Es geht mal wieder um Abtreibung

Eine verkorkste Reaktion auf die Pandemie interessiert nicht. Ein brutal durchgeführter Photoshoot mit einer verkehrt herum gehaltenen Bibel vor einer Kirche, auch das interessiert nicht. Tausende von Lügen, Falschaussagen, Beschimpfungen und Verunglimpfungen, das wird ihm nachgesehen. Seine persönlichen Fehler und Fehltritte über Jahrzehnte, kann man übersehen. Was zählt ist seine Haltung zur Abtreibung.

Die Wahl ist auch wieder für oder gegen Abtreibung. Foto: Reuters.

Die christlich-evangelikale Basis im Land macht mobil. 2016 stimmten 85 Prozent der Fundamentalisten für Donald Trump. Das soll auch 2020 so sein und nun haben sie einen Schlachtruf erhalten. Das Verfassungsgericht stimmte heute mit einer 5:4 Mehrheit gegen die strengen Abtreibungsgesetze in Louisiana. Zuvor hatte die Christliche Rechte noch den ersten „abtreibungsfreien Bundesstaat“ gefeiert. In dem Gesetz hieß es, ein Arzt, der eine Abtreibung in einer entsprechenden Klinik durchführt, müsse auch an einem Krankenhaus in einem Umkreis von 30 Meilen als Arzt eingeschrieben und tätig sein. Dagegen klagten Befürworter von Abtreibungen und sie bekamen nun recht.

Doch die Evangelikalen im Land schauten ganz genau hin und sahen, dass die beiden Verfassungsrichter, die Donald Trump eingesetzt hat, Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh, für das Louisisana Gesetz gestimmt hatten, also ganz auf ihrem Kurs waren. Damit ist klar, dass sie nun die eigenen Reihen mobilisieren wollen, denn Abtreibung ist das Thema, was sie beschäftigt. Corona, systemischer Rassismus, Klimawandel, Umweltzerstörung, Korruption, Aufrüstung,… all das fällt in der Entscheidung der Evangelikalen in den USA nicht weiter ins Gewicht. Für sie steht fest, Donald Trump setzt Richter ein, die gegen Abtreibung stimmen werden. Das große Ziel ist es, das Recht auf Abtreibung in den USA, das seit 1973 nach einem Verfassungsgerichtsurteil – Roe vs. Wade – gilt, auszuhebeln. Dafür wird alles in Kauf genommen, eben auch ein Präsident, der eigentlich nicht gerade so sehr für die christlichen Werte steht, die gerne von Fundamentalisten propagiert werden.

Aber es gibt auch eine Gegenbewegung innerhalb der christlichen Gemeinde in den USA. Die ist laut und stark und organisiert derzeit alles, um die Abwahl von Donald Trump zu ermöglichen. Amerika im Kulturkrieg, im Religionskrieg, im Krieg der Auslegung von Verfassung und Bibel.

Eigentlich müsste die Sache klar sein

Mal ehrlich, wen hat Donald Trump noch nicht provoziert, nieder gemacht, beschimpft und verunglimpft? Die Liste ist lang und wird immer länger. Vieles davon hat er in seinen Aktionismus ge- und versteckt, alles von seinem Vorgänger Barack Obama zu beenden, auszulöschen, umzuändern. Nun zuletzt einen Anti-Diskriminierungsschutz für Trans-Personen im Gesundheitswesen. Im zuständigen Ministerium, so heißt es, werde nun das Geschlecht nur noch als „männlich“ oder „weiblich“ anerkannt. Punkt. Das war das Ende für einen mutigen und wichtigen Vorstoß der Obama Regierung im Jahr 2010.

Trump räumt auf und macht vor nichts und niemand Halt. Egal, was Obama unterschrieben hat, Trump macht Schluß damit. Umweltgesetze, Anti-Diskriminierungsgesetze, Arbeitsschutzgesetze, Wahlgesetze und so weiter  und so fort. Trump dreht die Uhren zurück, das ist sein „Make America Great Again“, er träumt und spricht von Vereinigten Staaten, die es vielleicht mal in den 50er Jahren gegeben hat und unterschlägt dabei den brutalen und feindsamen Alltag jener Zeit. Sein MAGA Ruf bezieht sich einzig und allein auf eine boomende Wirtschaft in einem weißen Land. Farbig und vielseitig, gerecht und fair ist das Trump-Country nicht.

Man sollte sich mal genauer ansehen, wen Donald Trump durch seine Worte und Taten schon alles verunglimpft hat. Natürlich sind da die verhassten Demokraten, Einwanderer, Intellektuelle, Wissenschaftler, Europäer, eigene Parteimitglieder und immer mal wieder auch, wie nun, LGBTQ Menschen. Kritiker kriegen es besondes ab. Er selbst stellt sich ja immer als den „Law & Order“ Präsidenten dar, der sich für ein starkes Militär und eine hart durchgreifende Polizei einsetzt. Doch auch die bleiben nicht verschont. Anfangs lobte Trump noch in höchsten Tönen seine „Generäle“ im Kabinett. Doch einer nach dem anderen schied aus und kritisierte danach den Präsidenten. Und der holte aus, tat langgediente Soldaten als „Weichlinge“, „überbewertet“, „ahnungslos“ ab. Wer Soldat in den amerikanischen Streitkräften ist, sollte am Wahltag an diese Worte denken und vor allem auch daran, was Trump über John McCain gesagt hatte, in seinem Weltbild würden Helden nicht gefangen genommen. Trump ist alles andere als ein „Commander in Chief“.

Donald Trump und seine Republikaner sind ein weiteres Beispiel. Trump hat nicht nur im Wahlkampf 2016 unsägliche Lügen und Verschwörungstheorien gegen republikanische Mistreiter verbreitet, man denke da nur an die Aussage, dass der kubanische Vater von Ted Cruz am Attentat auf John F. Kennedy beteiligt war. Entschuldigt hat er sich für diese ungeheuerlichen Aussagen nie. Das ist nicht Trump Stil. Kandidat und dann Präsident Trump holte gegen jeden aus, der ihn kritisierte oder ihm zu nahe kam. Und die auch als „Grand Old Party“ bezeichneten Republikaner waren alles andere als „Grand“, sie gaben klein bei, entschuldigten und verziehen ihm alles und ließen den selbsternannten „Stable Genius“ einfach machen. Die Republikaner sind zu einer Schießbudenpartei verkommen, in der jeder fallengelassen und abgeschossen wird, der dem Parteiführer nicht huldigt.

Und nicht zuletzt die Christen im Land. Auch die hat Trump schon provoziert. Sicherlich, die fundamentalistischen Evangelikalen stehen weiterhin zu „Big Don“, den sie als von Gott gesandt ansehen. Doch auch sie müssten erkennen, dass Trump mit seinen Foto Einlagen vor der St. John’s Episcopal Church am Lafayette Park und vor der Statue von Papst Johannes Paul einen Tag später Religion und Christentum als Showeinlage nutzt. Selbst die Bibel, die heilige Schrift, die jeder Evangelikale im Land immer bei sich führt und zitiert, hielt Trump verkehrt herum nach oben. Dieser Mann ist nicht hier auf Erden, um „God’s Country“ zu retten, er ist vielmehr da, um die USA mit seinem ultimativen Egotrip noch tiefer zu spalten. Es ist ein teuflisches Spiel, was er hier veranstaltet. Amerika wird nach Donald Trump nie mehr so sein wie vorher. Das hat er erreicht, die Narben von vier Jahren Trump werden auf Jahrzehnte hinaus zu spüren sein. Leider.

Ein Flächenbrand in den USA

Amerika ist im Auf- und vielleicht auch im Umbruch. Überall in den Vereinigten Staaten gehen die Menschen auf die Straße. Und diesmal nicht nur in Washington, New York, Chicago und San Francisco. Auch in Kleinstädten und Gemeinden kann man in diesen Tagen sehr laut den Ruf „Black Lives Matter“ hören.

Auf den Protesten wird auch an Oscar Grant erinnert. Dieses Wandbild findet man an der BART Station Fruitvale in Oakland, hier starb Grant durch den Schuss eines Polizeibeamten.

Ich habe in meinen 25 Jahren in den USA viele Proteste nach Polizeigewalt und getöteten, unbewaffneten Afro-Amerikanern durch Beamte erlebt. Auf den Straßen von Oakland kam es immer wieder zu brutalen und teils gefährlichen Straßenschlachten. Hier starb auch Oscar Grant durch einen tödlichen Schuss, der aus der Pistole eine BART-Polizisten kam, der Polizei des regionalen U-Bahn Betriebes. Grant lag schon auf dem Boden, als der Schuss fiel. Danach brannte die Stadt.

Auch nach dem Tod von George Floyd in Minneapolis gab es in den ersten Nächten gewaltsame Ausschreitungen in meiner Stadt. Die ebbten mittlerweile ab, die Proteste blieben allerdings. Erst gestern kam es wieder zu einem riesigen Marsch durch Downtown. Was diesmal aber anders ist, es gibt überall in der Stadt noch kleinere Demonstrationen. Gestern fuhr ich an drei hupend vorbei. Vor der Presbyterian Church in Oakland-Montclair standen Kirchenmitglieder auf beiden Seiten der Straße, trugen Nasen- und Mundschutz, hielten Schilder hoch, einige reckten die symbolische „Black Lives Matter“ Faust in die Höhe.

Etwa einen Kilometer weiter standen rund 30 Männer, Frauen, Kinder, dazu noch ein paar Hunde an einer wichtigen Kreuzung in meinem Stadtteil. Auch sie trugen Masken, hielten bemalte und beschriftete Schilder vor sich. Auch hier wurde gehupt, gewunken, Fäuste geballt. Und dann auf der Autobahn 580, eine Brücke, darauf ein gutes Dutzend Protestierende, die den Autofahren zuwinkten, ein paar Banner mit „Black Lives Matter“, „Say their names“, „Dump Trump“ waren am Gitter befestigt.

Und solche kleinen Spontandemos sieht man derzeit überall im Land. Viele Kirchen machen mobil, das liegt auch daran, dass der Präsident selbst mit seiner Foto Aktion in Washington DC heftige Kritik auslöste. Nun sei es an der Zeit, dass Christen sich positionieren, hieß es von verschiedenen Seiten. Und vor allem, sie wollen den konservativen Evangelikalen, die 2016 zu 86 Prozent für Donald Trump stimmten, nicht einfach so das Feld überlassen. Katholiken, Presbyterians, Quaker und viele mehr reihen sich ein in die breite Protestbewegung, die die USA derzeit überrollt. Und das sind durchaus positive Signale in einem Land, das derzeit im Krisenmodus feststeckt.

Die Evangelikalen stehen zu Trump

Mississippi ist ein konservativer Bundesstaat, ein Teil des sogenannten Bibelgürtels der USA. Hier findet man sehr viele Kirchen und Glaubensgemeinschaften aller christlichen Richtungen. Wer nach Tupelo will, fliegt nach Memphis und fährt von dort nochmals eineinhalb Stunden mit dem Auto weiter. Dort findet man eine der führenden Organisationen der Christliche Rechte, der fundamentalistischen Evangelikalen, in den USA.

Die Headquarters der „American Family Association“ und „American Family Radio“.

“Und nun ein Krieger für das Wort Gottes und die Verfassung der Vereinigten Staaten…” So beginnt die Sendung “The Awakening” von Bishop E. W. Jackson, ausgestrahlt auf dem Radionetzwerk “American Family Radio” auf über 180 Stationen im ganzen Land. “American Family Radio” gehört zur “American Family Association”, einer christlich-fundamentalistischen Organisation, die 1977 von Don Wildmon in Tupelo, Mississippi gegründet wurde. Das Ziel war – und ist – gegen die Verlotterung Amerikas, gegen Pornografie, die, wie sie sagen “Homosexualisierung der Gesellschaft” und für die traditionellen christlichen Familienwerte einzutreten.

Mississippi ist ein konservativer Bundesstaat in den USA, mitten im “Bible Belt”, dem Bibelgürtel der Südstaaten. Tupelo gilt in dieser Region als etwas liberaler. Bekannt ist die Kleinstadt vor allem als Geburtsort von Elvis Presley. An Elvis kommt man hier nicht vorbei: Statuen und Gedenktafeln, Bilder und Andenken zum Mitnehmen.

Doch um Elvis Presley geht es weder bei der “American Family Association” noch bei ihrem Radionetzwerk. Ganz offen verbindet man Religion mit Politik. Man dürfe zwar keinen Kandidaten offen unterstützen, aber man spreche viel über Politik und darüber, wie sich Kandidaten positionierten, erklärt Tim Wildmon, Sohn des Gründers und seit letztem Jahr “Spirtual Adviser” von Donald Trump, Berater in religiösen Fragen. “Ich wurde vor ein paar Monaten dazu eingeladen, Teil des “Faith Advisory Council” von Präsident Trump zu sein. Es ist keine bezahlte Position, es ist vielmehr ein Gremium christlicher Führer aus allen Teilen Amerikas, die vom Präsidenten und seinem Team gefragt wurden, für ihn zu beten, denn er glaubt an Gebete und ihn auch dahingehend zu beraten, was uns Christen betrifft.”

Schon früh im Präsidentschaftswahlkamf 2016 hatten die verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften der Christlichen Rechte in den USA auf Donald Trump gesetzt, denn dieser sprach genau das aus, was sie hören wollten, erzählt Tim Wildmon, der auch der Präsident der “American Family Association” ist: “Viele Christen hatten ihre Vorbehalte gegen Donald Trump. Er war kein Konservativer, er war sicherlich kein Christ im eigentlichen Sinne. Er lebte lange als Playboy, hatte mehrere Ehen und, wie man weiß, nicht gerade den besten Charakter. Aber, er machte eine Menge Versprechungen im Wahlkampf und viele Christen meinten, er sollte eine Chance bekommen.”

Im AFR Studio in Tupelo. Rechts Tim Wildmon.

Gerade was Trump in Bezug auf Pro-Life Richter, also Richter, die gegen Abtreibung sind, versprach kam an. Er betonte, dass er nur Richter einsetzen werde, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche aussprachen. Was bei den Evangelikalen in den USA auch gut ankam war, dass er mit Mike Pence einen “von ihnen” in sein Team holte. Vize-Präsident Mike Pence, der sich selbst als ein “born again Christian” versteht, ist für die Evangelikalen der direkte Kontaktmann in der Regierung. Mit ihm haben sie jemanden, der ihre Ideen von Ehe, Erziehung und Abtreibung umsetzen kann und das auch macht. So jemanden hatten sie bislang noch nie im Weißen Haus.

Dieser Schulterschluß zwischen der Trump-Administration und den Evangelikalen wird auch ganz deutlich, wenn man sich die Sendungen von “American Family Radio” anhört. Donald Trump wird Tag für Tag in den Sendungen gelobt, verteidigt, als jemand gepriesen, der für die Christen im Land kämpft. “Der Präsident hätte ohne die Stimmen der evangelikalen Christen 2016 nicht gewinnen können. Er kann darauf auch in dieser Wahl bauen”, umschreibt es Tim Wildmon. 85 Prozent der Evangelikalen hatten in der letzten Wahl für Donald Trump gestimmt. Neben dem Radionetzwerk unterhält die Family Association auch noch eine Presseagentur mit täglichen evangelikalen Nachrichten und Sichtweisen, dazu wird ein Newsletter verschickt, der nach eigenen Angaben, mehrere Millionen Menschen in den USA erreicht.

Und nun in diesen Zeiten von Covid-19, dem “Social Distancing”, dem in den eigenen vier Wänden bleiben, werden die weit verbreiteten und viel gehörten Radiosendungen des “American Family Radios” zu Gold für Donald Trump. Ein offener, direkter Wahlkampf ist derzeit nicht möglich. Trump hat damit einen Vorteil, denn ein ähnliches Radionetzwerk gibt es nicht für einen Kandidaten der Demokraten. Millionen von Amerikanern, gerade im “Heartland” schalten ein und hören zu, wie die Evangelikalen der “American Family Association” für ihren Kandidaten ins Feld ziehen, um den “Culture War”, den Kulturkrieg in den USA zu gewinnen. Sie sind zum Sprachrohr für Donald Trump geworden.

Doch egal, ob Donald Trump oder der Kandidat der Demokraten am 3. November die Wahl gewinnen wird. Für Tim Wildmon und die Evangelikalen in den USA ist eines ganz klar – sie bleiben und werden weiter für ein christlich fundamentalistisches Amerika kämpfen: “Uns gibt es seit 1977, schon über 42 Jahre, wir verschwinden nicht, wir wachsen weiter, bleiben stark und halten an unserer Botschaft fest. Wir sind mehr als nur diese Konflikte mit den Linken über Abtreibung und Rechte von Homosexuellen. Wir helfen den Leuten der Bibel in Fragen zur Familie und in ihrem täglichen Christsein zu folgen. Das alles führt zu einer Stärkung Amerikas, daran glauben wir.”

Halleluja in der Muckibude

An der Ecke Broadway und 25te Straße in Downtown Oakland steht ein Flachbau. Eigentlich nicht weiter auffallend, wären da nicht ein paar riesige Letter: God’s Gym und zwischen den beiden Wörtern das Bild eines sehr muskulösen Jesus, der vor einem Kreuz und gesprengten Ketten steht. “We care”, “Wir kümmmern uns” lautet eine Leuchtschrift im Fenster.

Seit 30 Jahren unterhält Gary Shields hier seinen Fitnessclub der etwas anderen Art: 
“Ich habe 1987 zu Gott gefunden“, erzählt er. Damals habe er schon viel Gewichtheben und Bodybuilding betrieben, vorher zehn Jahre lang geboxt. „Ich nannte den Kraftraum am Anfang “Iron Pit Gym”, denn das war es für mich. Ein “Iron Pit” ist der Gewichthebebereich auf einem Gefängnishof.“

Seine Kraftbrüder waren damals vor allem ehemalige Strafgefangene, die sich in diesem “iron pit” wohl fühlten. Doch dann kam Ende der 90er Jahre jener Tag, an dem sich alles für Shields änderte: „Eines Tages fuhr ich hierher und dachte mir, das war’s. Ich griff mir schwarze Farbe und malte einfach über den Namen. Zwei Monate lang stand da nichts. Und ich betete zu Gott, er solle mir sagen, wie ich das hier nennen soll. Und er antwortete mir “God’s Gym”.“

Hier wird weder “Eye of the tiger” von Survivor gespielt, noch hört man tagsüber Gospel Music, Gary Shields meint, die Trainierenden sollen schließlich seine Anweisungen hören. Hier dreht sich alles ums Pumpen. Kraftmaschinen, Freihanteln, Gewichte, Fitnessräder und Laufbänder, alles steht eng nebeneinander. Der 57jährige Gary Shields – oder Big G, oder Brother Gary, wie er auch genannt wird – macht keinen Hehl daraus, dass in diesen verschwitzten vier Wänden Gott Zuhause ist: „Wenn hier jemand reinkommt und mich fragt, warum das hier “God’s Gym” heißt, dann antworte ich nur zu gerne: er ist der Schlüssel zum Erfolg in meinem Leben. Wie würdest Du es nennen? Joe’s Muckibude?“

Gary Shields ist hochgewachsen, breite Schultern, dicke Oberarme, ein paar Tätowierungen sind zu sehen. Er erzählt gerne und viel, lacht dabei, aber ihm laufen bei seinen Erzählungen auch mal die Tränen herunter, vor allem dann, wenn er über seine persönliche Beziehung zu Gott spricht. Shields erzählt, dass er um Mitternacht alleine mit dem Training anfängt, dabei Gospelmusik oder die Bibel als Audiobook anhört, danach frühstückt, um schließlich den Kraftraum für seine Kunden vorzubereiten. Es gibt keine Laufkundschaft, wie bei den Fitnessketten, er legt Wert auf das persönliche Training. Und immer wieder liest er zwischendrin in der Bibel: „Das führte auch dazu, dass Leute kamen und mich danach fragten, was ich da lese. Das führte zu einem Bibelstudium mit anderen. Ich wurde dafür nicht ausgebildet, aber ich rede von der Güte Gottes und was das in der heiligen Schrift bedeutet und wie sich das auf mein Leben auswirkt, wie ich danach lebe. Und das führte zur Straßen-Missionierung, dazu, dass ich erst Assistenzpastor und innerhalb von zwei Jahren Pastor wurde. Fühlst Du, was ich sage?“

Shields hat eine Mission, den Gospel, das Wort Gottes zu verbreiten. Und doch, er zwingt es niemandem auf, der zu ihm kommt, dafür ist er dann doch zu sehr auch Geschäftsmann. „Man, jeder kommt zu “God’s Gym”. Atheisten, Gläubige, Muslime. Sie kommen nicht unbedingt hierher, weil das hier “God’s Gym” ist. Sie kommen, weil wir uns um sie kümmern. So steht es auch im Fenster. “We care”. Ich kenne die Namen von all den 200 Menschen, die regelmäßig hier trainieren.“

Er sei ehrlich zu jedem, der zum ihm kommt, betont er. Einen Schwarzenegger, könne er nicht aus jedem machen, erklärt er mit einem Lachen. Und doch, Bodybuilding, Fitness- und Krafttraining hat für ihn viel mit Gott zu tun. “Pumping irons” sei durchaus in Gottes Sinne, meint er und spannt die dicken Muskeln für ein Foto an.

“Don’t worry, be happy”

Das Ojai Valley.

Wenn man auf dem 101 von Los Angeles nach San Francisco fährt, kommt gleich hinter Ventura die Abfahrt nach Ojai. Unbedarfte Kalifornienreisende lassen meist das Hinweisschild rechts liegen. Doch den Abzweig sollte man durchaus einmal nehmen. Auf dem Highway 33 geht es an Casitas Springs vorbei, hier lebte einmal Johnny Cash und dann, nach weiteren 15 Meilen, ist man da. An einem Ort, der von vielen als spirituelles Zentrum mit einer besonderen Energie, einem Vortex, geschätzt wird. So ähnlich wird auch über Sedona in Arizona gesprochen.

Ojai kommt aus der Sprache der Chumash und bedeutet “Nest”. Die Kleinstadt liegt in einem Tal am Fuße des “Los Padres National Forest”, einem riesigen, fast 8000 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet, das von Ventura bis nach Monterey County reicht. Ojai ist so eine Stadt, die kaum einer kennt, doch wer schon mal dort war, der verliebt sich in diesen Ort. Hier leben Schauspieler und Filmschaffende, es ist ein Ort der von Citrusplantagen geprägt ist, doch vor allem ist Ojai ein besonderer, ja spiritueller Ort. Man muss nur durch den kleinen Ort fahren, so viele religiöse Gruppen und Organisationen, Kirchen verschiedenster Richtungen, eine Synagoge und Glaubensgemeinschaften aller Art findet man in dieser Dichte wohl selten. Und alle koexistieren mit- und nebeneinander.

Also, irgendwas muss wohl dran sein an dieser Geschichte vom besonderen Energiezentrum in diesem Ost-West Tal. “Ich weiss auch nicht genau, was es ist”, meint Johnny Johnston der Bürgermeister der Kleinstadt. “Ich sage den Leuten immer, wenn sie über Ojai reden, das wirkliche Ojai ist das, in das man sich beim ersten Mal verliebt hat. Und das ist nicht das Ojai, vom dem die sprechen, die seit 50 Jahren hier leben. Wir haben also alle ein unterschiedliche Version davon. Für alle Neuankömmlinge ist es toll, die, die schon länger hier sind sehen die Veränderungen. Und es verändert sich, wie überall auf der Welt.”

Und die Spiritualität ist keine neumodische Geschäftsmacherei, denn Ojai hat seit fast 100 Jahren religiöse Gruppen angezogen. Schon 1926 zog das theosophische Krotona Institut aus dem hektischen Hollywood nach Ojai, um hier Ruhe zu finden. Das Anwesen dieser theosophischen Gemeinde findet man kurz vor dem Ortseingang. Das Gelände wirkt wie ein Park, offen gehalten, Nachbarn gehen hier viel spazieren. Eine erfüllende Ruhe umgibt den Besucher. Maria Parison ist die Leiterin der Krotona Schule, einer Fortbildungseinrichtung für Erwachsene. Sie verweist auf Annie Besant, eine der Gründerinnen des Krotona Instituts. Hier in Ojai, so Parison, hätten sie und ihre Mistreiter vor fast 100 Jahren genau das gefunden, was ihre Gemeinde suchte: “Es hatte eine besondere Energie und sie fühlte, dass dieser Ort für die zukünftigen Generationen eine besondere Rolle spielen wird. Das, was hier passiert, würde zu mehr Menschlichkeit im ganzen führen. Zumindest würden wir hier unseren kleinen Teil dazu beisteuern.” Maria Parison ist eine ältere Dame, die vor 15 Jahren mit ihrem Mann, einem Manager in der Autoindustrie aus dem Mittleren Westen hierher zog. Ihr Mann verstarb vor drei Jahren, doch Maria blieb. Sie führt mich über das Gelände, durch einen theosophischen Park, in dem die Zeichen vieler Religionen zu finden sind und hier bildlich friedlich nebeneinander existieren.

Guru Prasad ist für die Anwohner zuständig, er lebt seit fünf Jahren in Ojai, kennt die Kleinstadt jedoch schon lange durch viele Besuche: “Wir glauben, dass wir nicht das absolute Recht auf die Wahrheit haben. Wahrheit ist etwas Individuelles und jede Person muss das für sich finden. Wenn wir das also glauben, dann müssen wir auch annehmen, dass andere Menschen andere Neigungen, Ideen, Philosophien haben. Denn ich habe nicht das Recht, dass das, was ich fühle der einzig wahre Weg in der Welt ist.”

Die Terrasse des Hauses von Krishnamurti.

Schon vier Jahre vor dem Krotona Institut siedelte sich der indische Philosoph und Theosoph Krishnamurti in Ojai an. Das Haus, in dem er lebte gehört heute der Krishnamurti Stiftung in Amerika. Es liegt am Fuße des Topa Topa Berges, am anderen Ende von Ojai. Dort treffe ich Michael Krohnen, einen Deutschen, der in den 70er Jahren den Ruf bekam, als Koch für den indischen Philosophen zu arbeiten, und das, obwohl er gar nicht kochen konnte. Seitdem lebt Krohnen in Ojai. Beim Gespräch sitzen wir auf der Terrasse des kleinen Hauses, in dem Krishnamurti wohnte, wenn er hier war. Michael Krohnen deutet auf einen Baum gleich neben dem einstigen Wohnhaus Krishnamurtis: “Dieser Pfefferbaum spielte eine gewisse Rolle im Leben Krishnamurtis. Eines Nachmittags sass er unter diesem Pfefferbaum und hatte ein sehr starkes Erlebnis….eine Erleuchtung, dass alles Leben eins ist. Ein paar Tage später schrieb er darüber, dass er eins mit der ganzen Welt war, mit dem Gras und der kleinen Ameise und auch dem Auto, das vorbeifuhr. Er war das alles, so empfand er das.”

Zurück in den Ort. In einer Seitenstrasse liegt das Haus von Kristan Altimus. Sie zog vor 18 Jahren hierher, für sie war Ojai schon von Kindheit an ein großes Lebensziel. Im Fernsehen liefen damals die Fernsehserien “Bionic Woman” und “Six Million Dollar man”, die beide in Ojai spielen. “Der Name Ojai (Nest) fühlte sich nach Zuhause an. Es ist nicht nur ein spiritueller Ort, es ist auch ein beseelter Ort. Deshalb liebe ich Ojai. Der Boden hier erdet mich. Ich glaube, wir alle fühlen Spiritualität als ein Weiterkommen. Ojai hilft mir dabei.”

Im Gongbad sich fallen lassen.

Kristan Altimus hat sich in ihrem Garten einen Traum erfüllt. Ein Gong-Studio, ein kleines Häuschen, in dem acht Gongs hängen, der größte mit gut einem Meter Durchmesser. Hier begongt sie andere, eine spirituelle Reinigung, ein Loslassen, eine gedankliche Leere schaffen. Man liegt auf einer dünne Matte auf dem Boden und läßt dieses Klangbad mit seinen Soundwellen über einen hinwegrollen. Für Altimus ist klar, Ojai ist ein Ort, an dem man eine besondere Energie spüren kann: “Vortexes entstehen durch diese Energie Linien um die Welt. Dieses Tal, das “Ojai Valley” ist etwas besonderes in der Welt, zehn Meilen lang und es geht von Ost nach West. Es gibt auch einen Vortex, der die Menschen ausspuckt. Ich meine damit, wenn du nach einem Ort suchst, an dem es Action gibt, an dem man gesehen wird, dann ist das hier nichts für dich. Hier ist es ein ruhiges Leben. Wer hierher kommt, der erfährt, wie entspannt er hier ist.”

Und da ist was dran. Selten kann ich zur Ruhe kommen, Langeweile kenne ich nicht, zu tun, zu sehen, zu lesen gibt es für mich als Journalisten immer etwas, Abschalten ist für mich schwer. Doch in Ojai ist das ganz anders. Ich kenne den Ort seit mehr als 25 Jahren, bin regelmässig dort. Und immer wieder merke ich, dass es für mich zu einem Platz geworden ist, an dem ich durchatme, innerlich zur Ruhe komme und ja, dieses sprichwörtliche Entschleunigen für mich schaffe, einfach ein paar Gänge zurückschalten kann.

Ganz bewusst wurde mir das hoch droben auf dem Berg, in Upper Ojai. Gleich neben dem früheren Haus von Schauspieler Larry Hagman, das nun der abgeschotteten Scientology Church und ihrem umstrittenen Drogenentzugsprogramm Narconon gehört, findet man “Meher Mount”. Es ist ruhig hier oben auf dem Berg, die Aussicht einfach spektakulär. Man sieht vor sich den Pazifik und die Channel Islands in rund 60 Kilometern Entfernung, hinter einem ragt der „Los Padres National Forest“ mit Topa Topa Mountain auf. Am späten Nachmittag kann man den “Pink Moment” erleben, wenn der Berg sich rosa färbt. Eine seltene Ruhe ist hier zu finden, kein Laubbläser, kein Autoverkehr. Nur Stille. Meher Baba sagte von sich, er sei der Avatar auf Erden, die Reinkarnation von Gott, wie vor ihm schon Zarathustra, Rama, Krishna, Buddha, Jesus, und Mohammed.

Die Weitsicht vom Meher Baba Mount.

Ginger Glasky und ihr Mann Buzz Glasky waren die “Caretaker”, die Verwalter und Betreuer dieses riesigen Grundstückes. Im Sommer beendeten die beiden Rentner nach fünf Jahren diese unbezahlte Aufgabe und zogen weiter nach Arizona. “Meher Baba hatte einst seinen Jüngern aufgetragen, einen Ort etwa eineinhalb Stunden außerhalb einer Großstadt zu finden, an dem er ausruhen könne, wenn er in den Westen der USA reise”, erzählt Ginger Glasky. Das sei 1946 gewesen. Zum ersten Mal sei er erst im Jahr 1956 hier gewesen. “Dieses Grundstück ist ihm gewidmet, denn er war hier, als spiritueller Führer und durch seinen Übersetzer erklärte er seinen Jüngern, Gott durch die Natur zu lieben. Und das machen wir.”

Buzz Glasky ergänzt mit einer tiefen, sonoren Stimme: “Als wir zum ersten Mal hier waren, spürten wir gleich diese besondere Schwingung, wenn man es so nennen will. Wenn man hier dann für fünf Jahre lebt, dann wird es normal. Wir spüren es, wenn wir mal runter ins Tal zum Einkaufen fahren. Manchmal haben wir vor, in fünf Läden zu gehen, doch schon nach dem zweiten sagen wir, lass uns wieder rauf auf den Berg fahren. Denn es fühlt sich einfach so gut an, hier zu sein. Und natürlich für uns als Jünger von Meher Baba, ist es wunderbar an einem Ort zu sein, den er besuchte und wo er umherschritt.”

Wir sitzen bei diesem Gespräch auf einer kleinen Bank. Hinter uns der “Baba Tree”, unter dem Meher Baba am 2. August 1956 sass. Nur damals und nur dieses eine Mal. Der Baum brannte beim großen “Thomas Fire” im Dezember 2017 fast vollständig ab und wird nun mit viel Aufwand und Liebe gepflegt. Vor uns ein Ausblick, der einzigartig ist und der allein schon einen lächeln lässt. Kein Wunder also bei dieser Weitsicht, dass der bekannte Spruch “Don’t worry, be happy” auf Meher Baba zurück geht. “Er kam nicht um zu lehren, sondern um zu erwecken”, erklärt Buzz Glasky. “Man kann es auf diesen einen Satz von ihm reduzieren: Liebe Gott. Es ist so einfach und doch auch so schwer. Und er sagte auch, mach dir keine Sorgen, sei zufrieden. Auch das klingt einfach, aber ist ebenfalls so schwer.”

Am Wochenende ist das Gelände für jedermann geöffnet, es kostet keinen Eintritt, es gibt keinen Buchladen, man wird auch nicht missioniert. Man soll einfach diesen einzigartigen, friedvollen Platz geniessen, der für viele selbst in Ojai unbekannt ist. Auch für mich war es das erste Mal in 25 Jahren, dass ich hier oben war. Aber sicherlich nicht das letzte Mal. Ojai liegt etwas ab von den bekannten kalifornischen Touristenzentren, doch der Weg dahin lohnt sich auf alle Fälle. Es ist für mich einer der besonderen Orte in Kalifornien, an dem man, wie auch immer man sich religiös orientiert, innere Einkehr finden kann. Und das ist etwas ganz besonderes in diesen hektischen, seltsamen Zeiten, in denen wir leben..

„Only a good guy with a gun…“

Ganz deutlich sind auf diesem Videobild der Amokläufer im roten Kreis und Jack Wilson links oben mit gezückter Waffe zu sehen.

„…can stop a bad guy with a gun“. Das ist das Mantra der National Rifle Association, NRA, der Waffenlobby in den USA. Und nun  haben sie nicht nur einen Fall, den sie im Wahlkampfjahr ausschlachten können, nein, es gibt sogar ein Video dazu, wie der „good guy“ dem „bad guy“ in den Kopf schießt. Und das alles auch noch in einer Kirche.

In der „West Freeway Church of Christ“ in Tarrant County, in der Nähe von Ft. Worth, Texas, wurde am Sonntagmorgen gerade die Kommunion gefeiert, als der Täter mit einer Shotgun um sich schoss, zwei Menschen tötete. Der Gottesdienst wurde über den Youtube Kanal der Gemeinde in alle Welt übertragen. Zu sehen war, wie gleich mehrere Gläubige ihre Waffe zückten, als die Schießerei begann. Der 71jährige Jack Wilson war am schnellsten, zog seine Sig Sauer P229 und schoss dem Täter in den Kopf.

In NRA und „Second Amendment“ Kreisen wird Wilson nun als Held gefeiert. Er machte das, was immer wieder von all den Waffenlobbyisten in den USA an die Wand gemalt wurde. Wilson reagierte und stoppte einen Attentäter. In Texas ist es ganz legal eine Waffe tragen zu dürfen, auch in Kirchen und Gotteshäusern. Nur wenn die Gemeinde ein Schild aufstellt, dass das nicht erwünscht sei, dann müssten sich die Waffenträger daran halten, so das Gesetz. In der „West Freeway Church of Christ“ war man am Sonntag froh, dass es diese Einschränkung nicht gab. Gemeinden der verschiedensten Glaubensrichtungen sind in den letzten Jahren Ziel von Amokläufen geworden. Mittlerweile haben viele Kirchen eigene Wach- und Schutzdienste angeheuert und organisiert. Doch diesmal lief alles anders. Der Grund ist dabei auch, dass Jack Wilson geschult war und wohl auch Erfahrung im Polizeidienst hatte. Er wußte also, wie er zu reagieren und zu schießen hatte, um den Attentäter auszuschalten. Wilson ist also kein selbsternannter Cowboy, der in einer Situation wie dieser durchaus den klaren Kopf behält.

Das jedoch hält die Waffenlobby nicht davon ab, jetzt eine allgemeine Bewaffnung der Bevölkerung zu fordern. Texas sei ein Vorbild für andere Bundesstaaten tweetet die NRA. Damit hat die Waffenlobby nun ein wichtiges Thema im Wahlkampf 2020, denn erneut geht es ja darum, das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz vor den Demokraten zu verteidigen, die, so die NRA, alle Waffen der Amerikaner konfiszieren wollen. Mit solchen Angstszenarien wird in den USA Wahlkampf geführt. Donald Trump ist schon längst auf diesen Kurs eingeschlagen, die NRA wird ihn dabei tatkräftig unterstützen.

Nach dem Rückblick der Ausblick

2020 steht vor der Tür. Übermorgen ist es so weit und ich habe keine Ahnung, was das kommende Jahr bringen wird. Viel Donald Trump, das zumindest weiss ich. Denn es ist Wahljahr und es geht ums Weiße Haus. Aber was da in den kommenden Monaten auf uns alle zukommen wird, ist noch völlig unklar. Wobei man schon jetzt vermuten kann, dass der Wahlkampf alles andere als „Friede, Freude, Eierkuchen“ werden wird.

Natürlich werde und, ja, muss ich auch darüber berichten. Viel Wahlkampf, wer setzt sich bei den Demokraten durch, wie stellt sich die Partei damit auf, wie reagiert Donald Trump, was wird er tun, um an der Macht zu bleiben? Viele offene Fragen, auf die noch niemand eine Antwort weiß. Aber ich hoffe, ich kann auch im kommenden Jahr einiges fernab des Politalltags und des Trumpschen Wahnsinns berichten.

Anfangen wird das Jahr für mich mit einer neuen Sendung. Auf KKUP, einer Community Station in San Jose mit einer starken UKW Frequenz, werde ich eine monatliche Nachtsendung moderieren. Angedacht ist Mittwoch von 00:00 bis 3 Uhr (in Deutschland 9 bis 12 Uhr). Ich habe Lust darauf wieder live zu senden. Spielen will ich experimentelle, ausgefallene und elektronische Musik. Manches wird ein wahres Klangbad zu früher Stunde sein, anderes eine Herausforderung für die Hörer. Ich freue mich darauf.

Eine Sendung über die Area 51, Ufos und Außerirdische kommt noch.

Gleich mehrere Features sind in der „Pipeline“, darunter die Ausarbeitung des Themas „Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden“ für das ich im Niger und in Somaliland war. Daneben kommt eine Sendung über UFOs und Außerirdische in den USA. Dann arbeite ich mit einer Kollegin in Afrika an einem international brisanten Politikthema. Sie dort, ich hier, und ja, es geht dabei auch um Trump. Ich will etwas zu Flüchtlingen und „undocumented immigrants“ machen, auch mal ganz, ganz hoch hinaus, wenn ich dafür einen Abnehmer finden kann. Ich hoffe, ich werde etwas mehr in den USA unterwegs sein, aus Gegenden berichten, die oftmals außen vor gelassen werden. Dann plane ich ein oder zwei weitere Reisen nach Afrika, sowohl in Somaliland wie auch im Sudan warten sehr interessante und spannende Geschichten.

Natürlich werde ich auch wieder Musik- und Religionsgeschichten suchen und finden und für Radio Goethe im Jahr 24 will ich ein paar thematische Sendungen produzieren. Ein Hörspiel über San Quentin und die Death Row schwebt mir vor, in dem ich all die Aufnahmen, Briefe, Kontakte, Erfahrungen, Besuche und auch Emotionen und Eindrücke aus den letzten 25 Jahren einbauen könnte. Mal sehen, ob ich dafür die Zeit und die Ruhe finde. Ach ja, dann arbeite ich auch noch mit an einer größeren Ausstellung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und in die Bay Area. Dafür werde ich Audio Files für Hörstationen und eine Webseite produzieren.

Hier stapeln sich die Bücher, die gelesen werden wollen. Daneben viel neue und alte Musik, die gehört, entdeckt und wiederentdeckt werden will. 2020 ist sicherlich ein Jahr, in dem es als USA Korrespondent nicht langweilig werden wird. Doch für mich ist es wichtig, dass ich dabei genau wie in diesem Jahr auch anderes bearbeiten kann, eben nicht nur den Wahlkampf, Trumps Tweets und langweilige Debatten. Das wird schon. Allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und gutes neues Jahr…Happy New Year aus Kalifornien.

Aufruhr bei den Fundamentalisten

Ein Kommentar in einem christlichen Magazin schlägt derzeit hohe Wellen, wie ich an dieser Stelle schon vor ein paar Tagen berichtete. Auf den Autor des Beitrags, dem Chefredakteur von „Christianity Today“, Mark Galli, prügeln nun alle namhaften Führer der Christlichen Rechte in den USA ein und betonen, er spreche nicht für die evangelikale Bewegung in den USA. Galli hatte geschrieben, Trump dürfe für sein Fehlverhalten nicht länger von Christen unterstützt werden. Er beklagte den mangelnden moralischen Charakter von Trump und betonte, der Präsident solle des Amtes enthoben werden aufgrund der “Loyalität gegenüber dem Schöpfer und den zehn Geboten”. Sicherlich steht die Mehrheit der Fundamentalisten nach wie vor hinter Trump, klar wird jedoch auch, dass es einen deutlichen Bruch in den Reihen der Christlichen Rechte gibt.

James Dobson predigt seine Unterstützung für Präsident Trump von der Kanzel. Foto: AFP.

Nun mischt sich auch noch James Dobson in diese Debatte ein. Dobson gilt als einer der einflussreichsten Evangelikalen in den USA, der mit seiner „Family Talk“ Radiosendung Millionen von Hörerinnen und Hörer erreicht. Dobson erklärt: „Vielleicht will das Magazin ja einen Präsidenten, der vehement für Abtreibung ist, gegen die Familie, feindlich gegenüber dem Militär, unparteiisch gegenüber Israel, der eine sozialistische Regierung unterstützt, Zwangsbesteuerung möchte, der die freie Schulwahl ablehnt, Männer in Frauensportarten und Jungs in den Umkleideräumen von Mädchen möchte, der die gesamte LGBTQ Agenda unterstützt, der die Rechte von Eltern ablehnt und der Evangelikalen und jedem misstraut, der nicht politisch korrekt ist.“

Das sind die Worte von James Dobson, die klarmachen, was von einem Präsidenten erwartet wird, von ihrem Präsidenten Donald Trump. Der Leiter des christlichen Fernsehnetworks TBN, John B. Casoria, sieht das ähnlich: „Tatsache ist, dass eine absolute Mehrheit der evangelikalen Christen Trump unterstützt, ungeachtet seines vergangenen falschen moralischen Kompasses und seiner Lebensentscheidungen. Er hat aber unerschütterlich eine jüdisch-christliche Weltsicht unterstützt, die nicht nur für unsere Glaubensgemeinschaft lebenswichtig ist, sondern auch für „one nation under god“. Trumps Unterstützung geht weit über das Recht auf Leben, Religionsfreiheit, das Grundrecht auf Waffenbesitz, die Ernennung von Richtern, die sich an die Grundsicht der Verfassung halten hinaus. Er setzt sich auch für die Grundprinzipien ein, die Amerika groß gemacht haben – darunter den Kapitalismus des freien Marktes, niedrige Steuern und eine Regierung, die nicht von einer destruktiven sozialistischen Agenda belastet wird.“

Deutliche Worte, die jedoch genau beschreiben, für was Donald Trump und was bei der Wahl 2020 auf dem Spiel steht. Trump ist für die Evangelikalen von Gott gesandt, der Schulterschluss steht, doch der Bruch innerhalb der Bewegung ist zu erkennen. Auch so kann man die sehr deutlichen Worte und die heftige Reaktion der führenden Evangelikalen lesen.

Trumps Basis bröckelt

“Christianity Today” ist alles andere als ein “far left magazine”, ein linksliberales Heftchen, wie es Donald Trump bezeichnet. “Christianity Today” wurde einst vom Übervater der amerikanischen Evangelikalen Billy Graham gegründet und erscheint heute noch in einer Auflage von 80.000 Exemplaren. Es ist keine weit verbreitete Schrift, vielmehr wird sie in engen Kreisen der Christlichen Rechte gelesen.

Bröckelt Trumps Rückhalt bei de Evangelikalen?

Doch deren Chefredakteur hat nun einen Kommentar veröffentlicht, in dem er sich mit deutlichen Worten gegen eine Wiederwahl von Donald Trump wendet und damit eine Lawine ausgelöst. Mark Galli beklagte den mangelnden moralischen Charakter von Trump und betonte, der Präsident solle des Amtes enthoben werden aufgrund der “Loyalität gegenüber dem Schöpfer und den zehn Geboten.” Und dieser Kommentar in einer kaum beachteten Publikation schlug ein wie eine Bombe in den USA, denn vor allem Donald Trump selbst hob den Beitrag auf eine ganz andere Ebene. Er sah sich mal wieder kritisiert und reagierte bekannt beleidigt. Trump tweetete gleich mehrmals, beschimpfte den Chefredakteur, erklärte, kein anderer Präsident habe jemals soviel getan wie er für die Evangelikalen wie auch für Religion allgemein. Und er werde dieses Blatt nun nicht mehr lesen.

Einige Vertreter der “Christlichen Rechte” in den USA sprangen Trump bei, verteidigten ihn, darunter auch Franklin Graham, der Sohn von Billy Graham. Der Junior ist schon seit langem ein lautstarker Unterstützer des Präsidenten, verteidigt dessen Politik und sieht ihn von Gott gesandt. Doch deutlich wurde durch diesen Kommentar auch, dass Trump sich nicht mehr auf eine hundertprozentige Unterstützung der Evangelikalen in den USA verlassen kann. Die Reihen der Zweifler, Abweichler und Nichtwähler wächst. Zwar hat der Präsident vieles von dem umgesetzt, was sie immer wieder forderten, doch dessen aggressiver Ton, seine Lügen, seine Beschimpfungen stoßen mittlerweile auch vielen in den Reihen der christlichen Fundamentalisten auf. Trump ist für viele nicht mehr derjenige, der in Amerika “God’s Country” realisieren kann.