Atmen ist gesundheitsgefährdend

Kalifornien kommt nicht zur Ruhe. Nach wie vor brennt es an Dutzenden Orten, zum Teil sind es gewaltige Feuer, die noch wochenlang ausbrennen werden. Die Feuerwehreinsatzkräfte machen nur geringe Fortschritte. Auch in Oregon und Washington State brennt es und die Feuersaison im Westen der USA hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die Luft in Oakland war heute „gesundheitsgefährdend“.

Täglich werden Dutzende von Pressekonferenzen der verschiedenen Feuerwehrleitstellen im ganzen Bundesstaat übertragen. 2018 war das bislang verheerendste Feuerjahr in der aufgezeichnten Geschichte von Kalifornien. Vor zwei Jahren verbrannte im Golden State eine Fläche rund dreimal so groß wie Luxemburg. Doch diese Marke wurde in diesem Jahr bereits am „Labor Day“, dem ersten Montag im September deutlich überschritten. Schon viermal brannte hier 2020 die Grundfläche von Luxemburg ab. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom spricht denn auch von einer historischen Marke: “Historisch ist ein Begriff, den wir hier in Kalifornien anscheinend sehr oft benutzen, aber diese Zahlen bestätigen genau das, es ist historisch, das ist die größte Feuer Saison bezüglich der betroffenen Fläche, die je registriert wurde.”

Die Statistiken zeigen auch auf, dass die Brandgefahr in Kalifornien immer weiter steigt. Die Top Five der gewaltigsten Feuerjahre seit Anfang des 20. Jahrhunderts liegen in den letzten 13 Jahren: 2007, 2008, 2017, 2018 und nun 2020. An 29 Stellen in Bundesstaat brennt es noch immer. Mehr als 20 Tausend Feuerwehrleute sind im Einsatz. Was ihnen derzeit hilft, ist das Wetter, es wird kühler, die starken Winde lassen etwas nach, gerade im Küstenbereich zieht Nebel auf. Doch genau das ist das Problem in Ballungsräumen wie der San Francisco Bay Area, die bekannt für ihre Nebeldecke gerade im Sommer ist. Die Bilder gingen am Mittwoch um die Welt: Der Tag an dem die Sonne nicht aufging. Dicker Rauch von den umliegenden Feuern und sogar von Waldbränden aus Oregon sammelte sich unter der Nebeldecke und konnte nicht abziehen. Ein orangenes Dauerdämmerlicht war den ganzen Tag zu sehen, als ob man sich auf dem Mars aufhält. Die Autos waren mit einer Ascheschicht bedeckt. Experten warnten vor der schlechten Luftqualität und riefen dazu auf, sich möglichst nicht draußen aufzuhalten. Fast jeder, den man sprach, beschrieb die Situation als “apokalyptisch”, “verrückt”, “surreal”, wie in einem schlechten Traum, aus dem man nicht aufwacht.

Auch am Donnerstag wurde es nicht besser. Einige der Brände, gerade die in der näheren Umgebung der San Francisco Bay wurden fast vollständig unter Kontrolle gebracht, doch dafür sank die Luftqualität weiter. Als “gesundheitlich gefährdend” wurde sie eingestuft, wer länger draußen sein mußte, merkte schnell ein Kratzen im Hals, brennende Augen, Probleme beim tiefen Einatmen.

Ein Ende der Feuergefahr ist noch lange nicht in Sicht, denn die eigentliche “Fire Season”, die Feuersaison in Kalifornien steht im Frühherbst noch bevor. Dann ziehen vom Landesinneren die „Santa Ana Winds“, starke, sich ständig drehende und warme Winde über den Bundesstaat, schon der kleinste Funke kann dann zu einer Katastrophe führen…einer weiteren im Golden State. Unterdessen breiten sich riesige Waldbrände in Oregon und Washington aus. Im nördlichen Nachbarstaat von Kalifornien mussten 500.000 evakuiert werden. Oregon hat nur 4,2 Millionen Einwohner.

Die Sonne so rot

Es will einfach nicht hell werden.

Es ist elf Uhr morgens und draußen ist es dämmerig. Ich sitze in meinem Büro und muß das Licht anmachen, um überhaupt etwas sehen zu können. Es ist im Freien nicht richtig dunkel, eher ein orangenes, apokalyptisches Licht. Endzeitstimmung. Die Außenbeleuchtungen an den Häusern in der Nachbarschaft, die über Sensoren angehen, brennen noch. Die Technik wird getäuscht, genauso wie die Natur, die Grillen zirpen sich einen, so als der Abend angebrochen ist. Es wirkt alles noch düster. Auf mein Auto hat sich ein Aschefilm gelegt.

In Kalifornien brennt es weiter, im Norden, in Napa, im Central Valley, in der Nähe von Santa Cruz und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Eigentlich geht es um diese Zeit erst so richtig los. Die Santa Ana Winde stehen an, starke, warme Winde, die im Landesinneren entstehen und wie ein Fön wirken. Eine späte Hitzewelle ist noch für Ende September, Anfang Oktober zu erwarten. Ich erinnere mich noch daran, dass ich nur im Herbst am Ocean Beach von San Francisco im Meer baden ging, da es dann unerträglich heiß wurde, die kühle, von Alaska kommende Strömung war da eine wunderbare Abkühlung. Da kommt noch was auf uns zu. Vor 25 Jahren gab es diese „Fire Season“ im Herbst, mittlerweile ist dauerhauft Feuer-Saison.

Es regnet Asche.

Corona, Wahlkampf, Hitze, Feuer. Nun noch diese gewaltige Rauchglocke, die das Draußensein ungesund werden läßt. Aber sagen sie das mal einem Schäferhund-Huskie, der einfach immer raus will. Gestern ging ich mit Käthe in den nahegelegenen Wald, ich war einer der wenigen Bekloppten, die in der Hitze und in dem Qualm unterwegs waren. Am Ende eines gut einstündigen Spaziergangs waren wir beide fix und fertig. Sie hechelte nach Wasser, mir kratzte es im Hals. Und heute morgen ist es noch schlimmer. Dieses organgene Licht verschwindet nicht, dicke Schichten Rauch lassen die Sonnenstrahlen nicht durch. Es wird einfach nicht hell. Der Ascheregen nimmt kein Ende. Ich hoffe nur, das ist kein Sinnbild für das, was noch auf die USA zukommen wird…Doomsday!

 

Kalifornien brennt

Eine Hitzewelle trifft Kalifornien. Alles ist ausgetrocknet, etliche Blitze haben Dutzende von Feuern, alleine in Nordkalifornien entfacht. Besonders betroffen sind erneut Napa und Sonoma County, das „Wine Country“ in der Region, etwa eine Autostunde nördlich von San Francisco. Tausende von Menschen wurden bereits zur Evakuierung aufgerufen. Mittlerweile hat eines der Feuer auch den nördlichen Teil des „Armstrong Redwoods State Natural Reserve“ erreicht, ein wunderschöner kalifornischer Park, in dem gewaltige Redwoods zu finden sind.

Hitze und Rauch, eine giftige Mischung.

Draußen ist es heiß, dazu eine dicke Rauchdecke. Auch südlich und östlich von Oakland brennt es. Normalerweise kann man von hier kilometerweit blicken, jetzt gerade mal ein paar Hundert Meter. Schon nach wenigen Sekunden draußen brennen die Augen. An Sport oder an einen längeren Spaziergang ist gar nicht zu denken. Die Feuersaison hat in diesem Jahr früh begonnen. Eigentlich ist mittlerweile das ganze Jahr über „Fire Season“. Als ich vor 25 Jahren hierher kam, hieß es immer noch, dass im Frühherbst die Gefahr der großen Waldbrände steige. Das ist schon lange her, brennen kann es nun immer. Kalifornien trocknet aus. In diesem Jahr gab es bislang noch kaum Niederschlag, die andauernde Brandgefahr ist zu einem normalen Umstand im „Golden State“ geworden, da helfen auch nicht guten Ratschläge von Präsident Donald Trump, dass die Kalifornier mehr ihre Wälder harken sollten. Man hofft nur, dass es nicht vor der eigenen Tür brennt. Und doch, ich habe Freunde in Sonoma County, die erneut auf gepackten Koffern sitzen, denn wenn es zu einer Evakuierung kommen sollte, dann bleiben manchmal nur 5-10 Minuten, um das eigene Haus zu verlassen, sich in Sicherheit zu bringen, wissend, dass man sein Zuhause vielleicht nie wieder sehen wird.

Covid-19 in San Quentin

San Quentin von oben.

Im Landeanflug auf den internationalen Flughafen von San Francisco ging es gestern über das Staatsgefängnis von San Quentin. Ich dachte an Reno, den ich schon seit etlichen Wochen nicht mehr gesprochen hatte. Mein Brief blieb vor meiner Abreise unbeantwortet. Ich verfolgte die Nachrichten, wußte, dass Covid-19 hinter den Gefängnismauern besonders heftig wütete. Weit über 1600 Gefangene wurden positiv getestet, ein Drittel aller Häftlinge.

Und auch im East-Block, dem Todestrakt von San Quentin, wurde Covid-19 nachgewiesen. Insgesamt starben etwa zweit Dutzend Gefangene, etliche davon auf Death Row. Reno ist 75 Jahre alt, gesundheitlich mehr als angeschlagen. Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch heute kam ein Anruf von ihm. Er lebt. Und darüber ist er selbst überrascht. Dreimal wurde er in den letzten Wochen in Krankenhäuser verlegt, drei verschiedene in der San Francisco Bay Area. Er konnte nicht anrufen, nicht schreiben. Es ging ihm schlecht, sehr schlecht.

Seit Montag ist er wieder in seiner Zelle. Das Atmen falle ihm schwer, er bekomme Sauerstoff. San Quentin ist noch immer unter verschärftem „Lock-Down“, Frühstück und Mittagessen erhalten die Gefangenen nun in braunen Papiertüten in ihren Zellen. Keine Besuche sind erlaubt, selbst Rechtsanwälte haben derzeit keinen Zugang zu ihren Klienten. Die Situation in San Quentin geriet im Mai außer Kontrolle, als der Staat 121 Häftlinge aus einem anderen Gefängnis dorthin verlegte. Alle waren zwar vorab getestet worden, doch die Befunde lagen noch nicht vor. Etliche von ihnen waren positiv. Diese Erkenntnis kam zu spät. Covid-19 breitete sich da bereits in den engen Unterkünften und Lebenssituationen von San Quentin aus. „Laß uns am Montag oder Dienstag reden, dann habe ich wieder das Telefon. Ich muß mich hinlegen“, meinte Reno nach wenigen Minuten am Telefon. Er lebt, das ist zumindest eine gute Nachricht in diesen Tagen.

Coming home…

Der Münchner Airport war im internationalen Bereich fast leer. Keine Läden waren geöffnet, die LH-Lounges geschlossen, irgendwie schien alles viel dunkler, man spart in diesen kümmerlichen Reisetagen wohl auch am Licht. Im Flieger von MUC nach SFO war vielleicht gerade mal jeder vierte oder fünfte Sitz besetzt. Der Abstand konnte eingehalten werden, Mund-Nasen-Schutz war während der gesamten Reise vorgeschrieben. „Zum Essen und Trinken können sie die Maske abnehmen“, meinte der nette Mann bei seiner Durchsage.

Damit man es nicht vergisst.

Auf dem Flug bekamen die Passagiere ein Formular des „Center for Disease Control“ (CDC), auf dem man Name, Adresse in den USA und Symptome angeben mußte. Nur einzeln durfte man in San Francisco das Flugzeug verlassen, noch vor dem Terminal warteten Mitarbeiter des CDC im Gate-Tunnel, um weitere Fragen zu stellen und die Formulare einzusammeln. „Haben Sie Fieber?“, fragte mich die nette Frau und ich dachte sie fragt das, weil ich etwas in Schwitzen gekommen war. „Nein, mir ist nur warm“, antwortete ich. Damit war sie zufrieden. Sowieso komme ich mir in diesen Tagen blöd vor, wenn ich schwitze. Auch im Flieger schafften die es wieder nicht, in diesem sündhaft teuren Flugobjekt die Klimanlage so einzustellen, dass man nicht schweißgebadet aufwacht. Ich hoffte nur, dass da niemand an meinem Platz vorbeikam, mich sah und sich dachte, ich fiebere vor mich hin. Von der CDC-Dame erhielt ich dann noch einen „Flyer“ falls Unklarheiten bestehen sollten. Das war es dann.

Gähnende Leere auch hier im internationalen Terminal des Airports. Keine Schlange an der Passkontrolle, das Gepäck kam schnell, es waren ja kaum Passagiere an Bord. Sowieso fehlten andere ankommende Flieger. Normalerweise landen um diese Zeit gleich mehrere Maschinen aus aller Welt. SFO ist in normalen Zeiten eine der wichtigen Drehscheiben an der amerikanischen Westküste. Und auch draußen das selbe Bild, kaum Wartende, keine langsam fahrenden Autos, keine Polizisten, die mit lauten Pfiffen zum Weiterfahren aufforderten.

Nun sitze ich wieder daheim in Oakland. Die letzten zwei Wochen gingen wie im Flug vorbei. Wann die nächste Reise klappen könnte, kann ich noch gar nicht sagen, noch nicht absehen, hier und da fließt bis dahin noch viel Wasser durchs Golden Gate und die Pegnitz runter. Wie heißt es so schön: schaun mer mal!

 

Na, da schau her!

Der Flug LH459 von San Francisco nach München war vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Das Einsteigen ging so schnell, dass wir verfrüht vom Gate abstoßen konnten. 15 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit erreichten wir MUC. Auf den Rollfeldern kaum etwas los und auch an den Gates standen nur wenige Flugzeuge. Der Flug selbst war entspannt, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes war vorgeschrieben, außer beim Essen und Trinken.

Das Tor am Gate war noch geschlossen, als ich ins leere MUC Terminal kam. Sechs Bundespolizisten saßen an der Passkontrolle, kein Mensch weit und breit zu sehen, ich war der erste aus meinem Flieger. “Wo kommen Sie her?” “Aus San Francisco”. Er schaute auf meinen Pass und forderte mich auf, kurz die Maske abzunehmen: “Sie leben dort?” “Ja.” “Sie wissen, dass sie sich nun für 14 Tage in Quarantäne begeben müssen“, er hielt einen Informationszettel in die Höhe. “Den habe ich im Flugzeug schon erhalten.” “Schönen Tag”. “Auf Wiedersehen”.

Das wars, niemand fragte mich wohin ich eigentlich will, keiner verlangte die genaue Adresse zu der ich reise. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich war darauf vorbereitet, dass ich zumindest einen Zielort angeben muß, denn wie soll das örtliche Gesundheitsamt wissen, dass ich komme, dass ich da bin, dass ich wieder abreise, wenn die Information der Einreise gar nicht weitergegeben wird?

Meine Koffer kamen schnell auf dem Gepäckband, es war wohl der einzige Flieger, der gerade entladen wurde. Mein Neffe holte mich ab, er wartete in der fast menschenleeren Empfangshalle. Auf dem Parkplatz kaum Autos. Nur die A9 war mal wieder verstopft an Endlosbaustellen. “Welcome to Bavaria”

Nix los an SFO

Im vergangenen Jahr reisten fast 58 Millionen Passagiere durch den San Francisco International Airport. Heute war ich um kurz nach 15 Uhr der einzige, der vor dem internationalen Terminal ausstieg. Weit und breit niemand. Kein Polizist rief „move your car“. Nix, niemand.

Einchecken ohne Schlange, an jedem Schalter sind Plexiglasscheiben angebracht. Weder der SFMOMA Store ist offen, noch der Food Court. Die Gates im südlichen Teil des Terminals sind ganz verrammelt. Rund zwei Dutzend TSA Angestellte stehen sich die Beine in den Bauch. Sie haben nichts zu tun. Auch an der Sicherheitscheck kein Warten, bei der Passkontrolle heißt es lediglich, nehmen Sie mal kurzdie Maske ab. Ein Blick auf den Pass, ein Nicken, gut ist.

Im eigentlichen Terminal scheint der Lufthansa Flug für eine ganze Weile der einzige zu sein. An allen Gates heißt es „closed“. Nur am Gate 08, wo die Maschine nach München abfliegen soll, sitzen ein paar Maskierte herum. Überall sind die Abstandsaufkleber zu sehen, auf dem Boden, auf den Sitzgelegenheiten. Und die Läden sind geschlossen. Nur ein Restaurant hat geöffnet, das Japanische, aber dort sitzt niemand. Die Angestellten unterhalten sich ungestört hinter dem Tresen.

Es herrscht eine seltsame Atmosphäre im gesamten Terminal. In der Ferne kann man geparkte United Flieger sehen, denn SFO ist ja einer der „Hubs“ der US Airline. Wenige Maschinen sind an den Gates zu sehen. Ich bin gespannt auf den Flug und wie die Freiheit wohl über den Wolken in diesen Tagen gehandhabt wird.

„Drive, she said“

Es war im Nürnberger Dröhnland, 1986, da hörte ich zum ersten Mal Stan Ridgways „Salesman“. Sowieso hörte ich in der legendären Disco in der Humboldtstraße vieles, was mich prägte und was mich bis heute begleitet. Aber Ridgway ist eine besondere Geschichte. Seine erste Soloplatte „The Big Heat“ nach seiner Zeit mit „Wall of Voodoo“ kaufte ich mir glaube ich gleich am nächsten Tag. Und die ist noch immer eine meiner Lieblingsscheiben.

Im November 1986 fuhr ich dann mit einer Freundin im Renault 12 meiner Eltern nach München. Ridgway spielte in der Alabamahalle. Ein nicht zu vergessenes Konzert. Draußen war es arschkalt, wir standen in der Schlange, bis die Türen endlich geöffnet wurden. Ich glaube, viel war nicht los, doch Stan Ridgway beeindruckte das nicht, er schien Spaß zu haben, immer wieder wedelte er mit dem Mikrofonkabel durch die Gegend, so, als ob er ein Cowboy beim Einfangen eines Rindes war. Gerade höre ich eine alte Aufnahme von genau dieser „The Big Heat“ Tour, die ein paar Tage später in Wien entstanden ist. Good times…!

Stan Ridgway und seine Musik begleiteten mich in den folgenden Jahren. Jede neue Platte legte ich mir zu. Nach meinem Umzug nach San Francisco sah ich ihn mehrmals live, bei Slim’s, im Cafe Du Nord und noch einem Club, dessen Namen mir gerade nicht einfällt, den es aber schon lange nicht mehr gibt, interviewte ihn vor einem der Konzerte für ein deutsches Musikmagazin. Und dann hatte ich die Idee, ein Spotlight auf KUSF über Stan Ridgway zu produzieren, eine, dieser großartigen Zweistundensendungen am Sonntagnachmittag auf dem einstigen legendären Collegesender der „University of San Francisco“. Ich schrieb Stan Ridgway an, ob ich ihn für diese Show interviewen könne und er schrieb zurück, freute sich über mein Interesse und lud mich für ein Treffen nach Venice ein.

Ein paar Wochen später stand ich da an einer Ecke nur einen Block vom Strand in Venice Beach entfernt. Ein blauer Minivan hielt neben mir, das Seitenfenster ging runter, „Are you Arndt?“. „Yes, I am“. Stan Ridgway saß am Steuer, wir unterhielten uns, während er durch die Gegend fuhr und mir die Nachbarschaft zeigte, dies und das erklärte. Schließlich hielt er an einem Diner, wir hatten erstmal Lunch. Danach meinte er, wir könnten doch das Interview im Auto machen. Stan Ridgway ist ein Geschichtenerzähler, das hat mich schon immer an ihm beeindruckt. Seine Liedtexte sind Kurzgeschichten, die das amerikanische Leben beschreiben. Gut beobachtet, manchmal seltsam, aber immer ein Grund zum Nachdenken. Sein „Camouflage“ oder sein „Drive, she said“, aber auch das „Mexican Radio“ aus den Wall of Voodoo Zeiten, tolle Stories.

Das Spotlight wurde gesendet und ich blieb mit Stan Ridgway lose in Kontakt, denn kurz darauf begann ich mit der Produktion des Country, Folk und Americana Inflight Programmes für eine große deutsche Airline. Ich hatte die Freiheit, meine Playlist selbst zu bestimmen und mußte mich nicht nach den Charts richten. Das bot mir die Möglichkeit das weite Feld des Country und Folk Sounds zu erkunden. Und da kam ich wieder auf Stan Ridgway, diesen großartigen amerikanischen Songschreiber, Sänger, Musiker, der offen für Einflüsse ist und durchaus auch immer wieder in seinen Songs durch den Reichtum des wahren amerikanischen Sounds stapfte. Stan Ridgway war also immer mal wieder auf 30,0000 Fuß zu hören. Er fand das gut. Ich auch. Nach zehn Jahren war für mich Schluß mit der Sendung. Seitdem lege ich immer mal wieder eine Platte von ihm auf. Gestern Abend ganz laut „The Big Heat“, für mich sein Meisterwerk. Und da kamen eben all die Erinnerungen hoch, Dröhnland und Alabama Halle, KUSF, Venice und über den Wolken. Musik ist einfach wunderbar.

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Corona bremst den Kulturaustausch

Die San Francisco Bay Area ist so eine Region, in der man, wenn man denn sucht, viele deutsche Spuren finden kann. San Francisco und auch Oakland wurden von deutschen Einwanderern mitaufgebaut. In der Geschichte am Golden Gate hinterließen die „Germans“ einen tiefen Eindruck.

Ich erinnere mich noch gut an die Schilderungen eines alten Freundes, der bereits 1942 nach San Francisco kam. Er hatte eine aufregende Flucht hinter sich, war vom FBI nach dem japanischen Angriff auf die Militärbasis Pearl Harbor in Costa Rica aufgegriffen und wie viele Tausend weitere Deutsche und Japaner aus Mittel- und Südamerika in die USA gebracht worden. Hier sollte er in ein Internierungslager kommen, konnte aber nachweisen, dass er aus Nazi-Deutschland schon 1938 geflohen war…das ist eine Geschichte für sich, die hier in Oakland beginnt.

Doch zurück zu diesem alten Freund, mit dem ich oft durch San Francisco fuhr. Er deutete immer wieder auf Häuser und Straßenecken, da sei ein deutscher Metzger gewesen, dort ein Tischler, da ein Bäcker, dort ein Automechaniker. Mit Hans die Straßen von San Francisco zu befahren, war eine historische Rundfahrt der besonderen Art. Er erzählte von den vielen Festen, die gefeiert wurden, von den Empfängen in der „California Hall“ auf Polk Street.

Davon ist nicht viel übrig geblieben, das alte „deutsche“ San Francisco ist längst verblasst. Dennoch waren die Deutschen nie weg, neue Immigranten kamen und bauten hier das auf, was sie machen wollten, lebten ihren „American Dream“. Etliche deutsche Restaurants kann man finden, noch. Denn die „Suppenküche“ in Hayes Valley ist in Schwierigkeiten, deutsche Gemütlichkeit, Bierhallenatmosphäre und das lange Sitzen an Tischen ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Das „Walzwerk“, ein ostdeutsches Themenrestaurant, macht zum Ende der Woche ganz dicht. Schon zuvor fiel ihr „Schmidt’s“ den hohen Mietpreisen in der „City by the Bay“ zum Opfer.

Das „Walzwerk“ hat es schon auf seiner Webseite stehen: „We are closed“

Auch Feste der noch verbliebenen Kulturvereine werden derzeit ersatzlos gestrichen. Wie soll man auch ein Maifest im Herbst feiern. Und die Aussichten sind nicht gut, denn oftmals waren diese Feste auch „Fundraiser“ für die Clubs. Das Goethe-Institut, die offizielle deutsche Kulturaußenstelle in der Region, ist seit Monaten geschlossen. Die Ausfälle an Gebühren und Eintrittsgeldern werden deutlich bei allen zukünftigen Planungen zu spüren sein.

Den Deutschen geht es sicherlich nicht anders als anderen ethnischen Gruppen in San Francisco oder in den USA. Doch an diesen mehr als wichtigen Part in der amerikanischen Gesellschaft wird kaum gedacht. Das Land der Immigranten vergisst gerade in diesen harten Zeiten die oftmals gefeierte und geschätzte Vielseitigkeit des amerikanischen Lebens. Was nach dieser Pandemie von all dem Kulturleben der „Minderheiten“ noch übrig bleiben wird, ist nicht absehbar. Man kann nur hoffen, dass es nicht einen totalen Kahlschlag geben wird.

Krautrock neu erzählt

Als ich 1996 mit meiner Sendung Radio Goethe auf KUSF anfing, hatte ich nur ein paar CDs aus Deutschland mit nach San Francisco gebracht. Also fing ich an im umfangreichen CD und Vinyl Archiv des Senders zu suchen und fand so einige deutsche Bands, die mir vom Namen her bekannt waren, aber die ich in daheim in Nürnberg kaum oder gar nicht gehört hatte. Es waren vor allem experimentelle Bands, wie die Einstürzenden Neubauten oder Gruppen aus dem sogenannten „Krautrock“ Bereich.

Aus einer Not wurde eine große Liebe für diese Bands und diese Epoche. Faust und Amon Düül II, Can und Kraftwerk und viele andere, die ich da in den Plattenregalen von KUSF finden konnte. Und ich war begeistert, diese Gruppen öffneten mir einen ganz neuen Klangraum. Krautrock wurde immer interessanter für mich, schließlich produzierte ich sogar ein zwei Stunden langes „Spotlight“, eine wöchentliche Spezialsendung am Sonntagnachmittag auf KUSF, in der man ein Thema vertiefen konnte. Und als ich diese Sendung ankündigte, bekam ich viele Tipps, Hinweise und Wünsche von anderen KUSF DJs, sie alle kannten die Krautrock Bands, die da gespielt werden sollten. Überhaupt ist Krautrock Kult auf den amerikanischen College- und Communitysendern.

Durch meine Arbeit mit Radio Goethe lernte ich auch Hans Joachim Irmler, Gründungsmitglied von Faust kennen, über die ich sogar irgendwann auf Bayern 2 ein Stundenfeature produzieren durfte. Damals fuhr ich zu Jochen in die schwäbische Provinz, hörte mit ihm so einige alte Aufnahmen und wir führten lange Gespräche, bis wir schließlich nachts um zwei Uhr nach ein paar Flaschen Wein das Aufnahmegerät anstellten. Faust wurden 1972 in Hamburg gegründet und waren für mich die wohl interessanteste Krautrock Band, denn sie verbanden die vielen musikalischen Einflüsse und experimentierten mit Sounds, Klangideen und ihren eigenen technischen Möglichkeiten. Jochen erzählte Geschichten von damals und ich hörte staunend und interessiert zu, manchmal mußte ich mich wegdrehen, weil ich nur so mein Lachen zurückhalten konnte. Es war nicht nur ein Interview, Hans Joachim Irmler hat mir auch eine ganz neue Klangwelt näher gebracht und sie vor allem für mich verständlich gemacht. Ich hörte zwar schon viel Krautrock, aber hatte nie die Bedeutung erkannt. Das änderte sich komplett.

Und nun sitze ich hier in meinem „home office“, wie man in diesen Coronazeiten den heimischen Schreibtisch nennt, und höre Teil 1 der neuen Bear Family Records Reihe „Kraut!“. Insgesamt werden vier Teile veröffentlicht, aufgeteilt nach Nord-, West-, Süddeutschland und Berlin. Musik aus deutschen Landen zwischen 1968 – 1979. Es sind jeweils zwei CDs, die ein lange Zeit übersehenes, doch mehr als bedeutendes Kapitel in der deutschen Musikgeschichte zum Tönen bringen. Nach dem Durchhören habe ich mir gleich Alben von zwei der Bands bestellt, die ich bislang so noch nicht kannte.

Begleitet wird diese umfassende Serie von einem ausführlichen Booklet, mit vielen Informationen, Geschichten, Anekdoten, zusammengetragen von Burghard Rausch, der auch schon die hervorragende NDW-Reihe für Bear Family zusammengestellt hat. Ein wahrer Kenner der Szene. Zu hören sind unter anderem auch die früheren Bands von Kralle Krawinkel und Peter Behrens, die sich beide später bei Trio wiederfanden. Was diese Klangserie zeigt ist, dass Deutschland in den späten 60ern und in den 70er Jahren alles andere als ein Entwicklungsland in Sachen Musik war. Die Bands nahmen das auf, was sie aus England und den USA vorgelegt bekamen, oftmals über die Soldatensender BFBS oder AFN, und nutzten diese Einflüsse um etwas eigenes entstehen zu lassen.

Und das fiel durchaus auch in England und den USA auf, wo viele der Krautrock Bands tourten und Musiker wie David Bowie oder Brian Eno auf einmal aufhorchten, was da in „Krautland“ passierte. Lange Jahre wurde diese wichtige Zeit im deutschen Musikzirkus abgetan oder übersehen. Gerade deshalb ist so eine Serie, wie diese hier von Bear Family Records, mehr als notwendig, denn sie zeigt wie spannend, originell, mitreißend und tief diese Soundvisionen von damals durchaus waren. Diese Gruppen brauchten sich nicht hinter denen aus Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zu verstecken. Es geht nicht darum, Geschichte neu zu schreiben, vielmehr darum, das richtig zu bewerten, was diese Bands in dieser Zeit geleistet haben. Krautrock anfangs als minderwertig abgetan ist zu einem anspruchsvollen Gütesiegel geworden. Einziger Wermutstropfen für mich, Faust hat es nicht auf den ersten „Kraut!“ Teil über den Norden der Republik geschafft. Das lag aber weder an Bear Family noch Burghard Rausch, sondern vielmehr an ihrem alten Plattenlabel Warner. Die haben anscheinend noch immer den Hals voll von Faust….doch das ist eine andere, lange Geschichte.