Die Musik macht es

Denk ich an die USA in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. So in etwa könnte man die derzeitige Stimmung in diesem Land auf den Punkt bringen. Die Corona Krise, der systemische Rassismus, ein brutaler Wahlkampf und dazu noch ein selbstverliebter Präsident der Tag für Tag ganz bewußt mit dem Feuer spielt und die Probleme im Land durch Worte und Taten nur noch größer werden läßt.

Und da ich nicht schlafen kann, sitze ich hier zu dieser späten Nachtstunde in einem Sendestudio in San Jose, das ist die größte Stadt in der San Francisco Bay Area, eine gute halbe Stunde von Oakland entfernt. Einmal im Monat, jeden ersten Freitag, lege ich hier von Mitternacht mit 3 Uhr morgens einen etwas anderen Musikmix auf, viel elektronische und experimentelle Musik, Musik, die man sonst nie so im Radio hört. Doch KKUP ist ein Community Sender, der mit einer starken UKW-Frequenz die weitere Region gut abdeckt und Programmmachern wie mir die Möglichkeit bietet, ganz anderes zu spielen. Das ist gewollt. Denn nicht jeder hört die Charts rauf und runter.

Aber ich merke gerade, während ich hier sitze und die Anna von Hausswolff von ihrer jüngsten Veröffentlichung auf Kassette (!) läuft, dass das hier ein richtig schönes Stück Freiheit ist. Fernab von all dem täglichen Wahnsinn, den ich so seit einiger Zeit als Korrespondent behandele. Musik hat wirklich eine heilende Wirkung. Auch heute morgen fiel mir das wieder auf, als ich mit David Harrington vom Kronos Quartett sprach. Sie bringen eine Platte mit Pete Seeger Songs heraus, ganz starke, ganz wichtige Songs für diese Zeit. Und Harrington schwärmte von den Liedern des großen Folk Sängers.

Doch zurück zu meiner Sendung hier. Musik, die so ganz anders ist, in einem Radio-Freiraum, der in der amerikanischen Hörfunklandschaft keine Ausnahme ist. Solche Stationen gibt es überall, noch, doch sie sind gefährdet. Und das wäre ein riesiger Verlust für die Medien in den USA, denn auf solchen Stationen kann man nicht nur ausgefallene Musik aus aller Herren Länder und aller Genres hören. Diese Sender bringen vielmehr die vielen Gesichter, Sprachen, Kulturen, Menschen einer „Community“ zusammen. Auch andere Meinungen. Das eben on-air, die Welt ganz nah zum Hören. Und mit der Möglichkeit des online Streamings wird Lokalfunk grenzenlos. Da sitze ich hier in San Jose in einem Sendestudio, schlage mir die Nacht um die Ohren und bekomme Rückmeldungen von Hörern die entweder nicht schlafen können oder ihren Freitagmorgen neugierig auf das sind, was ich hier so spiele. Danke. Genau das, brauche ich zur Zeit.

Community Radio – abseits des Mainstream

Heute ist es mal wieder so weit. Eine weitere Live-Sendung auf dem Community Sender KKUP in San Jose steht an. KKUP wird im Mai 47 Jahre alt, das heißt, 47 Jahre an Radioprogrammen, die nicht kommerziell sind, von Ehrenamtlichen moderiert und produziert werden, es keine Werbung gibt, der Sender vielmehr durch die Spenden der Hörerinnen und Hörer finanziert wird.

Das ist möglich und es macht einfach Spaß, mit einer Tasche voller CDs die gute Stunde von Oakland nach San Jose zu fahren, um Musik zu spielen, die man sonst wohl auf keiner anderen Station hören kann. Einige, die mich und meinen Musikgeschmack kennen werden sagen, das ist wohl auch gut so, dass man das nicht auf anderen Sendern hört, aber heute habe ich Lust auf eine elektronische Show zwischen Klaus Schulze, Bernd Kistenmacher, Adalbert von Deyen und so einiger wiederveröffentlichter Perlen auf Bureau-B Records. Und für diesen Sound gibt es durchaus viele Fans, gerade auch in der San Francisco Bay Area.

KKUP sendet im Großraum San Jose. Das Programm lässt sich bis runter nach Monterey, im Silicon Valley und hoch bis Oakland und South San Francisco hören, also ein riesiges Sendegebiet. Und ich werde von 15-17 Uhr (PST) „on-air“ sein, um den Sonntagnachmittag mit einer besonderen Musikmischung zu beschallen.

Community Radio in den USA ist etwas Besonderes. Es ist ein wichtiger Teil des öffentlichen Rundfunks. Neben den NPR, den Pacifica und College Stationen, gibt es da auch noch diese Sender, die aus der Community heraus gewachsen sind, von der Community unterstützt werden und für die Community senden. Und da ist wirklich alles dabei, von Klassik bis Country, von Weltmusik bis Punk. Das Angebot ist grenzen- und genrelos und genau darauf kommt es an. Radio ohne Format, ohne einengende Playlist eines Musikchefs. Zu hören ist, was eben zu hören ist, was ein Moderator oder DJ eben an diesem Tag und für seine Show auswählt. Zu hören sind die vielen Stimmen der Menschen, die um uns herum leben, mit ihrem Hintergrund, ihrem Wissen, ihren Besonderheiten. Von daher, einfach mal reinhören, vielleicht heute Nachmittag/heute Nacht….von 00:00 – 2 Uhr deutscher Zeit KKUP einschalten.

Lieder erkennen

Vor kurzem durfte ich mal wieder bei KKUP on-air gehen, um an einem Sonntagnachmittag für offene und interessierte Hörerinnen und Hörer im Großraum San Jose meine Musikmischung zu spielen. Das reichte von Sirom und Dirtmusic, über Studio Shap Shap und Senyawa und den Shiny Gnomes, bis hin zu Dolphin Midwives, Einstürzende Neubauten und Mika Vainio.

Einige dieser Platten und CDs sind nicht gerade bekannt, schon gar nicht in den USA. Und dennoch hat das neue Playlisten-System „Spinitron“ alle meiner Songs erkannt. Früher musste man Titel, Band und Länge selbst eingeben, nun wird der Song schon kurz nach den ersten Tönen automatisch registriert und in die Playlisten des Senders eingefügt. Ich war begeistert. Zuvor noch dachte ich, bei meiner eher internationalen und teils ausgefallenen Musikauswahl müsste ich viel selbst eingeben, aber es kam ganz anders. Spinitron erkannte sowohl die Musik aus dem Niger, wie auch einen Song auf einer limitierten Auflage eines finnischen Soundtüftlers.

Ich bin ja nicht gerade der große Kenner solcher technischer Entwicklungen, aber dennoch frage ich mich, wie das möglich sein kann, dass ein Musikerkennungssystem für College-, Community- und Bildungssender all die Aufnahmen richtig erkennt und registriert, die noch nicht einmal in den USA erhältlich sind und zum Teil gar nicht richtig erschienen sind? Für mich war es faszinierend mit jedem Song zu beobachten, wie lange das System braucht, um die Lieder zu erfassen. Grandios!

„In god we trust“ – ein Audiobericht zum Kirchenasyl

Die Montclair Presbytarian Church.

Gotteshäuser waren schon immer Anlaufpunkt für Menschen in Not. In Krisenzeiten mehr denn je. Und in solch einer Krisenzeit sehen viele in den USA das eigene Land. Die politische Hetze des Wahlkampfes gegen Immigranten und Andersdenkende hat auch viele Glaubensgemeinschaften aktiv werden lassen. Für sie ist das, was auf dem Sockel der Freiheitsstatue steht, ein wichtiger Grundsatz dieses Landes:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!
Sende sie, die Heimatlosen, vom Sturm Gestoßenen zu mir.
Hoch halte ich meine Fackel am goldenen Tor.“

Vor dem Hintergrund von drohenden Massenabschiebungen und einem Mauerbau wird in den Vereinigten Staaten von Amerika nun wieder offen und breit über Kirchenasyl für Flüchtlinge gesprochen, die Zahlen haben sich allein in der San Francisco Bay Area verdoppelt. Ein Besuch in der „Presbytarian Church of Montclair“, meiner Nachbarschaft:

 

Kirchenasyl in den USA     

 

Amerika hat ein Sicherheitsproblem

Nach dem 11. September 2001 änderte sich alles an den amerikanischen Flughäfen. Zuersteinmal ist jeder verdächtig. Die Zahnpasta, das Duschgel, das Deo, der eingekaufte Wein, alles könnte ja was anderes sein, als auf dem Label steht und zum Sprengen des Fliegers genutzt werden. Im Schuh trägt man so lange eine Bombe, bis alles durchleuchtet und chemisch abgeklärt ist. Man wird durchleuchtet, Gepäck wird geöffnet, Daten für USA Reisende werden schon vor dem Abflug an eine riesige Datenbank gesendet. Und Zehntausende von Menschen können überhaupt nicht mehr in die USA fliegen oder per Flugzeug die USA verlassen. Die „No Fly List“ ist streng geheim, kein Sterblicher weiß, wie man darauf kommt und vor allem, wie man wieder runter kommt von dieser ominösen Liste.

Und nun ist ein 16jähriger am Sonntag einfach so und ohne Ticket vom kalifornischen San Jose nach Hawaii geflogen. Er hatte Streit mit seinen Eltern, rannte weg. Am Flughafen kletterte er über einen Zaun, ging auf eine Maschine der Hawaiian Airlines zu und krabbelte dort in den Fahrwerksschacht. Der Flieger hob ab und landete nach fünfeinhalb Stunden auf dem Flughafen Maui. Der Junge kletterte aus seinem Versteck und wurde von Airline Mitarbeitern entdeckt, die Polizei wurde gerufen und nun rätselt man, wie der 16jährige den Flug in rund 10 Kilometern Höhe bei mangelnder Sauerstoffzufuhr und bei Minustemperaturen von 40 – 50 Grad überleben konnte. Scheinbar lag der Junge den Großteil des Fluges ohnmächtig im Radschacht. Und nicht nur das, die Sicherheitslücke im scheinbar soliden Sicherheitsnetz ist riesig. Homeland Security ist eingeschaltet worden und versucht nun zu klären, wie es zu dieser ungewollten Mitreise kommen konnte. Der Ausreißer hat nun einige mit seiner unbedachten Flucht vor riesige Probleme gestellt. Die vielgelobte Sicherheit auf Flügen seit „9/11“, das Schulterklopfen der Politiker und Sicherheitsfanatiker in den USA muß nun ganz neu beleuchtet werden.

Der Junge wird derzeit genauestens untersucht, ob er einen Schaden von seinem Mitflug davon getragen hat. Experten meinen, dass solche blinden Passagiere wohl gar nicht so selten sind, sie einfach beim Ausfahren des Radwerks tot ins Meer fallen würden. Einige glauben noch immer an einen schlechten Scherz und sind davon überzeugt, dass der Junge nicht die Wahrheit erzählt. Doch klar ist, das belegen Kameraaufzeichnungen am Flughafen San Jose, dass er einen Zaun am Airport überwunden hat, ohne das Alarmglocken losschrillten.