Weltuntergang verschoben

Wenn irgend jemand in der San Francisco Bay Area einen deutschen Sprecher sucht, dann ruft man erstmal beim Goethe-Institut an. Und da ich seit 1996 mit der deutschen Kultureinrichtung zusammen arbeite, wird immer mal wieder meine Telefonnummer weiter gegeben. Also habe ich über die Jahre schon bei Videoproduktionen, Dokumentationen, Firmenpräsentationen und sogar einem Independent Spielfilm (“I’m a sex addict”) stimmlich mitgearbeitet.

Eine der seltsamsten Anrufe kam im Jahr 2000 von “Family Radio”, einem christlichen Sender in Oakland, der sowohl Fernseh- wie auch Radioprogramme produziert – und das für ein weltweites Publikum. Sogar in Deutschland sind die Programme über Kurzwelle zu hören. “Family Radio” produziert die Shows in mehreren Sprachen, aufgrund der Nachfrage aus Germany, eben auch auf Deutsch…und da kam ich ins Bild. Für den Gründer und Lenker von “Family Radio”, Harold Camping, wurde ein deutscher Sprecher gesucht, der in einer Hörersendung die Antworten des Predigers einspricht.

Ich sah das damals mehr als unterhaltsame Erfahrungsbereicherung, doch schon kurz nach meinem ersten Einsatz trennten sich aufgrund philosophischer Differenzen unsere Wege.

Und nun lese ich, dass Harold Camping für Samstagabend von seinem Oakland Domizil aus den Weltuntergang ausgerufen hatte. Um 18 Uhr sollte Schluß sein. Der jüngste Tag und aus die Maus. Aber 18:01 Uhr kam und es überlebten bekannterweise mehr als nur ein paar auserwählte Christen den Samstagabend. Der 89jährige hatte sich mal wieder getäuscht. Schon für 1994 hatte er den Weltuntergang angekündigt, doch auch damals war nicht so viel geboten. Die Erde drehte sich weiter und weiter und weiter. Camping entschuldigte sich damals wie heute, es sei gar nicht so leicht, den jüngsten Tag aus den Texten der Bibel heraus zu lesen.

Ich bin mir nun nicht so sicher, ob ich in meinem Lebenslauf auch darauf hinweisen sollte, dass ich die deutsche Stimme des apokalyptischen Harold Camping war….hm, ich muß mal überlegen….

Komm ich heim ins Frankenland

Seit fast 15 Jahren pendele ich hin und her. Von der amerikanischen Westküste ins Frankenland. Da läppern sich viele Flugmeilen, schlechtes Airline Essen, genervte und nervige Stewardessen (Pardon Flugbegleiterinnen), eingeschlafene Beine, angestoßene Knie, übervolle Toiletten, verschwundene Koffer und und und aneinander.

Reisen war mal schön, damals 1987, mein erster USA Trip mit meinem Bruder. PanAm gab uns einfach ein Upgrade in die Business Class. Kein Ding. Und heute läuft man bettelnd einer großen deutschen Airline hinterher, damit die endlich mal die angesammelten Meilen für Freiflug oder Upgrade anerkennen. Doch „Blackout Days“ und keine Plätze frei trotz A380 lassen das Konto anwachsen und damit auch den Frust.

Aber so eine Reise nach Deutschland beschert einem auch immer wieder einen schönen Blick von außen auf uns Deutsche. Und vieles stimmt leider, was es da an Vorurteilen gibt. Ernst und sachlich, genervt und weinerlich, übergenau und erstmal abweisend, kühl und…alles in allem sehr unterhaltsam. Gerade die Heulerei klingt einem gleich ins Ohr. Wenn man Deutschen so zuhört meint man immer gleich, die Welt ist schon lange zwischen Flensburg und Garmisch untergegangen. Ein Geheule ist das. Das Wehklagen erinnert manchmal an so ein windiges Holzhäuschen, der Wind pfeift durchs Gebälk, es zieht, aber irgendwie fühlt man sich doch wohlig und angenehm…heimelig eben.  Das Genöle gehört einfach zu Deutschland, eigentlich sollte man die Nationalhymne fortan in so einer weinerlichen Stimme vortragen, das wäre dann passend. Alles ist ja sowieso woanders immer besser.

Zum Beispiel die ältere Frau aus Köln. Die saß schon da, als ich in Frankfurt Airport Richtung Nürnberg Hauptbahnhof einstieg. Nennen wir sie mal Frau Konopka. Frau Konopka unterhielt sich mit einer 38jährigen Lesbe im Rollstuhl aus Wuppertal. Nein, das habe ich jetzt nicht erfunden, die Frau hat das tatsächlich so gesagt. Also, die beiden unterhalten sich über dies und das, sehr laut, der gesamte Wagen wird unterhalten und muß notgedrungen zuhören, wobei Frau Konopka eigentlich nur Monologe führte. Vom Kaffee, vom Bahnreisen, von dem Dingens aus dem Kölner Vorort (“Ach, den kennen Sie auch?”), von ihrem Sohn und Neffen, also bei ihr merkte man, woher der Spruch „Gott und die Welt“ herkam.

Irgendwann war ich auf einmal auch Teil des Gesprächs. Fragen, woher, wohin, weshalb….Ach ja, in Amerika ist alles besser, dort heben sogar alte Frauen im Park den Müll auf. Hat sie gesehen, die Frau Konopka. Sowas müßte es auch bei uns geben. Viel sauberer ist es da in den USA. Mein Einwand, dass das ja nun so auch nicht sei, wischt sie lapidar mit einer Handbewegung vom kleinen DB-Tischchen. Ich hätte ja keine Ahnung. Sie sei ja 1990 für zwei Wochen in New Jersey gewesen und habe das selbst gesehen. Auch mein erneutes Nachhaken, dass ich bereits seit 1987 die USA bereise, seit15 Jahren dort lebe und mittlerweile so 40 Bundesstaaten besucht habe, läßt sie nicht gelten. Vielleicht „da“ in San Francisco sei das so, rüffelt sie mich, aber in New Jersey…ja, da könnten sich die Deutschen noch was von abschneiden.

Zwei Stunden neben Frau Konopka sind denn auch genug, gerade nach einem Transatlantikflug mit neun Stunden Zeitverschiebung, da dreht sich dann alles. Aber, ich gebe es auch zu, es ist unterhaltsam. Nürnberg Hauptbahnhof kommt näher. Die Wuppertalerin macht sich dann noch mal auf zur Behindertentoilette und kommt ewig nicht zurück. Als sie dann doch schließlich wieder angerollt kommt, meint sie, jemand hätte im Klo auf die Brille gepieselt. Sie hatte sich beschweren wollen, doch der Obersepp der Bundesbahnzugbegleiter war beschäftigt. Genau in dem Moment kam der Herr wichtige Oberbahnbegleiter dann doch. Der fragte etwas wichtig nach, ob die Frau noch auf die Toilette müsse, wenn ja, dann müsste sie am nächsten Bahnhof Nürnberg aussteigen, dort dem Bedürfnis nachgehen und auf den nächsten Zug warten (!). Hallooooo!!!! Haben die keine Lappen an Bord oder können die nicht mal die Zentrale anrufen, dass da kurz mal am nächsten Halt eine Bundesbahnausgebildete Reinemachspezialkraft die Toilette  säubert. Toller Service!….Bahn + Frau Konopka und die vielen genervten Blicke der Reisenden heißen mich in der alten Heimat willkommen. Ein guter Start! Mit Sicherheit  kann es nur besser werden!