Es rappelt im Karton

In der San Francisco Bay Area wird man langsam nervös. Dass ein großes Erdbeben kommen wird, ist jedem klar, auch wenn das im Bewußtsein ganz weit nach hinten geschoben wurde. Wer hier lebt, lebt mit den „Earthquakes“. Erdstöße gibt es eigentlich  jeden Tag, nur die meisten spürt man nicht. Doch seit einer Woche wird man wieder verstärkt daran erinnert, wo man lebt. Gleich zwei Erdbeben gab es am letzten Donnerstag, 4,0 und 3,8 auf der Richterskala. Heute morgen um kurz nach halb sechs erneut ein heftiger Rappler mit der Stärke 3,6. Die Hayward Spalte, die unterhalb von Oakland und Berkeley liegt, knapp einen Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt, ist in diesen Tagen mehr als aktiv. Mein Haus liegt auf Fels, was bedeutet, man merkt bei einem Erdstoß keine Welle ankommen, sondern erlebt einen kräftigen Rüttler. Da fliegen dann schon mal Bücher aus dem Regal und das gesamte Gebäude wird durchgeschüttelt. Man wartet kurz, ob noch was kommt und macht dann mit dem weiter, was man gerade gemacht hat. Heute morgen eben schlafen, umdrehen und nochmal eindösen. „The big one“ kommt, das ist klar, nur eben wann?

„San Francisco is gone“

„Nichts bleibt als die Erinnerung“, das schrieb Jack London nach dem verheerenden Erdbeben vom 18. April 1906. Von der damals „schönsten Stadt der Welt“, wie es viele Reisende beschrieben, blieb kaum was übrig. Drei Tage lang herrschte das totale Chaos, die Erde bebte, eine unvorstellbare Feuersbrunst frass sich durch das Stadtgebiet. Eine unbekannte Zahl von Menschen starb, 250.000 Bewohner der Stadt verloren ihr Zuhause. Alles lag in Schutt und Asche.

San Francisco war im Jahr 1906 die grösste und wichtigste Stadt an der amerikanischen Westküste, das Finanz- und Handelszentrum des Westens. Hier war alles möglich. Gerade mal 60 Jahre alt, entwickelte sich San Francisco im Zuge der Goldgräberära zu einer Stadt der Möglichkeiten. Mehr als 400.000 Menschen lebten in der boomenden Metropole. Das frisch eingeweihte „Ferry Building“ war eines der geschäftigsten Hafengebäude der Welt.

San Francisco verglich sich damals nicht mit New York, sondern wollte das Paris Amerikas werden, wie es Herbert Ashbury in seinem Buch „The Barbary Coast“ beschrieb. Es war eine internationale Stadt mit etlichen Tageszeitungen und vielen fremdsprachigen Publikationen, darunter auch die deutsche „California Staatszeitung“.

Und alles kam in den frühen Morgenstunden des 18. Aprils zu einem jähen Ende. Noch heute erinnert man sich an „the big one“. Im Gedenken, ja. Aber auch daran, dass San Francisco wieder aufgebaut wurde und zu seiner einstigen Pracht zurück fand. Hier ist man stolz auf diesen Pioniergeist, der nichts unmöglich erscheinen lässt. Selbst ein Erdbeben der Superlative, wie es das am 18. April 1906 war und wie es hier erneut erwartet wird, vertreibt niemanden aus dieser „schönsten Stadt der Welt“.