn nur wenige Somaliländer, die man trifft, sprechen Englisch. Aber Hunger nach Wissen ist groß.