Rammstein sind zurück

Es sind über 20 Jahre vergangen, seitdem ich mit Paul Landers im Backstage Bereich des kleinen Clubs „The Edge“ in Palo Alto sass. Damals eröffneten Rammstein den Abend für KMFDM. In Deutschland waren sie schon in den großen Hallen unterwegs, in den USA kannte man sie noch kaum. Ich war wohl damals mit der erste, der sie im amerikanischen Radio spielte. Der „Lost Highway“ Soundtrack mit zwei Rammstein Songs war gerade erst erschienen.

Rammstein spielten auf, als ob ihnen der Club gehören würde. Schon beim ersten Song stand Till Lindemann am Bühnenrand in Flammen. Als „Büch Dich“ gespielt wurde, hielten die schockierten begleitenden Eltern ihren 15jährigen Knaben und Mädels die Hand vor die Augen. Doch all das konnte Rammstein in den USA nicht aufhalten. Selbst das Schulmassaker in Columbine ein paar Jahre später, für das übereilige, rechtskonservative Besserwisser Rammstein, KMFDM und Marilyn Manson mitverantwortlich machen wollten, stoppte den Erfolgszug der Berliner nicht.

Rammstein sind ein Phänomen. Das Management ist heute streng kontrolliert, Interviews und Fotos wie damals Backstage in Palo Alto würde es heute nicht mehr geben. Paul Landers war neugierig auf die USA, erzählte davon, dass sie selber nicht verstehen würden, was da genau passiert. Sie wollten mal sehen, mal die Wasser in Amerika testen, meinte er. Wenn es klappt, dann ist gut. Wenn nicht, dann eben nicht.

Es klappte. Rammstein sind die erfolgreichste deutschsprachige Band aller Zeiten, und das weltweit. Mittlerweile füllen sie die ganz großen Hallen und Stadien in den USA. Schon jetzt ist klar, ihre kommende US Tour wird ausverkauft sein. Zehntausende singen ihre Songs auf Deutsch mit, das hat vor ihnen noch niemand geschafft. Nena, Falco, Peter Schilling und auch Tokio Hotel haben ihre Hits in den USA lieber auf Englisch präsentiert. Selbst Grönemeyer sang hier auf Englisch, ließ sich auch von den Fans nicht beirren, die ihm zuriefen: „Sing Deutsch“. Rammstein haben ihr Englisch mal mit „Du Hast“ und „Engel“ ausprobiert, doch merkten schnell, ihre Sprache ist Deutsch. In den USA schrieben sich Schüler in „German classes“ in den High Schools ein, um die Texte der Berliner verstehen zu können. Online wurde darüber diskutiert. Rammstein Texte waren der Türöffner für Diskussionen in Foren über deutsche Filme, Kultur, Politik und Leben in Deutschland. Ich lehne mich mit der Behauptung nicht weit aus dem Fenster, wenn ich erkläre, Rammstein haben für die deutsche Sprache im Ausland mehr als viele staatlich geförderte Projektideen erreicht.

Und nun sind sie zurück. Mit dem siebten Album haben sie gleich im Vorfeld auf den Skandal gesetzt. Rammstein in KZ-Uniform, eine Sequenz aus ihrem Video zum Song „Deutschland“ wurde veröffentlich und zugleich heftigst diskutiert. Dürfen die das, darf man das? Einladungen an Gedächtnisorte folgten, Rammstein hätten eine rote Linie überschritten. Nur einen Tag später folgte das komplette Video, ein Meisterwerk. Die Kritiker versuchten zurück zu rudern, ohne ihren Schnellschuss zuzugeben.

Auch für „Radio“ wurde eine geniale PR-Aktion gewählt. Das Video zum Song wurde in verschiedenen Städten an Häuserwände geworfen, den Fans erklärt, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Lokalsender einzuschalten. Das alte Radio in seiner ganzen Bedeutung.

Jetzt läuft hier die gesamte Platte. Eine typische Rammsteinscheibe. Sie knallt gut, ist laut, durchdacht, provokant, klar, auch etwas poppig. „Ausländer“ und „Zeig Dich“ gefallen mir richtig gut. Doch „Deutschland“ ist für mich das absolute Highlight dieses Albums. Hervorragend, aber das ist wohl Geschmackssache. Hier drüben in den USA berichten Zeitungen, Magazine, Online-Portale über die neue Rammstein CD, in den sozialen Medien wird #7 breit diskutiert. Deutsche Texte stören da niemanden, die Kritiken sind durchgehend positiv. Rammstein haben ihren Sound, dazu ihr Image. Da kommt niemand ran. Ich bin mir sicher, in einigen High School Klassenzimmern zwischen Long Beach und Long Island werden in den kommenden Wochen im Deutschunterricht einige der Texte der neuen Rammstein Platte genauer angehört werden. So macht „German“ Spass. Bitte lauter, Frau Lehrerin!

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Ein besonderes „Library“ Konzert

touch ist eines der ältesten noch operierenden Indie-Labels aus England, gegründet in den frühen 80er Jahren von Mike Harding. Der reist regelmäßig zwischen London und Los Angeles hin und her, um diesen teils sehr eigenwilligen Sound seines Labels zu promoten. Am Mittwoch traf ich Mike nach mehreren Jahren Email Kontakt zum ersten Mal. In einem exklusiven „private social club“ am Rande von Downtown San Francisco.

Mike hatte mich zu einem „Library Concert“ eingeladen, was hier wohl öfters stattfindet. Ein Konzert für die sehr exklusiven Mitglieder dieses Clubs, dem man nicht einfach beitreten kann, man muss durch ein Mitglied nominiert werden. Hinter „The Battery“ stecken Michael Birch und Xochi Torres, die mit einigen Startups ein Vermögen machten und sich mit ihrem Privatclub einen Traum verwirklichten. Die Idee dahinter war, einen Raum zu schaffen, in dem man sich treffen und austauschen kann. Quasi die „Dorfkneipe“ (Battery über Battery) in die City bringen, und das im sehr exklusiven Anstrich mit High-End-Restaurant, mehreren Bars, Weinkeller, Fitnessbereich, Garten, Hotelzimmern und eben einer Bibliothek. Muss man mögen!

Und genau hier fand das Konzert von drei der touch MusikerInnen statt. Geneva Skeen, Zachary Paul und Simon Scott. Ein ungewöhnlicher Ort, dachte ich zuerst, denn diese Mischung aus Ambient, Drone und Field-Recordings würde wohl eher in eine alte Fabrikhalle passen, als in eine Bibliothek mit blauen Wänden, einem überschaubaren Buchangebot, Ledersesseln und Schildkrötenpanzern an der Wand. Doch als Geneva Skeen wortlos mit ihrer Präsentation begann, war mir schnell klar, dass diese Musik gerade auch an so einem Ort ihre Kraft entwickeln kann. Es geht um das Zuhören, darum, sich auf diese Soundwelt einzulassen, sich die Zeit zu geben und zu nehmen Klanglandschaften, wie die von Skeen, Paul und Scott zu erkunden. Und eine Bibliothek ist wahrlich ein hervorragender Ort für genau solch einen Moment. Drei Klangkünstler, die in dieser feineren „Dorfkneipe“ 75 Minuten lang die Grenzen versetzten, was Musik alles sein kann. Unten amüsierten sich die Mitglieder bei Cocktails und feinen Häppchen und einen Stock höher erlebten die etwa 20 Anwesenden einen unglaublichen Hörgenuss mit Blick auf die Transamerica Pyramide in Downtown San Francisco. Musik öffnet ganz neue Welten.

Hinter Berlin geht’s weiter

Es ist mal wieder so weit. Der deutschsprachige Film wird am Golden Gate gefeiert. Zum 23. Mal heißt es im alten 1922 erbauten Castro Theatre „Welcome to Berlin & Beyond“. Das Kino allein ist schon ein Erlebnis. 1400 Plätze hat es, die gewaltige Decke ist mit Kunstleder überzogen. Vor den Abendveranstaltungen spielt ein Orgelspieler und feiert mit dieser Musik die reiche Geschichte des Theaters.

In diesem Jahr werden erneut Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeigt. Die meisten der Streifen werden es nie auf den amerikanischen Markt schaffen. Sie zeigen diese drei Länder, ihre Kultur, das Leben dort, den Humor, die Themen, die wichtig sind, eben ein Stück Alltag einem amerikanischen Publikum, das gerne auch den Blick über Ozeane, Grenzen und bald schon Mauern werfen will.

San Francisco ist eine Filmfestival-Stadt. Wöchentlich gibt es hier welche und alles wird geboten. Von den verschiedensten Themen bis hin zu den verschiedensten Ländern und Sprachen. „Berlin & Beyond“ ist da schon ein etabliertes Festival mit einer festen und großen Fangemeinde. Neben einem interessierten amerikanischen Publikum ist B&B auch zu einem kulturellen Highlight der deutschsprachigen Gemeinde in der San Francisco Bay Area geworden. Gerade bei Comedies und den Reaktionen im Publikum kann man das erleben, denn der deutsche Humor ist dann doch etwas anderes als der amerikanische.

10.000 verkaufte Tickets gibt es Jahr für Jahr. Der Großteil der Kinogänger schaut sich mehrere Filme an. Und das Angebot hat sich über die Jahre verändert. Wurden in der Anfangszeit eher dunkle, schwere Themen und Töne aus dem frisch wiedervereinigten Deutschland im Film gezeigt, hat sich im Laufe der Zeit der Ton deutlich verändert. Das Festival ist leichter geworden, luftiger, entspannter. Sicherlich gibt es immer noch ernste Themen in Movies „Made in Germany“, aber die Unterhaltung steht im Vordergrund.

„Berlin & Beyond“ ist wie der Fensterblick in eine andere Welt. Vom Golden Gate nach Berlin und eben auch dahinter. In die Provinz, in die Pampa in all jene Gegenden zwischen Emmersbüll-Horsbüll und Antenbichl, Schopfheim und Heringsdorf, Geldern und Krauschwitz. Und gerade das macht dieses Filmfestival zu einer bedeutenden Kulturveranstaltung. All diese Filme zeigen das Leben, manchmal überspitzt, manchmal chaotisch, manchmal nachdenklich. Doch immer sind es Geschichten, die das Leben genau so, ähnlich oder auch ganz anders schreibt, die uns zusammenführen, mitfühlen lassen und verbinden. Ich sage immer, Musik ist eine internationale Sprache, wenn man sie denn hören und verstehen will. Beim Film ist es ähnlich, wenn man sich auf das einlässt, was man sieht und sehen will.

Objektive Berichterstattung

Objektivität in Zeiten von Donald Trump. Foto: Reuters.

Vor ein paar Tagen war ich zu Gast im Journalismus Department des San Francisco City Colleges. Die Studierenden wollten mit mir über meinen Job als freier Korrespondent sprechen. Ich wurde dabei von einer interessierten Gruppe interviewt. Sie fragten nach meinen Erfahrungen, Erlebnissen, wie ich mich auf Themen vorbereite, wie ich Interviews durchführe, wie ich mich in schwierigen Situationen und mit nicht leichten Interviewpartnern verhalte, wie ich meine Reisen finanziere, wie es ist, mit Übersetzern zu arbeiten, und vieles, vieles mehr.

Und eine Frage beschäftigt mich seitdem weiter, kann man als Journalist objektiv berichten? Ich glaube, in diesen Zeiten ist es schwer geworden die Objektivität zu bewahren. Ich habe in den letzten paar Jahren sehr viel über Donald Trump berichtet und dabei durchaus auch versucht, nicht gleich alles, was er sagt und tut negativ zu sehen und zu bewerten. Das ist nicht leicht, denn vieles, für was Trump steht, was er macht, was er sagt, ist mir zuwider. Und doch, ich bewerte es als positiv, dass Trump genau das macht, was er im Wahlkampf angekündigt und versprochen hat. Er hält seine Wahlversprechen, zumindest das muss man ihm anrechnen.

Aber objektiv kann ich wohl nicht mehr sein, bei einem Mann, der kritische Medien als „Fake News“ abtut, als „Volksfeinde“ bezeichnet. Der lügt und betrügt und sich für seine Fehler, Falscheinschätzungen und Halbwahrheiten nicht entschuldigt, ganz im Gegenteil, der daraus auch noch eine „alternative Realität“ schafft, in die ihm Millionen von Wählerinnen und Wählern bereitwillig gefolgt sind. Der Neo-Nazis verteidigt und immer wieder mit rassistischen und nationalistischen Tönen auffällt. Trump hat sich und seinen Anhängern eine Welt erschaffen, in der ich mich nicht wiederfinden kann. Und da ist es schwer „objektiv“, „neutral“, „ausgewogen“ zu berichten.

Wie zum Beispiel kann ich objektiv bleiben, wenn Trump die eigenen Ministerien gängelt nicht weiter über den Klimawandel zu berichten, Gelder für Klimaschutzprojekte in afrikanischen Ländern bereit zu stellen? Wie kann ich neutral berichten, wenn Trump pauschal Migranten, die illegal in das Land kommen als „Vergewaltiger“, „Mörder“, „Drogendealer“ und „Gang Mitglieder“ bezeichnet? Wie kann ich ausgewogen sein, wenn Trump seit Amtsantritt nachweisbar Tausende Male gelogen und Unwahrheiten verbreitet hat?

Donald Trump und all die anderen rechtsnationalen Populisten in den westlichen Gesellschaften haben einen Frontalangriff auf die Grundfesten der Demokratien gestartet. Und sie sind dabei erfolgreich, denn alleine in den USA folgen rund 30 Prozent der Wähler Trump und seiner Politik. Sie glauben nur noch ihm und seiner schwarz-weiß Sicht der Dinge. Es ist schwer vorstellbar, dass sich das noch einmal ändern wird. Doch wie kann, wie soll man damit als Journalist umgehen? Und was ist in diesen Zeiten eigentlich noch „objektive Berichterstattung“?

Nazis in den USA

20.000 Anhänger des German-American Bund kamen im Februar 1939 in den Madison Square Garden.

Am 20. Februar 1939 war der Madison Square Garden Schauplatz eines gewaltigen Nazi-Aufmarsches. Es war als „Pro American Rally“ angekündigt, doch hier marschierte der BUND, eine von Deutschland aus gesteuerte US Nazi-Organisation, die im ganzen Land aktiv war. Die Machtdemonstration in New York City sollte die Amerikaner beeindrucken und sie für die Politik Hitlers gewinnen. Doch es hatte Konsequenzen für alle Deutschen, die in den USA lebten.

 

Die deutschen Vereine zwischen New York und San Francisco waren nach der Anti-Deutschen Stimmung in den Jahren 1914 bis 1918 kaum wieder erstarkt, hatten wieder zueinander gefunden, waren erneut im öffentlichen Leben von San Francisco mit Festen, Umzügen und Veranstaltungen präsent, als mit der Machtübernahme Hitlers 1933 eine deutliche Zeitenwende eingeläutet wurde. Gerade die politischen Vereine, wie der Arbeiterbildungsverein San Francisco waren davon betroffen. In der vereinseigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen, kontroversen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen. Befeuert wurde der auch von organisierten Auslandsdeutschen, die ihre Befehle direkt aus Berlin erhielten.

Knute Berger ist Journalist in Seattle, für das Newsmagazin “Crosscut”, er hat intensiv über die Aktivitäten der Nazis in den 1930er Jahren an der Westküste recherchiert: „Mir wurde gesagt, dass es einen Generationenschnitt gab. Jene Deutsche, die vor dem ersten Weltkrieg gekommen waren, waren nicht unbedingt für Hitler. Einige der Jüngeren glaubten an diese Idee des neuen Deutschlands an die wirtschaftlichen Fortschritte, die gemacht werden. Da gab es sicherlich einen Bruch.“

Karl Hartmann kam kurz nach dem Ende es zweiten Weltkrieges nach San Francisco und war langjähriger Präsident des Arbeiterbildungsvereins. Er lernte noch viele der alten Mitglieder kennen und hörte, was sie über diese schwierige Zeit im Verein berichteten: „Das war auch das Ende vom Arbeiterbildungsverein, von seiner Blütezeit. Denn von ’33 an, da ist das nur noch ein Vegetieren gewesen. Da haben ja die meisten Angst gehabt. Ein Freund von mir, ich weiss, der war beim BUND, der war immer stolz, dass er im Madison Square Garden reinmarschiert ist, in seinem weißen Hemd und der Hakenkreuzbande. Genau wie bei der SA. Ich fragte ihn, wie viele seid ihr denn gewesen und er: 20.000. Ich sag, du hast doch einen Vogel. 20.000, sagt er, glaub es oder nicht, was denkst du, wie wir marschiert sind, was da los war.“

Bereits im Mai 1933 gab Rudolf Hess Heinz Spanknöbel den Auftrag in den USA eine Nazi-Organisation aufzubauen. Spanknöbel kam 1929 als Pastor der Adventisten in die USA. Er gründete die “Freunde des Neuen Deutschland”, die dann im März 1936 in den “Amerikadeutschen BUND” übergingen. Deren Bundesführer wurde Fritz Julius Kuhn, der in 20er Jahren in die USA kam und 1934 amerikanischer Staatsbürger wurde. Kuhn versuchte, die deutschen Vereine in den USA zu einen und auf Kurs für Hitler-Deutschland zu bringen. Mit Paraden und Massenveranstaltungen wollte man die Deutschen begeistern. Und nicht nur in New York marschierte der BUND ganz im Sinne der Nazis auf. Auch in San Francisco war man aktiv. Unterstützung bekamen sie direkt aus dem Deutschen Generalkonsulat, wie Knute Berger berichtet: „In den späten 30ern, ungefähr 1937, gab es einen Generalkonsul in San Francisco, der auch noch weitere Kollegen in anderen Westküstenstädten hatte. Er hieß Manfred Freiherr von Killinger und war ein erklärter Nazi der ersten Stunde. Er unterstützte die engen Verbindungen zwischen Nazi-Deutschland und dem Deutsch-Amerikanischen Bund. Einige warfen ihm vor, das zu aggressiv betrieben zu haben. Das San Francisco Konsulat war auch für die Spionage im gesamten Westen der USA bis nach Salt Lake und runter an die mexikanische Grenze zuständig. Und man warb für Gruppen wie den Bund, die “Silver Shirts” und in Mexiko die “Gold Shirts”, alles Braunhemden. Das jedoch führte zu Widerstand. Von Killinger wurde vorgeworfen zu weit zu gehen und den Bund in eine Richtung zu drängen, was dazu führte, die Loyalität vieler Deutsch-Amerikaner zu hinterfragen und den Bund nicht als kulturelle sondern als politische Gruppe zu sehen.“

Lange Zeit schauten die Amerikaner dem offenen Treiben der Nazis einfach zu. Zu sehr glaubte man an die größere Gefahr durch die Unterwanderung der Kommunisten. Die marschierenden BUND Anhänger, ihre Jugendlager ganz im Sinne der HJ, auch in den Oakland Hills wurde gecampt, wurden einfach nicht richtig ernst genommen. In San Francisco wuchs jedoch der Widerstand gegen die Aktivitäten des BUND und des Generalkonsuls und Hitlervertrauten von Killinger. Gerade auch, weil die deutsche Gemeinde in der Stadt groß und einflussreich war. Das Deutsche Haus im Zentrum, unweit der City Hall gelegen, war vielen ein Dorn im Auge. Sie fragten sich, was spielt sich eigentlich hinter den Mauern dieses Gebäudes wirklich ab. Die Musiker Gewerkschaft in San Francisco, die “American Federation of Musician’s Local Six”, verabschiedete in ihrer Sitzung vom 9. Juni 1938 die folgende Resolution. Interessant dabei ist, dass viele der Mitglieder der Musikergewerkschaft, darunter auch ihr Präsident Walter A. Weber, selbst Immigranten aus Deutschland waren.

Angesichts dessen: In Europa gibt es mehrere Länder, deren Systeme direkt unserer Theorie von Demokratie entgegen stehen, in denen Arbeitnehmervertretungen aufgelöst und verboten wurden und Eigentum beschlagnahmt wurden; und
Angesichts dessen: In etlichen dieser Länder wird gegenwärtig eine Kampagne geführt, die auf religiöser Intoleranz, Rassenhass und Verbitterung basiert; und
Angesichts dessen: In San Francisco soll während des Memorial Day Wochenendes ein Treffen des Deutsch-Amerikanischen Bundes, einer Nazi Organisation in diesem Land stattfinden; und
Angesichts dessen: Organisationen wie die “American Legion”, “Veterans of Foreign Wars”, verschiedene jüdische und andere religiöse Gruppen haben gegen dieses Treffen der Embryo “Sturmtruppen” protestiert und ihre Ablehnung veröffentlicht; und
Angesichts dessen: Der San Francisco Gewerkschaftsbund hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt, man ist gegen jegliche Form von ausländischen “isms”, die eine Bedrohung für unsere amerikanische Demokratie sind, deshalb soll es sein
Beschluss: Der San Francisco Gewerkschaftsbund spricht sich gegen dieses Treffen aus und erneuert seinen Eid für den Kampf um den Erhalt der amerikanischen Demokratie; und weiterhin
Beschluss: Dass Kopien dieser Resolution an die Presse von San Francisco weitergegeben werden.

Die Deutschen in der San Francisco Bay Area versuchten gegenzusteuern, zu zeigen, dass sie zwar deutsche Wurzeln haben, ihre Sitten und Gebräuche pflegen, aber dennoch Amerikaner sind. Im Protokoll der Sitzung der Hermann Söhne, einer einflussreichen und alten Loge deutscher Einwanderer, heisst es vom 12. Mai 1941:

“Resolution: Eine der ersten Handlungen der Grossloge war die Annahme der folgenden Resolution, die für sich selbst spricht:
Be it resolved that we, the Order of Hermann Sons, an American Organization, in existence One Hundred years do hereby reaffirm our support of our Federal Government, our Constitution and our American way of life.
Be it further resolved that our Order condemns all un-American activities and pledges its united support in stamping out such activities.
Be it further resolved that we, the members of the Order of Hermann Sons, using our rights as free men and women citizens of the United States of America, respectfully protest against any actions which may involve us in the present European conflict, thus endangering our freedom and peace.
Be it further resolved that copies of the foregoing resolution be forwarded to the members of Congress and to the press.

Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass die Hermann Söhne ihre Veranstaltungen immer auf Deutsch abhielten und auch ihre Protokolle auf Deutsch verfassten. Hier jedoch wurde ganz bewusst eine Ausnahme gemacht, das Englische gewählt, um deutlich zu machen, wo man sich als deutscher Immigrant in den USA positioniert.

Mit dem Angriff der Japaner auf den Militärstützpunkt Pearl Harbor und der anschließenden deutschen Kriegserklärung gegen die USA vier Tage später, am 11. Dezember 1941, änderte sich das Leben für die Deutschen im ganzen Land, vor allem jedoch in den Küstenregionen. Mit Hilfe eines Gesetzes, das bis ins Jahr 1798 zurückreicht, könnten bei der Gefahr einer Invasion Amerikas, die Staatsbürger von verfeindeten Nationen verhaftet und für die Dauer des Krieges interniert werden. Im Bundesanzeiger, dem Federal Register, ließ Roosevelt die verstärkte Kontrolle von Japanern, Italienern und Deutschen verkünden. Dabei berief er sich auf das 143 Jahre alte Gesetz. Die Japaner und Japan-Amerikaner traf es deutlich stärker als die Deutschen. Weit über 100.000 wurden interniert. Doch das FBI verhaftete in den Folgemonaten auch Tausende von Deutschen, insgesamt etwa 12.000, die in den USA, in Mexiko und sogar Mittelamerika lebten und brachte sie in Internierungslager in die USA, darunter Crystal City, Texas, Fort Lincoln, North Dakota und auch Pacifica, südlich von San Francisco. Die Bewegungsfreiheit von Deutschen am Golden Gate wurde eingeschränkt, tägliche Kontrollen zur Normalität. Erneut brach eine Hysterie im ganzen Land aus. Im Staatsgefängnis von San Quentin wurde sogar von den Gefangenen ein massives Stahlnetz konstruiert, dass vor die Golden Gate Bridge gehangen wurde, um so eine Abwehr gegen deutsche U-Boote zu bieten.

Professor William Insel von der San Francisco State University, der viel über die Immigranten in San Francisco geforscht hat, beschreibt die Loyalitätsfrage in jenen Tagen so: „Ich habe das einmal von einem Italiener gehört, der 1889 in Piedmont, Italien geboren wurde, als 11jähriger nach San Francisco kam, 1915 nach seinem Studienabschluss als Rechtsanwalt Amerikaner wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er vom FBI überprüft, denn man warf ihm vor ein faschistischer Agent zu sein. Das Tenney Kommittee, die kalifornische Version der Anti-Amerikanischen Aktivitäten, fragte ihn, ob er Amerikaner oder Italiener sei. Und er antwortete, “schauen Sie, ich denke über Amerika und Italien genau so wie ich über meine Frau und meine Mutter denke. So lange meine Frau und meine Mutter sich vertragen, so lange muss ich nicht an sie denken. Aber wenn sie sich streiten, oder schlimmer, wenn sie nicht mehr miteinander reden und zu Feinden werden, dann halte ich zu meiner Frau, nicht zu meiner Mutter. Denn meine Frau ist heute und in Zukunft.” Das war seine Erklärung, wie er sich im Zweiten Weltkrieg verhalten würde, nach dem 10. Dezember 1941, als Italien den USA den Krieg erklärte. Und dieser Frage mussten sich auch deutsche Einwanderer im ersten Weltkrieg und einige auch im zweiten Weltkrieg stellen.“

Die deutschen Gemeinden und Vereine haben sich nie mehr so richtig von dieser zweiten Anti-Deutschen Bewegung in den USA erholt. Man zog sich zurück, pflegte die Sprache, die Kultur, die gemeinsamen Feste. Doch politisch traten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr auf. Damit verschwand auch der Einfluss und die Bedeutung der deutschen Immigranten in den USA.

Zweieinhalb Stunden Käfig

Die Richmond-San Rafael Bridge führt direkt auf San Quentin zu.

Ein sonniger Sonntagmorgen in der San Francisco Bay Area. Um 7 Uhr fahre ich los, es ist kaum Verkehr auf den Straßen. Ziel ist mal wieder San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien. Noch ist der Parkplatz halb leer. Ich reihe mich rechts bei den Wartenden ein, hier sitzen die Besuche für den „East Block“, die Todeskandidaten auf Death Row.

Eine ältere Frau kommt nach mir, fragt mich mit einem Akzent, wann ich dran sei? 8 Uhr antworte ich, sie setzt sich mir gegenüber. Woher sind Sie? Aus der Schweiz, meint sie. Gerade sei sie auf einer Reise durch verschiedene Gefängnisse in den USA, um zum Tode und lebenslänglich Verurteilte zu besuchen. Sie war schon in Texas und Arizona und nun noch Kalifornien, am Dienstag ginge es zurück. Sie gehöre einer Schweizer Organisation an, die in Kontakt mit Gefangenen in den USA sei.

Es warten nur wenige Männer im Vorraum der Besucherschleuse. Viele Frauen sind da, teils stark geschminkt, enge Kleidung und Ausschnitte, hohe Hacken, die wohl so gerade noch erlaubt sind. Als ich dran bin, geht alles recht schnell. Meine Kleidung passt – helle Hose, graues T-Shirt, braunes Sweat-Shirt -, ich habe auch nur Eindollarnoten und Kleingeld dabei, Metall habe ich nicht am Körper. Dann noch einen Stempel auf den rechten Unterarm und ich darf Richtung „Bastille by the Bay“ laufen, dieses alte Gebäude, das an einen mittelalterlichen Kerkerbau erinnert.

Reno wartet schon im Käfig. Ich ziehe ein Sandwich, einen Schokokuchen, Popkorn und noch was Süßes aus dem Automaten, dazu die obligatorischen zwei Dosen Cola. Dann muss er sich aus seinem Rollstuhl erheben, eine Kette mit  Handschellen wird ihm durch einen Schlitz im Gitter um den Bauch gelegt, die Handschellen klicken und er darf sich wieder in den Rollstuhl setzen. Reno ist fast 74 Jahre alt, kann die Hände nicht mehr nach hinten strecken, deshalb die Bauchkette. Die Tür auf seiner Seite wird geöffnet, er wird rausgeschoben, die Tür schließt sich und wird mit einem Schloss gesichert. Erst dann wird auf meiner Seite die Gittertür geöffnet, ich darf in den etwa 1,50 x 2 Meter Käfig treten. Es knallt hinter mir, das Schloss klickt. Dann geht die Tür auf Renos Seite auf, er wird reingeschoben, muss sich wieder aus seinem Rollstuhl erheben und die Bauchkette mit den Schellen wird ihm abgenommen. Eine kurze Umarmung, der Besuch kann beginnen.

Wir sitzen da, plauschen über alles mögliche. Er isst, trinkt, lacht. Ich erzähle ihm von meiner Idee, ein Hörspiel über jemanden in San Quentin zu schreiben. Ob ich ihm dazu einige Fragen schicken könnte? Klar, meint er, schick einfach mal, aber gib mir etwas Zeit. Ich will mehr erfahren über das Leben auf Death Row, wie es sich anfühlt, wie es sich in den fast 40 Jahren verändert hat, seitdem er hier ist. Einiges habe ich ja von meiner Besucherrolle in den letzten 23 Jahren mitbekommen, aber es gibt noch immer viele Fragen, die ich habe. Ich bin gespannt auf seine Antworten und auf das, was ich hoffentlich daraus machen kann und werde.

Nach zweieinhalb Stunden ist der Besuch vorbei. Eine kurze Umarmung, dann erneut die gleiche Prozedur für ihn wie am Anfang. Man sieht ihm die Schmerzen in allen Gliedern an. Aber Regel ist Regel in San Quentin, keine Ausnahmen werden gemacht. Und wie immer atme ich tief durch, als die schwere Metalltür vor mir aufgeht und ich hinaus in die frische Luft, an die Sonne treten kann. Entlang der Bay geht es zurück zum Parkplatz und ich summe vor mich hin….“San Quentin, you’ve been living hell to me“.

Es war einmal eine kleine Hexe…

Otfried Preusslers kleine Hexe, Hänsel und Gretel und die böse Hexe im Wald und dann noch die „Wicked Witch“ im „Wizard of Oz“. Das waren so die Hexenbilder, mit denen ich aufgewachsen bin, die mein Hexenbild prägten. Warzen, Besen und ein brodelnder Kessel. Doch die Realität der Hexen hat so gar nichts mit diesen Bildern zu tun, wie ich jüngst feststellen konnte. Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum der Hexenbewegung und hier lernte ich weibliche und männliche Hexen kennen.

Am Anfang stand die Webseite des “Covenant of the Goddess”, eines Hexenbundes. Mehr durch Zufall stieß ich darauf und dachte mir, das könnte eine schöne Geschichte für die Religionssendung eines bundesweit ausgestrahlten Radiosenders sein. Ich schrieb an die Email Adresse des Covenant, ob es möglich wäre, ein Interview zu führen und an einem Treffen teilzunehmen. Die Antwort kam, ob ich zu einem Telefoninterview bereit wäre. War ich. An einem Dienstag rief mich eine Vertreterin des „Northern California Chapter“ an und interviewte mich. Warum, weshalb, wieso….Hexen sind etwas zurückhaltend.

Nach einigen Tagen meldete sich „Macha“ bei mir. Sie wäre zu einem Interview bereit und ja, ich könnte bei ihr Zuhause vorbeikommen. Gespannt fuhr ich in die Nord-Bay. In einem unscheinbaren Haus wohnte die Hexe. Für eine Stunde sprachen wir über „Witches“ und Wicca, die Mysterienreligion. „Macha“ berichtete, dass sie sogar regelmäßig als Priesterin im Staatsgefängnis von San Quentin sei, um sich dort mit Angehörigen des Wicca Glaubens auszutauschen und eine Zeremonie zu feiern. Zum Schluss fragte ich, ob Macha auch einen Besen habe. Sie lachte und meinte, ich solle ihr folgen. Und da standen sie, gleich mehrere Besen in der Abstellkammer.

Eine Woche später erhielt ich wieder eine Mail. Don Frew und Anna Korn würden mich gerne kennenlernen. Sie leiten die “Adocentyn Research Library”, eine Bücherei des Paganismus. Ein unscheinbares Haus mit einer Ladenfront in einer Seitenstraße in Albany, einer Kleinstadt gleich neben Berkeley. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier eine Bibliothek der etwas anderen Art befindet. Don und Anna warteten schon, sie wirken wie Alt-Hippies, nahmen sich für den Besucher viel Zeit, um über Wicca und das Hexentum zu sprechen. Der “Covenant of the Goddess” sei ein Netzwerk von Hexen, erzählte Don Frew. „Es ist keine Kirche. Gegründet wurde der Covenant 1975, um Hexen dieselben religiösen Rechte und Sicherheiten einzuräumen, wie anderen religiösen Organisationen. Dieser Hexen Verbund hat sich von Kalifornien aus in den gesamten Vereinigten Staaten ausgebreitet.“

Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum dieser spirituellen Bewegung in den USA. Der liberale Geist, die damals noch billigen Mieten, der Aktionismus zog viele in den 1960er und 1970er Jahren ans Golden Gate. Hier lebten, hier arbeiteten sie und trafen Gleichgesinnte. Mit der erstarkenden Frauenbewegung in Berkeley, Oakland und San Francisco entwickelte sich auch die Suche nach der Weiblichkeit im Glauben. Und man fand es in der Natur, der Umwelt, der Mutter Erde, wie der 58jährige Hexer Don Frew erklärt: „Es bedeutet, dass ich daran glaube, dass sich das Göttliche in und durch die natürliche Welt manifestiert. Ja, es gibt eine übernatürliche Gottheit, aber ich fühle mich mehr mit einem Baum verbunden, mit der Sonne über uns, mit diesem Tisch hier. All das drückt das Göttliche aus. Und ich versuche mein Leben in Harmonie damit auszurichten. Meine Rituale damit abzustimmen, mit den Gesichtern des Mondes, mit den Jahreszeiten, mit dem Lauf des Lebens. Das alles ist der Weg hin zu einem harmonischen Leben.“

Auf meine Bitte und mein Drängen doch an einem Treffen teilnehmen zu können, erhielt ich immer wieder Absagen. Einige Mitglieder wären dazu nicht bereit, ich könnte mir stattdessen ein Video ansehen, hieß es. Und dann kam die Einladung zu einem „Spiral Dance“. Nur wenige Meilen von der Pagan-Bücherei entfernt liegt Richmond. Und dort in einem alten Fabrikgelände, direkt an der San Francisco Bay gelegen, trafen sich an einem Samstagabend mehrere Hundert Hexen und Gläubige des Paganismus zu einem “Spiral Dance”, einem Gruppentanz, der Gemeinschaft und Wiedergeburt ausdrücken soll.

Die Einladung kam von Starhawk, der Organisatorin dieses Treffens. Sie ist eine ältere Frau und die wohl bekannteste Hexe in den USA ist. Sie hat unzählige Bücher über die Bewegung, den Wicca Glauben, die Wiedergeburt des Hexentums geschrieben. Man kennt sie, bevor wir ein ruhiges Plätzchen für ein Interview finden konnten, umarmten etliche Frauen und Männer die 67jährige, wechselten ein paar Worte mit ihr, sagten ihr, wie sehr sie sich auf den Abend freuten. „Eine Hexe zu sein bedeutet für mich“, so Starhawk, „sich den alten in der Natur basierenden Traditionen aus Europa und dem Nahen Osten zu verpflichten Sie gründen sich in dem Glauben, dass die Erde heilig ist, dass jeder von uns heilig ist und den göttlichen Geist verkörpert, der in allem lebt. Und das greift auf die alten Traditionen der Kräuterkunde und der Verbindung zur Natur zurück.“

Starhawk schreibt unter anderem auch für die Religionsbeilage der Washington Post, ist Kommentatorin auf mehreren einschlägigen Online Plattformen und begeherte Rednerin in den USA und Europa. „Einige Leute wollen sich nicht als Hexe bezeichnen. Ich laufe auch nicht mit einem Schild herum, auf dem steht “Hallo, ich bin eine Hexe’. Aber für mich ist es wichtig, dieses Wort zurück zu bekommen, denn damit konfrontiert man die gesamte Geschichte. Dieses Wort und für was es steht, für die Idee einer Frau als Heilerin, eine mächtige Frau, die als gefährlich und angstvoll gesehen wird. Wenn wir uns dem stellen, dann gehen wir dagegen an, dann beginnen wir mit einem Wandel tief verborgener Unterstellungen in unserer Kultur, die für mich die Ungleichheit der Geschlechter bestärken.“

Als es draussen dunkel wurde, begann in dem alten Fabrikgebäude die Zeremonie. Über Lautsprecher wurde bekannt gegeben, dass ein deutscher Radiojournalist anwesend sei, der aber niemanden in seinen Aufnahmen erkennbar machen werde. Hexen wollen nicht so einfach erkannt werden. In einem riesigen Kreis saßen etwa 600 Menschen zusammen, sangen, lachten, weinten gemeinsam. Die Namen von Verstorbenenen wurden vorgetragen. Reden und Gesang folgten. Und dann begann der eigentliche “Spiral Dance” mit Trommelschlag und Gesang. Zwei endlos wirkende Menschenschlangen bewegten sich im Kreis und kamen sich dabei immer näher. Eine positive und durchaus mitreißende Energie machte sich in der Halle breit, die Community lebte auf und rückte zusammen. Vieles wirkte wie in Trance.

In den USA leben nach Starhakws Aussagen etwa 3-4 Millionen Menschen, die sich als Hexen bekennen, die dem Wicca Glauben angehören. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Doch eins wurde an diesem Abend in Richmond deutlich, die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum von Wicca, Hexen, dem Glauben an die Natur, an die Weiblichkeit in der Religion. Die Hexen, die ich kennenlernte durfte, haben so gar nichts mit dem gruseligen Bild aus Kindertagen zu tun. Es geht um Harmonie, um ein Miteinander, darum, gemeinsam und bewußt zu leben. In diesen Zeiten ist das durchaus eine Bereicherung.

„The Female Barack Obama“

„The Female Barack Obama“

Kamala Harris ist eben nicht einfach „nur“ der weibliche Barack Obama. Eigentlich ist die Behauptung, die nun durch die Presse geistert, rassistisch und sexistisch zugleich. Denn sie beschränkt Harris auf die gleiche Hautfarbe wie Obama- sie ist die Tocher einer Inderin und eines Jamaikaners – und mindert ihre durchaus beeindruckende Karriere als Juristin und Politikerin.

Die kalifornische Senatorin Kamala Harris will Präsidentin werden. Foto: Reuters.

Nun also kandidiert sie offiziell. In einem Fernsehinterview am Martin-Luther-King-Day gab sie ihre Kandidatur bekannt. Am kommenden Sonntag soll eine große Kick-off Veranstaltung in Oakland folgen. Hier in Oakland, in ihrem Heimatstaat, wird es ein Büro für ihren Wahlkampf geben. Die Headquarters werden in Baltimore, dem „East-Oakland“ sein.

Kamala Harris beobachte ich schon länger. Sie ist eine erklärte Todesstrafengegnerin, die auch unter erheblichem Druck zu ihrer Überzeugung steht. Als Staatsanwältin von San Francisco musste sie 2004 einen Mann anklagen, der zuvor einen Polizisten erschossen hatte. Es ist üblich, dass bei Polizistenmord die Todesstrafe verlangt wird. Doch Harris blieb bei ihrer Haltung, bei dem, was sie im Wahlkampf für den Posten des „District Attorneys“ gesagt hatte: Sie werde keine Todesstrafe fordern. Der Druck in San Franciso war groß, auch und vor allem von Seiten der Polizeieinheiten, der „Peace Officers“. Kamala Harris verlangte hingegen eine lebenslängliche Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung für David Hill.

Dieser Fall stoppte nicht ihre Karriere. Harris wurde gewählte Justizministerin von Kalifornien und schließlich US-Senatorin. Nun will sie den nächsten Schritt gehen und wirft ihren Hut in den Ring. Kamala Harris hat sich entschieden, an diesem „blutigen Kampf“, wie sie es in einem Interview beschrieb, teilzunehmen. Es wird brutal, hässlich und teuer werden. Doch die 54jährige ist bereit und hat schon jetzt eine beeindruckende Gruppe an Unterstützern um sich gesammelt. Es wird spannend….

Der Weg ist das Ziel…oder so

Ich fliege ja öfters nach Deutschland. 10-11 Stunden in der immer enger werdenden Economy Class in überfüllten Flugzeugen ist kein Spass. Und billig ist das auch schon lange nicht mehr. Irgendwie scheint es nun immer Hochsaison zu sein, zumindest dann, wenn ich fliege und nicht schon ein Jahr vor meinem geplanten Abflug gebucht habe.

Von daher war ich offen für die Werbung eines Online Reisebüros, das mir Angebote an Business Class Flügen „on sale“ zuschicken wollten. Warum nicht, dachte ich mir, vielleicht klappt das ja mal. Aber was ich da nun angeboten bekommen habe, fällt wohl mehr unter den philosophischen Gedanken der Weg ist das Ziel. Anders ausgedrückt, Hauptsache man fliegt Business Klasse, ankommen ist da nebensächlich. Nur so kann ich folgendes und wahrlich ernstgemeintes Angebot lesen:

Für 2459 Dollar würde ich mit United von San Francisco nach Newark fliegen. Von Newark müsste ich zum John F. Kennedy Airport nach New York City kommen, denn von dort geht es nach sechs Stunden mit Kuwait Airways weiter Richtung Kuwait City. Dort angekommen hätte ich sechs Stunden Aufenthalt, bevor es dann mit Etihad nach Abu Dhabi weitergehen würde, wo ich dann in einen Lufthansa Flieger nach München einsteigen dürfte, um zwei Tage nach dem Abflug endlich deutschen Boden betreten zu dürfen.

Auch der Rückflug nach San Francisco wäre nicht ohne. Abflug München, zuerst ginge es mit Egypt Air nach Kairo. Von dort mit Kuwait Airways nach Kuwait City. Sechs Stunden warten, dann mit einem Kuwait Airways Flieger aus dem Emirat Richtung New York City. Knappe 12 (!) Stunden später würde dann der letzte Flug, diesmal mit Jet Blue, von JFK nach SFO angetreten. Alles Business Class wohlgemerkt.

Der nette Mann im Reisebüro rief mich schließlich an, da ich mich auf sein unglaubliches Angebot per Mail nicht meldete und fragte, ob ich sein „offer“ erhalten habe. Ich konnte ihm nur sagen, dass ich das habe, aber wir wohl nicht zusammen kommen werden. „Thank you for the offer, but please take me off your list. Goodbye.“

Alles ok in Point Reyes

San Francisco zieht Jahr für Jahr Millionen von Touristen an. Viele von ihnen besuchen die Golden Gate Bridge, fahren kurz mal hoch in die Marin Headlands, um von dort den Ausblick auf die Brücke, das Golden Gate und dahinter Downtown San Francisco zu genießen. Nur wenige fahren weiter in die Headlands hinein, entlang des legendären Highway 1.

Zum Glück kann man nur sagen, denn kurz danach kommt Point Reyes National Seashore, ein Nationalpark, direkt vor den Toren der Bay Area. Irgendwie wirkt dieser Teil in West-Marin County wie vergessen. Hierhin haben sich zahlreiche Aussteiger zurückgezogen, unzählige Musiker und Künstler leben in der Gegend, die mit den gewaltigen Redwoods beginnt und am oftmals nebeligen Pazifikstrand endet. Und in Point Reyes Station sendet auch KWMR, eine engagierte Community Station, auf der Freitagnacht auch Radio Goethe ausgestrahlt wird.

Ich fahre gerne dorthin, laufe alleine  und nur mit meinem Hund am endlosen Strand entlang, setze mich irgendwo an den Strand, beobachte die gewaltigen Wellen, schaue mir das teils skuril wirkende, angeschwemmte Holz an, genieße den heftigen Wind. Manchmal sieht man Seelöwen, hin und wieder kann man auch einen Wal auf seiner langen Reise von Nord nach Süd beobachten. Einmal konnte ich hier sogar bei einer Seehundrettung mithelfen. Point Reyes National Seashore ist ein ganz besonderer, ja, irgendwie spiritueller Ort zum Abschalten, Durchatmen, Auftanken.

Und da es eben ein „National Seashore“ ist, ist die Gegend nun auch von der Haushaltskrise im fernen Washington betroffen. In den letzten Tagen habe ich viel über Touristen gelesen, die in andern Parks, wie Yellowstone, Death Valley oder Joshua Tree National Park einfach ihren Müll liegen haben lassen, die jagten, dort lebende Tiere aufschreckten, Pflanzen ausrissen, mit Geländewagen und Motorrädern mitten durch die Parks rasten. Das alles, weil keine Parkranger vor Ort waren, es keine Aufsicht gab, ein scheinbar gesetzloser Raum entstanden ist. Trumps Kampf um die Mauer scheint das Beste in einigen Zeitgenossen hervorzubringen.

Anders war es gestern in Point Reyes. Es waren kaum Besucher dort, eigentlich wie immer, nur wenige Autos waren zu sehen. Ein Surfer versuchte die gewaltigen Wellen zu reiten und gab nach einer halben Stunde auf. Er kam nicht über die zweite Welle hinaus, die Strömung war zu stark. Die Toiletten an den Parkplätzen waren geschlossen, am Strand selbst kein Müll, keine Idioten, die sich ausleben mussten. Alles war friedlich, so wie immer. Es waren wunderbar entspannende Stunden an einem meiner Lieblingsorte hier an der kalifornischen Küste.