Das laute Schweigen von Donald Trump

Der Westen brennt. Kalifornien, Oregon, Washington, überall fliehen Menschen vor den lodernden Flammen. Der kalifornische Gouverneur, Gavin Newsom, hat die Brände im Golden State „historisch“ genannt, denn noch nie brannte es so oft, so intensiv und so verbreitet. In Oregon, einem Bundesstaat mit 4,2 Millionen Einwohnern, wurden 500.000 Menschen zur Evakuierung aufgefordert. Und auch in Washington sind die Feuer nicht zu übersehen.

Der aussichtslose Kampf gegen die Flammen. Foto: Reuters.

Und was macht Donald Trump, immerhin Präsident auch dieses Teiles der USA? Er schweigt. Und das ziemlich auffallend, denn Trump gibt eigentlich zu allem seinen Kommentar ab. Die Katastrophe am Pazifik sollte eine Chefsache sein, doch es ist Wahlkampf, da passt es mehr, dass Trump dämliche Vorschläge wie das Harken von Wäldern verbreitet. Doch er schweigt wohl vor allem deshalb, weil Wissenschaftler betonen, dass die immer heftiger werdenden Waldbrände im Westen des Landes Hand in Hand mit dem Klimawandel gehen. „Climate Change“ ist ja etwas, was Donald Trump noch immer verächtlich abtut. Ein Hirngespinst der Demokraten. Er warnt in seinen Reden, in Interviews und auf Twitter vor dem „Green New Deal“, den Teile der Demokraten einfordern. Der aber kommen muß, der kommen wird.

In den betroffenen Bundesstaaten ist man sich einig, in Kalifornien, Oregon und Washington sieht man ganz deutlich die Folgen des Klimawandels. Trump und seine Zweifler und Leugner können da noch so sehr abwinken, die Fakten sprechen hier für sich. In einem Tweet lobte der Präsident die Einsatzkräfte, doch kein Wort des Mitgefühls für die vielen Familien, die Angehörige in den Flammen, die ihre Häuser, ihre Existenz verloren haben. Kein Wort davon, dass Millionen Amerikaner seit Wochen schon unter einer gesundheitsgefährdenden Rauchglocke leben müssen. In Kalifornien brannte bislang eine Fläche ab, die 54 mal so groß ist wie das Stadtgebiet von Nürnberg. Und es ist nicht das erste Mal, dass es hier in der Amtszeit von Donald Trump brennt. Weite Flächen des Bundesstaates sind „National Forest“, also Bundeswald, der unter der direkten Kontrolle der Regierung in Washington steht. Von daher müsste es eigentlich auch dahingehend einen Anreiz für Trump geben, diese Waldgebiete zu schützen. Aber nichts. Vielleicht liegt es auch nu daran, dass diese drei westlichen Bundesstaaten demokratisch regiert werden. Donald Trump sieht also nur die Katastrophen, wenn sie seine Wählerbasis betreffen. Ansonsten schweigt er.

Atmen ist gesundheitsgefährdend

Kalifornien kommt nicht zur Ruhe. Nach wie vor brennt es an Dutzenden Orten, zum Teil sind es gewaltige Feuer, die noch wochenlang ausbrennen werden. Die Feuerwehreinsatzkräfte machen nur geringe Fortschritte. Auch in Oregon und Washington State brennt es und die Feuersaison im Westen der USA hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die Luft in Oakland war heute „gesundheitsgefährdend“.

Täglich werden Dutzende von Pressekonferenzen der verschiedenen Feuerwehrleitstellen im ganzen Bundesstaat übertragen. 2018 war das bislang verheerendste Feuerjahr in der aufgezeichnten Geschichte von Kalifornien. Vor zwei Jahren verbrannte im Golden State eine Fläche rund dreimal so groß wie Luxemburg. Doch diese Marke wurde in diesem Jahr bereits am „Labor Day“, dem ersten Montag im September deutlich überschritten. Schon viermal brannte hier 2020 die Grundfläche von Luxemburg ab. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom spricht denn auch von einer historischen Marke: “Historisch ist ein Begriff, den wir hier in Kalifornien anscheinend sehr oft benutzen, aber diese Zahlen bestätigen genau das, es ist historisch, das ist die größte Feuer Saison bezüglich der betroffenen Fläche, die je registriert wurde.”

Die Statistiken zeigen auch auf, dass die Brandgefahr in Kalifornien immer weiter steigt. Die Top Five der gewaltigsten Feuerjahre seit Anfang des 20. Jahrhunderts liegen in den letzten 13 Jahren: 2007, 2008, 2017, 2018 und nun 2020. An 29 Stellen in Bundesstaat brennt es noch immer. Mehr als 20 Tausend Feuerwehrleute sind im Einsatz. Was ihnen derzeit hilft, ist das Wetter, es wird kühler, die starken Winde lassen etwas nach, gerade im Küstenbereich zieht Nebel auf. Doch genau das ist das Problem in Ballungsräumen wie der San Francisco Bay Area, die bekannt für ihre Nebeldecke gerade im Sommer ist. Die Bilder gingen am Mittwoch um die Welt: Der Tag an dem die Sonne nicht aufging. Dicker Rauch von den umliegenden Feuern und sogar von Waldbränden aus Oregon sammelte sich unter der Nebeldecke und konnte nicht abziehen. Ein orangenes Dauerdämmerlicht war den ganzen Tag zu sehen, als ob man sich auf dem Mars aufhält. Die Autos waren mit einer Ascheschicht bedeckt. Experten warnten vor der schlechten Luftqualität und riefen dazu auf, sich möglichst nicht draußen aufzuhalten. Fast jeder, den man sprach, beschrieb die Situation als “apokalyptisch”, “verrückt”, “surreal”, wie in einem schlechten Traum, aus dem man nicht aufwacht.

Auch am Donnerstag wurde es nicht besser. Einige der Brände, gerade die in der näheren Umgebung der San Francisco Bay wurden fast vollständig unter Kontrolle gebracht, doch dafür sank die Luftqualität weiter. Als “gesundheitlich gefährdend” wurde sie eingestuft, wer länger draußen sein mußte, merkte schnell ein Kratzen im Hals, brennende Augen, Probleme beim tiefen Einatmen.

Ein Ende der Feuergefahr ist noch lange nicht in Sicht, denn die eigentliche “Fire Season”, die Feuersaison in Kalifornien steht im Frühherbst noch bevor. Dann ziehen vom Landesinneren die „Santa Ana Winds“, starke, sich ständig drehende und warme Winde über den Bundesstaat, schon der kleinste Funke kann dann zu einer Katastrophe führen…einer weiteren im Golden State. Unterdessen breiten sich riesige Waldbrände in Oregon und Washington aus. Im nördlichen Nachbarstaat von Kalifornien mussten 500.000 evakuiert werden. Oregon hat nur 4,2 Millionen Einwohner.

Die Bilder sprechen für sich

Donald Trump gegen Joe Biden, die Unterschiede könnten nicht größer sein. Das zeigte sich auch am Montag. Joe Biden ging in eine Kirche, setzte sich hin und hörte einfach mal zu, was die afro-amerikanische Gemeinde ihm zu sagen hat. Biden machte sich Notizen. Er wurde für seine frühere Unterstützung von Gesetzen kritisiert, die vor allem zu höheren Gefängnisstrafen von Schwarzen in den USA führten. Doch der Vize unter Obama war offen für das, was er da hörte. Am Ende dann ein Gemeinschaftsfoto. Alle standen, nur Joe Biden „took a knee“, eine mehr als symbolische Geste in diesen Zeiten:

Foto: Reuters.

Anders dagegen Donald Trump. Die Bürgermeisterin von Washington DC hatte eine Ausgangssperre für 19 Uhr verkündet. Doch Trump trat um halb sieben vor die Presse und erklärte, dass er nun das Militär mobilisiere, um wieder Ruhe ins Land zu bringen. Während er das verkündete, zündeten Polizeieinheiten auf sein Geheiß hin, Gas- und Rauchbomben gegen Demonstranten im Lafayette Park, gleich gegenüber vom Weißen Haus gelegen. Der Park wurde von Demonstranten mit Nachdruck und ohne Vernuft geräumt.

Trump ließ keine Fragen zu, erklärte vielmehr, dass er nun zu einem wichtigen Ort gehe. Damit machte er sich auf den Weg durch den Vorgarten des Weißen Hauses, beschützt von Secret Service Agenten, schwerbewaffneten Scharfschützen und weiteren Polizeieinheiten. Er ging hinüber zur St John’s Church, die in der Nacht zuvor beschädigt worden war. Die Kirchenleitung wußte nichts von dem Plan, sie waren zuvor selbst im Lafayette Park und wurden von der Polizei des Platzes verwiesen. Donald Trump ging nicht in die Kirche, schaute sich den Schaden nicht an, redete mit niemanden von der Gemeinde, er stellte sich nur davor, hielt eine Bibel hoch und ließ sich vom offiziellen Fotografen und Videografen in Szene setzen. Auf die Frage einer Journalistin, ob es seine Bibel sei, die er da hochhalte, antwortete Trump, es sei eine Bibel.

Foto: Reuters.

Der Aufschrei und das Entsetzen war danach groß. Die Kirchenleitung der Episcopal Church, der zuständige Bischof und auch andere Glaubensgemeinschaften erklärten, Trump habe die Kirche nur zur Selbstdarstellung genutzt, ihm ging es nicht darum, die Situation in den USA unter Kontrolle zu bekommen. Reverend Robert Fisher meinte, St. John’s sei ein Ort der Würde, ein Ort, an dem man atmen könne. Als Foto Hintergrund benutzt zu werden, nehme der Gemeinde das, für was sie in diesen Tagen steht. Doch solche Worte sind Trump egal, denn er hatte das erreicht, was er erreichen wollte. Seine evangelikale Basis sah den Spaziergang und das Hochhalten der Bibel als das, was Trump wollte. Ein Zeichen der Stärke, er als der von Gott Gesandte, der sich durchsetzt, der aufräumt, der für Recht und Gesetz steht. Das zeigt aber auch, dass Donald Trump nicht begriffen hat, um was es derzeit geht. Der Graben in der amerikanischen Gesellschaft wird nur noch tiefer.

Der amerikanische Umsturz

Am Tag seines „Impeachment“ Verfahrens geht Donald Trump in die Offensive und spaltet die Nation noch weiter. Über Twitter und am Abend in einer Wahlkampfveranstaltung in Michigan redet er von einem „Umsturzversuch“, von einem „Coup“. Trump mobilisiert mit dem Amtsenthebungsverfahren gegen sich seine Basis, die er dazu aufruft für ihn zu beten und hinter ihm zu stehen. Und seine MAGA-Soldaten reihen sich ein.

Die USA sind seit dem Clinton „Impeachment“ 1998 tief gespalten. Unter George W. Bush und anschliessend unter Barack Obama wurde der Graben noch tiefer, der politische Diskurs litt unter den Spannungen. Die Demokraten versuchten Anfang der 2000er Jahre Bush des Amtes zu entheben, die Republikaner in den Folgejahren Obama. Mit Donald Trump ist nun ein Mann in Amt und Würden, der diese Spaltung bewusst weiter vorantreibt. Das alles ist ein politisches Kalkül, wie die Bilder in seinen Tweets (s.u.) auch ausdrücken. Trump will so die Wiederwahl gewinnen. Und er ist auf dem besten Weg dazu.

Es geht nicht um ihn, glaubt Donald Trump. Amerika sei „under attack“.

Der Schulterschluss mit den Evangelikalen im Land. Trump kann sich auf die Unterstützung der Christlichen Rechte in den USA verlassen.

Donald, Du Opfer!

Es ist schon erstaunlich, wie Donald Trump es immer wieder schafft, sich als Opfer darzustellen. Jüngstes Beispiel ist der Brandbrief aus dem Weißen Haus an die Sprecherin im US Kongress, Nancy Pelosi. Darin greift Trump mit Briefkopf „White House“ Pelosi und ihre Demokraten an. Teils durchaus persönlich. Trump verdreht die Fakten, erklärt, nicht er habe seine Macht ausgenutzt, sondern die Demokraten täten genau das mit ihrem „Impeachment“ Verfahren. Sie untergrüben mit ihren Anstrengungen die amerikanische Demokratie, so Trump.

In der Trumpschen Welt hat Donald Trump immer Recht. Foto: AFP.

Dann sitze ich da, lese das und frage mich, welcher Film gerade abläuft. Trump der Täter wird zum Opfer, redet von Verschwörungen, vom „Deep State“, vom Versuch der Demokraten, den Wahlausgang von 2016 im Nachhinein zu verändern und die Wahl 2020 illegal zu beeinflussen. Er spricht von Rechtsbruch, von der Verdrehung der Tatsachen, denn er habe sich ja nichts zuschulden kommen lassen. Schuld sind immer die anderen, die einfach nicht erkennen wollen, dass er der „greatest and most successful“ Präsident in der amerikanischen Geschichte sei.

Manchmal frage ich mich schon, ob ich die Dinge falsch sehe, falsch bewerte und einschätze. Ich schaue mir regelmässig FoxNews und OneAmerica an, lese Breitbart und Drudgereport, höre Limbaugh, Hannity und Levin und kriege allein davon schon Rücken, weil ich ganz verkrampft dasitze und versuche, diesen Argumenten folgen zu können. Nein, ich sage nicht, ich habe Recht, ich kann nur nicht verstehen, wie Fakten, Protokolle, belegte Aussagen ins Gegenteil gedreht, anders ausgelegt und präsentiert werden. Das Problem ist sicherlich auch, dass alles was von Donald Trump kommt sofort von vielen Medienvertretern kritisiert wird. Das muss man durchaus auch sagen. Aber das ändert nichts daran, dass er nachweislich Tausende von Falschaussagen, Lügen, Halbwahrheiten verbreitet hat und keine (!) davon jemals zurückgenommen und sich dafür entschuldigt hat.

Donald Trump kennt nur sich und seine Welt, darin steht er immer auf der richtigen Seite. Kritik sieht er als persönlichen Angriff, faselt dann von den „Fake News“, von der Lügenpresse. Das ist gefährlich, denn eigentlich könnte Trump auf seinen Erfolgen problemlos zur Wiederwahl segeln. Die Wirtschaft boomt, er hat nach und nach fast alle seine Wahlversprechen eingelöst. Seine Basis steht nach wie vor geschlossen hinter ihm. Doch da ist eben auch jener Donald Trump, der ganz bewusst die Grundfesten der Demokratie – eine freie Presse, Gerichte, einen funktionierenden und unabhängigen Verwaltungsapparat – unterminiert hat, der in Washington und international einen Ton eingeführt hat, der an einen Schulhof Bully erinnert und nicht an einen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Trump hat das Land verändert, er war angetreten, um den parteipolitischen Sumpf in Washington auszutrocknen, doch am Ende hat er nur die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft massiv vorangetrieben.

Wann arbeitet er eigentlich?

Eigentlich sollte Donald Trump ja im Oval Office sitzen und für das amerikanische Volk arbeiten. Wenn man jedoch allmorgendlich auf den Twitter Feed des Präsidenten schaut, dann stellt sich die Frage, wann arbeitet er eigentlich. Trump tweetet bis die Fingerkuppen rot sind. Er schaut fern, kommentiert quasi live das Gehörte und Gesehene, verlinkt Ausschnitte der Fernsehsendungen und Kurznachrichten von ihm gewillten oder hörigen Politikern, Kommentatoren, Schreiberlingen. Wie er da noch anderes vom Schreibtisch bekommt ist fraglich.

In Washington beginnen heute die öffentlichen Anhörungen im Impeachment Verfahren gegen Donald Trump. Das Weiße Haus, zahlreiche Republikaner, die Trump Familie laufen zu Hochtouren auf, um das, was da passiert und gesagt wird zu relativieren, umzudeuten, zu verfälschen. Trump redet vom größten Skandal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, es sei ein politisches Attentat auf ihn und verweist ständig darauf „read the script“. Das habe ich gemacht, auch wenn es ersteinmal kein Skript ist sondern ein Memorandum. Aber darin wird ganz deutlich, dass Trump amerikanische Militärhilfe an die Ukraine nur dann auszahlen wollte, wenn die ukrainische Staatsführung Ermittlungen gegen den Demokraten Joe Biden und dessen Sohn beginnen. Die bisherigen Zeugenaussagen bestätigen genau das. Damit hat Trump gleich zwei Gesetze gebrochen, zum einen eine fremde Regierung um Wahlkampfhilfe gebeten, Biden ist der derzeitige Frontrunner der Demokraten um das Amt des Präsidenten. Und Trump hat eine fremde Regierung dazu angehalten, Ermittlungen gegen einen amerikanischen Staatsbürger zu beginnen. Skrupel scheint dieser Präsident nicht zu haben.

Doch Trump wäre nicht Trump, wenn er seinen Fehler einfach zugeben würde. Vielmehr dreht und verdreht er Tatsachen, lügt offen, schafft ganz neue Fakten in seiner alternativen Realität, die so im wahren Leben weder existieren, noch sich so zugetragen haben. Das geht sogar so weit, dass er Gespräche mit republikanischen Senatoren erfindet, die auf Nachfrage erklären, dass diese Konversationen nie stattgefunden haben. Dazu schmeißen er und seine Helfershelfer Rauchbomben, um vom eigentlichen Skandal abzulenken. Trump ist der geborene Wahlkämpfer und er nutzt nun diese Fähigkeit, um aus seiner fatalen Situation einen Gewinn zu schlagen. Es scheint, er kommt zumindest bei seinen Wählerinnen und Wählern damit durch, denn die würden ihm ja bekannterweise auch einen Mord auf der 5th Avenue in New York City vergeben.

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Was für eine Woche!

Kaum zurück, geht es schon wieder los. Nach Somaliland und Niger steht nun der Sudan auf meinem Reiseplan. Aus dem Jetlag komme ich kaum raus. Heute Nacht geht es von San Francisco über Chicago nach Addis Abeba und von dort weiter nach Khartum. Eine spannende Reise wartet, die so ganz anders sein wird, als die, die ich gerade hinter mir habe.

Und bei all dem steppt gerade der Bär hier in den USA. Ermittlungen im Vorfeld eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Präsident Donald Trump wurden eingeleitet, es sieht ganz danach aus, als ob sich Trump da selbst ein Loch gegraben hat, er doch angreifbar ist. Das politische Beben in Washington ist enorm, die Folgen noch nicht abzusehen. Kann dieser Skandal Trump zu Fall bringen oder bedeutet der „Impeachment“ Prozess vielleicht sogar die sichere Wiederwahl des Präsidenten? Alles ist möglich in diesem verrückten Land mit seinem durchaus fragwürdigen Wahlsystem.

Was ich nach wie vor nicht verstehe ist, wie die Republikaner noch immer wie eine Eins hinter diesem Mann stehen und die Fakten, die vorliegen, total verdrehen, so, als ob das, was Trump in dem Telefongespräch mit seinem ukrainischen Kollegen sagte, nicht zählt. Sie tun so, als ob eine Wahlabsprache mit einem ausländischen Regierungschef ein normaler Vorgang sei. Man fragt sich langsam, was passieren muss, was Trump noch tun muss, damit sie endlich aufwachen und erkennen, dass Donald Trump der Totengräber der amerikanischen Demokratie ist. Selbst die Aussagen, der „Whistleblower“ sei kein „Whistleblower“, vielmehr sei er ein Spion und Verräter und früher hätte man solche Leute ganz anders behandelt, lässt in der „Grand Old Party“ niemanden aufschrecken.

In den kommenden Wochen und Monaten kommt einiges auf uns zu. Der Wahlkampf wird nun mit diesen Ermittlungen gewürzt. Was bei diesem Skandal nun kaum noch beachtet wird ist, was die Trump-Administration sonst noch so veranstaltet. Der offene Krieg gegen den Umwelt- und Klimaschutz, alles unter dem wissenschaftsfeindlichen „America First“ Mantel verdeckt, hat weitreichende Konsequenzen nicht nur für dieses Land. Den Schaden, den dieser Präsident anrichtet und das auf dem weiten Feld der Politik, ist noch gar nicht überschaubar. Ob die Uhren da nochmal zumindest zurückgedreht werden können, muss man abwarten. Eines ist jedoch klar, vier weitere Trumpjahre werden für die USA kaum verdaubar sein.

Heute Abend geht mein Flieger Richtung Sudan. Eine ganz andere Welt und vor allem ganz andere Probleme warten dort auf mich. Ob ich da für ein paar Tage dem riesigen Trump-Schatten entkommen kann, ist fraglich, denn das, was er mit seiner Politik anrichtet, hat eben auch massive Auswirkungen auf den Alltag, auf das Leben in afrikanischen Ländern wie den Sudan.

„So great looking and smart, a true Stable Genius!“

Du hast die Haare schön, Mister President. Foto: Reuters.

„So großartig aussehend und klug, ein wahres, beständiges Genie!“. Wer schreibt sowas über sich selbst? Na klar, Donald Trump. Wenn das nun eine Satireseite wäre, dann würde man beim Anblick Donald Trumps lachen und sagen, der Mann hat Humor. Doch so ist es nicht. Diese Worte fielen in einer frühmorgendlichen Tweet-Serie des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, und das zwischen Tweets zur Wirtschaft, zur Irankrise, zum Wahlkampf und mal wieder zu den Mueller Ermittlungen.

Da wacht man früh auf und denkt sich nichts böses, macht seinen Kaffee, geht mit dem Hund um den Block, um dann so etwas zu lesen. Klar, Geschmack ist sehr persönlich und Gott sei Dank unterschiedlich, aber Donald Trump nun als „great looking“ zu umschreiben, das ist gewagt. Wenn das auch noch von ihm selbst kommt, dann erinnert an des Kaisers neue Kleider. Egal, welche Richtlinien man für Schönheit auch anlegen will. Und dann ist er ja auch noch „klug und ein wahres Genie“, wie sagt man hier so schön, „the man has balls“.

Ich muss nicht verstehen, warum Trump-Anhänger diesen Mann wählen. Politisch sind wir sicherlich auf einer ganz anderen Wellenlänge. Aber gerne würde ich mal erklärt bekommen, wie ein Trump Wähler oder eine Wählerin diese Art von Selbstbeweihräucherung, dieses eigene Schulterklopfen, dieses unsägliche und peinlich narzistische Gebahren sieht und einschätzt. Donald Trump ist ein Musterbeispiel eines selbstverliebten Egozentrikers. Und das ist die große Gefahr für Amerika. Denn was wird passieren, wenn dieser Mann 2020 die Wahl verliert und eigentlich seine Niederlage eingestehen müsste? Die Aussichten sind alles andere als gut.

„He got, what he wanted“

Donald Trump am 4. Juli. Foto: Reuters.

Er hat das bekommen, was er wollte. So kann man den Auftritt von Donald Trump am 4. Juli vor dem Lincoln Memorial umschreiben. Als ich ihn da stehen sah, dachte ich mir, die Bilder kann sein Publicity Department nicht nutzen, denn jemand hatte vergessen, die Panzerglasscheibe vor ihm abzutrocknen. Donald Trumps Image war für die Fernsehnation hinter einer Regenschicht etwas verschwommen.

Doch am Abend dann wurde ein Video auf Twitter veröffentlicht, das man durchaus in die Kategorie „Propaganda Video“ packen kann. Trump hat genau die Bilder bekommen, die er haben wollte. Er vor dem Lincoln Memorial, Tausende von Menschen, Kampfflugzeuge, Panzer, patriotische Lieder und viele Fahnen. Genau auf solche Images steht Trump, der sich selbst gerne als großen, wenn nicht sogar als den größten US Präsidenten aller Zeiten bezeichnet. Die zahlreichen historischen Ungenauigkeiten in seiner Rede wurden zwar im Nachhinein erwähnt, doch kaum kritisiert. Trump erwähnte am Freitag, der Teleprompter sei ausgefallen, deshalb habe er die Fehler gemacht. Damit ist das auch geklärt.

Bemerkenswert war sicherlich, dass Donald Trump beim eigentlichen Skript der Rede blieb und nicht zu einer großen politischen Abrechnung für seine Basis ausholte. Die war sicherlich erstaunt davon, denn man hatte mit was anderem gerechnet, ja, sogar darauf gehofft. Doch Trump brauchte das an diesem 4. Juli nicht. Ihm genügten die Bilder, die er haben, die er ins Land und um die Welt schicken wollte. Der Präsident vor den nationalen Symbolen, als „Commander in Chief“, als Erklärer der „Greatest Nation“ in der Geschichte der Menschheit. Sein „Salute to America“ war genau so, wie er das seit fast zwei Jahren haben wollte. Der eigentliche Skandal, sein Auftritt überhaupt, die Verschwendung von Steuergeldern für diesen PR-Stunt und für seine republikanischen Großspender, das war ihm wie immer egal. Nun kann man darauf warten, dass Trump schon bald einen erneuten Auftritt für das nächste Jahr ankündigt. Das würde zu ihm passen. Und es wären dann nur noch ein paar Monate vor dem Wahltag. Was wäre da besser als eine vielbeachtete Rede an einem geschichtlichen Ort zu halten?

Trumps Amerika

Der 4. Juli ist der Nationalfeiertag in den USA. An diesem Tag wird die Unabhängigkeit, die „Independence“ gefeiert. Von allen Amerikanern. BBQs und Picknicks, Paraden, Familie, Freunde und Feuerwerk. Dafür steht der 4. Juli. Doch das wird in diesem Jahr anders sein. Präsident Donald Trump sah, was die Franzosen in Paris an ihrem Nationalfeiertag auffahren und er wollte solch einen Auftritt, solch eine Militärparade auch in Washington realisieren.

Donald Trump politisiert immer mehr die nationalen Symbole. Foto: Reuters.

Angedacht für solch eine Waffenschau war der Tag der Veteranen im vergangenen Jahr, doch das fiel durch. Das Pentagon spielte nicht so richtig mit. Und dann sah Trump seine Chance gekommen. Am 4. Juli soll es nun soweit sein. Auf der Mall in Washington gibt es alljährlich ein großes Fest und ein abschließendes Feuerwerk. Überparteilich und ohne jeglichen Unterton. Trump jedoch will genau dort seinen Auftritt. Er will eine Rede halten und nicht nur das. Er hat nun durchgesetzt, dass Panzer auffahren, Kampf Jets und eine Air Force One über die Menschenmenge donnern. Aus dem Weißen Haus kommen unterschiedliche Signale. Einmal heißt es, die Rede von Donald Trump werde unpolitisch sein. Andere betonen, der Präsident werde auf die Erfolge seiner Administration hinweisen, damit wird die Sache politisch. Und wenn man sieht, wie sich Trump bislang bei Großveranstaltungen gegeben hat, dann kann man damit rechnen, dass dieser 4. Juli kein Tag der Amerikaner, sondern ein Tag der Trumpianer werden wird.

Organisieren muss das Spektakel der „National Park Service“, der für die Mall und das Lincoln Memorial zuständig ist. Doch nicht nur das, dem Park Service werden auch große Teile der Kosten aufgebrummt, mehr als 2,5 Millionen Dollar müssen dafür aus der Kasse kommen, die eigentlich für den Erhalt kleinerer Nationalparks in den USA bestimmt ist. Dazu kommt, dass Trump und das Weiße Haus eine VIP Gästetribüne direkt am Lincoln Memorial aufbauen lässt und die Tickets dafür an Republikaner, Großspender und enge Vertraute weitergibt. Damit wird der Steuerzahler einen quasi Wahlkampfauftritt von Donald Trump finanzieren müssen.

Dieser Präsident kennt keine Grenzen. Er macht, was ihm einfällt, gefällt, in den Sinn kommt. Seine Anhänger feiern das also Anti-Establishment, als unberechenbar, als einfach Trump. Dabei wird übersehen, dass Trump gesellschaftliche und etablierte Normen mit den Füßen tritt. Es geht um ihn, nur um ihn, um die Trump-Show. Und die ist ausgerichtet auf seine 28 Prozent Wählerbasis. Den 4. Juli für sich zu instrumentalisieren und zu politisieren, zeigt ganz deutlich, dass Donald Trump keine Hemmschwelle (mehr) kennt. Es geht nicht um Amerika, es geht um seine Wiederwahl.