Mord und Totschlag in München

Da heißt es immer, München sei so eine sichere Großstadt. Und dann schreibt Roland Krause ein Buch, in dem ein ganz anderes Bild gezeigt wird. Da sterben sie links und rechts, werden erschossen und erstochen, es fließt sehr viel Blut, Autos explodieren, kriminelle Syndikate treiben ihr Unwesen, miese und korrupte Polizisten sind auch noch mit dabei. Dazu ein bißchen Sex und eine Geschichte, die von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und dann zu einem mehr als unerwarteten Ende führt.

Der lange in Nürnberg lebende Krause hat mit „Ein abgezockter Sauhund“ nun sein fünftes Buch vorgelegt. Nach drei Krimis im Piper Verlag, der Kurzgeschichtensammlung „Hurenballade“ im Balaena Verlag und einem Kinderhörbuch, ist er nun mit dieser rasanten Story beim Emons Verlag in Köln gelandet. Der abgezockte Sauhund ist eine etwas gescheiterte Existenz, die eine große Chance wittert. Ein Bild von da Vinci ist verschwunden, das 15 Millionen Euro wert sein soll. Die Jagd auf die Zeichnung beginnt und sie wird blutig geführt. Krause schafft es gekonnt Charaktere entstehen zu lassen, sie einem nahe zu bringen, teils liebevoll umschrieben, teils detailiert abstoßend. Es ist kein „Harry, hol den Wagen“ und Trenchcoat Krimi, vielmehr ein Blick in die nicht so glänzende Welt der bayerischen Metropole, jenseits der Schickeria und pomadig-nervigen „Mia san mia“ Mentalität. Oder, wie es der Emons Verlag über seinen Autoren schreibt, es sind „atmosphärisch-dichte Milieustudien, in denen er das Dasein von Außenseitern und schrägen Charakteren beleuchtet.“ Stimmt!

Ja, Roland Krause schaut hin, das was er da schreibt, ist ihm nicht fremd, nicht einfach erfunden, das merkt man. Zu genau, zu detailliert sind seine Bilder. Ich will ihn hier nicht mit Bukowski vergleichen, aber auch dessen „Post Office“, seine genauen Beschreibungen des Erlebten und selbst Gesehenen waren für viele eine Offenbarung der anderen Seite eines täglichen Lebens fernab des „American Dreams“. Und genau das macht auch diesen Krimi so lesenswert. Eigentlich könnte es das Drehbuch für einen Film sein, da holpert nichts, da wird flüssig und mitreißend erzählt. Wenn sich denn nur ein Sender, wie der BR, es zutrauen würde, eine so ganz andere Geschichte aus München in Bildern umzusetzen. Aber das wird wohl Wunschdenken bleiben. Was bleibt ist ein hervorragender Lesestoff für die Selbstquarantäne. Das Leben da draußen ist schon ein Sauhund.

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Coming home…

Der Münchner Airport war im internationalen Bereich fast leer. Keine Läden waren geöffnet, die LH-Lounges geschlossen, irgendwie schien alles viel dunkler, man spart in diesen kümmerlichen Reisetagen wohl auch am Licht. Im Flieger von MUC nach SFO war vielleicht gerade mal jeder vierte oder fünfte Sitz besetzt. Der Abstand konnte eingehalten werden, Mund-Nasen-Schutz war während der gesamten Reise vorgeschrieben. „Zum Essen und Trinken können sie die Maske abnehmen“, meinte der nette Mann bei seiner Durchsage.

Damit man es nicht vergisst.

Auf dem Flug bekamen die Passagiere ein Formular des „Center for Disease Control“ (CDC), auf dem man Name, Adresse in den USA und Symptome angeben mußte. Nur einzeln durfte man in San Francisco das Flugzeug verlassen, noch vor dem Terminal warteten Mitarbeiter des CDC im Gate-Tunnel, um weitere Fragen zu stellen und die Formulare einzusammeln. „Haben Sie Fieber?“, fragte mich die nette Frau und ich dachte sie fragt das, weil ich etwas in Schwitzen gekommen war. „Nein, mir ist nur warm“, antwortete ich. Damit war sie zufrieden. Sowieso komme ich mir in diesen Tagen blöd vor, wenn ich schwitze. Auch im Flieger schafften die es wieder nicht, in diesem sündhaft teuren Flugobjekt die Klimanlage so einzustellen, dass man nicht schweißgebadet aufwacht. Ich hoffte nur, dass da niemand an meinem Platz vorbeikam, mich sah und sich dachte, ich fiebere vor mich hin. Von der CDC-Dame erhielt ich dann noch einen „Flyer“ falls Unklarheiten bestehen sollten. Das war es dann.

Gähnende Leere auch hier im internationalen Terminal des Airports. Keine Schlange an der Passkontrolle, das Gepäck kam schnell, es waren ja kaum Passagiere an Bord. Sowieso fehlten andere ankommende Flieger. Normalerweise landen um diese Zeit gleich mehrere Maschinen aus aller Welt. SFO ist in normalen Zeiten eine der wichtigen Drehscheiben an der amerikanischen Westküste. Und auch draußen das selbe Bild, kaum Wartende, keine langsam fahrenden Autos, keine Polizisten, die mit lauten Pfiffen zum Weiterfahren aufforderten.

Nun sitze ich wieder daheim in Oakland. Die letzten zwei Wochen gingen wie im Flug vorbei. Wann die nächste Reise klappen könnte, kann ich noch gar nicht sagen, noch nicht absehen, hier und da fließt bis dahin noch viel Wasser durchs Golden Gate und die Pegnitz runter. Wie heißt es so schön: schaun mer mal!

 

Na, da schau her!

Der Flug LH459 von San Francisco nach München war vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Das Einsteigen ging so schnell, dass wir verfrüht vom Gate abstoßen konnten. 15 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit erreichten wir MUC. Auf den Rollfeldern kaum etwas los und auch an den Gates standen nur wenige Flugzeuge. Der Flug selbst war entspannt, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes war vorgeschrieben, außer beim Essen und Trinken.

Das Tor am Gate war noch geschlossen, als ich ins leere MUC Terminal kam. Sechs Bundespolizisten saßen an der Passkontrolle, kein Mensch weit und breit zu sehen, ich war der erste aus meinem Flieger. “Wo kommen Sie her?” “Aus San Francisco”. Er schaute auf meinen Pass und forderte mich auf, kurz die Maske abzunehmen: “Sie leben dort?” “Ja.” “Sie wissen, dass sie sich nun für 14 Tage in Quarantäne begeben müssen“, er hielt einen Informationszettel in die Höhe. “Den habe ich im Flugzeug schon erhalten.” “Schönen Tag”. “Auf Wiedersehen”.

Das wars, niemand fragte mich wohin ich eigentlich will, keiner verlangte die genaue Adresse zu der ich reise. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich war darauf vorbereitet, dass ich zumindest einen Zielort angeben muß, denn wie soll das örtliche Gesundheitsamt wissen, dass ich komme, dass ich da bin, dass ich wieder abreise, wenn die Information der Einreise gar nicht weitergegeben wird?

Meine Koffer kamen schnell auf dem Gepäckband, es war wohl der einzige Flieger, der gerade entladen wurde. Mein Neffe holte mich ab, er wartete in der fast menschenleeren Empfangshalle. Auf dem Parkplatz kaum Autos. Nur die A9 war mal wieder verstopft an Endlosbaustellen. “Welcome to Bavaria”

„Drive, she said“

Es war im Nürnberger Dröhnland, 1986, da hörte ich zum ersten Mal Stan Ridgways „Salesman“. Sowieso hörte ich in der legendären Disco in der Humboldtstraße vieles, was mich prägte und was mich bis heute begleitet. Aber Ridgway ist eine besondere Geschichte. Seine erste Soloplatte „The Big Heat“ nach seiner Zeit mit „Wall of Voodoo“ kaufte ich mir glaube ich gleich am nächsten Tag. Und die ist noch immer eine meiner Lieblingsscheiben.

Im November 1986 fuhr ich dann mit einer Freundin im Renault 12 meiner Eltern nach München. Ridgway spielte in der Alabamahalle. Ein nicht zu vergessenes Konzert. Draußen war es arschkalt, wir standen in der Schlange, bis die Türen endlich geöffnet wurden. Ich glaube, viel war nicht los, doch Stan Ridgway beeindruckte das nicht, er schien Spaß zu haben, immer wieder wedelte er mit dem Mikrofonkabel durch die Gegend, so, als ob er ein Cowboy beim Einfangen eines Rindes war. Gerade höre ich eine alte Aufnahme von genau dieser „The Big Heat“ Tour, die ein paar Tage später in Wien entstanden ist. Good times…!

Stan Ridgway und seine Musik begleiteten mich in den folgenden Jahren. Jede neue Platte legte ich mir zu. Nach meinem Umzug nach San Francisco sah ich ihn mehrmals live, bei Slim’s, im Cafe Du Nord und noch einem Club, dessen Namen mir gerade nicht einfällt, den es aber schon lange nicht mehr gibt, interviewte ihn vor einem der Konzerte für ein deutsches Musikmagazin. Und dann hatte ich die Idee, ein Spotlight auf KUSF über Stan Ridgway zu produzieren, eine, dieser großartigen Zweistundensendungen am Sonntagnachmittag auf dem einstigen legendären Collegesender der „University of San Francisco“. Ich schrieb Stan Ridgway an, ob ich ihn für diese Show interviewen könne und er schrieb zurück, freute sich über mein Interesse und lud mich für ein Treffen nach Venice ein.

Ein paar Wochen später stand ich da an einer Ecke nur einen Block vom Strand in Venice Beach entfernt. Ein blauer Minivan hielt neben mir, das Seitenfenster ging runter, „Are you Arndt?“. „Yes, I am“. Stan Ridgway saß am Steuer, wir unterhielten uns, während er durch die Gegend fuhr und mir die Nachbarschaft zeigte, dies und das erklärte. Schließlich hielt er an einem Diner, wir hatten erstmal Lunch. Danach meinte er, wir könnten doch das Interview im Auto machen. Stan Ridgway ist ein Geschichtenerzähler, das hat mich schon immer an ihm beeindruckt. Seine Liedtexte sind Kurzgeschichten, die das amerikanische Leben beschreiben. Gut beobachtet, manchmal seltsam, aber immer ein Grund zum Nachdenken. Sein „Camouflage“ oder sein „Drive, she said“, aber auch das „Mexican Radio“ aus den Wall of Voodoo Zeiten, tolle Stories.

Das Spotlight wurde gesendet und ich blieb mit Stan Ridgway lose in Kontakt, denn kurz darauf begann ich mit der Produktion des Country, Folk und Americana Inflight Programmes für eine große deutsche Airline. Ich hatte die Freiheit, meine Playlist selbst zu bestimmen und mußte mich nicht nach den Charts richten. Das bot mir die Möglichkeit das weite Feld des Country und Folk Sounds zu erkunden. Und da kam ich wieder auf Stan Ridgway, diesen großartigen amerikanischen Songschreiber, Sänger, Musiker, der offen für Einflüsse ist und durchaus auch immer wieder in seinen Songs durch den Reichtum des wahren amerikanischen Sounds stapfte. Stan Ridgway war also immer mal wieder auf 30,0000 Fuß zu hören. Er fand das gut. Ich auch. Nach zehn Jahren war für mich Schluß mit der Sendung. Seitdem lege ich immer mal wieder eine Platte von ihm auf. Gestern Abend ganz laut „The Big Heat“, für mich sein Meisterwerk. Und da kamen eben all die Erinnerungen hoch, Dröhnland und Alabama Halle, KUSF, Venice und über den Wolken. Musik ist einfach wunderbar.

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Der Weg ist das Ziel…oder so

Ich fliege ja öfters nach Deutschland. 10-11 Stunden in der immer enger werdenden Economy Class in überfüllten Flugzeugen ist kein Spass. Und billig ist das auch schon lange nicht mehr. Irgendwie scheint es nun immer Hochsaison zu sein, zumindest dann, wenn ich fliege und nicht schon ein Jahr vor meinem geplanten Abflug gebucht habe.

Von daher war ich offen für die Werbung eines Online Reisebüros, das mir Angebote an Business Class Flügen „on sale“ zuschicken wollten. Warum nicht, dachte ich mir, vielleicht klappt das ja mal. Aber was ich da nun angeboten bekommen habe, fällt wohl mehr unter den philosophischen Gedanken der Weg ist das Ziel. Anders ausgedrückt, Hauptsache man fliegt Business Klasse, ankommen ist da nebensächlich. Nur so kann ich folgendes und wahrlich ernstgemeintes Angebot lesen:

Für 2459 Dollar würde ich mit United von San Francisco nach Newark fliegen. Von Newark müsste ich zum John F. Kennedy Airport nach New York City kommen, denn von dort geht es nach sechs Stunden mit Kuwait Airways weiter Richtung Kuwait City. Dort angekommen hätte ich sechs Stunden Aufenthalt, bevor es dann mit Etihad nach Abu Dhabi weitergehen würde, wo ich dann in einen Lufthansa Flieger nach München einsteigen dürfte, um zwei Tage nach dem Abflug endlich deutschen Boden betreten zu dürfen.

Auch der Rückflug nach San Francisco wäre nicht ohne. Abflug München, zuerst ginge es mit Egypt Air nach Kairo. Von dort mit Kuwait Airways nach Kuwait City. Sechs Stunden warten, dann mit einem Kuwait Airways Flieger aus dem Emirat Richtung New York City. Knappe 12 (!) Stunden später würde dann der letzte Flug, diesmal mit Jet Blue, von JFK nach SFO angetreten. Alles Business Class wohlgemerkt.

Der nette Mann im Reisebüro rief mich schließlich an, da ich mich auf sein unglaubliches Angebot per Mail nicht meldete und fragte, ob ich sein „offer“ erhalten habe. Ich konnte ihm nur sagen, dass ich das habe, aber wir wohl nicht zusammen kommen werden. „Thank you for the offer, but please take me off your list. Goodbye.“

Von einem der auszog, das Leben zu beschreiben

“Das Schicksal, das ist ja auch eine Hure und gezahlt hat der Reinhard schon im Voraus”.
Der Schlußsatz der Hurenballade, die Titelgeschichte der 13 Stories des Münchner Autors Roland Krause, die nun im Balaena Verlag erschienen sind. Krause lebte und studierte lange Jahre in Nürnberg, schreibt neben seinem Job als Sozialarbeiter Romane und Kurzgeschichten. Und vielleicht ist dieser Beruf an den Brandstellen der Gesellschaft auch der Grund dafür, dass der Autor ein begnadeter Hinseher und Hinhörer ist.

Seine beschriebenen Lebensgeschichten hinterlassen immer einen faden Geschmack. Man wünscht sich als Leser manchmal einen anderen Ausgang, doch weiß genau, so spielt das Leben, das eben kein Ponyhof ist. Roland Krause blickt nicht in die Villengegenden, schaut nicht auf die Schickeria. Vielmehr könnte der eine oder die andere seiner Darsteller der Nachbar von oben, die Frau aus dem Nebenhaus sein. Jemand, dessen Gesicht man kennt, an dem man tagtäglich vorbei läuft, vielleicht mal grüßt und dann sagt “da schau her”, wenn man die Todesanzeige in der Zeitung liest.

Roland Krause hat zuvor drei Krimis um den Münchner Hauptkommissar Josef Sandner für den Piper Verlag geschrieben. Schon da fielen mir seine scharf formulierten Umschreibungen der Handelnden auf. Auf diese Blickweise der Mitmenschen baut er auch seine Kurzgeschichten auf. Auf den wenigen Seiten einer Story lässt er einen Alltag entstehen, in dem “Menschen” leben. Es sind keine Kunstgestalten, keine Superhelden, keine geschniegelten und gestriegelten Zeitgenossen, keine “In-People”. Krause ist der stille Beobachter in einer Großstadt, in der das Leben nicht perfekt ist, auch wenn wir das gerne so hätten. Menschen um uns herum leben und leiden, trinken und weinen. Sind depressiv, traurig, einsam. All das beschreibt Roland Krause in seinen Geschichten. Stellenweise süffisant, mit Humor, der durchaus auch manchmal schmerzt. Ja, auch das ist das Leben, man labt sich an dem Schicksal der anderen.

Und da ist doch auch immer ein kleiner Lichtstrahl, der durch den dunklen Vorhang des mürbe machenden Alltags kommt. Ein bißchen körperliche Wärme, Hilfe für Hilfesuchende, Mitgefühl, Empathie, Nachbarschaftssinn, Freunde, die man nicht glaubte zu haben, Hoffnung am scheinbaren Ende eines Lebens.

In den 13 Stories der “Hurenballade” bekommt der Leser einen Eindruck auf das Leben zwischen Hochglanzmagazinen und “Reality TV”. Die Handlungen spielen in München, doch es könnte jede andere deutsche Stadt sein. Die Sprache die Krause wählt ist überlegt und treffend, mal knapp, dann wieder fulminant in der Wortwahl. Immer wieder durchmischt er seine Sprache mit Dialekt, doch das gibt seinen Beobachtungen eine besondere Art der Nähe. Auch als Nicht-Bayer versteht man die Worte.

Wenn man an die bayerische Landeshauptstadt denkt, kommt einem der FC Bayern, das Oktoberfest, die CSU und die Kulturmetropole München in den Sinn. Genau vor diesem Hintergrund, doch ohne ihn anzusprechen, läßt Roland Krause seine Handelnden leben. Er zeichnet ein ganz anderes Bild, eines, das wir die Normalsterblichen, die 99 Prozent, alle kennen. Und er als Sozialarbeiter an den Wunden und Narben der Gesellschaft erst recht. Doch hier schreibt niemand mit erhobenem Finger, kein selbsternannter Besserwisser mit mahnenden Worten und schon gar nicht ein Weltverbesserer mit politischen Lösungsvorschlägen.

All das ist dem Autoren fremd. Krause ist vielmehr derjenige, der in der Eckkneipe an seinem Bier nippt und still den Gesprächen der Umstehenden zuhört, der im Café sitzt und sich Notizen macht. Er läßt das Leben sacken. Er sieht die Leute um sich herum. Nicht nur die junge, gutaussehende Frau, die auf ihren High Heels in der Innenstadt vorbei stöckelt oder den erfolgreichen, gegelten Geschäftsmann an der Ampel, der in seinem neuen Porsche ins iPhone brüllt. Das ist München, das ist eine Metropole, wie wir sie oftmals wahrnehmen. Glanz, Glitter, Gloria. Doch das ist nicht das Leben, wie es uns Roland Krause beschreibt, wie wir es kennen. Er zeigt uns den Alltag, blickt hinter die Türen des Nachbarn im Hochhaus, in der Sozialbausiedlung, er erzählt die Geschichten der Menschen in der Stehkneipe, an der wir morgens und abends vorbeilaufen. Ohne zu werten, öffnet Krause nur die Tür für uns, damit wir, der Leser, einen Blick hineinwerfen können.
“Hurenballade” ist eine beeindruckende Sammlung von 13 lebensnahen Kurzgeschichten, die einen am Schluß berühren. Doch genau das sollen Short Stories auch erreichen.

Roland Krauses Buch “Hurenballade” ist im Balaena Verlag für 17,90 Euro erschienen. Den Autoren findt man online unter “ KrimiKrause „.

Da dreht sich Donna Summer im Grab herum

Mit den Toten kann man es ja machen. Der deutsche Auslandssender, die Deutsche Welle, setzt seit ein paar Jahren auf eine neue Zielgruppe. Die Jugendlichen in aller Welt sollen angesprochen werden. Dafür begeistert man sich nun auch für Rammstein, deren CDs man in den 90er Jahren noch nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen, geschweige denn über die weltweiten Frequenzen spielen wollte. Nun gut, man denkt um. Bravo dw!

Donna Summer - the German Superstar.

Donna Summer – the German Superstar.

Gestern Abend klickte ich mal wieder durch die Sender und blieb bei Kanal 32 hängen. KMTP-TV ist ein offener Kanal in der San Francisco Bay Area, die Deutsche Welle hat sich hier Sendezeit gekauft. Und es lief PopXport, das Musikmagazin „Made in Germany“. Diesmal ging es um „The ten most successful German acts of the 70s“. Na, das ist doch ein Thema, bei dem ich gerne zuschaue und dranbleibe. Aber dann kam es. Auf Platz 10 die Scorpions, auf Platz 9 Tangerine Dream, auf Platz 8 Eruption, auf Platz 7 Les Humphries Singers, auf Platz 6 Baccara, auf Platz 5 Kraftwerk, auf Platz 4 Silver Convention, auf Platz 3 James Last, auf Platz 2 Boney M und auf dem Spitzenplatz – tata – die Nummer 1 der deutschen Acts in den 70ern setzte die Deutsche Welle Donna Summer.

So…was stimmt mit dieser Liste nicht? Wenn ich die Logik der deutschen Auslandsradiospezialisten weiter verfolge, dann müssten da eigentlich auch David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Brian Eno, Mike Batt und viele andere stehen, denn die haben auch in Deutschland in den 70ern gelebt, gearbeitet, Platten aufgenommen. David Bowie veröffentlichte sogar Songs, die „Neuköln“ und „V-2 Schneider“ hießen und man denke nur daran, dass er von den „Helden für einen Tag“ sang. Also, Kollegen, deutscher geht es ja wohl nicht mehr!

Dass Deutschland in den 70er Jahren durchaus eine Rolle auf der internationalen Musikbühne spielte, ist unbestritten. Mit Frank Farian werkelte da einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit. Mit den Musicland Studios in München und den Hansa Studios in Berlin gab es weltweit geschätzte Aufnahmemöglichkeiten. Und dann gab es da auch noch eine ganze Reihe von wichtigen Bands, die international ihre Spuren hinterließen. Klar, Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Faust uva. Gerade deshalb braucht man die Amerikanerin Donna Summers nicht posthum und noch ein paar weitere Gruppen zu  „German acts“ umschreiben.

Liebe Deutsche Welle, das kommt einfach etwas komisch bei mir und anderen hier drüben in den USA an. Das wäre ungefähr so, als ob ich Fiddler’s Green zu einer Los Angeles Band machen würde, weil sie ihre Platte „Spin Around“ in den Sound Image Studios in LA aufgenommen haben. Ich glaube, wenn ich das damals nach meinem Studiobesuch geschrieben hätte, hätten sich wohl einige zurecht an den Kopf gefasst.

Lufthansa Streikkönigin

Wieder mal am Flughafen, diesmal Nürnberg Airport und mal wieder ein nettes Lächeln einer Lufthansa Mitarbeiterin.

Sie: „Tja, Ihr Flug heute geht leider nicht, der ist gecancelt“.

Ich: „Wie?“.

Sie: „Ja die Piloten sind im Streik.“

Ich: „Ich dachte der Streik ist beigelegt?“

Sie: „Die Piloten von Augsburg Airways streiken, auf diesen Zubringerflug nach München wurden Sie gebucht.“

Ich: „Auch schön!“

Sie: „Ja, gehen Sie mal zum Schalter da rüber, damit Sie umgebucht werden können.“

Also zog ich meine zwei Koffer auf die andere Seite der Mittelhalle und dort meinte man, ich solle doch ein Taxi nehmen. Nochmal ein „Auch schön!“. Eineinhalb Stunden später, unterwegs eine nette Konversation mit einem türkischen Taxifahrer und nun sitze ich hier am Münchner Flughafen und warte auf meinen Flug Richtung Westen. Was soll man sagen, gleich zwei Streiks auf einer Reise….das ist wahrlich der Streikjackpot.

Nürnberg in der New York Times

Auch das gibt es noch, mal ein positiver Artikel über Nürnberg in der New York Times. Ein Reporter berichtet unter dem Titel „Linking Past and Present in Nuremberg“ im heutigen Reiseteil der Zeitung über die oftmals übersehene nordbayerische Stadt. Und dabei erklärt er sogar, dass man hier lieber von Franken als von Bayern spricht. Natürlich dreht sich alles um 3 im Weggla, Lebkuchen, Bier, Altstadt und Nazi-Geschichte, Altstadthofbrauerei, Bratwurstküche, Schäufelewärtschaft, Dürer, Spielzeugmuseum, Dokumentationszentrum – aber dennoch, als Leser wird man zu einem Besuch aufgefordert und eingeladen. Beim Lesen geht man richtig mit dem Reporter durch die Noris.

Die Bilanz des New York Times Journalistenausflugs, Nürnberg ist absolut eine Reise wert, zumindest eine einstündige Bahnfahrt von der Landeshauptstadt München. Finde ich ja auch immer wieder…

P.S. Das Bild wurde von einem Häftling im Todestrakt des kalifornischen Staatsgefängnisses von San Quentin gemalt.

Das Ende einer Karriere

Wann war das nochmal? Das muß so 1989 gewesen sein, als ich Michelle Shocked live gesehen habe. War das Konzert in Nürnberg oder in München? Ich weiß es nicht mehr genau, aber es war klasse. Das war die Tour zu ihrem grandiosen Album „Short Sharp Shocked“. Darauf auch ihr größter Hit „Anchorage“. Michelle Shocked war die Folk-Punk-Anarchistin. Politisch und sozial aktiv und engagiert, offen und „outspoken“. Sie brachte den Aktivismus zurück in das etwas verstaubte Folk Genre.

Michelle Shocked produzierte weiter Musik, veröffentlichte Platten, tingelte durch die Weltgeschichte. Ihre Fans liebten sie. Doch es wurde stiller um sie. Vor fünf Jahren wurde sie „born again“, eine „Wiedergeborene Christin“. Sie schrieb weiter Songs, sie wurde allerdings ruhiger, nachdenklicher, verlor dabei jedoch nicht die Intensität in ihrer Stimme. Und dennoch irgendwas war anders. Michelle Shocked schien nicht mehr die gleiche zu sein.

Vor ein paar Tagen nun wetterte sie in einem Konzert ausgerechnet  in der Schwulen- und Lesbenhochburg San Francisco gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Es sei „der Niedergang der Zivilisation“. Wörtlich erklärte sie dem mehr als erstaunten Publikum: „Ich habe Angst davor, dass die Welt zerstört werden wird, wenn Homosexuelle heiraten dürfen“. Und weiter: „Ihr könnt ruhig auf Twitter gehen und sagen, „Michelle Shocked sagt Gott hasst Homos“.

Mit diesen Aussagen war dann wohl ihre Karriere vorbei. Der Großteil des Publikums verließ daraufhin das Konzert, twitterte und postete, youtube Videos erschienen und es dauerte nicht lange, bis ein Konzertveranstalter nach dem anderen die ausstehenden Konzerte auf der US Tournee absagte. Und es gibt nun sogar eine Online Petition, damit auch noch die europäischen Auftritte gestrichen werden. Michelle Shocked gab sich geschockt, versuchte gegen zu rudern, erklärte, alles sei nur ein Mißverständnis gewesen, doch das nahm und nimmt ihr keiner ab. Radiostationen quer durch die USA weigern sich seitdem Songs der einstmals beliebten Musikerin zu spielen. Das wars dann wohl mit dieser Folk-Stimme. Also, nichts mehr mit Michelle Shocked…und dennoch „Anchorage“ ist und bleibt ein toller Song.

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